Offene Wissenschaft
Der freie Zugang zu wissenschaftlicher Information entwickelt sich zu einer Kernforderung der Wissensgesellschaft.
- Richard Sietmann
Wissenschaft lebt von der freien Kommunikation. Die potenzielle Vernetzung von allem mit jedem bildet die Plattform, auf der neue Fragestellungen und Erkenntnisse entstehen. Doch während das Internet zum ersten Mal die Möglichkeit bietet, Wissen weltweit für jeden zugänglich zu machen, hat die Übertragung des traditionellen Publikationssystems auf den Cyberspace die paradoxe Folge, dass Online-Zugriffe jeweils auf die Parzellen einzelner Fachverlage und der von ihnen herausgegebenen Zeitschriften beschränkt bleiben. Durch Abonnements das gesamte Spektrum der wissenschaftlichen Disziplinen mit inzwischen rund 164 000 Fachjournalen abzubilden, kann sich heute keine Universität oder Forschungseinrichtung mehr leisten. Und bei Download-Kosten von 25 oder 30 Dollar pro Artikel sind barrierefreie Recherchen im Pay-per-View-Verfahren illusorisch.
In einer „Berliner Erklärung“ haben sich jetzt die Präsidenten der Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Hochschulrektorenkonferenz, der Leibniz- und Helmholtz-Gemeinschaft sowie der Vorsitzende des Wissenschaftsrates gemeinsam für den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen und zum kulturellen Erbe ausgesprochen [1|#literatur]. Danach sollen sowohl „Forschungsergebnisse als auch Rohmaterialien und Metadaten, Quellenmaterialien, digitale Repräsentationen von bildlichem und grafischem Material sowie wissenschaftliche Materialien in multimedialer Form“ künftig jedermann weltweit frei zugänglich und verfügbar sein. Die vollständigen Arbeiten sollen zusammen mit allen ergänzenden Materialien in Online-Archiven bereitgestellt werden, als deren Betreiber sowohl akademische Institutionen als auch staatliche oder private Organisationen in Frage kommen, die eine langfristige Archivierung der Publikationsdaten gewährleisten.
Freies Wissen
„Das Ziel ist nicht, die Verlage zu ruinieren“, betonte MPG-Präsident Peter Gruss bei der Vorstellung des Papiers; „wir streben Copyright-Agreements zwischen Autoren und Verlagen an.“ Er appellierte an die Wissenschaftler, das Copyright ihrer Veröffentlichungen künftig nicht mehr zeitlich unbefristet zu vergeben. Bislang übertragen die meisten Wissenschaftler das Verwertungsrecht an ihren Arbeiten exklusiv und unbefristet einem Fachverlag, der die Publikation dann vermarktet. In erster Linie die eigene Reputation im Auge, können sie die Folgekosten ignorieren, denn wie schon zuvor für die Forschung kommt der Steuerzahler auch für den Bezug der gedruckten und elektronischen Zeitschriften auf. Und weil es bei den zunehmend hochspezialisierten Titeln praktisch keine Konkurrenz gibt, müssen die Instituts-, Fachbereichs- und Universitätsbibliotheken letztlich zahlen, was die Verlage verlangen. Das Jahresabo des Journal of Comparative Neurology beispielsweise schlägt beim MPI für biophysikalische Chemie mit 20 000 Euro zu Buche; insgesamt wendet allein die MPG jährlich 15 Millionen Euro für den Bezug von Zeitschriften auf.
Eine im September veröffentlichte Analyse des britischen Wellcome Trust [2|#literatur] kommt zu dem Schluss, dass die gegenwärtige Marktstruktur dem Charakter von Wissenschaft als öffentliches Gut nicht mehr gerecht wird. Große Konzerne verdrängen mit Aufkäufen und teils rüden Marketingmethoden immer mehr die traditionellen Kleinverlage und Organe der wissenschaftlichen Fachgesellschaften. In den USA ist deshalb bereits die Forderung erhoben worden, den offenen Zugang zu allen Veröffentlichungen aus den von der Regierung finanzierten Projekten gesetzlich vorzuschreiben.
So weit geht die Berliner Erklärung nicht; sie beschränkt sich auf Empfehlungen. MPG-Präsident Gruss befürchtet, dass Druck nur Gegendruck erzeugt; er kann sich aber vertragliche Regelungen vorstellen, in denen Wissenschaftler sich verpflichten, ihre Arbeiten „auch“ im Wege des Open Access zur Verfügung zu stellen. Die unterzeichnenden Organisationen wollen jedenfalls dafür eintreten, dass „Open Access“-Veröffentlichungen bei Berufungen und der Begutachtung von Forschungsleistungen ebenso anerkannt werden wie bisher die Publikation in renommierten Fachjournalen.
Internationales Wissen
Die Berliner Erklärung steht in einer Reihe mit internationalen Initiativen wie der im Juni von US-Biomedizinern verabschiedeten „Bethesda Declaration on Open Access Publishing“ [3|#literatur] und der „Budapest Open Access Initiative“ [4|#literatur] vom Februar 2002. Sie bezieht darüber hinausgehend aber auch den Zugang zum kulturellen Erbe in Museen, Archiven und Bibliotheken mit ein.
Erstmals haben sich nun die Spitzenvertreter der Forschungsorganisationen eines ganzen Landes hinter das „Prinzip des offenen Zugangs“ gestellt. Man darf gespannt sein, wie die Politik darauf reagiert, für die Konkurrenzvorteile im Wettbewerb bisher mehr zählen als die Universalität der Wissenschaft. Die erste Gelegenheit dazu bietet sich auf dem von den Vereinten Nationen für Mitte Dezember einberufenen World Summit on the Information Society (WSIS) der Staats- und Regierungschefs in Genf. (jk)
Literatur
[1] Berliner Erklärung: www.zim.mpg.de/openaccess-berlin
[2] Wellcome Trust zu Fachverlagen: www.wellcome.ac.uk/scipublishing
[3] Bethesda Declaration on Open Access Publishing: www.earlham.edu/~peter/fos/bethesda.htm
[4] Budapest Open Access Initiative: www.soros.org/openaccess/g/read.shtml (jk)