Lautstarkes Branchentreffen
Der Vormarsch der DJ-Fraktion auf der Musikmesse scheint unaufhaltsam: rund die Hälfte der traditionell für elektronische Musikinstrumente und Artverwandtes reservierten Halle 5.1 war von Herstellern aus dem Bereich der Tanzflächenbeschallung belegt, die geräuschvoll ihr neuestes Disco-Equipment präsentierten. Die interessanteren Neuheiten gab es allerdings abseits des lärmenden Infernos zu entdecken.
- Christoph Laue
- Alexander Oberdörster
Dabei liegen bei den Neuheiten seit einigen Jahren die Software-Hersteller vorn. Technisch versierte und experimentierfreudige Anwender sind die Zielgruppe für Reaktor 5. Die visuelle Entwicklungsumgebung für Software-Instrumente und -Effekte hat Hersteller Native Instruments um eine Ebene namens Core erweitert. Sie liegt unter den bisherigen Schichten und ermöglicht die Konstruktion von Filtern, Oszillatoren und anderen Funktionsgruppen aus Logik- und Speicher-Bausteinen. Die „verkabelten“ Module lassen sich als Makros speichern und auf der nächsthöheren Ebene von Reaktor 5 weiterverwenden. Wer nicht ganz so kleinteilig arbeiten will, kann auf einen erweiterten und von einigen Einschränkungen älterer Reaktor-Versionen befreiten Vorrat fertiger Makros zurückgreifen. Das Erscheinungsbild der fertigen Ensembles lässt sich nun mit selbst entworfenen Hintergründen und Bedienelementen hübscher beziehungsweise funktionaler gestalten. Reaktor 5 wird 500 Euro kosten, das Update von Version 4 rund 150 Euro; die Auslieferung soll im Mai beginnen.
Gitarristen will Native Instruments mit der Guitar Combos benannten Serie virtueller Röhrenverstärker ansprechen. Die drei Modelle Twang, Plexi und AC Box sind Derivate aus der hauseigenen modularen Gitarren-Software Guitar Rig und jeweils mit typischen Effekten verschaltet. Die Combos sollen ab Ende April verfügbar sein und einzeln jeweils rund 70 Euro, als Paket 180 Euro kosten.
An Apples Stand dozierte ein gut gelaunter Mousse T. über den praktischen Einsatz des Audio-Sequencers Logic Pro. Dessen neue Version 7.1 rüstet endlich die von vielen Anwendern geforderte Latenz-Kompensation für Plug-ins nach. Eine erweiterte Unterstützung von Apple-Loops und die einfachere Übernahme von GarageBand-Projekten sollen die Brücke zu den Musik-Einsteigern schlagen. Mit der Option „Follow Song“ kann man Audio-Aufnahmen auch ohne vorherige Bearbeitung an das Song-Tempo anpassen. Effekte wie der virtuelle E-Bass-Verstärker BassAmp Pro sowie zwei neue Synthese-Instrumente erweitern den Funktionsumfang, neue Tastatur-Kurzbefehle und die Unterstützung für weitere Hardware-Controller sollen den Bedienkomfort verbessern. Das Update auf Logic Pro 7.1 ist laut Apple noch im April für rund 20 Euro erhältlich, wegen seines Umfangs nur nach Bestellung auf CD- oder DVD-ROM.
Konkurrent Steinberg, unlängst von Pinnacle an den Audio-Branchenriesen Yamaha verkauft, hatte wenig Sensationelles im Gepäck: Der virtuelle Luxus-Flügel The Grand kommt in Version 2 mit reduziertem RAM-Bedarf, Raumklang und noch mehr Samples von Spielgeräuschen. Der Audio-Editor Wavelab 5 ist nun kompatibel zu den Audio-Entstörungslösungen des Denoiser-Spezialisten Algorithmix. Auf einer eigenen Fläche zeigte Steinberg außerdem die Ergebnisse von Kooperationen mit anderen Firmen. So nutzt der Prototyp einer zusammen mit Sony entwickelten SACD-Mastering-Lösung das ASIO-Protokoll nach der neuen Spezifikation 2.1 für die Aufnahme und Wiedergabe von Audio im DSD-Format. Als Software soll eine erweiterte Version des SonicStage Mastering Studio zum Einsatz kommen. Um den wachsenden Mobiltelefon-Markt für Musiker zu erschließen, stellt Nokia mit der Nokia Audio Suite ein kostenloses VST-Instrument zum Komponieren und Bearbeiten von Klingeltönen zur Verfügung.
Interessanten Software-Projekten widmen sich auch kleinere Firmen. So zeigte Arturia erste Versionen der auf Physical-Modeling-Grundlage arbeitenden Blasinstrumenten-Simulation Brass. Diese erzeugt die Klänge von Trompete, Posaune und Saxophon und erlaubt die Steuerung verschiedener typischer Parameter wie Timbre, Vibrato und Anblasdruck in Echtzeit. Ein Riff-Sequencer mit fertigen Phrasen soll weniger versierten Anwendern den realitätsnahen Einsatz des Instruments erleichtern. Brass soll im Verlauf des Sommers in den Handel kommen, der Preis ist noch nicht bekannt. Den Saiteninstrumenten hat sich dagegen AAS mit dem String Studio Synthesizer verschrieben, der ebenfalls per Physical Modeling die Klangeigenschaften von Instrumenten wie Violine, Cello oder Harfe nachbildet.
Jenseits von Software
Daran, dass man auch mit Hardware-Instrumenten Musik machen kann, erinnerte wieder einmal die vom Berliner Analog-Spezialisten SchneidersBuero organisierte „Superbooth“. Unter deren Dach zeigten diverse Klein- und Kleinstunternehmen ihre zum Teil sehr originellen Instrumente und Effektgeräte. Zu sehen gab es fast ausschließlich Analoges, vom monophonen Mini-Synthesizer in Eigenbau-Optik à la MFB Synth II über Doepfers umfangreiche Modular-Systeme bis hin zu Experimentellem wie EOWaves Bandmanual-Instrument Persephone. Der starke Andrang ließ erkennen, dass das Interesse an Handfestem auch in Zeiten leistungsfähiger Rechner und immer neuer Software-Instrumente groß ist.
Die beiden neuen Hardware-Synthesizer Minimax ASB und Profit-5 ASB, mit denen der deutsche DSP-Kartenhersteller Creamware nach wirtschaftlichen Problemen wieder auf Erfolgskurs kommen will, gleichen ihren analogen Vorbildern Minimoog und Prophet-5 freilich nur äußerlich: In den metallenen Tischgehäusen mit Holzbacken und etlichen Bedienelementen stecken SHARC-Prozessoren, denen Software jeweils sechs Stimmen entlockt. Via USB und Remote-Software lassen sich die Instrumente an Windows-PCs anbinden, von dort aus allerdings nur fernbedienen - Audio-Daten werden nicht über den USB übertragen. Minimax ASB soll rund 800 Euro kosten und ab Juni erhältlich sein, der rund 900 Euro teure Profit-5 ASB folgt laut Creamware im August.
Wer viele Audio-Quellen gleichzeitig aufnehmen und nicht auf ein analoges Mischpult verzichten will, kann nun aus mehreren Kompakt-Mixern mit FireWire-Schnittstelle wählen: Die drei Modelle aus Mackies Onyx-Serie versorgen die anspruchsvolle Homerecording-Kundschaft mit 12 bis 16 Eingangskanälen, verschiedenen Routing-Möglichkeiten und einem internen Talkback-Mikrofon. Für die Anbindung an den Rechner ist eine getrennt erhältliche FireWire-Karte erforderlich, die bis zu 16 separate Audio-Kanäle mit bis zu 24 Bit und 96 kHz zum PC oder Mac und eine Stereo-Summe zurück zum Mixer überträgt.
Fest eingebaut ist die FireWire-Schnittstelle dagegen in die Mischpulte der auf Einsteiger und Live-Anwendungen zielenden MultiMix-Serie von Alesis. Diese gehen mit acht bis 16 Eingängen - davon vier oder acht mit Mikrofon-Vorverstärkern - und einer eingebauten Multieffekt-Sektion an den Start. Kompatibel sind die Geräte von Alesis ebenso wie die von Mackie zu Mac OS X und Windows XP.
Die steigende Beliebtheit der FireWire-Schnittstelle macht sich auch bei den konventionellen Audio-Interfaces bemerkbar - kaum ein Hersteller, der nicht mindestens ein neues Modell im Programm hatte. Dabei ĂĽbernimmt FireWire mittlerweile auch im Einsteigerbereich die Rolle der bislang dominierenden USB-1.1-Schnittstelle. (vza)