Noch Luft im Ballon

Ganz geplatzt ist sie noch nicht - die Telekommunikations- und Hightech-Blase an den Aktienmärkten stellt sich eher als leckgeschlagenes Luftschiff mit vielen separaten Kammern dar. Das Ende des Dotcom-Hypes wurde im Jahr 2000 von einem lauten ‘Kawumm’ begleitet, doch auch jetzt entleeren sich noch immer lautstark die übrig gebliebenen Luftkammern. Schlechte Zahlen bei Oracle, AMD und Co. ersticken jede Hoffnung auf schnelle Besserung.

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Von
  • Torge Löding
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US-Analysten erwarten für die kommenden Wochen weitere Verluste, da die Unternehmensprognosen in den USA für weitere Negativüberraschungen sorgen dürften. Steven Milunovich von Merrill Lynch sieht für den Technologiesektor auch mittelfristig wenig Hoffnung: ‘Für eine Erholung gibt es keine fundamentalen Auslöser in der nächsten Zeit, sodass wir allenfalls auf eine Rallye im vierten Quartal hoffen können.’ Die Unternehmen würden ihre Investitionen so lange aufschieben, bis sie sich einer Konjunkturerholung sicher seien.

‘Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar, aber der Tunnel ist länger, als wir erwartet haben’, ist eine Durchhalteparole, mit der Unternehmensvertreter ihren Aktionären in den vergangenen Wochen gut zuzureden versuchten. Vergebens. ‘Selbst gute Nachrichten werden ignoriert, weil die Aussicht auf Gewinn- und Umsatzwachstum im zweiten Halbjahr verschwunden ist’, so Barry Hyman, Analyst bei Ehrenkrantz King Nussbaum. ‘Es ist eine schlechte Zeit zum Investieren’. Nach dem Intel-Schock vor wenigen Wochen waren es nun vor allem die düsteren Prognosen beim US-Datenbankspezialisten Oracle und die Umsatzwarnung beim Chiphersteller AMD, welche jede Hoffnung auf frühsommerliche Frische an den Finanzmärkten vorzeitig beendete.

Bei Oracle sei es die ‘anhaltende Nachfrageschwäche’, die im laufenden Quartal zu einem erneuten Gewinnrückgang und weniger Softwareeinnahmen führe, so Konzernchef Larry Ellison. Bis Ende August werde der Umsatz wohl um ein Viertel fallen. Wenigstens meint sein Finanzchef Jeff Henley Licht zu sehen: Nach der Präsentation der miesen Quartalszahlen sprach er von einem ‘bescheidenen Wachstum’, das der Konzern im Gesamtgeschäftsjahr 2002/2003 erreichen werde. ‘Die Rezession in der Technologiebranche ist allerdings die schlimmste, die ich in über 20 Jahren gesehen habe.’ Bei den Technologieausgaben erwartet er in den nächsten sechs Monaten keine Besserung. Einen lachenden Dritten gibt es unter den Herstellern von Unternehmenssoftware nicht - die IT-Investitionen sind den kalifornischen Oracle-Konkurrenten Siebel Systems und Peoplesoft zufolge so niedrig wie im vergangenen Jahr. Auf einer Konferenz erklärte Siebel-Finanzchef Ken Goldman, das laufende Quartal sei noch schwieriger als die ersten drei Monate 2001, und jenes Quartal hatte er zuvor als ‘eines der schlechtesten Quartale für die Branche überhaupt’ bezeichnet. Einzig der deutsche Mitbewerber SAP hält sich wacker. Analysten glauben jedoch, dass auch der Walldorfer Konzern von der Flaute nicht verschont bleiben wird. ‘Die Prognose von Oracle hat unsere Sicht bestätigt, dass das Softwareumfeld weiterhin bedrückend schlecht ist’, heißt es in einer Studie der Investmentbank UBS Warburg.

Nach der Umsatzwarnung beim Chiphersteller Intel und der Schließung des Bereiches Intel Online Services (IOS) strich Hauptkonkurrent AMD seine Umsatzprognose um mehr als ein Fünftel zusammen. Der Umsatz werde nun nicht 820 bis 900 Millionen US-Dollar, sondern nur noch 620 bis 700 Millionen betragen. Das Geschäft werde operativ deutlich in den roten Zahlen landen. Wie Intel machte auch AMD das schwache Geschäft in Nordamerika und Europa verantwortlich. Dennoch gerieten die Manager von AMD wie Intel in die Kritik von Marktbeobachtern - sie hätten den Umsatzschwund voraussehen können, so der Vorwurf. ‘Sie wissen seit Monaten, dass angesichts des gesättigten Marktes der PC-Absatz schwierig ist. Um diese Schwäche auszugleichen haben Intel und AMD ihre Produkte stärker als sonst indirekt über den Großhandel verkauft. So wollten sie auch an die kleineren Kunden herankommen’, sagte Brian Gammage vom Marktforschungsinstitut Gartner. Das Problem dabei: Die Zwischenhändler für die kleineren Hersteller haben zu viele Chips bestellt und sie ins Lager gelegt. ‘Diese Halbleiter drängen jetzt auf den Markt und machen die Preise kaputt’, so Gammage.

Hart getroffen hat es auch den Hersteller für Netzwerkzubehör Ciena. Weil die großen Telekommunikationsunternehmen ihre Budgets angesichts der Flaute zusammengestrichen haben, rechnet Ciena - da geht es dem Unternehmen nicht besser als der Konkurrenz - mit einem Quartalsergebnis, das schlechter als das vorige ausfallen dürfte. Die Gewinnerwartung für das laufende dritte Quartal gesenkt hat auch Apple. CEO Steve Jobs kündigte an, dass der Umsatz mit nur noch 1,4 bis 1,45 Milliarden Dollar bis zu 200 Millionen Dollar unter den Erwartungen von 1,6 Milliarden liegen werde. Der Grund: Sowohl Privatkunden als auch Verlagsunternehmen und Werbeagenturen investieren weniger in die Computerausrüstung als erwartet.

Die langanhaltende Schwäche der US-amerikanischen Aktienmärkte belegte Merrill Lynch in einer Studie: Fondsmanager aus aller Welt haben zurzeit so wenig Geld in US-Aktien investiert wie zuletzt im Februar 2000. Ursache dafür ist die Sorge um ein schwächeres Wirtschaftswachstum. Überhaupt scheint den Investoren der Elan, sich am eigenen Schopf aus der Misere zu ziehen, abhanden gekommen zu sein: Eine Umfrage an der New Yorker Börse hatte kürzlich ergeben, dass es der Mehrzahl der Anleger völlig egal wäre, die ersten 20 Prozent einer ‘Rallye’ zu verpassen. Damit wäre jeder kurz- und mittelfristige Aufwärtstrend im Keim erstickt und der Tunnel, an dessen Ende Licht zu schimmern scheint, wieder einmal um ein paar Kilometer verlängert. (tol) (ole)