Sechstagerennen
Eine photokina der Superlative ging am 25. September in Köln zu Ende: Im 50. Jahr ihres Bestehens zeigten 1663 Aussteller, davon allein 535 aus Deutschland, auf 200 000 Quadratmetern Produkte und Dienst-leistungen rund ums Bild - und zwar zunehmend ums digitale.
- Carsten Meyer
- Marc Kersten
Gut 162 000 Besucher zogen an sechs Tagen treppauf, treppab durch die 14 Ausstellungshallen: Die Kölner Messe besitzt zweifelsfrei die meisten verkehrt herum laufenden Rolltreppen und die langsamsten Fahrstühle Deutschlands. Bodypainting- und Akt-Workshops, stets umgeben von einer schwitzenden, schier unüberwindbaren Barriere aus eifrigen Hobbyfotografen, erschwerten das Fortkommen zusätzlich, vor allem am vergünstigten Jubiläums-Wochenende. Gut, wer hier eine Digitalkamera mit schwenkbarem Display dabei hatte, um wenigstens einen flüchtigen Eindruck vom Geschehen unter den Scheinwerfern und Blitzanlagen zu erhaschen.
Kaum ein größerer Hersteller, der nicht eine Digitalkamera oder wenigstens ein dafür geeignetes Zubehörteil präsentieren konnte. Beim Digital-Marktführer Olympus wurde das weiterhin im Programm verbleibende analoge Knipser-Sortiment glatt erschlagen von der Digital-Präsentation. Unterhaltungs-Gigant Sony präsentierte selbstverständlich ausschließlich digitale Kost, während Traditionshersteller wie Leica weiterhin den analogen Markt hochhalten. Kuriosum am Rande: Eine neu aufgelegte Replik der Ur-Leica aus dem Jahre 1923, 5000 Mark teuer und ganz in lackiertem Messing und Leder, fand mehr Resonanz als so manche Digitalkamera-Neuerscheinung.
Kein Wunder, möchte man meinen, ist doch der Wertverlust bei den schnell veraltenden Digitalkameras mindestens genauso groß wie beim heimischen PC. Wer etwas für die Ewigkeit Geschaffenes sucht, kommt an der analogen Spiegelreflex- oder Sucherkamera immer noch nicht vorbei. Und doch müht man sich inzwischen, vom Ex-und-Hopp-Image der Consumer-Plastikkameras wegzukommen. Canons klassisch konstruierte und auch voll manuell bedienbare digitale Sucherkamera G1 (siehe c't 19/2000, S. 48) oder die semiprofessionelle Olympus E-10 im stabilen Alu-Gehäuse sind dafür gute Beispiele.
Weltrekorde
Den auf 16,8 Millionen Bildpunkte geschraubten Pixel-Rekord bei One-Shot-Kameras teilten sich Kodak und Foveon. Dabei ist das KAF16801-CCD im Mittelformat-Rückenteil DCS Pro Back von Kodak mit einer Bildaufnahmefläche von 4 x 4 cm2 deutlich größer als der in CMOS-Technik realisierte Chip von Foveon, der seine 4096 x 4096 Pixel auf nur 20 x 20 mm2 unterbringt. Ein funktionsfähiger Kamera-Prototyp und SW-Großdrucke in beeindruckender Schärfe sollen die Konkurrenzfähigkeit des CMOS-Sensors, der in Zusammenarbeit mit National Semiconductor entwickelt wurde, demonstrieren. Foveon behauptet, die prinzipbedingten Mängel der CMOS-Technik vollständig im Griff zu haben - der gezeigte rauscharme und knackscharfe Großformatdruck dürfte dies beweisen. Kodaks professionelles Kamera-Back wird dagegen schon für Hasselblad- und Mamiya-Gehäuse angeboten, weitere Adaptionen sind in Arbeit. Foveon bietet zudem eine Kamera mit drei auf einem farbtrennenden Prisma montierten 2048 x 2048-Chips an, die Hasselblad nun leicht modifiziert als ‘DFinity’ übernommen hat.
In greifbarer Zukunft liegt bereits eine Kamera, die Pentax als Muster zeigte: Der kleinbildgroße CCD-Bildaufnehmer und die Auswerteelektronik stammen von Philips, der Rest einschließlich Gehäuse mit KAF2-Bajonett aus eigenem Hause. Zwei Kartenslots (PC-Card Typ II und CF-Card Typ II) stehen zur Verfügung, zur Bildbegutachtung dient ein 2-Zoll-Monitor. Typenbezeichnung, Liefertermin und Preis stehen noch nicht fest, vermutet wird aber eine fünfstellige Einstandssumme.
Bei Contax/Kyocera fanden wir - gut versteckt - ein (noch nicht funktionsfähiges) Design-Muster der ‘N Digital’, die auf der kürzlich vorgestellten analogen Contax-N-Spiegelreflex mit neuem ‘elektronischen’ Bajonett beruht. Nachdem als Bildsensor zunächst der Scitex-CMOS-Baustein ‘C-Most’ im Gespräch war, wird es dem Vernehmen nach nun doch das 6-Megapixel-CCD von Philips. Der Strom sparende Scitex-Sensor wird dagegen im ‘C-Most Back’ von Leaf (www.creoscitex.com/leaf) verbaut. Leaf betont die hohe ‘Schussrate’ von drei Bildern pro Sekunde bei voller 6,6-Megapixel-Auflösung und das Live-Vorschaubild, erreicht durch einen zusätzlichen elektronischen Verschluss. Die hierbei erzielte Bildrate von 10 fps ermöglicht ein interaktives Fokussieren direkt am Bildschirm. Der Dynamikumfang des CMOS-Chips ist mit elf Blendenstufen allerdings noch etwas geringer als der von hochwertigen CCDs, die zwölf und mehr Blendenstufen erreichen.
Webcam mal anders
Auch bei den Consumer-Kameras verzeichneten wir diverse Neuzugänge. Ricoh überraschte die Messebesucher mit einer großen Schwester der kürzlich vorgestellten 3,3-Megapixel-Kamera RDC-7: Die RDC-i700 besitzt nicht nur einen vergleichsweise riesigen 3,5-Zoll-Touchscreen, sondern auch eine integrierte Internet-Anbindung - neben der üblichen seriellen und USB-Schnittstelle. Eine Modem-, ISDN- oder Netzwerk-PC-Card genügt, um mit der Kamera aufgenommene Bilder per E-Mail oder ftp-Upload zu verschicken. Per Touchscreen und dem beigefügten Stift kann der Fotograf handschriftliche Notizen oder Texte anheften, natürlich auch mit dem eingebauten Mikrofon aufgenommenes Audio-Material. Die RDC-i700 besitzt je einen Steckplatz für PC-Cards (Typ II) und CompactFlash-Karten als Speichererweiterung für den internen Bildspeicher.
Wenn auf einem Modem-bestückten Computer eine anwählbare Server-Software installiert ist, kann man über die Modem-Verbindung Bilder auf diesen Computer überspielen (upload). Mit dem eingebauten Web-Browser lassen sich die übertragenen Bilder online kontrollieren, und man kann damit sogar richtig im Web surfen. Um mit Personen ohne Internet-Anschluss kommunizieren zu können, ist die RDC-i700 zusätzlich in der Lage, im ‘Textmodus’ aufgenommene Bilder (Schwarzweiß-Bitmap) per Fax zu übermitteln.
Der Sprung über die 4-Megapixel-Hürde ist derweil auch im ‘unteren’ Preissegment geschafft; mit der kürzlich vorgestellten Camedia E-10 (c't 18/2000, S. 40) untermauerte Olympus einmal mehr den Anspruch des Marktführers. Einen Spezialisten für die Action- und Sportfotografie hat man nun ebenfalls im Programm: Der Serienbildmodus der Digitalkamera E-100RS fertigt 15 Aufnahmen in voller 1,5-Megapixel-Auflösung pro Sekunde an, und das bei Verschlusszeiten bis herunter zu 1/10 000 Sekunde. Die Kamera besitzt ein optisch stabilisiertes 10-fach-Zoom mit einem Kleinbild-äquivalenten Brennweitenbereich von 38 bis 380 mm (!). Damit man den richtigen Auslösezeitpunkt nicht verpasst, bietet die Kamera einen Pre-Capture-Modus, der bei halb gedrücktem Auslöser ständig Bilder in eine Art Ringspeicher schreibt und dann die letzten vor dem eigentlichen Auslösen aufgenommenen Fotos zur Auswahl vorhält. Das für spezielle Einsatzzwecke sicher hochinteressante Gerät soll etwa 3500 DM kosten. Einen anderen Superlativ präsentierte Fuji: Die Finepix 4900 ist die erste Digitalkamera der 3-Megapixel-Klasse mit optischem 6-fach-Zoom. Nikon kam mit der neuen Coolpix 880, die man als Kompaktmodell bei gleicher Auflösung unter der 990 positioniert.
Panasonic zeigte eine neue Kompakt-Digitalkamera mit den bei derlei Geräten noch unüblichen SD-Memory-Karten. Das SD-Modul (Secure Digital), ein äußerst kompaktes Pendant zu Sonys ‘Magic Gate Memory Stick’, zeichnet sich durch eine sehr hohe Übertragungsrate und einen eingebauten Kopierschutz aus; Kameras mit einem dafür geeigneten Slot nehmen zudem auch die bekannten MultiMediaCards auf. Die 3,3-Megapixel-Kamera PV-DC30000 nutzt allerdings nur die Geschwindigkeit, nicht den Dateischutz der neuen Karten; schade, hätten doch bestimmte Kunden wie Behörden, Gutachter und Anwälte sicher Interesse an unverfälschbaren Digitaldaten mit der ‘Echtheit’ eines Negativs.
Auch Panasonic wartete mit einem Rekord auf: Der NV-MX300 ist der kleinste und leichteste 3-CCD-Camcorder der Welt. Das Gerät verfügt über je ein 1/4-Zoll-CCD mit 570 000 Pixeln pro Grundfarbe; damit liegt es noch vor Sonys neuem Megapixel-Camcorder PC-110. Panasonics DV-Neuheit ‘sieht’ durch ein hochwertiges Leica-Dicomar-Objektiv mit optischem Bildstabilisator, im Foto-Modus erreicht es durch geschickte Pixel-Verschachtelung sogar 1,8 Megapixel Auflösung. Die NV-MX300 speichert Standbilder ebenfalls auf SD- oder MultiMedia-Cards.
Der mit seinen Abmessungen von 48 x 106 x 86 mm3 äußerst kompakte und sehr ergonomisch gestaltete Camcorder MV-3i MC von Canon bietet einen ‘Progressive CCD’ mit 800 000 Pixeln, Bildstabilisator, 10-fach-Zoom und ein schwenkbares 2,5-Zoll-Display. Standbilder speichert das Gerät auf einer winzigen MultiMediaCard; die Fotos lassen sich später in Filmsequenzen integrieren. Das mit FireWire-Eingang zur Aufnahme von externen Quellen ausgerüstete Gerät kostet 3799 Mark, eine abgespeckte Version ohne DV-in und Kartenslot 600 Mark weniger.
Wege zum Foto
Digitale Belichtungs- und Fotofinishing-Dienste versprechen dem traditionellen Handel auch in Zukunft die Hauptrolle in Umsatz und Kundenbetreuung. So hat Fuji in den letzten Jahren in Deutschland 1500 ‘Frontier’-Minilabs installieren können, die dank volldigitaler Technik nicht nur Negative und Dias akzeptieren, sondern auch Bilder in allen erdenklichen Formaten vom digitalen Datenträger. Kunden können somit direkt vom Fotogeschäft echte Fotos von ihren Bilddaten erhalten, und das wie gehabt auf Wunsch in kürzester Zeit - eine Leistung von 1800 Bildern pro Stunde beim neuesten Modell 390 macht dies auch in größerem Umfang möglich. Ordern kann man echte Abzüge vom digitalen Bild zentral auf der Website www.FujiColor-Ordernet.de, ähnliche Angebote existieren unter anderem auch von Pixelnet (www.pixelnet.de) und Agfa (www.agfanet.com/de). Kodak hat seinen Internet-Printservice gründlich überarbeitet, er findet sich nun unter dem Slogan ‘Print@Kodak’ auf www.kodak.de. Insbesondere das lästige Bestellen virtueller ‘Filmrollen’ entfällt nun. Selbst Sony will in den digitalen Bildermarkt einsteigen: Die Zusammenarbeit mit Colorplaza (www.colormailer.com) sei bereits beschlossene Sache.
Salamander-Alben
Angesichts der vielen neuen Digitalkameras stellt sich natürlich eine Frage: Wohin mit den vielen Bildern? Ein Trend auf der Photokina - wenn es denn überhaupt einen Softwaretrend gab - hieß Bildarchivierung. Highend-Branchenlösungen wie Apis, DiAS und ImageFinder umwarben das Fachpublikum, aber auch Consumer-Produkte waren zu sehen. Die kanadische Firma ACD Systems stellte die neue Version 3.1 ihres beliebten Bildbetrachters ACDSee vor (siehe c't 20/2000, S. 178) und am Stand der norwegischen Firma Fotoware war bereits die Version 4.5 von FotoStation Pro zu sehen, das jetzt Quicktime-kompatibel ist und dadurch erheblich mehr Dateiformate unterstützt. Aus der Schweiz kommt Fotaris, eine mit FileMaker erstellte Bilddatenbank, die weniger durch professionelle Features als durch ihre eigenwillige Benutzungsoberfläche auffällt. Und mit dem ImageArchivist der Berliner Bildagentur ‘Voller Ernst’ erblickte auch ein deutsches Produkt das Licht der Welt.
Ansonsten nahm Software auf der Photokina relativ wenig Raum ein. Hier ein Farbmanagementsystem, da mal ein Software-RIP, selbst Adobe hatte keine Überraschungen zu bieten. Photoshop 6.0 feierte zwar seine offizielle Deutschland-Premiere, zu sehen war aber nur eine englische Beta-Version; in Deutschland wird das Programm wohl erst im November verfügbar sein.
Interessant waren auch die Dinge, die sich mehr im Hintergrund abspielten. So arbeitet man fieberhaft am neuen JPEG2000-Standard, der Anfang nächsten Jahres fertig gestellt sein soll und dann wohl schnell in Digitalkameras Einzug halten wird. Im Gegensatz zum bisherigen JPEG-Format, das bei hohen Kompressionsraten zu hässlichen Artefakten führt, soll JPEG2000 das Wavelet-Verfahren nutzen und dadurch eine deutlich bessere Qualität bieten. Wesentlich beteiligt an der Entwicklung ist die Firma LuraTech, die mit ihrem LuraWave-Format (siehe c't 14/2000, S. 52) bereits erfolgreich Wavelet-Technologie einsetzt und auf der photokina einige neue Kooperationspartner gewinnen konnte.
Auch im Videobereich hielt sich die Begeisterung in Grenzen: Alle warten auf Premiere. Die neue Version 6.0 des Videoschnittprogramms von Adobe ist schon lange überfällig. Auf die Frage nach dem Erscheinungstermin reagierte ein Adobe-Mitarbeiter patzig: ‘Kaufen Sie sich doch einen Mac und arbeiten Sie mit Final Cut Pro.’ Von einigen (ungeduldigen) Videoschnittkartenherstellern war allerdings zu hören, dass Premiere 6.0 zur Jahreswende verfügbar sein soll, eine offizielle Bestätigung dafür gab es nicht.
Randprodukt Video
So konnten kleinere Firmen ihre Produkte ins Rampenlicht stellen. Die Aachener Firma MainConcept stellte ihr neues Compositing-Programm MainVision vor, von ProDad kam die zweite Version der Plug-in-Sammlung Adorage Magic, die mit über 1400 Partikel- und Lichteffekten wie zum Beispiel Rauch, Regen, Schnee und Explosionen aufwartet, und Digital Origin zeigte seine volldigitale Schnittlösung EditDV 2.0. Den Trend zur Videoausgabe fürs Internet hat nun auch Pinnacle erkannt; die Firma kündigte eine abgespeckte Version ihrer Studio-Software an, die für den Export von Streaming-Video-Formaten optimiert wurde. Ansonsten waren viele Produkte bereits zur IBC in Amsterdam vorgestellt worden, andere lassen noch bis zur CeBIT auf sich warten.
Ein echtes Highlight war in Halle 14 zu bestaunen: Hitachi zeigte erstmals in Deutschland ein Vorserienmodell ihres weltweit bisher einmaligen DVD-Camcorders. Das Gerät zeichnet direkt im MPEG2-Format auf und nutzt dafür eine - im Gegensatz zu Bandtechniken - weitgehend verschleißfreie Mini-DVD-RAM. Auch die sonstigen technischen Daten beeindrucken: echte 500 Linien zur Videoaufzeichnung, Fotomodus mit einem Megapixel, 3,5"-Display mit 200 000 Pixeln Auflösung, bis zu 120 Minuten Aufzeichnungsdauer pro Medium, integrierter Blitz sowie USB-, Video-in- und -out-Schnittstellen. In Deutschland wird der DZ-MV100E frühestens im Januar verfügbar sein. Ein genauer Preis steht noch nicht fest, unter 4000 Mark wird das Gerät aber kaum zu haben sein. (cm) (cm)