Car-IT
Alljährlich im März präsentieren die führenden Automobilhersteller in Genf ihre ganz eigene Philosophie von der Zukunft des Personenkraftwagens. Bei der 73. Auflage des internationalen Auto-Salons drehte sich nicht nur vieles um aufgemotzte PS-Boliden und gewagte Design-Studien - auch die Fahrzeug-Vernetzung und das mobile Entertainment der Fahrzeuginsassen standen diesmal im Mittelpunkt.
- Peter-Michael Ziegler
Längst gehören zur moder-nen Fahrzeugelektronik nicht mehr nur Anti-Blockier-Systeme (ABS), dynamische Stabilitätskontrollen (ESP) oder Anti-Schlupf-Regelungen (ASR) - Navigation, Mobilfunk, Internet, Telematik-Dienste und Multimedia-Anwendungen haben mittlerweile ebenfalls ihren festen Platz im Technikkonzept der neuen Fahrzeuggenerationen eingenommen.
Während die Tendenz im Fahrzeugbau immer weiter weg von der Mechanik und hin zum Einsatz so genannter X-by-wire-Systeme (Break-by-wire, Shift-by-wire, Steer-by-wire) geht, also dem Austausch von Zahnstangen und Hydraulikflüssigkeiten durch Chips, Elektromotoren und Sensoren (Mechatronik), liegt der Schwerpunkt in der Cockpit-Entwicklung auf der Implementierung neuer multifunktionaler Mensch-Maschine-Schnittstellen. Infolge der fortschreitenden Vernetzung kann der betuchte Autofahrer von heute neben wichtigen Fahrzeuginformationen mittlerweile auch Navigationskarten, Entertainment-Features (Video, DVD, Audio), Telekommunikationsfunktionen und Internet-Dienstleistungen - ortsbezogene Dienste (Location Based Services) etwa oder proprietäre Portal-Angebote der Fahrzeughersteller - zentral über ein einziges LC-Display abrufen.
Die Bedienung der Multimedia- und Kommunikationskomponenten im Fahrzeug geschieht ebenfalls zunehmend über zentrale Steuereinheiten, die ergonomisch in die Mittelkonsole des Wagens oder in das Lenkrad eingepasst sind. Informationen aus dem Internet lassen sich so beispielsweise mit nur einem Fingerdruck direkt in das Autotelefon oder das Navigations-system des Wagens übertragen.
BMW etwa bietet den Kunden der 7er-Reihe mit dem ‘Parkinfo Dienst’ die Möglichkeit, schon während der Fahrt automatisch den nächstgelegenen freien Parkhausplatz zu finden: Gibt der Fahrer über das Zentral-Display einen Zielpunkt in einer von bislang 70 angeschlossenen deutschen Großstädten ein, übermittelt die Bordelektronik eine Parkplatz-Anfrage per Mobilfunk automatisch an das BMW-Online-Portal. Auf der Basis aktueller Datenbankbestände werden die vorhandenen Parkplatzkapazitäten im Zielgebiet ermittelt und die entsprechenden Informationen zum Fahrzeug transferiert. Das Navigationssystem im Auto übernimmt diese Daten und leitet den Fahrer schließlich auf Wunsch zur ausgewählten Parkeinrichtung.
Auto-Busse
Damit die von Sensoren, Steuereinheiten, Unterhaltungs-, Navigations- und Kommunikationsgeräten erzeugte Datenflut ausgetauscht, verarbeitet und zentral angezeigt werden kann, kommen im Fahrzeug ähnlich wie bei der Vernetzung von Desktop-Computern verschiedene Bussysteme und Gateways zum Einsatz. Mit einer effektiven Übertragungsgeschwindigkeit von maximal 500 kBit/s stellt der CAN-Bus (Controller Area Network) auf Twisted-Pair-Basis dabei das derzeit am häufigsten genutzte Auto-Bussystem dar.
In Fahrzeugen der Oberklasse wird zunehmend der für Multimedia-Anwendungen ausgelegte optische MOST-Bus (Media Oriented Systems Transport) verwendet. Hierzulande setzen unter anderem Audi (A8), Mercedes (E-Klasse), BMW (7er-Reihe) und Porsche (Cayenne, Boxter) den MOST-Bus ein, der bei einer Bandbreite von 24,8 MBit/s Echtzeit-Audio und -Videoübertragungen erlaubt und mit dem sich per Plug & Play bis zu 64 Knoten mit eigenem Powermanagement anschließen lassen.
Aber auch Techniken wie Power Line Communication (PLC), bislang eher bekannt als lokaler High-Speed-Internetzugang über das Stromkabel, sowie USB und FireWire werden mitunter für die Car-Vernetzung genutzt. Für die Verknüpfung der einzelnen Netze untereinander kommen derweil noch immer meist proprietäre Gateways zum Einsatz, die den Informationsaustausch über die unterschiedlichen Protokolle und Übertragungsmethoden der Einzelnetze hinweg ermöglichen.
Motorola hat unterdessen die Marktreife eines neuen Supergateway bekannt gegeben: Das hauseigene TCU-Gateway (Telematics Control Unit) soll künftig eine einheitliche Schnittstelle sowohl für MOST- und CAN-Busse als auch für Nahfunk- (Bluetooth, WLAN) und Netzwerkfunk-Techniken (GSM, CDMA, PDC, UMTS) darstellen und könnte somit einen neuen Standard bei der Car-IT-Vernetzung definieren.
Auto-Kino
Zulieferer wie Bosch, Blaupunkt oder Grundig konzentrieren sich derzeit insbesondere auf den Markt der Navigationssysteme und die steigende Nachfrage nach mobilen DVD-Video-Anlagen. Grundig beispielsweise stellte in Genf seine neuen ‘CarCine Infotainment Center 560/700’ vor, die ab dem Frühjahr für rund 900 bis 1300 Euro auf den Markt kommen sollen. Was äußerlich wie ein normaler Rucksack anmutet, enthält neben einem DVD-Player (DVD 150) zum Lesen von DVDs, CDs, CD-Rs, CD-RWs und MP3-CDs einen LCD-TFT-Monitor mit 15 Zentimeter oder 17,5 Zentimeter Diagonale sowie Anschlüsse für gängige Spielkonsolen.
Durch ein spezielles Gurtsystem wird das ‘CarCine’ auf der Rückseite des Auto-Vordersitzes und der Monitor an der Kopfstütze befestigt. Strom erhält der digitale Ruhigsteller für quängelnde Kids auf der Rückbank über den Zigarettenanzünder im Fahrzeug. Neben einem Anschluss an die Car-Audioanlage stehen separate (kabelgebundene) Kopfhörer bereit - die Nahfunk-Übertragungstechnik Bluetooth hat sich in diesem Bereich bislang noch nicht so richtig durchsetzen können.
Blaupunkt präsentierte in der Schweiz das neue Digitalradio ‘Woodstock DAB 53’, mit dem sich jetzt auch während der Fahrt DAB-Programme aufzeichnen und wieder abspielen lassen. Die Hildesheimer setzen dabei auf MMC-Cards, die zudem für das Abspielen von MP3-Files genutzt werden können. Das integrierte CD-Audio-Laufwerk versteht sich ebenfalls auf MP3. Für externe Navigationssysteme hält ‘Woodstock DAB 53’ einen eigenen TMC-Datenausgang bereit, über den Staumeldungen in Navigationsprogramme mit dynamischer Routenführung eingespeist werden können. Im Mai soll das Gerät für rund 580 Euro in den Läden kommen.
Navigationslösungen für das Auto sind für Blaupunkt-Sprecher Joachim Siedler auch weiterhin ein Markt mit hohem Wachstumspotenzial: ‘Die Messe zeigt, dass alle Automobilhersteller mittlerweile Navigationssysteme für ihre Fahrzeuge anbieten. Und das trotz Konjunkturschwäche für nahezu alle Reihen.’ Bei den Stückzahlen geht Siedler von einem Zuwachs von zehn Prozent für 2003 aus. Damit würden allein in Deutschland in diesem Jahr erstmals mehr als 900 000 neue Navigationsgeräte entweder im Rahmen der Erstausstattung oder im Zuge einer Nachrüstung in Fahrzeuge eingebaut. (pmz) (ha)