HDTV-Kickdown
Nach kurzer Durststrecke meldet sich High Definition TV mit neuen Filmen und HD-Sendern als Thema in Europa zurĂĽck. Zudem nimmt die HD-DVD und die Aufzeichnung von HDTV-Sendungen auf Festplatte konkrete Formen an.
Nach langem Hin und Her ist die Spezifikation 1.0 der HD-DVD (ehemals Advanced Optical Disc, AOD) endlich in trockenen Tüchern: Bei einem Treffen Mitte Juni schrieb das Steuerungskomitee des DVD-Forums nicht nur die physikalischen Eigenschaften für das Blu-ray-Disc-Konkurrenzformat fest (wobei die Hoffnung begraben wurde, dass sich die Discs auf gewöhnlichen DVD-Fertigungsanlagen produzieren lassen), sondern beendete auch den bisherigen Schwebezustand bezüglich der zu verwendenden Video-Kompressionsverfahren (siehe [1|#literatur]).
Neben MPEG-2 können demnach H.264/AVC und VC-9 (Video Codec 9) zum Einsatz kommen - und müssen folglich alle von kommenden HD-DVD-Playern unterstützt werden. VC-9 stammt aus dem Hause Microsoft und steht in einem engen Verwandtschaftsverhältnis zu Windows Media Video 9 alias WMV HD, wenngleich die Redmonder das zur Standardisierung bei der Society of Motion Picture and Television Engineers (SMPTE) vorgelegte VC-9 eher als offenes Kompressionsverfahren verstanden wissen wollen. Die Wahl zum obligatorischen HD-DVD-Codec verwundert etwas, da die endgültigen Lizenzbestimmungen bislang auf sich warten lassen. Apple bekannte sich seinerseits nun voll und ganz zu H.264/AVC (auch MPEG-4 Part 10 genannt). Laut Phil Schiller, Senior Vice President Worldwide Product Marketing von Apple, wird QuickTime ab kommendem Jahr den Codec unterstützen.
Software
Wer nicht bis mindestens 2005 auf vorbespielte HD-DVDs und Blu-ray Discs warten möchte, der kann weiterhin zu DVD-ROMs mit WMV-HD-komprimierten Filmen in HDTV-Auflösung greifen: In den USA sind nach „Coral Reef Adventure“ (siehe [2|#literatur]) bis Ende Juni neun weitere dieser DVD-ROMs von Image Entertainment erschienen - wobei jede HD-Disc Teil eines Doppel-DVD-Sets ist, das auch eine gewöhnliche Video-DVD mit dem Film im NTSC-Format enthält. Die hochauflösenden Videos sind jeweils als Vollbilder (progressive) in den Auflösungen 720p (1280 x720 Bildpunkte) und 1080p (1920 x 1080 Pixel) gespeichert. Bei den Titeln „Amazon“, „Discoverers“, „Dolphins“, „Journey Into Amazing Caves“, „Living Sea“, „Magic Of Flight“, „Speed“, „Stormchasers“ und „To The Limit“, zu denen jeweils Trailer heruntergeladen werden können (siehe Soft-Link), handelt es sich ausschließlich um IMAX-Dokumentationen.
Nach der Veröffentlichung von „T2: Judgement Day“ in HD auf DVD-ROM warten amerikanische Heimcineasten damit weiter vergeblich auf mehr Spielfilme in High Definition. Deutsche HD-Fans können sich hingegen nicht nur freuen, dass die bislang nur in der 45 Euro teuren 6-Disc-Box erhältliche WMV-HD-Fassung des Films „Tomb Raider: Die Wiege des Lebens“ (siehe [[3|#literatur]) ab September einzeln angeboten wird. Die Marketing-Gesellschaft high-def (www.high-def.de) kündigte zusammen mit Concorde Home Video zudem für den September weitere Filme in WMV-HD-Fassung auf DVD-ROM an.
Außer um den ersten Teil der Lara-Croft-Filmabenteuer handelt es sich hierbei um das Actionabenteuer „Bulletproof Monk - Der kugelsichere Mönch“, den Krimi „The Italian Job“, das Kriegsdrama „Wir waren Helden“ und den Thriller „Die Stunde des Jägers“ - wobei die beiden letzteren Filme jeweils in der FSK18-Fassung veröffentlicht werden. Der Horror-Streifen „Underworld“ soll als Extended Cut (ebenfalls FSK18) im Oktober, der Fantasy-Film „Timeline“ im Dezember folgen. Alle Titel sollen im 720p-Format mit einer Datenrate von 8 MBit/s gespeichert sein und können ab August im Webshop von high-def zum Preis von jeweils 25 Euro zuzüglich Versand vorbestellt werden.
Der Zeitpunkt ist geschickt gewählt: Lassen sich die WMV-HD-Scheiben bislang nur auf potenten Windows-PCs abspielen, sollen bis dahin schon KiSS Technologys Standalone-DVD-Player der 600er-Serie verfügbar sein, die hochauflösende Videos in den Formaten MPEG-2, DivX und WMV abspielen können. Kinowelt hat indes die Veröffentlichung der schon angekündigten Special Edition des Science-Fiction-Films „Total Recall“ mit WMV-HD-Fassung auf unbestimmte Zeit verschoben. Nach unbestätigten Berichten war man nicht mit der Qualität des Ausgangsmaterials zufrieden.
Auf Sendung
HDTV gibt es natürlich auch weiterhin über DVB - und zwar künftig nicht mehr nur über Satellit: So will der nordrhein-westfälische Kabelnetzbetreiber ish ab dem dritten Quartal das Programm des europäischen HDTV-Senders Euro1080 in Originalauflösung (1920 x 1080 Bildpunkte bei einer Bildwiederholfrequenz von 50 Halbbildern pro Sekunde) in Teile seinen Kabelnetzes einspeisen. Zu empfangen soll das hochauflösende TV-Programm dann in den bereits modernisierten ish-Kabelnetzen in Köln, Düsseldorf, Bochum und Dortmund sein.
Laut ish wird sich Euro1080 für eine noch nicht genannte Gebühr einzeln abonnieren lassen. Für den Empfang des verschlüsselten Programms ist ein HDTV-tauglicher Kabel-Receiver mit Conditional-Access-Modul (CAM) nötig, den ish selbst nicht anbieten will. Auch Kabel Baden-Württemberg führt nach eigenen Angaben seit einigen Monaten Gespräche mit Euro1080 über eine Einspeisung.
Am 1. September will sich der Sender übrigens in „HD1“ umbenennen, um zu verdeutlichen, dass man der erste (und bislang einzige) europäische HDTV-Sender ist. Zusammen mit der Namensänderung ist eine Frischzellenkur für das Programm geplant: Strahlt der Sender nach eigenen Angaben bislang in einer Schleife seit seinem offiziellem Start 180 Stunden HD-Programm aus (was 32 Wiederholungen entspricht), will man über die ersten vier „HD1-Monate“ alleine 500 Stunden neuen Content bieten (rund sechs Wiederholungen).
Versprochen wird ein Mix aus Rockmusik, Sport, Lifestyle, Konzerte und Opern - womit sich das neue Angebot auf den ersten Blick nicht allzu sehr vom bisherigen unterscheidet, das zuletzt mit einem Ăśberangebot an Volleyball-Mitschnitten nervte. Hoffnung macht jedoch die AnkĂĽndigung, dass Euro1080 alias HD1 ab dem 1. Dezember ĂĽber Untertitel und eine zweite Audiospur fĂĽnf Sprachen bietet, was Voraussetzung fĂĽr ein europaweites Angebot an Spielfilmen und Dokumentationen ist.
Auf Landesebene soll hochauflösendes Fernsehen im kommenden Jahr in Frankreich starten: Der dortige Pay-TV-Sender TPS plant die Einführung eines HDTV-Programms für 2005 - und würde damit noch vor dem britischen Sky-HDTV-Angebot liegen, das für 2006 geplant ist. Als erster Kanal wird „TPS Star“ in HD ausgestrahlt, später könnten die Vollprogramme TF1 und M6 hinzukommen.
TPS will bei der Übertragung seines High-Definition-Angebotes allerdings nicht auf das bislang stets für HDTV verwendete Video-Kompressionsverfahren MPEG-2 setzen, sondern auf das effizientere MPEG-4. Nach Angaben von TPS-Chef Emmanuel Florent wäre damit sogar eine terrestrische Verbreitung denkbar, ohne damit gleich ein ganzes Bouquet zu belegen. Für eine Übergangszeit plant TPS nach eigenen Angaben aber die parallele Ausstrahlung in MPEG-2 und -4 über Eutelsat.
Der französische Sender TF1, seines Zeichens neben M6 Eigentümer von TPS, versorgte während der CeBIT 2004 bereits den Settop-Box-Hersteller Sagem via Satellit mit Demo-Sendungen in „Haute Définition“. Zudem tauchten in Branchenblättern immer wieder (bislang unbestätigte) Berichte auf, dass der TF1-Tochtersender Eurosport über TPS die Fußballweltmeisterschaft 2006 in HD ausstrahlen wird. Der deutsche Pay-TV-Sender Premiere hat bereits offiziell die Übertragung der WM 2006 in High Definition angekündigt.
High-Definition-Recording
Auch bei der Aufzeichnung von HDTV-Sendungen geht es voran: Neben dem für August von Panasonic angekündigten Videorecorder, der erstmals auch doppelschichtige Blu-ray Discs benutzen können soll (siehe S. 34), will Sharp ab dem 30. Juli einen HDTV-tauglichen DVD-Recorder mit Festplatte namens „DV-HRD200“ anbieten - wie auch das Panasonic-Gerät soll dieser allerdings vorerst nur in Japan erscheinen. Das Modell zum Netto-Preis von 210 000 Yen (rund 1600 Euro) ist gleich mit einem Tuner zum Empfang von via Satellit oder terrestrisch verbreiteten digitalen HDTV-Programme ausgestattet, kommt aber ebenso mit analog verbreiteten TV-Programmen zurecht.
Die 400-GByte-Festplatte des Recorders soll bis zu 34 Stunden Video in HDTV-Auflösung fassen und reicht nach Herstellerangaben bei analogem TV in Format NTSC je nach eingestellter Qualität sogar für 95 bis 390 Stunden. Maximal kann jeweils zwölf Stunden am Stück aufgezeichnet werden. Auf der japanischen Sharp-Website sind zudem bereits die Varianten DV-HRD20 und DV-HRD2 genannt, die mit 250- und 160-GByte-Festplatte ausgestattet sind und 21 beziehungsweise 13 Stunden HD-Video fassen.
Neben zwei iLink-Anschlüssen für Video-Einspeisungen vom Camcorder besitzt der Recorder laut Sharp noch einen Ethernet-Anschluss mit bislang nicht genannter Übertragungsgeschwindigkeit für „künftige Erweiterungen“. Unklar ist, ob der DV-HRD200 darüber später auch als HD-Video-Server dienen kann. Schließlich besitzt der DV-HRD200 noch einen digitalen Videoanschluss, den Sharp nicht näher benennt - hierbei könnte es sich um einen kopiergesicherten HDMI-Ausgang handeln.
Ausblick
Mit Spielfilmen auf WMV-HD-Discs und neuen beziehungsweise neu belebten HDTV-Sendern bekommen die europäischen Fans hochauflösender Videos in Kürze endlich mehr als nur Demomaterial. Und spätestens dann sind die Verfechter von Blu-ray Disc und HD-DVD gefordert, ihrerseits ein überzeugendes Software-Angebot zu liefern. Kein Wunder also, dass in den USA bereits ein Kampf um das Filmstudio MGM mit seinen 4000 Filmen ausgebrochen ist. Zuletzt lag das Angebot des Konsortiums um den Blu-ray-Disc-Verfechter und Columbia-TriStar-Eigner Sony bei fünf Milliarden US-Dollar, während HD-DVD-Unterstützer AOL Time Warner 4,7 Milliarden US-Dollar zahlen wollte. (nij)
Literatur
[1] Nico Jurran, Kopf-an-Kopf-Rennen - Der Kampf um die HD-Disc-Formate ist entbrannt, c't 7/04, S. 27
[2] Nico Jurran, TV mit mehr Format - Der erste europäische HDTV-Sender geht auf Sendung, c't 26/03, S. 82
[3] Nico Jurran, Nico Jurran, Eine Brustlänge voraus - Die erste deutsche HD-DVD, c't 10/04, S. 36
(nij)