Fernsehen aus dem Telefonkabel

Ein weltweit beachteter Feldversuch startete im Dezember vergangenen Jahres bei den Eidgenossen: Fernsehen übers Telefonnetz. TV-Sendungen strömen jetzt auch via IP und ADSL in die heimische Flimmerkiste.

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Von
  • Tom Sperlich

Kommen TV-Angebote bislang über Kabelfernsehen, Satellit oder Antenne ins Haus, entdecken jetzt Telecoms weltweit ihre Telefonnetze als neuen Verteilkanal. Microsoft, schon länger erpicht auf größere Stücke des lukrativen TV-Markts, tat sich mit Bluewin, dem ISP-Arm des Schweizer Telekomkonzerns Swisscom zusammen, um die neue TV-Vertriebstechnik zu testen. Über ADSL-bewehrte Kupferkabel und meist über eine Settop-Box (STB) testen schon tausende in Ländern wie Österreich und Frankreich, Hong Kong, England, Taiwan oder Monaco so genanntes IPTV (Internet Protocol TeleVision) - mitunter auch „xDSL-TV“ oder „TV over DSL“ genannt. Konsequenz bestandener Tests dürfte wohl eine weit reichende Veränderung der schweizerischen und der internationalen Distributionsschienen für Fernsehinhalte sein.

Laufen Versuche bislang nur unter MPEG-2, setzt Microsoft nun zum Sturm auf die Glotze an, und will dort mit seiner Windows-Media-9-Technik (WM) reüssieren. Die Codecs der WM9-Lösung seien im Vergleich zu MPEG-2 ungefähr drei Mal, zu MPEG-4 zwei Mal so mächtig, betonen Microsoft und Bluewin. Die Kompressionsalgorithmen von WM9, sagt Microsoft, werden eine bandbreitenökonomische Möglichkeit bieten, digitales Fernsehen via IP-Netzwerke zu genießen. Um es vorwegzunehmen: Dieser Wunsch lässt sich, wie der angelaufene Pilottest zeigt, heute noch nicht zur Zufriedenheit der Kunden erfüllen.

In dem weltweit einmaligen Test (aber auch Telecoms anderer Länder haben IPTV-Tests mit Microsoft beschlossen) - lange angekündigt, tatsächlich begonnen Ende 2004 - erhalten mehr als 600 Deutschschweizer Haushalte allerlei Fernsehangebote via ADSL: vom regulären Free-TV über Miet-Videos (VoD) bis zu exklusivem Pay-TV. Bewähren muss sich die von der Microsoft TV Division entwickelte IPTV-Technik; der Prototyp wurde im Oktober 2003 auf der ITU Telecom-Messe in Genf vorgestellt. Unter dem Namen „Microsoft TV & IPTV Solution“ werden die WM9-Codecs sowie sonstige WM-Komponenten, etwa das Digital Rights Management (DRM), offeriert. So auch der Streaming Server WM Services 9, der bei der Schweizer IPTV-Lösung zusammen mit dem Windows 2003 Server auf einem Cluster in den Swisscom/Bluewin-Rechenzentren läuft.

Das Interface für den Zuschauer ist die Settop-Box (STB) Thomson IP1001 unter dem Embedded-Betriebssystem Windows CE .NET 5.0, gepowert von einem Intel Pentium III (933 MHz) sowie einem Intel 830M4 Grafik-Chipset. Die 80-GByte-Festplatte des digitalen Videorecorders (DVR) stammt von Maxtor, bietet Platz für etwa 80 bis 100 Stunden Video und ist leider extern. Da die Settop-Box, anders als ihr Name vorgibt, zu groß ist, um sie oben auf der Flimmerkiste zu platzieren, wird es eng rund um das TV-Gerät. Zu STB und DVR gehören auch die bekannte, praktische Time-Shift-Funktion (zeitlich versetztes Anschauen von Live-Sendungen) sowie ein Programmführer (EPG). Mit ihm können Sendungen des Free- und Pay-TV für eine Speicherung direkt ausgewählt werden.

Auf der STB ist auch Microsofts DRM-System „Windows Media DRM for Network Devices“ implementiert. Es stellt den Anbietern von Film- oder Musik-Abonnements jetzt eine Zähl- und Abrechnungstechnik zur Verfügung - etwa für „Pay-as-you-Play“, wodurch sich jedes Abspielen von Inhalten einzeln verrechnen lässt. Wenn die Fernsehdaten denn ankommen: Wenige Tage nachdem der Autor „on-tv-line“ war, gab es in Teilen des Züricher bluewin/Swisscom-Netzes größere Störungen und damit für mehrere Stunden weder Internet noch TV.

Die notwendige Echtzeit-Kodierung der Free- (und PayTV-)Inhalte übernimmt der Hardware-Encoder EN5920 von Tandberg Television. Kürzlich neu überarbeitet, nutzt er erstmals den WM Video 9 Advanced Profile Codec, der speziell „Interlaced Encoding“ für TV-Einsatz bietet. Im Vorfeld gaben Bluewin und Microsoft bekannt, dass das gesamte Film- und TV-Bouquet mit 1,5 MBit/s gestreamt würde, womit in Labortests „annähernd DVD-Qualität erreicht wurde“. Tatsächlich wird „Bluewin-TV“, so nennt sich das ADSL-Fernsehangebot, jetzt mit 2,0 MBit/s übertragen. Dennoch, so zeigt die Erfahrung, ist die Bildqualität bei schnellen Kamerabewegungen (etwa bei Sportsendungen) noch unbefriedigend, denn es entstehen starke Unschärfen, gelegentlich sogar „Ruckler“, was den Sehgenuss maßgeblich beeinträchtigt. Was das Problem verursacht, ob Encoding/Codec, Kompressionsrate oder mangelnde Bandbreite, war bis Redaktionsschluss noch nicht definitiv klar. Bluewin jedenfalls will zusammen mit Microsoft und Tandberg Nachbesserungen erarbeiten, die noch im bis Februar laufenden Test implementiert werden sollen.

Obwohl Bluewin-Geschäftsleitungsmitglied Mike Zumsteg vor Testbeginn erklärte, dass „für den kommenden TV-Trial mit Microsoft das bestehende Angebot von ADSL völlig ausreicht“, ist dem wohl nicht so. Denn ein weiteres Problem liegt darin, dass das mit jeder herkömmlichen TV-Ausrüstung mögliche gleichzeitige Sehen eines Programms und Aufnehmen eines anderen bei Bluewin-TV nicht möglich ist. „Die aktuelle ADSL-Infrastruktur erlaubt dies im Moment nicht“, lautet Bluewins knapper Kommentar. Aber natürlich arbeite man an dem Problem.

Intern ist bei Swisscom allerdings schon längst die Debatte über ein Netz-Upgrade eröffnet: Neben den Alternativen neuer, verbesserter DSL-Varianten wie ADSL2plus (ITU G.992.5), das bis etwa 20 MBit/s Downstream und 1 MBit/s Upstream bietet, wird vor allem VDSL (Very High-Speed Digital Subscriber Line) immer wieder ins Gespräch gebracht. Bis zu 52 MBit/s Up- und Downstream lassen sich per VDSL versenden, mit dem großen Vorteil, auch weiterhin die gute, alte Kupferzweidrahtleitung nutzen zu können. (pmz)