Schotten-PCs

SchnĂ€ppchen aus dem Supermarkt oder vom Elektronik-Discounter gibt es gemeinhin ‘ab 999 Euro’. Doch muss es tatsĂ€chlich ein so teurer GHz-Bolide sein? Wir stöbern die wirklich gĂŒnstigen PCs der 300-Euro-Klasse auf und zeigen ihre Möglichkeiten, Grenzen und Perspektiven.

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Von
  • Georg Schnurer
Inhaltsverzeichnis

In Zeiten leerer Kassen fragt sich so mancher, dem die Anschaffung eines neuen PC ins Haus steht, ob der Griff zum SupermarktschnĂ€ppchen fĂŒr bis zu 1300 Euro wirklich der richtige Weg ist. Ob so ein in der Regel gut ausgestatteter Rechner mit GHz-strotzendem Prozessor wirklich ein SchnĂ€ppchen ist, hĂ€ngt in der Praxis weniger davon ab, was der Hersteller alles ins GerĂ€t gepackt hat. Hier entscheidet vielmehr der geplante Einsatz darĂŒber, ob sich der Kauf gelohnt hat oder ob man unterm Strich nicht doch viel zu viel Geld fĂŒr Komponenten und Funktionen bezahlt hat, die man nicht wirklich nutzt.

Grob geschĂ€tzt, lassen sich etwa 90 Prozent der Dinge, die Otto-Normal-User auf seinem PC veranstaltet, mit einem weit spĂ€rlicher ausgestatteten System ohne störende Wartezeit erledigen. Typische BĂŒroarbeiten und der Surf-Ausflug ins Internet erfordern keinen Rechner mit zwei oder mehr GHz Taktfrequenz. Die CPU wartet hier ohnehin die meiste Zeit auf die Eingaben des Anwenders oder auf die Daten aus dem Internet. Selbst wer sich einen schnellen DSL-Anschluss gegönnt hat, surft in der Regel mit einem Zwei- oder gar Drei-GHz-Boliden nicht schneller und komfortabler als jemand, dem nur eine 600- oder 800-MHz-CPU zur VerfĂŒgung steht.

Der Leistungshunger moderner Prozessoren sorgt zudem dafĂŒr, dass der vornehmlich mit Warten beschĂ€ftigte PC viel Energie verbraucht und aufwendig und damit ĂŒblicherweise auch lautstark gekĂŒhlt werden muss.

Die Überdimensionierung gĂ€ngiger ‘SchnĂ€ppchen’ beschrĂ€nkt sich aber nicht auf den Prozessor. Auch in Sachen Grafik-Power bieten diese weit mehr, als von den meisten Anwendern verlangt wird. Wer nicht gerade zur Fraktion der Spieler gehört, wird eine mit Nvidias GeForce- oder ATIs Radeon-Chips bestĂŒckte Grafikkarte wohl nie komplett ausreizen - bezahlt hat er dieses ungenutzte Leistungspotenzial aber sehr wohl.

Ähnliches gilt auch fĂŒr die KapazitĂ€t der ĂŒblicherweise verbauten Festplatten. 80 oder gar 120 GByte - wer kann diesen Platz wirklich fĂŒllen? Der Briefeschreiber sicher nicht, und selbst der mit Digitalkamera ausgestattete Fotofreund wird ein Weilchen brauchen, 80 000 oder gar 120 000 SchnappschĂŒsse zusammenzubekommen. Selbst der enthusiastische Musiksammler durchstĂ¶ĂŸt mit seinem MP3-Archiv kaum die 40-GByte-Grenze. Erst wenn Filme ins Spiel kommen, ist eine so große Festplatte wirklich erforderlich.

Die Liste der fragwĂŒrdigen, weil oft ungenutzten Komponenten der ĂŒblichen SchnĂ€ppchen-PCs ließe sich beliebig verlĂ€ngern: Wer braucht schon einen Card-Reader, wenn er keine Digitalkamera besitzt? Was macht man mit einem FireWire-Port, wenn es im Haushalt keine digitale Videokamera gibt? Welche Komponenten schließen Sie an die USB-2.0-Ports an? Und mal ehrlich, haben Sie in Ihrem Arbeitszimmer wirklich ein 5.1-Sound-System und schauen Sie sich dort wirklich DVD-Spielfilme an? NatĂŒrlich wird der eine oder andere einen mehr oder weniger großen Teil der genannten Komponenten wirklich nutzen können. Doch die Mehrheit der SchnĂ€ppchenkĂ€ufer dĂŒrfte bei ehrlicher Betrachtung unterm Strich viel Geld fĂŒr ungenutzte Hard- und Software ausgegeben haben.

Ein bedarfsgerecht gekaufter PC schont zwar die Haushaltskasse, macht allerdings beim Wettbewerb mit dem Nachbarn nicht besonders viel her. Dennoch haben PCs der 300-Euro-Klasse Sexappeal: Wer ĂŒber die klassischen Anwendungen eines Rechners hinausblickt, erkennt schnell, dass sich hier ein ungeahntes Potenzial neuer Möglichkeiten auftut. Der moderate Preis und die gar nicht mal so geringe LeistungsfĂ€higkeit solcher Systeme machen es möglich, einen PC fĂŒr Dinge einzusetzen, die bislang deutlich unflexibleren Stand-alone-GerĂ€ten vorbehalten waren.

Der Anwendungskomfort im computerisierten Haushalt lÀsst sich auch dadurch steigern, dass es nun bezahlbar wird, mehrere kleine PCs in Haus oder Wohnung zu verteilen. Das vermeidet Streitereien, wenn der Filius mal wieder den gut ausgestatteten Hauptrechner blockiert, wÀhrend sich Papi mit der SteuererklÀrung herumÀrgert, das Töchterchen im Chat festhÀngt und Mama im Internet surft.

Auf den Folgeseiten haben wir einige Anwendungsszenarien zusammengetragen. Sie sollen einerseits dabei helfen, die 300-Euro-PCs möglichst gut auszunutzen, andererseits aber auch Anregungen fĂŒr weitere Einsatzmöglichkeiten liefern. Den Anfang macht ab Seite 86 ein Spar-PC als klassisches Arbeitspferd unter Windows. Hier geht es vor allem darum, die Möglichkeiten und Grenzen dieser GerĂ€teklasse auszuloten. Daneben geben wir aber auch Tipps, wie man die als recht ressourcenfressend verschrienen Microsoft-Betriebssysteme zurechtstutzt, damit diese den Kleinen nicht ĂŒberfordern.

Punkte im nachbarschaftlichen Wettstreit kann man sicher mit der auf Seite 88 beschriebenen Jukebox machen. Dieses pfiffige und komfortabel zu bedienende Projekt verwandelt einen preiswerten PC in ein Wiedergabe- und Verwaltungssystem fĂŒr Musik im MP3- und Ogg-Vorbis-Format, das auch noch ohne Monitor auskommt. Viele Extras bietet auch das Router-Projekt (Seite 90). Wer mit der Leistung kĂ€uflicher FertiggerĂ€te bislang nicht zufrieden war, findet hier möglicherweise eine genau auf die eigenen BedĂŒrfnisse anpassbare Lösung.

Zu guter Letzt prĂ€sentieren wir auch noch einen 300-Euro-PC als Steuerungssystem (Seite 93). Exemplarisch haben wir hier des Mannes liebstes Hobby, die Modelleisenbahn, gewĂ€hlt, die unser PC nun komfortabler und zudem auch noch preisgĂŒnstiger und bequemer steuert als kĂ€ufliche Steuerungen.

Wer sich nun auf die Suche nach einem 300-Euro-PC macht, wird weder im örtlichen Fachhandel noch bei den Discountern fĂŒndig. Einzig Vobis setzt in der Werbung auf knapper werdende Budgets und offeriert zusammen mit knapper werdender Miederware einen Rechner fĂŒr 499 Euro. Der gehört freilich nicht zur 300-Euro-Klasse, die nach unserer Definition bei einem Verkaufspreis von 399 Euro endet. Im Versandhandel entdeckten wir dagegen einen bunten Strauß von 14 Systemen. Die Mehrzahl dieser Rechner wird fĂŒr 380 bis 399 Euro angeboten, es gibt aber auch interessante PCs ab 275 Euro. Einen Überblick ĂŒber das aktuelle Angebot und die LeistungsfĂ€higkeit der 300-Euro-PCs gibt unser Vergleichstest auf Seite 94.

Wer mit den dort vorgestellten Rechnern nicht zufrieden ist, möchte sich möglicherweise selbst einen Spar-PC zusammenstellen. Soll dieser nicht nur preiswert, sondern auch klein und leise sein, so landet man derzeit zwangslĂ€ufig bei dem von VIA entwickelten ITX-Format. Intel und AMD, die Großen im CPU-GeschĂ€ft, haben hier bislang keine eigenen Initiativen gestartet. Angesichts des vor allem durch hohe Taktraten getriebenen Wettbewerbs scheinen kleine und sparsame Systeme wohl nicht ins Konzept zu passen - warten wir ab, ob diese Tatenlosigkeit ungestraft bleibt.

Welche verschiedenen ITX-Boards derzeit kĂ€uflich zu erwerben sind, was sie leisten und in welche GehĂ€use sie passen, beschreiben wir ab Seite 102. Wer hier genau auf die Details achtet, kann sich fĂŒr recht wenig Geld einen schnuckeligen kleinen Rechner zusammenstellen, der auch im Wohnzimmer eine gute Figur macht. (gs)

Weitere Artikel zum Thema 300-Euro-PCs finden Sie in der c't 3/2003:

Der Heim-PC S. 86
Die Jukebox S. 88
Der Komfort-Router S. 90
Der PC als Steuerung S. 93
Vergleichstest S. 94
Selbstbautipps S. 102

(gs)