Kraftprotz

Der mit Abstand umsatzstärkste Halbleiterhersteller sieht sich auf dem richtigen Weg, seine Marktmacht und seinen Profit noch weiter zu steigern. Für die kleineren Konkurrenten wird Intels Dominanz immer bedrohlicher.

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Auch wenn die Börse auf die jüngsten Quartalsergebnisse des Chipgiganten enttäuscht reagierte, steht Intel angesichts der Branchenkrise und vor allem im Vergleich zu den meisten andern Mitbewerbern sehr gut da. Über 6,5 Milliarden US-Dollar Quartalsumsatz und 686 Millionen Dollar Nettogewinn würde jeder Konkurrent vor Glück weinen.

Intel hat seine Hausaufgaben in Bezug auf kostengünstige Fertigung und Verwaltung offenbar gemacht und kontrolliert die Ausgaben mit harter Hand; so wurde der Personalstand seit Anfang 2001 etwa um 13 Prozent auf zurzeit 81 700 Mitarbeiter beschnitten.

Während viele andere Halbleiterfirmen notgedrungen sparen oder untereinander kooperieren, streckt der Marktführer seine Finger immer bedrohlicher in die Bereiche Kommunikation und mobile Applikationen aus. Zwar arbeitet nach wie vor nur der traditionelle Bereich ‘Intel Architecture’ profitabel, der für die x86- und Itanium-Prozessoren und Chipsätze verantwortlich zeichnet. Das hier verdiente Geld finanziert aber ein Heer von Entwicklern, zahlreiche Firmenkäufe und massive Investitionen in neueste Fertigungsverfahren und Fabriken. Allein in den letzten zwölf Monaten hat Intel zwei milliardenteure Werke für 300-mm-Wafer in Betrieb genommen, weitere sind im Bau.

Nach der 0,13-µm-Fertigungstechnik stehen im nächsten Jahr 90-nm-Strukturen auf dem Plan. Dabei geht es nicht nur darum, die Herstellungskosten durch mehr Bauteile pro Wafer zu senken. Neue Techniken wie Strained Silicon sollen die vergleichsweise billigen Siliziumhalbleiter für den Hochfrequenzbereich fit machen, etwa für die drahtlose Kommunikation. Außerdem sind Zusatzverfahren geplant, die Prozessorfunktionen, Flash-Speicher, SRAM und analoge Funktionen auf einem Mixed-Signal-Chip zusammenführen. Heute sind dazu noch getrennte Bausteine oder teure Multichip-Packages nötig.

Sehr bald steht Intel ein gigantisches und ungeheuer flexibles Fertigungspotenzial zur Eroberung der Zukunftssparten Mobilgeräte, drahtlose Kommunikation und Telekom-Infrastruktur zur Verfügung.

Doch damit nicht genug: Aus der x86-Welt und beim Itanium lernte Intel, dass passende Software wie Compiler und Entwicklungswerkzeuge ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg sind. Den PC-Bereich prägte die Firma außerdem mit zahlreichen Infrastrukturinitiativen, etwa beim PCI-Bus, den AGP-Grafikkarten, dem SDRAM-Speicher oder dem ATX-Standard.

Dieses Modell überträgt Intel auf andere Bereiche: Passend zu den XScale-Prozessoren für Handys und PDAs sind Flash-Speicherchips sowie Software für Entwickler erhältlich, die Personal Client Architecture, PCA, definiert die nötigen Hard- und Softwareschnittstellen und lockt Fremdfirmen an, ihre Produkte passend auszulegen. Das reicht bis hin zum Betriebssystem, das Treiber und Steuerfunktionen mitbringt.

Ab einer gewissen Marktbedeutung greift Intels Strategie der ‘digitalen Konvergenz durch Silizium’: So beherrschen zukünftige XScale-Chips die aus der x86-Welt bekannte MMX-Befehlssatzerweiterung. Umgekehrt soll der kommende WLAN-Chip Calexico, entwickelt für die 2003 erwarteten Banias-Notebooks, auch für Desktops zu haben sein und darin eventuell dank Intel-Software zum Access Point mutieren.

Hinter der ‘digitalen Konvergenz’ steckt mehr als Marketing-Blabla, was eine überraschende Zahl beweist: Intel ist zurzeit Marktführer bei den PC-Grafikchips. Durch die Vormachtstellung bei den x86-Prozessoren gilt das auch für die passenden Chipsätze, und in jedem i845G- und i845GE-Chipsatz steckt eben ein Grafikprozessor.

Auch im Serverbereich geht die Saat auf: Von den Stückzahlen her haben die x86-Leichtgewichte die etablierten 64-Bit-Dickschiffe längst überholt. Nächstes Jahr will man zehn Millionen Xeons verkaufen. Und damit steigt auch Intels Umsatz mit passenden Chipsätzen und Ethernet-Adaptern.

Das hemmungslose Branchenwachstum, das Platz für viele Anbieter schuf, ist vorbei. Der Chipgigant will seinen Profit durch aggressiveren Wettbewerb sichern. Wenn (wie zurzeit in den Industrieländern) weniger PCs verkauft werden, dann muss eben in einem größeren Teil davon ein Intel-Chip stecken - oder besser gleich mehrere. Auch die jüngsten Erfolgszahlen von ST Microelectronics oder Fujitsu-Siemens beweisen, dass sich der eigene Marktanteil steigern lässt, wenn man die Schwäche anderer geschickt nutzt.

Für Desktops, Notebooks, Server, Handys und PDAs hat der Marktführer schon ein umfangreiches Chipangebot, das sich zunehmend etabliert. Intel glaubt, den von AMDs schnellen Athlons verursachten Rückgang seines x86-Marktanteils überwunden zu haben; nach eigenen Angaben erreichte man soeben den höchsten Marktanteil seit vier Jahren.

Die Intel-Manager lassen keine Zweifel daran aufkommen, dass sie ihr Machtpotenzial konsequent zur Durchsetzung ihrer Expansionspläne nutzen werden. So wies Paul Otellini etwa darauf hin, dass man nicht nur Server mit dem Itanium 2 heute schon kaufen könne, sondern auch darauf laufende Betriebssysteme, Serversoftware und Datenbankprogramme. Während die Konkurrenten gerade erst vorläufige Leistungsdaten ihrer für das kommende Jahr geplanten 64-Bit-Prozessoren veröffentlichen, bringt Intel dann die dritte Itanium-Generation Madison heraus und verspricht 30 bis 50 Prozent mehr Leistung als beim Itanium 2.

Selbst wenn man Intel nur beste Absichten unterstellt, nämlich ein legitimes Streben nach Profit, so wirkt die Marktdominanz des Branchenprimus doch allmählich bedrohlich. Wer 30 Jahre Firmengeschichte und einige Milliarden in der Hinterhand hat, für alle wichtigen Marktsegmente fertige Lösungen liefert und Entwicklern auch noch die nötigen Designwerkzeuge in den Schoß legt, lässt kaum noch Raum für neue Ideen und kleinere Konkurrenten. (ciw) (ciw)