Gut gereift

Handhelds wachsen mittlerweile über ihre ursprüngliche Bestimmung der Adress- und Terminverwaltung weit hinaus. Die Neuerscheinungen der vergangenen Monate zeigen eine nie da gewesene Funktionsvielfalt. Selbst anspruchsvolle Anwendungen wie MP3 und Video sind für die Kleinen längst kein Fremdwort mehr.

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Von
  • Daniel Lüders

Am Anfang standen zaghafte Versuche, die Listen und Memos etwas bunter zu gestalten. Heute kann man sich Farbbildschirme, Audiochips und leistungsfähige Prozessoren aus PDAs nicht mehr wegdenken. In den Läden gehen die Kunden mittlerweile achtlos an den alten ‘Arbeitstieren’ mit ihren pixeligen Monochrom-Displays vorbei, um sich den bunten und lauten Multimedia-Handhelds zuzuwenden. Waren im letzten Jahr noch mehr als die Hälfte aller neu vorgestellten PDAs mit einem Monochrom-Display ausgestattet, muss man mittlerweile die farblosen Geräte schon mit der Lupe suchen.

Nach PIM kam Multimedia und jetzt sind Kleincomputer am Markt, die per WLAN, Bluetooth und GSM funken. Immer mehr Funktionen stopfen die Hersteller in ihre Geräte und mit der Funktionsvielfalt sind die Ansprüche der Käufer gestiegen.

Die PDAs können Bilder anzeigen und zum Teil sogar Videos abspielen, empfangen E-Mails sowie Webseiten. Tausende von Software-Applikationen aus unterschiedlichsten Sparten stehen bereit (eine kleine, aber feine Auswahl davon steht im nachfolgenden Artikel ab Seite 146). Wer den Handheld nur für PIM nutzt, ist selber schuld.

Obwohl die persönlichen Begleiter pfiffiger geworden sind, drückten die Hersteller das Preisniveau: War ein Farb-PDA im vorigen Jahr nicht unter 450 Euro zu haben, bekommt man heute einfache Color-Handhelds für deutlich unter 300 Euro. Besonders bei Pocket PCs merkt man den Preisrutsch, obwohl gerade dort die Spanne riesig ist: 380 bis 900 Euro gibt man für eine solche Multimedia-Maschine aus. Aber auch die vorher im Vergleich dazu billigeren Palm-OS-Rechner decken jetzt eine weit größere Preisspanne von 250 bis 650 Euro ab. Dies liegt vor allem an Sonys Clié-PDAs, die erstmals multimediale Hardware mit Palm OS verknüpfen, dafür aber auch mehr Geld kosten.

Umgekehrt proportional zu den integrierten Hardware-Beigaben sinkt erfreulicherweise das Gewicht der PDAs. Mehrere Male kurz hintereinander brachen Handhelds unterschiedlicher Hersteller den Rekord für den leichtesten Farb-Handheld. Konnte bisher der Palm m515 als Leichtgewicht von 143 g überzeugen, hat jetzt der Pocket PCs Asus MyPal mit 135 g die Nase vorn. Nur kleiner sind die Palm-Handhelds noch.

Tastatur-Geräte verschwanden weitestgehend vom Markt: Psion hat sich ganz aus dem Consumer-Geschäft zurückgezogen und nur noch ein Hersteller, nämlich HP, bringt in diesem Jahr mit seinem Jornada 728 einen scheinbar neuen Tastatur-PDA auf den Markt. Dieser läuft aber wie der Vorgänger unter dem Microsoft-Betriebssystem Handheld PC 2000, das die Redmonder Software-Firma derzeit nicht weiter entwickelt. Wegen ihrer klobigen Ausmaße, ihrem hohen Gewicht und ihres saftigen Preises konnten solche Geräte den Markt nicht erobern: Text-Profis entscheiden sich meist für die flexibleren Mini-Notebooks, während PIM-Anwender zum leichten und billigeren Display-PDA greifen. Für die gelegentliche SMS-Nachricht reichen auch ein optionales PDA-Keyboard oder die integrierten Mini-Tasten eines Sharp Zaurus oder Handspring Treo.

Funktechniken wie WLAN und Bluetooth sind nur in wenigen Pocket PCs integriert - und dann zu einem kräftigen Aufpreis. Bezahlt man für einen Standard-Pocket-PC wie den Yakumo Alpha nur knapp 380 Euro, muss man für eine Blauzahn-Maschine wie den Pocket Loox schon fast das Doppelte hinlegen. Noch einmal fünzig Euro mehr bezahlt man für den Toshiba e740 mit drahtloser Netzwerktechnik (WLAN 802.11b). Da lohnt sich das Rechnen, denn es ist teilweise billiger, sich zu einem günstigen Pocket PC eine entsprechende Erweiterungskarte hinzuzukaufen.

Bluetooth belastet den Akku wenig, ist aber mit 1 MBit/s Durchsatzrate langsam und lohnt sich nur für Nutzer, die oft Daten mit einem oder mehreren Rechnern abgleichen wollen oder über ein Bluetooth-Handy unterwegs ins Internet gehen.

Wer schneller funken möchte, wird an WLAN mit seinen 11 MBit/s Durchsatz seine Freude haben, nicht aber am hohen Stromverbrauch, der die Laufzeit des PDA praktisch halbiert. Außerdem benötigt der Anwender Grundwissen über Netzwerke: Synchronisation steht hier weniger im Vordergrund, sondern eher die Einbindung in bestehende Netzwerke.

GSM, GPRS und Co. ist bei den herkömmlichen PDA-Systemen noch spärlich gesät. Außer den Handspring-Treo-Modellen mit Palm OS und dem XDA mit Pocket PC 2002 Phone Edition ist wenig zu finden. Mit solchen Smartphones macht das mobile Internet Spaß, aber es ist nicht jedermanns Sache, ein klobiges Gerät ans Ohr zu halten, wenn der Nebenmann mit einem schicken, kleinen Handy telefoniert.

Wer gerne Bilder auf seinem PDA anschaut und bearbeitet, der greift zu einem Handheld mit möglichst hochauflösendem Farbdisplay, wie es die Cliés von Sony mitbringen, die man schon ab 250 Euro bekommt. Auch die Pocket PCs sind von Haus aus dafür gut geeignet, entsprechende Bearbeitungssoftware wie bei Sonys PDAs legt aber kein Pocket-PC-Hersteller bei, sondern sie muss dazugekauft werden.

Längere Videos brauchen Speicherkarten ab 128 MByte und können höchstens auf Pocket PCs oder den Linux-PDAs von G.Mate (Yopy) oder Sharp (Zaurus) abgespielt werden. Für DivX reicht die Rechenleistung nicht aus, selbst bei den XSale-PDAs nicht. Man sollte vornehmlich die Formate MPEG1 oder RealMedia verwenden. Trotz großem Speicher ist das Filmvergnügen kurz, da der PDA-Akku schnell den Geist aufgibt. In einen video-fähigen Handheld, der auch den entsprechenden Sound abspielt, muss man mindestens 380 Euro investieren (Yakumo Alpha). Monochrom- oder DSTN-Displays in PDAs sind zu träge für Film-Genüsse.

Nicht nur alle Pocket PCs und die aktuellen Linux-PDAs spielen MP3-Songs ab, sondern mittlerweile auch einige Sony-Clié-Modelle wie der NR70V mit Palm OS - ein Novum, denn bislang hörte man aus Geräten mit diesem Betriebssystem nur Piepstöne. Doch erst auf eine Speicherkarte ab 64 MByte passen genug Dateien für stundenlangen Musikgenuss, man braucht also einen PDA mit Erweiterungs-Slot. Spieldauer und Qualität können es dann mit tragbaren MP3-Playern aufnehmen.

Im Testfeld haben wir alle Neuerscheinungen dieses Jahres versammelt. Neben PDAs mit Palm OS und Pocket PC sind das zwei Linux-Handhelds und ein preiswerter Exot von JTel. Einige ältere Geräte, die noch im Handel sind, haben wir in c't 20/2002 im Kasten ‘Der ganze Rest’ aufgelistet. Diese PDAs testeten wir bereits in c't 25/2001. (dal)