Das Beste aus zwei Welten
Linux oder Windows? Den Streit um das beste System tragen nur noch Betriebssystemfetischisten untereinander aus. Die klĂĽgere Devise lautet: einfach das Beste aus beiden Systemwelten nutzen.
Verirrt man sich in einschlägige Internetforen, könnte man meinen, dass wenig die Computerwelt so bewegt wie die Frage nach dem richtigen Betriebssystem. Windows oder Linux, Mac OS oder FreeBSD - viele Anwender, so scheint es, sind ihrem System in einem Bund wenn nicht fürs Leben, so doch zumindest bis zum nächsten Update fest verbunden.
Dabei birgt der Flirt mit fremden Rechnerwelten durchaus seine Reize. Auch wenn die fanatisch Monogamen das anders sehen mögen: Kein System ist perfekt, jedes hat seine speziellen Stärken und Schwächen. Warum sollte man nicht das stabilste Betriebssystem mit der sichersten Firewall und der bequemsten Bedienoberfläche kombinieren, seine liebsten Administrationstools dazupacken und für jede Aufgabe genau die Anwendung nehmen, die den Job am besten erledigt?
Einklang
Die Systemwelten sind nämlich gar nicht so unvereinbar, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Ob man der vertrauten Umgebung durch Fremd-Programme neuen Glanz verleiht, das neue System als heimliche Affäre in einem virtuellen PC auf dem vertrauten Desktop versteckt oder gleich einen ganzen Harem verschiedener Betriebssysteme samt Bootmanager auf der Festplatte installiert: Es gibt viele Wege, sich mit einem neuen System einzulassen. So können Windows-Themes dem Linux-Desktop eine vertraute Optik überstülpen, was dem einen oder anderen Anwender die Angst vor dem Neuen nehmen mag. Umgekehrt lässt sich Windows optisch aufpeppen, was manchmal schon ausreichen mag, die Abenteuerlust zu stillen.
Linuxern, die insgeheim von Windows-Anwendungen träumen - oder sie schlichtweg für die tägliche Arbeit benötigen -, ist mit bloßer Fensterkosmetik natürlich nicht geholfen. Wine lautet das Zauberwort, sollen Windows-Programme auf dem Linux-Desktop laufen. Selbst solche Brocken wie der Internet Explorer oder MS Office funktionieren mit dem Windows-Nicht-Emulator (Wine steht für „Wine Is Not an Emulator“, siehe S. 88). Und wem der Umgang mit Wine zu umständlich ist: Codeweavers CrossoverOffice ergänzt die freie Software um zahlreiche Komfortfunktionen und Support [1].
Um unter Windows echte Linux-Gefühle aufkommen zu lassen, braucht man mindestens die Cygwin-Tools [2]. Enthalten sind neben allen wichtigen Unix-Kommandozeilentools auch des Linuxers liebstes Spielzeug, die Bash. Mit Cygwin/X, einem X-Server samt einigen X11-Klassikern wie xterm und xeyes und ein paar typischen Unix-Programmen von Emacs bis Python ist von Windows nicht mehr viel zu spüren. Microsofts Windows Services for Unix erreichen einen ähnlichen Effekt mit einem etwas anderen Ansatz [3]: Sie erweitern Windows um ein Unix-Subsystem mit POSIX-Programmierschnittstelle, sodass sich Linux-Programme ohne Emulationsbibliothek à la Cygwin übersetzen und ausführen lassen. X11-Grafik wird dabei direkt auf das Windows-GUI abgebildet.
Partnervermittlung
Wer ernsthaft mit einem anderen Betriebssystem anbändeln will, dessen Appetit dürfte sich durch Unix- oder Windows-Emulationen wie Cygwin und Wine nicht dauerhaft stillen lassen. Windows-Anwendern mit Lust auf Linux steht ein besonders einfacher Weg offen: Ein von CD laufendes Linux wie das Knoppix aus c't 4/04 ist perfekt, um sich ohne Risiken und Nebenwirkungen einen Eindruck von dem PC-Unix zu verschaffen [4]. Für Linuxer gibt es keine derart bequeme Einstiegsdroge - Microsoft geht wahrscheinlich davon aus, dass sowieso jeder Computernutzer Windows kennt.
Wenn sich der unverbindliche Flirt mit der Knoppix-CD zur dauerhaften Linux-Liaison auswächst, muss Windows etwas zur Seite rücken, um Platz für ein Zweitbetriebssystem zu schaffen. Gründe für den Parallelbetrieb beider Systeme gibt es viele: So kann man unter Linux ohne Angst vor Viren und Trojanern surfen, mailen und seine Bankgeschäfte erledigen, das LAMP-System des Webhosters bis ins letzte Patchlevel der Software nachbauen oder seine Programmierkünste an der Vielzahl der freien Compiler und Interpreter üben, ohne auf die aktuellen 3D-Ego-Shooter, die Steuererklärungsanwendung, das Multimedia-Lexikon und all die anderen vertrauten, bewährten und nützlichen Windows-Programme zu verzichten.
Auch wenn der Mythos, die Linux-Installation sei nur vom Informatikstudenten aufwärts zu bewältigen, längst überholt ist: Bei der Parallelinstallation mehrerer Betriebssysteme mit freier Wahl beim Booten gilt es einige Untiefen zu umschiffen. Ab Seite 80 beschreiben wir, was im Vorfeld zu bedenken ist, wo Fallen lauern, wie man mit Bootmanagern umgeht, was beim Partitionieren zu beachten ist - und wie man die Probleme löst, die aller Vorsicht zum Trotz manchmal eben doch auftreten können.
Unter die Haut
Aber die wachsende Leidenschaft für die Reize eines anderen als des installierten Betriebssystems muss nicht im gleichberechtigten Miteinander auf der Festplatte enden. Die Alternative heißt Vmware: die Emulation eines kompletten PC, der mit Linux im Fenster auf dem Windows-Desktop läuft - und umgekehrt [5]. Wer Windows als Hauptsystem treu bleiben will, kann auch zu Microsofts VirtualPC greifen [6]. Zwar unterstützen die Redmonder das PC-Unix nicht offiziell als Gastsystem, dennoch funktioniert es problemlos. Mit der Serenity Virtual Station (Svista) ist unlängst ein weiterer Mitspieler im Markt der PC-Emulatoren aufgetaucht, der neben Linux und Windows auch OS/2 als Wirt und Gast unterstützt [7].
Der PC im PC eröffnet interessante Einsatzfelder. So kann man damit ohne allzu großes Risiko die Firewall zwischen LAN und Internet statt auf einem eigenen Rechner auf einer auch für andere Zwecke genutzten Maschine laufen lassen - etwa, indem man die Linux-Firewall IPCop in eine virtuelle Maschine auf einem Windows-PC steckt (siehe S. 96). Neuere Linux-Distributionen mit dem Kernel 2.6 machen der aktuellen Vmware-Version für Windows allerdings gelegentlich Probleme: Fedora Core 3 läuft sehr langsam, Suse Linux 9.2 konnten wir gar nicht zum Funktionieren überreden.
Natürlich kann man Vmware auch verwenden, um unter Linux ein Windows XP mit MS Office und den liebsten Shareware-Tools laufen zu lassen. Allerdings ist das ein nicht ganz billiger Spaß: Zu den Kosten von Windows-Programmen und -Betriebssystem kommen die mindestens 190 US-Dollar für Vmware. Zudem benötigt der PC im PC Platz auf der Platte, zusätzlichen Hauptspeicher und CPU-Power. Win4Lin bietet im Prinzip Ähnliches für 90 Dollar, funktioniert allerdings nur mit den DOS-basierten Windows-Versionen bis Windows ME [8] - da wird man mit Wine oder CrossoverOffice häufig genau so weit kommen.
Wenn Performance keine Rolle spielt, kann man sein Glück auch mit dem freien Projekt Bochs versuchen [9]. Während Vmware die meisten x86-Instruktionen im Programmcode direkt an den Prozessor durchreicht und lediglich privilegierte Operationen abfängt, setzt Bochs jeden Maschinenbefehl in eine Folge von Anweisungen um. Der Emulator läuft so (zumindest theoretisch) auf jeder Hardwarearchitektur, verlangsamt aber die Programmausführung auf einen Bruchteil der originalen Geschwindigkeit. Soll Linux auf den Windows-PC, existiert mit coLinux eine kostenlose Lösung, die technisch einen ganz anderen Weg geht. Wo VMware einen kompletten PC emuliert, auf dem Linux installiert wird, lässt coLinux den Linux-Kernel als Anwenderprozess unter Windows laufen. Darauf kann dann eine vollständige Linux-Distribution aufsetzen - der Artikel ab Seite 84 erläutert die Details.
Literatur
[1] CrossoverOffice
[2] Cygwin
[3] Unix fĂĽr Windows, c't 10/04, S. 66
[4] Knoppix
[5] VMare
[6] VirtualPC
[7] Svista
[8] Win4Lin
[9] Bochs
[11] Mac on Linux
[12] SheepShave
[13] Ilka Siegling, tuxBook, Debian-Linux auf einem Apple iBook, c't 3/04, S. 176
[14] Qemu
[15] Darwine
[16] Fink
[17] Ports fĂĽr Mac OS X
[18] Xdarwin
[19] X11 fĂĽr Mac OS X
Versuchung
Und wenn sich die Leidenschaften auf den Mac richten? Kein Problem, so lange es nur um äußere Werte geht: Mac-OS-Themes existieren für Windows wie für die Linux-Desktops KDE und Gnome. KDE kann sogar die Menüleiste des aktiven Programmes Mac-like am oberen Bildschirmrand platzieren. Sollen allerdings Mac-Programme unter Windows oder Linux/x86 laufen, wird es kompliziert, da der PC neben der OS-X-Systemumgebung auch die Power-PC-Hardware emulieren muss. Aber mit PearPC existiert ein freier PPC-Emulator, der Mac OS X im Windows- oder Linux-Fenster bootet [10]. Die Software befindet sich allerdings noch in einem recht frühen Entwicklungsstadium.
Einfacher ist es, wenn man Linux auf der PowerPC-Plattform einsetzt: Dann bringt Mac on Linux OS-X-Programme auf den Linux-Desktop [11]. Und wenn es nicht OS X sein muss: Anwendungen für Mac OS bis Version 9.0.4 laufen auch mit SheepShaver [12]. Die Mac-OS-Laufzeitumgebung mit eingebauter PowerPC-Emulation ist nicht auf PPC-Rechner beschränkt, läuft aber mit Linux/ppc am besten. Und selbstverständlich ist auch ein Dual-Boot-System mit Linux/ppc und Mac OS X möglich [13].
Umgekehrt ist eine x86-Emulation nötig, will man Windows-Programme auf den Mac bringen. Die große Lösung ist VirtualPC [6]. Wie VMware emuliert die Software aus dem Hause Microsoft einen kompletten PC, in dem ein vollständiges Windows läuft. Das kostet eine Menge Ressourcen; und wie VMware ist auch VirtualPC nicht ganz billig. Das kostenlose Qemu spiegelt Programmen auf PPC-Rechnern eine x86-CPU vor [14]. In Kombination mit Darwine [15], einem Wine-Port auf Mac OS X, lassen sich Windows-Programme unter OS X ausführen - theoretisch zumindest, in der Praxis sind sowohl Qemu als auch Darwine nur bedingt für den Produktiveinsatz geeignet.
Viel leichter lässt sich Mac OS X mit Linux-Programmmen verheiraten: Die meisten Open-Source-Programme kann man via Fink [16] oder aus der Darwinports-Kollektion [17] direkt installieren oder zumindest aus den Quelltexten übersetzen. Grundvoraussetzung für alle GUI-Anwendungen ist allerdings ein X-Server, den übrigens auch Darwine voraussetzt. Hier helfen das Xdarwin-Projekt [18], ein OS-X-Port von XFree86 4.4, oder Apple selbst [19].
| "Windows und Linux" | |
| Weitere Artikel zum Thema "Windows und Linux" finden Sie in der c't 2/2005: | |
| Windows und Linux parallel installieren | S. 80 |
| Linux als Systemdienst fĂĽr Windows | S. 84 |
| Windows-Programme unter Linux | S. 88 |
| Linux-Firewall unter Windows | S. 96 |
(odi)