Braune Kassen im Rotlicht-Bezirk
Braune Kassen im Rotlicht-Bezirk
Jasmin fĂĽhlt sich einsam, der Cybersexclub will mich zum Mitglied machen, das Postcard Team hat eine GruĂźkarte fĂĽr mich - solche Botschaften finde ich jeden Morgen in meiner E-Mail. Und es wird immer mehr.
Ein GroĂźteil der deutschsprachigen Spam-Mails ist darauf angelegt, dem Adressaten ein 0190-Einwahlprogramm unterzujubeln. Und das ist kein Wunder. Denn unter den Augen unseres Gesetzgebers hat sich bei den so genannten Mehrwert-Diensten ein perfides Schneeballsystem namens "Partnerprogramm" etabliert. Jeden, der erfolgreich einen 0190-Dialer unter die Leute bringt, belohnen die Nummernabrechner ĂĽber den Umweg anderer "Partner" mit einem Anteil an der Beute. Das bedeutet maximalen Cash-Flow fĂĽr alle Beteiligten bei minimalem Risiko fĂĽr die Kleinkriminellen am Ende der Kette.
Die Betreiber selbst können natürlich gar nichts dafür, wenn ein "Partner" ihr Schmuddelsex-Einwahlprogramm als "gecrackten Porno-Dialer" ausgibt. Und sie sind unschuldig daran, wenn ein Filius den Familienhaushalt ruiniert, weil er für 1,86 Euro pro Minute die in der Spam-Mail versprochenen kostenlosen Raubkopien gesucht hat. Daran könnte vielleicht ein Abnehmer des Sub-Kumpels Schuld sein. Wer der Kumpel ist, dürfe man aber leider nicht mitteilen, "Datenschutz, Sie wissen schon".
Dass die Mitwirkenden unter Vorwänden gedeckt werden, gehört zum Geschäftsprinzip. Wo das nicht wirkt, scheitern Nachforschungen meist an ausländischen Deckadressen. Auf die zuständigen Strafverfolgungsbehörden können Geschädigte kaum rechnen, denn jeder Einzelfall ist viel zu geringfügig, um teure Ermittlungsarbeit auszulösen. Wer sich nur gegen Belästigung, Zeitverlust und die minimalen Download-Kosten infolge von Spam wehren will, braucht schon gar nicht auf Hilfe zu hoffen.
Unterdessen rollt der Rubel. E-Mail-Werbemüll verstopft Millionen von Postfächern. Und während immer wieder Adressaten sich ärgern und oder gar auf Dialer hereinfallen, beklagt die Internet-Erotik-Branche den Missbrauch des Systems. In der Tat, viele Firmen halten sich wohl an geltendes Recht und bieten ihre Dienste auf seriösem Weg an. Ein Aufstand der Anständigen ist aber weit und breit nicht in Sicht. Zurzeit verfahren alle Glieder der Partnerprogramm-Kette nach dem schlichten Motto: "Ist der Ruf erst ruiniert, verdient es sich ganz ungeniert."
Der Gesetzgeber könnte der 0190-Spam-Mafia Einhalt gebieten. Aber diese Chance hat er im Sommer erst einmal vertan, als er die entsprechende Kundenschutz-Verordnung verwässerte, bis sie auch den "Mehrwert"-Dienstleistern in den Kram passte. Welchen Interessen das Wirtschaftsministerium Vorschub leistete, indem es die Verbraucherbelange hintanstellte, können die Verantwortlichen nun nachlesen: Als wir im Zuge der Recherchen für die Titelgeschichte dieser Ausgabe (Seite 154) der Herkunft von deutschsprachigen Spam-Mails nachgingen, stießen wir verblüffend oft auf Verbindungen zur Neonazi-Szene. Es scheint so, als fließe ein erheblicher Teil des dadurch erzielten Profits in die Kassen brauner Seilschaften. Wenn schon nicht der Verbraucherschutz, dann sollte jedenfalls das den Verantwortlichen noch einmal zu denken geben.