Bill Gates’ Wundertüte
Microsofts erstes Forschungszentrum außerhalb der USA lud zum Tag der offenen Tür. Zu sehen gab es interessante Entwicklungen, aber das Firmen-Labor wollte sich auch als marktunabhängige Basis für Grundlagenforschung präsentieren.
- Peter Schüler
Als ich zu Microsoft ging, war ich darauf eingestellt, dass ich meine akademische Freiheit einschränken müsste. Tatsächlich passierte aber genau das Gegenteil.“ Andrew Blake, der sich zwei Stunden zuvor über aktuelle Arbeiten seiner Arbeitsgruppe für Machine Learning and Computer Vision ausgelassen hatte, stieß mit diesem privaten Kommentar in dasselbe Horn wie seine Kollegen. Wie stark der marktbeherrschende Geldgeber auf die Themenwahl der etwa 70 Forscher in Cambridge einwirkt, stand immer wieder als Frage im Raum, zumal die meisten vorgestellten Entwicklungen quasi marktreif erschienen. Nicht von ungefähr ließ sich Senior-Forscher und Turingpreisträger Tony Hoare in seiner Tischrede zum Event über wissenschaftliche Herausforderungen vom Rang des Turingtests oder der Simulation eines menschlichen Gehirns in einem weltweiten Netz aller zukünftigen Computer aus. So unterstrich er die Botschaft, dass sich das Microsoft-Institut eher mit den traditionsreichen benachbarten englischen Forschungsinstituten als mit den Entwicklungsabteilungen anderer Konzerne verwandt sieht.
Wie zügig der Softwareriese andererseits ein akademisches Forschungsprojekt in verkäufliche Produkte ummünzen kann, zeigten die Briten anhand der .NET Generics. Die Idee universeller Datentypen für Microsofts Common Runtime Library war erst vor zwei Jahren in Cambridge geboren worden, hat aber schnell Interesse in Redmond wachgerufen und soll als reguläres Feature in Visual Studio 2005 auftauchen.
Schaufenster
Außer auf Werkzeuge zum einfachen Freistellen von Objekten in Bildern, vorgesehen zur Präsentation auf der kommenden SigGraph-Messe, gab es einen Ausblick auf das Videotelefonsystem i2i (sprich: eye to eye). Das Programm nutzt gleich zwei Kameras simultan, um aus den stereoskopischen Bildern räumliche Informationen zu gewinnen und daraus das eigentlich zu übermittelnde Bild zu synthetisieren. Das Kamerapärchen täuscht zum Beispiel die optimale Blickrichtung des Sprechers vor: An der einen Linse guckt er in Wirklichkeit rechts vorbei, an der anderen links. Aus beiden Teilbildern errechnet die Software in Echtzeit eine Perspektive, als sehe der Sprecher direkt durch den Bildschirm des Gesprächspartners. Damit beseitigt i2i einen schwer wiegenden Kritikpunkt, den bisherige Videokonferenzsysteme allenfalls mit teuren, halbdurchsichtigen Displays überwinden konnten. Außerdem kann das System den Sprecher vor der Kamera scharf abbilden, den Hintergrund aber auf Wunsch so verwischen, dass er keine unerwünschten Details enthüllt, oder es blendet stattdessen nach Photoshop-Manier gleich eine ganz andere Bildebene dafür ein.
Die nächste Errungenschaft demonstriert das System, wenn der Sprecher gerade erst ans Terminal tritt. Aus dem viele Pixel umfassenden Bildangebot der Kamera pickt sich i2i immer den Ausschnitt heraus, der den Sprecher zeigt - einschließlich eines virtuellen Zooms, wenn der Gezeigte etwas weiter weg von der Kamera agiert.
Lindsay Williams führte eine wahre Bilderlawine vor. Ihr Prototyp der portablen Kamera SenseCam produziert am Tag schon einmal 128 MByte an JPG-Bildern für die eingesteckte SDCard - ganz eigenständig, als mitlaufendes Logbuch des Alltags. Mittels passivem Infrarotdetektor erkennt das zigarettenschachtelgroße Gerätchen, wenn es einen Menschen oder ein Tier vor sich hat und knipst. Desgleichen bei veränderten Lichtverhältnissen oder wenn der eingebaute Bewegungsmelder anschlägt - dann aber mit ein paar Millisekunden Verzögerung, um Bewegungsunschärfen zu vermeiden.
Ursprünglich war die Erfindung als Hilfsmittel für Menschen mit Gedächtnisstörung gedacht, die beim Blättern durch die gespeicherten Bilder ihren Tagesablauf rekonstruieren können sollen. Das Bildarchiv könnte aber auch anderen SenseCam-Benutzern Klarheit verschaffen, wann sie einem nicht wiedererkannten Zeitgenossen vielleicht schon einmal über den Weg gelaufen sind. Über weitere Anwendungsmöglichkeiten des Geräts, etwa in der Hand von Webloggern, haben sich die Entwickler noch keine Gedanken gemacht. Immerhin beschäftigen sie aber seit einigen Wochen eine Soziologin im Team, die sich für den Einfluss der Kamerabox auf die Benutzergewohnheiten interessiert.
Sicher ist sicher
SAMOA heißt ein Projekt, welches das Design sicherer Web Services fördern soll. In standardisierten Web Service Extensions mit Definitionen von Sicherheitsanforderungen sollen sich nicht nur die Nutzer über Sicherheitsanforderungen der Services informieren können, sondern mit einer neu entwickelten Sprache können Service-Entwickler die Extensions ihres Dienstangebots auch auf versteckte Missbrauchsmöglichkeiten abklopfen.
Das Veranstaltungsprogramm enthielt auch pragmatischere Entwicklungen, etwa den NetViewer, der ohne Server-Hilfe die Ergebnisse einer Volltextsuche in Webseiten farblich hervorhebt und zudem grafisch Auskunft über die Struktur der von dort erreichbaren Links gibt. Ein nützliches Frontend, spätestens wenn die Kollegen aus Redmond die erwarteten intelligenten Suchalgorithmen für die kombinierte Suche auf Websites und Festplatte beisteuern.
Viele Beispiele aus dem Cambridger Labor könnten ohne große Weiterentwicklung eine breite Anwenderschaft erreichen, etwa wenn Microsoft irgendwann den Windows-Nachfolger Longhorn fertig stellt. Doch im Gegensatz zu vielen anderen IT-Unternehmen leistet sich der Windows-Monopolist auch solche Projekte wie die SenseCam, die keineswegs nach dem schnellen Profit riechen. (hps) (hps)