Mobil-Glotze
Private Fernsehsender, Mobilfunkbetreiber, Gerätehersteller und die Werbeindustrie setzen auf das digitale TV für Mobilgeräte. Doch der Streit zwischen den zwei Standards DVB-H und DMB ist noch nicht ausgestanden; auch die Frage der Frequenzverfügbarkeit ist vorerst ungeklärt.
- Christiane Schulzki-Haddouti
Mitte April ließ der Besuch des südkoreanischen Ministers für Information und Kommunikation Chin Dae-Je in Deutschland aufhorchen: Er bot dem Siemens-Aufsichtsratsvorsitzenden Heinrich von Pierer die kostenlose Nutzung von Techniken für das digitale mobile Fernsehen nach dem DMB-Standard an. Chin Dae-Je jedenfalls erzählte anschließend gegenüber der Presse, dass Pierer das Potenzial einer solchen Zusammenarbeit verstanden habe - ob er das Geschenk annahm, darüber ließen die Gesprächspartner allerdings nichts verlauten.
Tags darauf unterzeichnete Chin aber immerhin eine Absichtsserklärung für das erste DMB-Pilotprojekt außerhalb Südkoreas, das im zweiten Halbjahr in Regensburg starten soll - und an dem sich auch die Deutsche Telekom beteiligen wird.
Geschenkter Gaul
DMB (Digital Media Broadcasting) setzt auf dem digitalen Radiostandard DAB auf und ermöglicht den Empfang von Fernsehsignalen mit dem Handy. Damit konkurriert DMB mit dem europäischen Standard DVB-H (Digital Video Broadcasting - Handheld), der federführend von Ulrich Reimers an der Universität Braunschweig entwickelt wurde. DVB-H wird derzeit von europäischen Herstellern wie Nokia und Siemens favorisiert, die Geräte-Prototypen bereits in Hunderter-Stückzahlen produzieren.
Ulrich Reimers zweifelt nicht am Erfolg von DVB-H. Entscheidend hierfür sei die Frage des Endgeräts: „Während sich die Leute nur alle zehn Jahre ein neues Fernsehgerät leisten, wechseln sie ihr Handy alle zwei Jahre“, sagt Reimers. DVB-H treffe damit auf Kunden, die an den Gerätewechsel gewohnt sind. Und auch die Handy-Industrie werde, nachdem sie bereits erfolgreich das Foto-Handy eingeführt hat, auf den neuen Trend aufspringen. Vermutlich werde es die neuen Geräte schon zum Weihnachtsgeschäft 2005 geben.
DMB muss jedoch nicht mehr auf ausgereifte Endgeräte warten - in Südkorea gibt es sie schon lange. DMB-Gerätehersteller Samsung will nun DMB als internationalen Standard anerkennen lassen. Gleichwohl hat das südkoreanische DMB gegenüber DVB-H einige Nachteile: DMB zeigt auf Grund der schwachen Signalstärke in Deutschland eine schlechte Inhaus-Abdeckung, kann also innerhalb von Gebäuden kaum verwendet werden. Außerdem setzt es anders als DVB-H nicht auf IP auf und erlaubt keine interaktiven Dienste. Damit sind auch keine neuen, auf dem mobilen Fernsehen beruhende Geschäftsmodelle möglich - denn das Fernsehen ist mit DMB auf dem Handy schlichtes Fernsehen, das nicht mit zusätzlichen interaktive Features erweitert werden kann. Gleichwohl will Südkorea nun mit der Technik neue Märkte erschließen.
Offen TĂĽren
Schon im vergangenen Jahr forderte der Direktor der Berliner Landesmedienanstalt, Hans Hege, der selbst auf DVB-H setzt, aber für DAB ein Moratorium. Finnland zog in diesem Jahr bereits die Konsequenzen: Im Februar wurde beschlossen, die DAB-Übertragungen einzustellen, da in den letzten Jahren nicht mehr als 1000 DAB-Empfänger verkauft werden konnten.
In Deutschland steht Berlin bei der Einführung von DVB-H an erster Stelle - wie schon bei DVB-T, dem terrestrischen digitalen Fernsehen. Der Mobilfunkbetreiber Vodafone hatte im vergangenen Jahr in Berlin erfolgreich mehrere Fernsehsender während der Olympiade auf Geräte-Prototypen von Nokia übertragen. „Die Leute waren fasziniert“, schwärmt Pascal Tilly, der bei Vodafone für das DVB-H-Marketing zuständig ist. Vodafone hatte außerdem ein Stadtinformationssystem im Angebot, das online nicht nur den Kinotrailer zeigte, sondern auch gleich die Vorbestellung von Kinokarten ermöglichte.
Zur Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin wollen Mobilfunkbetreiber und Fernsehsender gemeinsam erste DVB-H-Angebote vorstellen. Uwe Hense, Geschäftsführer der Gesellschaft für Förderung der Rundfunkversorgung in Berlin, will zeigen, „was alles geht“. Dafür wurde im Februar bereits ein Netz in Betrieb genommen. Zur Verfügung stehen 9 bis 10 MBit/s. Etwa 300 kBit/s sind pro TV-Programm nötig, Radio und Datendienste werden ebenfalls ihren Platz beanspruchen. T-Systems wird den Sender für DVB-H betreiben. Mehrere TV- und Hörfunksender wie RTL, Pro7, MTV und n-tv haben am IFA-Projekt großes Interesse.
Rettungsanker DMB?
Gleichwohl hoffen nun einige Länder wie Bayern und Nordrhein-Westfahlen, mit DMB der DAB-Technik neue Felder zu eröffnen. Mirjam Meckel, die in Nordrhein-Westfalen für Medien zuständige Staatssekretärin, sprach sich gegenüber c't für eine Teilnahme an Pilotversuchen aus, die den DAB-Standard als Übertragungsmedien nutzen. Hinsichtlich eventueller DVB-H-Pilotprojekte äußerte sie sich allerdings sehr skeptisch. „Obwohl im Vergleich zur analogen Fernsehversorgung mehr digitale Programme übertragen werden können, hat sich doch eine Frequenzknappheit gezeigt“, sagt Meckel. Die ist jedoch hausgemacht: Die öffentlich-rechtlichen Sender in Nordrhein-Westfalen haben DVB-T-Frequenzen großzügig für sich eingebucht: Vier Kanäle fallen der ARD zu, vier dem ZDF und vier den dritten Programmen.
Schon heute aber können UMTS-Nutzer ausgewählte Fernsehangebote sehen. Anders als bei UMTS lassen DVB-H und DMB jedoch als echte Broadcast-Techniken eine wirkliche Massennutzung zu. Während sich bei UMTS etwa nur ein Dutzend Nutzer in eine Zelle einwählen kann, spielt die Anzahl der Nutzer bei DVB-H und DMB keine Rolle. Wollen Fußballfans sich etwa während eines Spiels von der Arena aus ins Programm einklinken, ist das mit UMTS aussichtlos - mit DVB-H oder DMB jedoch kein Problem. Interessant für die Fernsehsender ist zudem die Frage der Rechte: Für Hollywood-Blockbuster haben sie für UMTS keine Übertragungslizenzen, wohl aber für DVB-H und DMB. Denn sie erlauben die 1:1-Verbreitung des Fernsehsignals.
Handy-TV
Doch werden die Nutzer tatsächlich Spielfilme auf dem Handy sehen wollen? Laut der Studie „TV meets Handy“, die der Internet-Verband eco im April herausgegeben hat, meinen drei Viertel der befragten 70 Verbandsexperten, dass die Nutzer vor allem an Sportsendungen interessiert sein werden. Jeweils zwei Drittel prognostizieren zudem eine Nachfrage nach Nachrichten sowie nach Musik- und Videoclips. Dass sich jemand Spielfilme in voller Länge am Minibildschirm ansieht, glauben lediglich 2 Prozent.
Die privaten Sender setzen bei der Entwicklung ihrer Inhalte für das Handy-Fernsehen auf den Erfahrungen mit UMTS auf. Dirk Kleine, Bereichsleiter Unternehmensentwicklung bei SevenOne Intermedia, erklärte gegenüber c't, dass ProSiebenSat.1 vorerst keine speziellen Formate entwickeln, sondern auf die Wiederverwertung und den Ausbau bestehender Inhalte setzen wird. Er hält einen Nachrichtenkanal wie N24 mit stündlich aktualisierten Inhalten für „sehr sinnvoll“. Zudem sollen die Sendekanäle N24, ProSieben und Kabel eins als kompletter 1:1-Fernsehstream zu sehen sein, „denn das Interesse der Leute ist da“. Geplant ist zudem ein Comedy-Stream, der etwa 20 bis 30 Minuten lange „Best-of“-Streams einzelner Sendungen zeigen soll. Auch sollen speziell aufbereitete Inhalte entwickelt werden - „doch muss man wissen, wie man solche Investitionen refinanzieren kann“, schränkt Kleine ein.
Das große Ziel aller Beteiligten ist, eine mobile Versorgung zur Fußballweltmeisterschaft 2006 bieten zu können. „Das könnte eine große Sache werden“, meint Uwe Hense von der Gesellschaft für Förderung der Rundfunkversorgung in Berlin. Doch vor allem zwei Faktoren spielen für die erfolgreiche und schnelle Einführung von DVB-H oder DMB zur Fußballweltmeisterschaft 2006 eine entscheidende Rolle: Zum einen muss die Industrie die Endgeräte zur Marktreife bringen. Zum anderen müssen die Bundesländer gemeinsam die Frage der Frequenzverfügbarkeit klären: Bekommt DVB-H von den Landesmedienanstalten der Länder eigene DVB-T-Frequenzen oder setzen die Landesmedienanstalten auf die Rettung von DAB und vergeben DAB-Frequenzen an DMB?
Die Telekom setzt auf beide Techniken: Für die IFA ist sie mit DVB-H dabei, für die WM scheint sie aber auf DMB zu setzen. Eco-Expertin Bettina Horster schätzt die WM-Chancen für DMB ebenfalls besser ein, da sich wegen der DAB-Investitionsruine bei den Politikern mehr erreichen ließe. Das heißt: Die Landesmedienanstalten werden für DMB die notwendigen Frequenzen eher frei geben als für DVB-H. Die für DVB-H nötigen Frequenzen werden übrigens nicht versteigert, sondern per Ausschreibung vergeben. Die ist aber erst dann möglich, wenn die Bundesländer ihren Frequenzbedarf für die Übertragung von Rundfunk festgelegt haben.
Wie viel Kapazitäten verfügbar sind, hängt also davon ab, wie viel Restkapazitäten die Länder für die Übertragung von Medien- beziehungsweise Telediensten noch übrig lassen. Dass die Länder eine so entscheidende Mitsprache haben, ist auf Grund der verfassungs-, telekommunikations- und medienrechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland so vorgegeben. Da die 16 Bundesländer jeweils unterschiedlich über Programmangebote entscheiden können, kann dies in der Praxis zu regionalen Programmen führen. Damit ist aber fraglich, ob überhaupt tragfähige Geschäftsmodelle realisiert werden können.
Die Fußballweltmeisterschaft 2006 ist deshalb nur dann auf mobilen Endgeräten zu sehen, wenn die Länder sich mit den Anbietern einigen und ihre frei werdenden Kapazitäten zur Verfügung stellen. Der Präsident der Regulierungsbehörde, Matthias Kurth, betonte gegenüber c't, dass es hierfür bereits positive Signale aus Berlin gebe. Aus der Branche ist zu hören, dass der gesamte norddeutsche Raum mit Hamburg, Bremen, Berlin, Hannover, Bremerhaven, Braunschweig und Kiel versucht, in einem norddeutschen Verbund DVB-H mit einem einheitlichen Kanal zu realisieren. Kurth plädiert deshalb an die Landesmedienanstalten, sich auf eine gemeinsame Strategie zu verständigen: „Wenn interessante und innovative Übertragungstechniken wie DVB-H beziehungsweise DMB zur kommerziellen und praktischen Anwendung kommen sollen, müssen sie bundesweit funktionieren können. Schon bei DAB waren länderbezogene Insellösungen mit das größte Problem.“
Die erste flächendeckende Einführung von DVB-H findet übrigens nicht in Deutschland, sondern in den USA schon in diesem Jahr statt: In Pittsburgh/Pennsylvania wird DVB-H in den Regelbetrieb gehen. Das Unternehmen Crown Castle International, das das nötige Frequenzspektrum schon frühzeitig flächendeckend für die USA ersteigert hatte, bietet seinen Kunden acht Videostreams, zwölf Radioprogramme sowie verschiedene Datendienste an. (jk)