Drahtlos auf die Hand

Die Tage sind gezählt, an denen es die Internet-Post nur über teure Firmenlösungen bis in die Hemdtasche des Empfängers geschafft hat. Statt Geschäftspartner oder Freunde per Mail-Autoreply auf eine Handy-Nummer zu vertrösten, kann man deren Botschaften dank GPRS und Co auch ohne Schlepptop unterwegs lesen.

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Von
  • Peter SchĂĽler
Inhaltsverzeichnis

So einfach das ist, mal eben eine SMS zu schreiben - viel weiter hilft eine E-Mail, die sich nicht auf zwei Sätze beschränken muss. Diese kann auch ein Bild mitbringen, lässt sich per Signatur schützen und hält vielleicht mit einem Mausklick auch den Terminkalender des Empfängers auf dem Laufenden. Doch bislang lag die Hürde für den drahtlosen E-Mail-Empfang reichlich hoch: Spezialisierte Endgeräte à la Blackberry kamen von Haus aus nur für aufwendige Firmenlösungen in Betracht. Bei inzwischen verfügbaren, erschwinglichen Lösungen für Privatleute sind andere Feinheiten zu berücksichtigen. Zunächst einmal gilt es, beim regelmäßigen Download eines gefüllten Postverzeichnisses Gebührenfallen zu umgehen - etwa durch den Ausschluss von Mails, die sich auf dem Handy ohnehin nicht angemessen darstellen lassen. Insbesondere Spam kann die drahtlose Übertragung ausbremsen und zugleich verteuern.

E-Mail-Lösungen für Handy-Nutzer sind nach drei Gesichtspunkten zu klassifizieren: Das erste Merkmal legt fest, ob beliebige Nachrichten direkt zum Handy gelangen oder ob sie immer erst der Prüfung eines speziellen Gateways standhalten müssen. Für die zweite Unterscheidung kommen sogar drei Alternativen in Betracht: Entweder jede Mail wird sofort automatisch ausgeliefert oder sie wartet auf dem Server, bis der Empfänger sein Postfach in einem Rutsch auswertet. Oder aber die Mail bleibt prinzipiell auf dem Server und der Empfänger lässt sie sich dort wie bei einem Web-Mailer seitenweise vorzeigen. Drittens stehen drei Szenarien zur Wahl, welche Informationen sich auf dem Handy nutzen lassen. WAP-Mail beschränkt sich ähnlich wie eine SMS auf den reinen Text, während die Botschaften von einem POP- oder IMAP-Server mit den verschiedensten Anhängen daherkommen können, ob das Handy damit nun etwas anzufangen vermag oder nicht. Den Mittelweg beschreitet die Blackberry-Mail, in der Attachments in den gängigen Formaten für Office-Dokumente vorkommen können und für welche die Blackberry-Clients ihre eigenen Dateibetrachter schon mitbringen. Dieser Nachrichtenkanal ermöglicht zugleich auch noch weiteren Datenaustausch, etwa den Abgleich mit heimischen Adress- oder Aufgaben-listen, ähnlich wie bei der Synchronisation zwischen PDA und Desktop.

Für jede Spielart kommen nur bestimmte Geräte und Dienstanbieter in Betracht, und dafür entstehen auch sehr unterschiedliche Kosten. Eine Marktübersicht der von Mobilfunk-Providern angebotenen Dienste füllt den letzten Teil dieses Beitrags.

Die Prospekte und Webseiten der Funknetzbetreiber sind nicht nur unĂĽbersichtlich, sondern auch geduldig. Oft stellt sich erst nach akribischem Nachfragen heraus, was mit einem bestimmten Handy geht und was nicht. Diesen praktischen Fragen widmet sich ein gesonderter Beitrag auf Seite 144.

Der aufwendigste Weg zur Überall-E-Mail war bislang der erfolgreichste: Research in Motion (RIM) brachte zigtausende seiner Blackberry-Pager unters Geschäftsvolk, und jedes dieser Geräte hing zwangsweise am Tropf eines teuer zu erstehenden Blackberry Enterprise Servers, der wiederum mit einem Microsoft-Exchange- oder Lotus-Dominoserver zusammen spielt.

Nach diesem Modell verkehrt ein mobiler Client immer nur mit der zuständigen Firmen-Mail-Zentrale, die zugleich als Filter agiert. So kann der Benutzer noch im Büro vorgeben, welche Mails er auf Reisen nachgeschickt bekommen will und profitiert automatisch vom Spamfilter und Virenschutz seines Firmennetzwerks. Außerdem kann er sich darauf verlassen, dass die automatisch verschlüsselte Mail auf dem Weg vom Firmen-Server bis in seine Hemdtasche vor Manipulationen und ungebetenen Mitlesern geschützt ist und darf das Archivieren der Botschaften getrost dem Mail-Admin in der Firma überlassen.

Der Ansatz hat Schule gemacht: Ähnliche Lösungen wie Blackberry offerieren auch Konkurrenten wie Space2go oder Smartner. Für kleinere Geldbeutel gibt es zum Beispiel Tobits Messaging-Server David.

Der eigene Weiterleitungs-Server kostet allerdings nicht nur Lizenzgebühr, sondern verlangt auch einen allzeit bereiten Rechner zu Hause, der betreut sein will und zudem ständig mit dem Internet verbunden sein muss.

Öffentliche Mailserver im Web geben sich da pflegeleichter. Fast so bequem wie per PC kann man seine Postzustellung auch per Handy organisieren, doch sollte man beachten, dass nicht jede neue Nachricht die teure Übertragung per Funknetz rechtfertigt. Einerseits lassen sich viele Inhalte etwa einer HTML-Mail auf einem Handy gar nicht angemessen darstellen. Andererseits muss ein durchdachtes Konzept auf den Tisch, wo die persönlichen Mails für den späteren Zugriff gelagert werden sollen.

Das Handy mit seinem begrenzten Speicherplatz und gelegentlich tief entladenem Akku eignet sich nicht als zentrales Mail-Archiv, allenfalls als Zwischenspeicher, der einige Nachrichten für die Dauer einer Dienstreise aufbewahrt. Da ist es ganz sinnvoll, dass POP-Clients für Mobiltelefone gar nicht in der Lage sind, Mail auf dem Server zu löschen. So verhindert man nicht nur, dass irgendwann eine wichtige Nachricht der Volumenbegrenzung des Mail-Kontos zum Opfer fällt, sondern verringert auch den Zeitaufwand für die Mail-Abfragen vom Handy aus.

Auch RIM hat seine Dienste neuerdings für private Benutzer geöffnet. Der zum Beispiel von T-Mobile angebotene Service Blackberry-Mail for Consumers lässt sich nutzen wie ein Freemailer, kommuniziert aber nur verschlüsselt mit Blackberry-Clients - seien das Original-Geräte für dieses Protokoll oder Software-Clients, die aktuell für MDA/XDA/Qtek 2020, Palm Treo und Siemens SK 45 angekündigt sind.

Die Post ist da

Die zweite Unterscheidung der unterwegs verfügbaren Nachrichtenkanäle betrifft das Timing der Mail-Zustellung: Push-E-Mail kommt wie eine SMS sofort zum Empfänger und macht diesen mit einem Signalton auf sich aufmerksam. Das funktioniert freilich nur, wenn auch immer eine Internet-Verbindung besteht, zum Beispiel über die Signalling-Kanäle von GPRS. In diesem Fall nutzt der Zusteller einen IP-Port, um die Nachrichten über ein virtuelles Netzwerk auszuliefern.

Wer die Kosten für den ständigen GPRS-Connect scheut und damit auskommt, seine Mails zum selbst gewählten Zeitpunkt herunterzuladen, kann bei praktisch jedem Handy-Provider auch einen herkömmlichen Mailserver nutzen. Dann sind aber regelmäßige Polls fällig, um Wind von neuen Nachrichten zu bekommen - es sei denn, man lässt sich vom Provider per SMS über Postzugänge benachrichtigen.

Nach jedem Entschluss zur Server-Abfrage - zum Download oder zur Anzeige - fällt erst einmal eine Wartezeit an. Und wer beispielsweise in der Bahn spontan seine Fahrzeit auf die E-Mail verwenden will, stellt nicht selten fest, dass der Download gerade dort wegen der Übergänge zwischen Netzwerkzellen, Tunnels und auch sonst mäßiger Signalqualität viel Geduld verlangt. In den meisten Fällen kostet das Abfragen zusätzliches Geld, denn selbst wenn keine neue Mail auf den Abruf wartet, verursacht ein Poll ja etwas Datenverkehr, den man nach KByte oder Minuten bezahlen muss.

Bei der dritten Methode des Mail-Zugriffs gelangen die Nachrichten gar nicht als Dateien aufs Endgerät, sondern werden nach einer Server-Anfrage nur angezeigt, ohne dass man sie auf dem Handy speichern könnte. Diese Vorgehensweise kennt man von Web-Mailern, wo nach einer Server-Anfrage nur eine Webseite erscheint; WAP-Mailserver liefern stattdessen eine WML-Seite, die nicht mehr als etwa 1400 Zeichen Inhalt wiedergeben kann.

Das Warten auf den Server-Output fiele nicht ins Gewicht, könnte man beim Verlassen der Kneipe mal eben nach Mail fragen und diese etwas später im Bus nach Hause durchsehen. Aber Pustekuchen: WAP-Clients laden jede WML-Seite einzeln und nehmen sich dafür sogar unter optimalen Bedingungen zig Sekunden Zeit. Passt die Mail dann nicht ganz auf diese Seite, wird die nächste Wartezeit für Teil 2 fällig und wieder weitere, wenn man am Textanfang noch einmal etwas nachlesen wollte. Nicht einmal Cut and Paste gehört zum Repertoire der uns bekannten WAP-Browser, geschweige denn das Speichern ganzer WAP-Seiten in einem lokalen Posteingangs-Verzeichnis. So geht das Mail-Lesen recht schnell auf die Nerven und ins Übertragungsvolumen, und beim Schreiben muss der Absender vom ersten bis zum letzten Zeichen die WAP-Seite seines Mail-Portals auf dem Browser haben. Setzt die Verbindung einmal zwischendurch aus, stockt auch das Briefeschreiben.

Handy-Mail-Programme, die über POP oder IMAP kommunizieren, sind in der Regel flexibler und können zumindest mit ganzen Mails am Stück umgehen. Die Fähigkeiten, auch lokale Dateien direkt als Mails zu verschicken, unterscheiden sich jedoch von Gerät zu Gerät. Außerdem finden sich POP-Clients meist nur auf neueren und besser ausgestatteten Handy-Modellen, allerdings gibt es für diese Anwendung auch herunterladbare Java-Programme, die sich zumindest auf Handys mit einer passenden Laufzeitumgebung installieren lassen (siehe auch den Beitrag auf S. 144).

"E-Mail per Handy und PDA"
Weitere Artikel zum Thema E-Mail unterwegs finden Sie in der c't 25/2004:
E-Mail-Dienste fĂĽr unterweg S. 140
Handys und Smartphones als E-Mail-Clients S. 144

(hps)