Die Pinguinjäger unter dem Baldachin

Drohungen an die Linux-Gemeinde, Lizenzzahlungen einzufordern; eine Klage gegen IBM wegen angeblich geklautem Code in Linux; juristische Auseinandersetzungen mit Novell um die Urheberrechte an Unix System V: Solche Aktionen katapultierten SCO ins Interesse der Öffentlichkeit. SCO selbst hat dabei eine verwickelte Firmengeschichte und interessante Beteiligungsverhältnisse zu bieten.

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Von
  • Erich Bonnert
Inhaltsverzeichnis

Nichts am Hauptquartier der SCO Group in Lindon im Bundesstaat Utah, 40 Autominuten von Salt Lake City entfernt, ist sonderlich aufregend: weder das dreistöckige, langweilige Gebäude noch das unansehnliche Besucherfoyer oder der eher nachlässige Sicherheitscheck beim Betreten. Beim Verlassen jedoch registriert so mancher die Regalwände in der Lobby mit Tausenden von blauen Aktenordnern. SCO-Chef Darl McBride pflegt seine Gäste nämlich besonders darauf aufmerksam zu machen: Jeder der Ordner enthält einen Lizenzvertrag mit einem der über 6000 Unix-Kunden des Softwareherstellers - von Amazon und BMW über Merrill Lynch bis zu Siemens und Unilever. „Dies ist unsere Schatztruhe“, protzt McBride.

Der wahre Wert des Schatzes muss sich jedoch erst noch erweisen - nicht erst die Verbreitung des Wurms MyDoom mit seiner Attacke auf die SCO-Server (siehe dazu S. 42 in c't 4/2004) sorgten für gehörige Aufmerksamkeit. Drohungen gegen die Linux-Gemeinde und große Linux-Anwender sind nur das publikumswirksame Umfeld der heftigen juristischen Auseinandersetzungen mit IBM um angeblich geklauten Code im Linux-Kernel und mit Novell um das Copyright an Unix System V. IBM hielt erst vor wenigen Tagen wieder einmal dagegen: „Wir glauben, dass die Klage null und nichtig ist. Die richtigen Dinge werden passieren. Es wird zu Ende gespielt“, erklärte IBMs Vizepräsident Irving Wladawsky-Berger zu Gerüchten, IBM wolle sich über den Code für das Application Binary Interface (ABI) in Linux, durch das SCO seine Rechte an Unix verletzt sieht, gütlich einigen oder gar SCO ganz übernehmen.

Die gerichtlichen Auseinandersetzungen, die zum Erscheinen dieser Ausgabe c't mit mündlichen Anhörungen weitergehen, werden die Aufmerksamkeit der Branche also noch einige Zeit beanspruchen. McBride ist entschlossen, einiges für seinen „Schatz“ und die Durchsetzung der juristischen Ansprüche zu riskieren.

Die SCO Group ist das Ergebnis einer Fusion zwischen dem früheren Linux-Distributor Caldera und den Resten der legendären Unix-Company Santa Cruz Operation aus Kalifornien. Größter Aktionär Calderas ist mit 43 Prozent die ebenfalls in Utah beheimatete Canopy Group. Die Wurzeln von Caldera reichen zurück zu einer weiteren Legende der Computerindustrie: Ray Noorda, langjähriger Chef der Netzwerkfirma Novell.

Die NetWare-Firma hatte einige Zeit versucht, Fuß in der Unix-Welt zu fassen und war im Zuge diverser Zukäufe dabei auch in den Besitz des berühmt-berüchtigten geistigen Eigentums von AT&T an Unix gekommen. Novell verscherbelte aber das Unix-Portfolio später weiter an SCO. Die nun will mit den Vertragsdokumenten belegen, dass dies vollständig, einschließlich des Copyright, geschah, während Novell Rechte am Unix-Code weiter für sich beansprucht. SCO hat auf Grund solcher Aussagen Klage gegen Novell eingereicht: Die Firma habe unberechtigt Rechte auf Unix-Technologien eingefordert, auf die SCO ein Copyright beanspruche. Damit habe Novell falsche und irreführende Aussagen zum Eigentum an Unix gemacht, die SCO daran hinderten, das eigene Copyright zu verteidigen.

Noorda selbst verließ Novell 1994 und gründete die Firma Canopy Group, ein juristisches Vehikel für die Investition des Privatvermögens seiner Familie. Sein Teilhaber ist Ralph Yarro, sein Glaubensbruder bei der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, in Deutschland allgemein als Mormonen bekannt. Noorda holte Yarro einst als Programmierer zu Novell. Bei Canopy wandelte sich Yarro zum heimlichen Juristen und Investment-Manager. Die Canopy Group ist heute Teilhaber an zirka 35 Startup-Firmen.

Den genauen Wert der Gruppe kennt außerhalb des Managements niemand, da nur zwei Unternehmen börsennotiert sind. Der Rest unterliegt keinen Berichtspflichten, Verkäufe von Firmenanteilen und Vermögenswerten zwischen den Unternehmen sind keine Seltenheit. Ein Großteil der Führungspositionen in den Canopy-Firmen ist mit Ex-Angestellten von Novell besetzt. Viele davon - darunter auch McBride und seine engsten Mitarbeiter - sind außerdem Absolventen der konfessionellen Brigham Young University, der Kaderschmiede für die einst führende Netzwerkfirma.

Auch McBride kam nicht zufällig zu seinem Job als Jäger des verlorenen Schatzes. Er war langjähriger Weggefährte von Yarro bei Novell und wurde vor gut einem Jahr ausgewählt, um die SCO Group zu führen, nachdem sich deren Linux-Strategie als Irrweg zu erweisen schien. Die größte Tageszeitung Utahs, der Salt Lake Tribune, porträ-tierte den 38-jährigen Yarro jüngst als geschickten und erfolgreichen Venture-Kapitalisten. Canopy gilt in Utah als Inkubator für Neugründungen sowie als Schrittmacher der Hightech-Ansiedlungspolitik des Mormonenstaates. Tatsächlich hat Canopy außer Caldera/SCO noch ein weiteres Unternehmen an die Börse geführt, den Computerdienstleister Altiris.

Der bisher größte Coup für Canopy gelang Yarro vor gut drei Jahren mit Caldera - noch bevor Linux zur heiß gehandelten Ware an der Technologiebörse Nasdaq wurde. Calderas Trumpf war der Besitz der Lizenzrechte an DR-DOS, die Noorda in schlauer Voraussicht für Novell erworben hatte und später via Canopy in Caldera einbrachte. Als Produkt trug DR-DOS für Caldera kaum Früchte. Dafür aber verklagte die Firma den reichen Rivalen Microsoft wegen Geschäftsschädigung, da die Redmonder die Funktionen des Konkurrenzsystems durch Änderungen in den eigenen Systemschnittstellen bewusst beeinträchtig haben sollen. Selbstverständlich stritt der Softwareriese alles ab.

Mit Investor Canopy im Rücken aber hielt Caldera den ungleichen Rechtsstreit heldenhaft durch. Vier Jahre focht der Zwerg beharrlich weiter - bis Microsoft tatsächlich nachgab. Man einigte sich außergerichtlich auf die damals unerhörte Summe von 250 Millionen Dollar. DR-DOS spielte hernach für Caldera keine Rolle mehr. Die ausgegründete Firma Lineo versuchte einige Zeit, damit im Embedded-Markt Fuß zu fassen und verkaufte schließlich die DR-DOS-Rechte an Devicelogics, ebenfalls ein Canopy-Unternehmen.

Mit den Einnahmen von einer Viertelmilliarde US-Dollar begann eine Serie von Gerichtsverfahren nach einem spezifischen Strickmuster: Stets ging es um Schadensersatzklagen gegen Konkurrenten, die das immaterielle Eigentum einer der Canopy-Firmen geschädigt haben sollen. Teilweise ziehen sich die Prozesse schon über Jahre hin. Geolux beispielsweise, ein Hersteller von Schulungssoftware, verklagte voriges Jahr die Firma Clear Course wegen Missbrauchs von Geschäftsgeheimnissen. Der Satellitenspezialist Helius Inc führt seit 2001 gleich drei Verfahren gegen Konkurrenzfirmen wegen Patentverletzungen, darunter die General-Motors-Tochter Hughes Electronics.

Auch Softwarehersteller Altiris und der Software-Dienstleister Center 7 liefern bisher eher den Gerichtsreportern Schlagzeilen als den Wirtschaftsschreibern. Die Bilanzen von Center 7 werden nicht veröffentlicht, dürften nach Expertenmeinung aber seit Gründung der Firma ziemlich rot sein. Die Firmenanwälte klagten gegen den Branchenriesen Computer Associates wegen Verletzung von Lizenzverträgen. Mitte August einigte man sich mit dem Marktführer für Systemmanagement auf eine Zahlung von 40 Millionen Dollar an die Canopy-Schützlinge.

Altiris schrieb noch bis vergangenes Jahr Verlust, schneidet nunmehr aber seit drei Quartalen positiv ab. Seit 1999 prozessiert der Spezialist fĂĽr Systemmanagement gegen Innovative Software und Symantec. Im ersten Streit hat man sich auĂźergerichtlich geeinigt, nannte aber bis heute keine Details. Der Symantec-Fall wurde vom Gericht schon einmal abgewiesen, Altiris ging in die Berufung und will einzelne Klagepunkte noch einmal getrennt untersuchen lassen. Es geht um die Verletzung von Software-Patenten durch den Viren- und Sicherheitsspezialisten.

Auch der von Yarro angeheuerte SCO-Chef McBride hielt sich nach seinem Antritt im Sommer 2002 nicht lange mit Produktstrategien auf. Stattdessen kümmerte er sich sofort um das verwertbare Portfolio der Firma. So versuchte er, wie aus Pflichtmitteilungen an die Börsenaufsicht hervorgeht, schon kurz nach Amtsantritt mit Hilfe der Investmentgesellschaft Morgan Keegan, das Unternehmen oder Teile davon zu verkaufen. Der Aktienkurs der SCO Group lag zu jenem Zeitpunkt unter einem Dollar. Der Börsenwert hätte damals etwa 10 Millionen Dollar betragen - und das schien Canopy nicht zu genügen.

SCO ließ den Plan fallen und McBride begann nach seiner eigenen Darstellung, nach „werthaltigen Besitztümern“ im SCO-Vermögen zu suchen. Und die Unix-Lizenzverträge, so sagte er bei einem Auftritt im November vergangenen Jahres , erschienen ihm dabei als „ungehobener Schatz“. So wurde die Firma im vorvergangenen Herbst erstmals bei IBM wegen der Nachzahlung von Lizenzgebühren vorstellig. Als IBM sich weigerte, wandte sich McBride an den Staranwalt David Boies, der für die US-Regierung den Monopol-Prozess gegen Microsoft geführt hatte. Boies übernahm den Fall - und verlangte statt des üblichen stattlichen Stundenhonorars eine Erfolgsbeteiligung. Selbst jetzt, nachdem SCO einen - wenn auch immer wieder stark schwankenden - Marktwert von rund 200 Millionen Dollar hat, denken McBride und Yarro nicht mehr ans Verkaufen.

„SCOs Unix-Portfolio wäre für jeden Käufer deutlich mehr wert als die derzeitige Marktkapitalisierung“, stellt Yarro klar. Dass IBM letztlich die SCO Group übernimmt, um der leidigen Geschichte ein Ende zu bereiten, halten Fachleute nicht erst seit den Äußerungen des IBM-Mannes Wladawsky-Berger für unwahrscheinlich. Doch McBride und Yarro ist vor dem blauen Riesen nicht Bange. Mit Geschick und Stehvermögen waren die Vertrauten von Ray Noorda gegen Microsoft schon einmal Sieger geblieben. Auch wenn es letztlich vier Jahre gedauert hat - das Warten hat sich für die graue Eminenz gelohnt. Die Bedeutung allerdings, die vor Gericht erfolgreich durchgesetzte Rechtsansprüche von SCO am Unix- beziehungsweise Linux-Code hätten, liegt nur zum Teil in mehr oder weniger großen Lizenzzahlungen an SCO/Canopy - vielmehr könnten sie im äußersten Fall bis dahin reichen, dass das komplette Interface zur Ausführung von Anwendungen unter Linux neu gestaltet oder mit Lizenzzahlungen vergütet werden müsste. (jk) (jk)