Kaffeesatz lesen
Sun will mit Java die Welt erobern - schon seit vielen Jahren. Erfolge verbucht die Betriebssystem-neutrale Sprache vor allem auf ganz kleinen Geräten und großen Servern. Klingeltöne und SIM-Karten könnten der Schlüssel zum Markt der digitalen Rechteverwaltung sein.
- Erich Bonnert
Bei Sun Microsystems gab es in den letzten zwölf Monaten wenig zu lachen. Die Kunden investieren schon seit geraumer Zeit nur ungern in Informationstechnik; entsprechend schlecht läuft das Hauptgeschäft mit großen Servern. Auf dem Entwicklertreffen JavaOne, das Mitte Juni in San Francisco stattfand, durfte Sun ein paar kleine Triumphe feiern. So konnte Software-Chef Jonathan Schwartz entscheidende Deals mit Dell und HP-Compaq verkünden: Die beiden PC-Lieferanten wollen ab Jahresende auf allen Neugeräten Suns Java Virtual Machine (JVM) vorinstallieren. Damit scheint die Existenz von Java auf dem Windows-Desktop vorerst gesichert; ab Januar 2004 wird Microsoft seine eigene Java-Implementierung aus Windows entfernen - das Resultat eines jahrelangen Streits zwischen Microsoft und Sun um die Kompatibilität der Redmonder JVM-Version mit dem Java-Standard.
Frisch gebrĂĽht
Die offizielle Release der Version 1.4.2 der Java 2 Standard Edition (J2SE) mit dem Codenamen Mantis soll noch im Juni online erhältlich sein. Graham Hamilton, der Produktverantwortliche für Desktop-Java, gestand ein, dass Sun hier etliche Hausaufgaben zu erledigen hatte: Über 2500 Fehler aus der Vorversion seien beseitigt worden. Der Just-in-time-Compiler unterstützt jetzt Intels Itanium-Chip unter Windows und Linux. Mit den optimierten Java-Bibliotheken sollen Applikationen schneller starten. Neue „Look and Feels“ versehen Java-Software dann mit Windows-XP oder Linux-GTK-Optik. Der neue Look namens „Synth“ passt sich mit austauschbaren Skins flexibel an die Vorlieben der Anwender an.
Mit Spannung erwartet die Entwicklergemeinde den nächsten großen Versionsprung, der mit J2SE 1.5 (Codename Tiger) Anfang 2004 ins Haus steht. Hier will Sun nicht nur die Bibliotheken erweitern, sondern auch die Sprache selbst auffrischen. Mit generischer Programmierung erhalten Java-Entwickler dann ein Pendant zu den Templates von C++ und können Datentypen als Parameter verwenden. So lässt sich etwa für Collection-Objekte schon im Voraus festlegen, welche Objekt-Typen sie enthalten sollen. Mit „Metadaten“ kann der Entwickler Klassen, Methoden und Feldern Anmerkungen in Form spezieller Tags hinzufügen, die etwa Code-Generatoren und IDEs nutzen können. Damit hofft man, den Wildwuchs von Zusatzinformationen in Interfaces oder XML-Dateien wie den Deployment Descriptors der Enterprise JavaBeans zu stoppen. Die nächste größere Revision nach Tiger soll im Jahr 2006 erscheinen und trägt den Namen Mustang. Bereits für den Herbst dieses Jahres hat Sun ein neues Entwicklungstool mit dem Titel Project Rave angekündigt, das Java-Programmierern die Arbeit im Stile von Microsofts Visual Studio erleichtern soll.
Während der einst propagierte Siegeszug von Java auf dem Desktop weiterhin ein Fernziel bleibt, ist die Programmiersprache bei der Entwicklung von Unternehmenssoftware bereits nicht mehr wegzudenken. Alle wichtigen Hersteller von Applikationsservern, Anwendungspaketen und Datenbanken, von BEA über IBM bis hin zu Oracle und SAP, setzen auf Java. Dass Suns eigene Produkte in diesem Markt eher abgeschlagen rangieren, legt aber immer wieder die Frage nahe, wie viel der Java-Erfinder eigentlich von der Verbreitung der Sprachumgebung profitiert. Sun hält sich zu diesem Thema bedeckt; Analysten schätzen Suns jährliche Lizenzeinnahmen auf lediglich ein Prozent des Jahresumsatzes.
Recht erfolgreich ist Java auf dem Handy-Markt. Praktisch alle Hersteller haben sich der kompakten objektorientierten Sprache verschrieben. Über 90 Millionen verkaufte Java-fähige Handys will die Beratungsgruppe Ovum gezählt haben. Selbst Handy-Riese Nokia, der mit Series 60 bereits über ein eigenes Handy-Betriebssystem verfügt, setzt auf MIDP 2.0, Suns aktuelle Java-Ausgabe für Handys. Das erste Handy-Java MIDP 1.0 beschränkte sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der unterschiedlichen Geräte und stellte Java-Applikationen nur wenig Funktionen zur Verfügung. Die Folge waren zahlreiche Hersteller-spezifische Erweiterungen, die die Plattform-Unabhängigkeit ad absurdum führten.
Mit der erweiterten Spezifikation MIDP 2.0, die viele Handy-Hersteller gemeinsam im Java Community Process entwickelt haben, lassen sich nun auch Spiele und Multimedia-Anwendungen geräteunabhängig entwickeln und verschlüsselte Internet-Verbindungen mit SSL (Secure Socket Layer) etwa für Online-Shops nutzen.
Motorola zeigte bereits die ersten drei Telefone mit MIDP-2-Software, die Ende des Jahres zu kaufen sein sollen. Bei Siemens dauert das voraussichtlich bis Anfang 2004. Insgesamt haben sich 22 Hersteller zu dem neuen Standard bekannt, über 170 Handy-Modelle mit Virtual Machine sind in Arbeit. Weniger vielfältig sind Pläne, wie mit den Java-Progrämmchen für Telefone Geld zu verdienen sei. Klingeltöne und Spiele, das hörte man einstimmig von Telefonherstellern und Netzbetreibern, seien eine Goldgrube. Darüber hinaus lieferte die Konferenz aber wenig neue Anwendungsideen.
Verwässert
Ausgerechnet der Hersteller Motorola, der den MIDP-2-Standard weitgehend mitgestaltet hat, will gerätespezifische APIs für die eigenen Telefone einführen, beispielsweise zur Datenkompression. „Alle Hersteller müssen sich über den Java-Standard hinaus differenzieren“, argumentiert Mala Chandra, Entwicklungsleiter in Motorolas Handy-Gruppe. Vor allem asiatische Hersteller würden Motorolas Beispiel bereits mit geräteabhängigen APIs folgen, sagte Chandra. Damit machen sie allerdings Suns Bemühungen, einen einheitlichen Standard zu etablieren, wieder zunichte.
Sun hofft, sich beim Management digitaler Nutzungsrechte zentral zu positionieren: Gerade die Klingelmusik hat der Medienindustrie die Augen für das Potenzial der netzgestützten Distribution geöffnet. Suns Software-Marketier Schwartz spekuliert nun darauf, dass sich Handy-Besitzer künftig mit Java-fähigen SIM-Karten ausweisen können, um heruntergeladene Musik und andere Inhalte zu konsumieren; mittels Kartenleser auch am Stereogerät, Fernseher oder PC.
Eine Werbekampagne fĂĽr Java mit einem Budget von 50 Millionen Dollar soll dabei helfen, das ĂĽberarbeitete Kaffeetassen-Logo im Bewusstsein der Endanwender zu verankern. Die Entwicklergemeinde soll ein neues Portal mit der sinnigen URL java.net vereinen, das Sun auch der Open-Source-Szene als neue Heimat fĂĽr ihre Java-Projekte empfiehlt. (kav) (kav)