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Günstige Gesprächspreise machen die Internet-Telefonie auch für Privatanwender interessant. Telefonieren wie gewohnt lautet die Devise der Anbieter - per Internet-Telefon ist man unter einer Festnetznummer erreichbar und kann jeden Anschluss anrufen.
- Johannes Endres
- Urs Mansmann
- Sebastian Piecha
Voice over IP? Das war doch einer der Flopps der Dot-Com-Blase. Ein Freak-Spiel, zu dem die Teilnehmer sich vorher per Normal-Telefon verabreden, um dann wegen der miserablen Sprachqualität und der langen Übertragungsdauer alles mindestens zweimal ins lästige Headset zu brüllen. Und das soll jetzt Wiederauferstehung feiern?
Nein, soll es nicht. Denn Telefonieren über das Internet-Protokoll hat die holprigen Anfänge längst hinter sich gelassen. Die Zeugen des ersten Telefongesprächs 1861 waren wahrscheinlich überrascht von der Qualität des sechzehn Jahre später eingeschalteten ersten Netzes. Und ganz ähnlich entwickelte sich Voice over IP (VoIP) in den letzten Jahren von der Technik-Spinnerei zum ganz normalen Teil der Telefon-Infrastruktur.
Grundsolide High-Tech-Firmen wie die schwäbische Innovaphone haben das Verfahren in komfortablen Telefonanlagen integriert und stockkonservative Branchenriesen wie Tenovis bieten Internet-Telefonie ganz selbstverständlich an. Wer heute die Hotline einer globalisierten Firma unter einer deutschen Nummer anruft und dann mit einem Supporter in Irland spricht, hat in der Regel keine durchgehende Telefonverbindung. Vielmehr leitet ein Gateway in Deutschland das Gespräch größtenteils über das Internet an die billigeren Arbeitskräfte auf der Insel weiter.
Auch für Privatanwender hat die Internet-Telefonie ihr Gesicht verändert. Als „Voice-Chat“ in Messenger-Systemen wie MSN, AIM oder ICQ ist sie ebenso selbstverständlich und einfach wie als Bestandteil von Online-Spielen mit Microsofts „Game Voice“ und ähnlichen Systemen. Diese Programme zeigen an, wer online ist, und gestatten auch die Nachfrage per Textnachricht, ob ein Telefonat erwünscht wäre.
In jĂĽngster Zeit zieht das VoIP-Programm Skype der ehemaligen Kazaa-Entwickler einige Aufmerksamkeit auf sich. Die Nutzer telefonieren kostenlos ĂĽber das Internet miteinander; als Telefonbuch dient dabei ein Peer-to-Peer-Netzwerk, an dem sich der Client registriert.
Granny Calling
Diese für jedermann zugänglichen Systeme bieten eine gute Sprachqualität und viel Komfort beim Anrufen. Nur einer der Nachteile aus der VoIP-Steinzeit ist geblieben: Beide Partner müssen an einem PC sitzen, um miteinander zu reden, und beide müssen dieselbe Software installiert und gestartet haben. Für Telefonate mit den meisten Gesprächspartnern normaler Menschen fällt diese Lösung also flach.
Doch seit kurzem stellen einige Firmen auch für Privatkunden die beiden fehlenden Bausteine zur Verfügung: Ein Gateway, um Gespräche aus dem Internet an einen normalen Telefonanschluss weiterzuleiten, und eine Telefonnummer, damit auch Anrufe in der umgekehrten Richtung möglich werden. Mit diesen Diensten kann endlich auch Oma über ihr altes Telefon den sparsamen Enkel an dessen Internet-Anschluss anrufen.
Wir haben fĂĽr diesen Test alle VoIP-Angebote berĂĽcksichtigt, die ausgehende Anrufe ins deutsche Fest- und Mobilfunknetz erlauben und fĂĽr eingehende Anrufe eine Festnetz-Rufnummer bereitstellen. Freenet hat diese Nummern zwar noch nicht geschaltet, sagte aber zu, dass Kunden ihres VoIP-Produktes iPhone in KĂĽrze ebenfalls Telefonnummern erhalten.
Fünf Firmen bieten derzeit in Deutschland solche VoIP-Dienste als vollwertigen Ersatz zum herkömmlichen Anschluss an. Sipgate und Nikotel sind Vertreter des klassischen Systems. Sie brauchen weder einen eigenen Internet-Backbone noch ein eigenes Festnetz. Sie betreiben lediglich eine Reihe von Rechnern, die Gespräche aus dem Internet ins Telefonnetz weitervermitteln und umgekehrt, die VoIP-Gateways. Das Modell beruht darauf, die Gespräche über das preisgünstigere Datennetz zu dem Gateway zu bringen, das am nächsten beim Angerufenen steht. Idealerweise bleibt dann nur noch ein billiges Ortsgespräch über die herkömmliche Leitung.
Solche Dienste gibt es besonders in Asien schon länger, weil dort die Ferngesprächsgebühren wesentlich höher liegen als hier. Das Neue bei Nikotel und Sipgate ist nun, dass der Kunde nicht nur ins Festnetz telefonieren kann, sondern auch von dort unter einer normalen Nummer erreichbar ist. Wer also ohnehin mit einer Internet-Flatrate am Netz hängt, der spart die Telefon-Grundgebühr und plaudert weltweit zumindest günstiger als über das Telekom-Netz.
DSL-Provider
Von dieser Seite kommen auch QSC und Broadnet-Mediascape. Die beiden Provider bieten den Internetzugang über eigene DSL-Leitungen an, die anders als T-DSL oder Arcor-DSL nicht an einen Telefonanschluss gekoppelt sind. Allein weil sie die nackte Kupferleitung von der Telekom mieten müssen, können sie im derzeit unter T-DSL-Providern tobenden Preiskampf nicht mithalten. Mit ein paar E-Mail-Adressen extra und einigen MByte Web-Space zusätzlich locken sie auch keine großen Kundenmengen an ihre Anschlüsse. Da kommt die Telefonie als nützlicher Zusatzdienst gerade recht. Auch bei diesen beiden Angeboten ist der Telefonanschluss überflüssig und der Kunde spart schon an der Grundgebühr. Allerdings gehen QSC und Broadnet-Mediascape mit weniger Festnetz-Gateways an den Start als die etablierten VoIP-Betreiber und müssen daher einen größeren Teil der Gespräche über das teure Telefonnetz leiten. Das schlägt sich in den Gesprächsgebühren nieder.
Freenet, der fünfte Anbieter, trommelt zwar am lautesten für Internet-Telefonie, kann jedoch bei der Grundgebühr nicht sparen helfen. Denn das Angebot richtet sich ausschließlich an Kunden der Freenet-DSL-Tarife, die einen T-DSL-Anschluss voraussetzen; und den bekommt man nun mal nicht, ohne die Telefon-Grundgebühr monatlich bei der Telekom abzuliefern. Freenet setzt also ganz darauf, die DSL-Tarife durch einen Zusatzdienst werbewirksam aufzubohren. Ähnliches haben 1&1 und Web.de mit ihren für dieses Jahr geplanten VoIP-Angebo-ten vor.
Auch Arcor möchte noch 2004 mit Internet-Telefonie für Privatkunden an den Start gehen, allerdings grundsätzlich in Kombination mit einem Arcor-Festnetzanschluss. Die zusätzliche VoIP-Telefonnummer soll nahtlos in das erprobte Unified-Messaging-System PIA integriert werden [1]. Damit steht nicht nur ein Anrufbeantworter im Netzwerk zur Verfügung, sondern auch Fax-Empfang und beliebige Weiterleitung des Empfangenen über andere Datendienste, beispielsweise Faxe und Anrufe als E-Mail oder SMS als Sprachnachricht an die VoIP-Nummer.
So weit sind noch nicht alle Anbieter. Die Telekom bietet VoIP-Produkte nur für ihre Geschäftskunden an. Für Privatkunden blieb es bislang bei wolkigen Ankündigungen vom „mobilen Festnetz“.
Fast alle getesteten Anbieter setzen auf das VoIP-Protokoll SIP, lediglich QSC benutzt ein proprietäres Verfahren. Der Anwender telefoniert entweder mit dem Headset über ein Programm (das so genannte Soft-Phone) oder bei den SIP-Providern auch mit einem Gerät, das wie ein richtiges Telefon aussieht. Diese SIP-Telefone wickeln die nötigen Protokolle selbstständig ab und funktionieren daher auch ohne PC. Der Artikel auf Seite 96 befasst sich mit der Hardware für Internet-Telefonie.
Spareffekte
Ein wesentliches Argument der Internet-Telefongesellschaften sind die geringeren Kosten. Zunächst soll das Angebot für die DSL-Kunden den Telekom-Anschluss für immerhin mindestens 15 Euro im Monat überflüssig machen. Ganz ohne Grundgebühr kommt man trotzdem nicht aus, denn einen Teil dieser Ersparnis knöpfen die Anbieter ihren Kunden in Form einer monatlichen Gebühr zwischen fünf und zehn Euro gleich wieder ab.
Literatur
[1] Urs Mansmann, Holger Dambeck, Globaler Briefkasten, Unified Messaging fĂĽr Sprache, Faxe, E-Mails und SMS, c't 11/02, S. 170
| "Die Welt zum Ortstarif" | |
| Weitere Artikel zum Thema Internettelefonie finden Sie in der c't 9/2004: | |
| Voice over IP: Telefonieren mit dem Festnetz | S. 86 |
| Telefone fĂĽrs Internet: Hard- und Software | S. 96 |
| Linux: Telefonanlage mit VoIP | S. 100 |
(es)