E-Mail mit der Suchmaschine

Die auf den ersten April datierte Pressemitteilung klang wie ein Aprilscherz: Google will einen kostenlosen, per Kontext-bezogener Werbung finanzierten E-Mail-Service namens Gmail aufziehen; seinen Nutzern gewährt der Dienst ein Gigabyte Platz für Nachrichten und der Benutzer durchsucht seine Mailbox blitzschnell per Volltextsuchmaschine. Doch Google meint es ernst, so Technik-Chef Craig Silverstein und Vizepräsident Urs Hölzle im Interview mit c't.

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c't: Gmail hat viel Staub aufgewirbelt, viele dachten an einen Aprilscherz. Warum sind Sie damit an die Öffentlichkeit gegangen, ohne ein fertiges Produkt zu präsentieren?

Hölzle: In den USA kursierten viele Gerüchte über einen E-Mail-Dienst von uns. Daher war es sinnvoll, zu erklären, was wir machen wollen.

Google-Vizepräsident Urs Hölzle: Wir investieren immer noch wesentlich mehr Aufwand in die Verbesserung der Suche als in die Werbung.

c't: Gmail soll durch kontextbezogene Werbung am Web-Frontend finanziert werden. Heißt das, dass die Nutzer ihre Mail nicht per POP oder IMAP werden abholen können?

Hölzle: Wir glauben, Benutzer sollten die Möglichkeit haben, ihre E-Mails von einem Dienst zu einem anderen zu verschieben. Also wird es eine Möglichkeit geben, mit anderen Clients als dem Browser auf Gmail zuzugreifen.

c't: Die Tatsache, dass Sie Gmail ĂĽber Werbung finanzieren wollen, die sich auf den Kontext des E-Mail-Inhalts bezieht, hat DatenschĂĽtzer auf den Plan gerufen. Liest Google bei seinen Mail-Kunden mit?

Hölzle: Wir analysieren den Inhalt ausschließlich automatisch. Kein Mitarbeiter von uns wird die E-Mails zu Gesicht bekommen. Wir werden persönliche Informationen auch nicht an Dritte weitergeben.

c't: Gmail, der Blog-Dienst Blogger.com, das „soziale Netzwerk“ Orkut - will Google mehr werden als ein Suchdienst?

Hölzle: Googles Credo lautet, seinen Nutzern alle Informationen zugänglich und nutzbar zu machen. Das gilt auch für Gmail: Menschen transportieren viele Informationen in E-Mails; es ist aber häufig schwierig, Informationen im Postfach wiederzufinden.

c't: Aber wie passt Orkut zu Google?

Silverstein: Wir wissen noch nicht genau, was wir mit Orkut machen wollen. Der Dienst entstand als eine Art Freizeitprojekt eines unserer Entwickler, Orkut Buyukkokten. In 20 Prozent ihrer Arbeitszeit dürfen unsere Entwickler eigenen Projekten nachgehen. Von Orkut waren wir so beeindruckt, dass wir es veröffentlicht haben. Google News ist übrigens auch aus solch einem Privatprojekt entstanden.

Hölzle: Einen Dienst wie Orkut zu betreiben, kostet uns nicht viel Geld. Also müssen wir uns auch nicht so schnell den Kopf darüber zerbrechen, wie wir Geld damit verdienen.

c't: Man gewinnt den Eindruck, Google wĂĽrde sich in letzter Zeit stark um Werbung kĂĽmmern. Wird Google zur Marketing-Agentur?

Hölzle: Wir investieren immer noch wesentlich mehr Aufwand in die Verbesserung der Suche als in die Werbung. Änderungen bei der Werbung sind schnell sichtbar, weil sie sich auch auf anderen Seiten niederschlagen und ein größeres Medienecho erhalten. Neuerungen bei der Suche dagegen finden häufig hinter den Kulissen statt.

c't: Gerade in Deutschland ist Suchmaschinen-Spam ein Problem. Was tun sie dagegen?

Silverstein: Wir arbeiten mit einem groĂźen Team an dem Thema, um insbesondere die deutsche Spam in den Griff zu bekommen.

c't: Wie filtern Sie Spam aus?

Silverstein: Wir versuchen nicht, Spam zu identifizieren und auszufiltern, wie es zum Beispiel ein E-Mail-Spam-Filter macht. Wir versuchen, unsere Algorithmen zu verbessern, sodass sie Spam als schlechte Suchergebnisse einordnen. DafĂĽr analysieren wir Abfragen, bei denen die Resultate schlecht sind. Wir benutzen solche Ergebnisse, um unsere Algorithmen zu verbessern.

c't: Warum lassen Sie nicht Menschen die Spam-Sites herausfischen?

Silverstein: Wir möchten keine menschliche Intervention in die Suchergebnisse. Wir setzen Menschen nur indirekt ein, um unsere Algorithmen zu verbessern.

Hölzle: Ein Programm kann zehntausende Spammer-Sites abwerten. Spam-Sites von Hand auszufiltern, würde weitaus mehr Zeit kosten. (jo) (jo)