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„Windows schneller machen“ ist ein beliebter Volkssport, und es steht außer Frage, dass selbst das moderne XP bei längerem Gebrauch immer „zäher“ reagiert. Dagegen kann und sollte man etwas tun - allerdings kursieren mittlerweile etliche Tipps, durch deren Anwendung man im besten Fall seine Zeit verplempert, im schlimmsten Fall sein System gefährdet. Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen.

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Inhaltsverzeichnis

Es gibt kein perfektes PC-Betriebssystem, weder von Microsoft noch aus der Linux-Gemeinde noch von Apple oder sonst wem, und angesichts der Komplexität und Modellvielfalt heutiger PCs wird das wohl auch niemand ernsthaft erwarten. Selbst wenn die Programmierer ihr Bestes geben, müssen sie doch an vielen Stellen Kompromisse eingehen, die dann mitunter zu Lasten des Tempos gehen. Das lässt Raum für vielfältige Versuche, das Betriebssystem selbst an den eigenen PC anzupassen und so das Tempo zu steigern.

Bei Linux stellt das kein Problem dar, denn hier kann jeder mitprogrammieren, der Spaß dran hat. Anders bei Windows: Dessen Quellcode hält Microsoft unter Verschluss, und eine wirklich ausführliche Dokumentation ist nirgends zu finden. Also bleibt nur das Ausprobieren der vielen unter XP vorhandenen Stellschrauben in der Hoffnung, dass die eine oder andere was bringt.

Welche Stellschrauben es überhaupt gibt, versuchen diverse Tipp-Sammlungen zu vermitteln. Doch mitunter kombinieren sie sinnvolle Tipps mit nutzlosen oder gar gefährlichen. Zudem verschwinden die tausenden von Tipps, die kursieren, bei genauerer Betrachtung in einer Hand voll Schubladen: Windows abspecken, Dienste abstellen, Registry-Hacks, Animationen abschalten - um nur einige zu nennen. Im Folgenden mussten wir folglich auch nicht tausende Tipps einzeln durchprobieren, sondern haben stets ganze Schubladen voller Tipps auf den Prüfstand gestellt.

Dieser Artikel widmet sich jenen Tipps, die Windows XP ganz allgemein im laufenden Betrieb zu mehr Tempo verhelfen sollen. Die nachfolgenden Artikel beschäftigen sich mit Tipps zum schnelleren Booten von XP (c't 17/05, S. 112) und zum Optimieren des Umgangs mit dem Arbeitsspeicher (c't 17/05, S. 116). Eine Sammlung von Tricks, die Windows nicht schneller laufen lassen, sondern stattdessen dem Anwender bestimmte Handgriffe beim Umgang mit dem System erleichtern, hat c't bereits in einem früheren Artikel vorgestellt [1].

Ein kurzer und knackiger Tipp für mehr Geschwindigkeit lautet: Defragmentieren Sie Ihre Festplatte. So einfach das klingt, so schwierig ist der tatsächliche Nutzen zu bewerten, zumal es außer der Windows-eigenen Defragmentierung etliche Anbieter kommerzieller Defragmentierungssoftware gibt. Wir werden diesem Thema daher demnächst einen eigenen Artikel widmen und halten hier vorab nur fest: Defragmentieren kann in bestimmten Einzelfällen sehr viel bringen, in anderen wiederum so gut wie gar nichts. Es schadet also nichts, den Rechner damit gelegentlich zu betrauen, wenn er nichts Besseres zu tun hat.

Um festzustellen, ob ein Tipp Windows XP wirklich beschleunigt, reicht die menschliche Wahrnehmung allein nicht immer aus. So wird beispielsweise ein zu geringer Geschwindigkeitszuwachs üblicherweise überhaupt nicht bemerkt: Es ist letztlich egal, ob ein Programm 10 oder 9,5 Sekunden zum Erledigen einer Aufgabe braucht. Doch auch ein deutlicher Zuwachs hilft nicht immer: Wenn ein Programm etwas in zwei statt vier Millisekunden erledigt, ist es damit zwar nominell doppelt so schnell, doch der Anwender bekommt davon nichts mit. Ähnliches gilt, wenn etwa ein Spiel mit 200 statt 150 Frames pro Sekunde läuft, auch hiervon merkt der Anwender nichts. Ob solche kaum wahrnehmbaren Optimierungen der Mühe wert sind, sei dahingestellt. Immerhin bekommt man durch sie vielleicht Reserven und kann etwa die Auflösung steigern und mehr Grafikdetails aktivieren.

Doch auch das Gegenteil kann der Fall sein: Mitunter nehmen Anwender eine Geschwindigkeitssteigerung wahr, obwohl sich nachweislich nichts geändert hat. Hierbei handelt es sich dann um einen Placebo-Effekt: Wenn man nur fest genug dran glaubt, wird sich Windows schneller anfühlen, obwohl es nachweislich mit unverändertem Tempo läuft.

Um solchen Problemen aus dem Weg zu gehen, haben wir diverse Benchmark-Programme bemĂĽht - wenn ein Tipp Windows wirklich im Ganzen beschleunigt, sollte sich das messen lassen. In der Tabelle auf Seite 110 finden Sie die Messergebnisse.

Allgemein nimmt man Änderungen der Messwerte erst ab rund 25 Prozent auch subjektiv wahr. Dennoch führen wir gemessene Änderungen bereits ab fünf Prozent in der Tabelle auf, denn in Grenzsituationen kann schon eine kleinere Steigerung etwa den Unterschied zwischen ruckelndem und flüssig ablaufendem Video oder Spiel ausmachen. Messergebnisse, die unterhalb der 5-Prozent-Hürde lagen, bleiben außen vor, denn sie sind einerseits sowieso nicht mehr spürbar und andererseits besteht hier die Gefahr, auf Messungenauigkeiten hereinzufallen. Mehr zu den Messmethoden lesen Sie im [Kasten].

Die Geschwindigkeit, mit der Windows und die laufenden Programme arbeiten, wird von der zur VerfĂĽgung stehenden Rechenpower des PC limitiert - schneller geht halt nicht. Wenn aber Windows im Laufe der Zeit immer mehr lahmt, liegt es nicht an qualitativ nachlassender Hardware, sondern daran, dass sich immer mehr simultan laufende Programme die nur begrenzt vorhandene Rechenleistung miteinander teilen mĂĽssen.

So belegt jedes laufende Programm eine gewisse Menge des Arbeitsspeichers. Zwar räumt Windows bei Bedarf Teile des RAM wieder frei, indem es Daten auf die Festplatte auslagert, doch das scheitert bei jenen Daten, die von Programmen als „nicht auslagerbar“ markiert wurden. Je mehr Arbeitsspeicher aber von bestimmten Programmen belegt ist, umso weniger RAM bleibt für die anderen. Das kann dann zu längeren Nachlade- und damit zu unangenehmen Wartezeiten führen (mehr zur Speicherverwaltung auf S. 116 in c't 17/05).

Auch für den Prozessor gilt: Je mehr er zu tun hat, umso weniger Zeit bleibt für jedes einzelne Programm. Zwar verursacht eine im Hintergrund auf Tastatureingaben wartende Textverarbeitung kaum Prozessorlast, doch bei einem im Hintergrund aktiven Download sieht das schon anders aus: Der schaufelt ständig neue Daten auf die Platte, die der Virenscanner dann auch noch mühsam überprüfen muss.

Der Tipp zum Beschleunigen von Windows lautet folglich ganz banal: Beenden Sie alle gerade nicht benötigten Programme.

Damit sind auch jene Programme gemeint, die nicht in einem eigenen Fenster laufen, sondern lediglich über ein kleines Symbol im Infobereich der Taskleiste (neben der Uhr) ihre Präsenz zeigen - hier fördert oft ein Rechtsklick darauf ein Kontextmenü mit einem Menüpunkt wie „Beenden“ zutage. Einzige Ausnahmen sind die sicherheitsrelevanten Programme wie Virenscanner und Firewall, die Sie keinesfalls beenden sollten, falls der Rechner via Internet oder Netzwerk mit anderen Rechnern verbunden ist.

So banal der Tipp ist, so erfolgreich ist er auch: Auf unseren Testrechnern zeigten sich deutliche Geschwindigkeitssteigerungen. Vor allem bei einem langsamen PC war einiges rauszuholen, alle Benchmark-Programme zeigten Tempozuwächse zwischen neun und 22 Prozent. Auf dem schnellen PC fiel die Steigerung nicht ganz so deutlich aus: Offenbar können die vorhandenen Reserven einiges abfangen.

[1] Axel Vahldiek, AbkĂĽrzungen, Unter Windows schneller ans Ziel, c't 04/03, S. 176

[2] Axel Vahldiek, Unter falscher Flagge, Programme ohne Nutzeranmeldung starten, c't 6/04, S. 234

[3] Peter Siering, Axel Vahldiek, Zug um Zug, Vernetzung mit Windows im Griff, c't 24/04, S. 112

[4] Hajo Schulz, Schneller stöbern, Dateisuche mit Finesse unter Windows XP, c't 21/02, S. 238

[5] Stefan Finkenzeller, Geheimtransfer, Systemdienst BITS als Download-Helfer, c't 23/04, S. 234

[6] Karsten Violka, Popup-Propaganda, Nachrichtendienst-Spam verhindern, c't 15/03, S. 203

[7] Johannes Endres, Treffpunkt Desktop, Windows-Fernsteuerung mit Netmeeting, c't 10/05, S. 105

[8] Axel Vahldiek, Undercover, Programme unter Windows 2000 oder XP in anderem Sicherheitskontext starten, c't 18/04, S. 176

[9] Axel Vahldiek, Gerrit Grunwald, Selbstheilungskräfte, Wie Windows 2000 und XP sich selbst reparieren, c't 26/03, S. 102

[10] Karsten Violka, Qual der Wahl, Automatisch ins Internet mit Windows 2000 und XP, c't 4/03, S. 194

[11] Axel Vahldiek, Rein und los, Autorun und Autoplay unter Windows, c't 17/03, S. 180

[12] Axel Vahldiek, Da gibt’s doch was von Microsoft!, Das zweite Service Pack für Windows XP, c't 16/04, S. 92

[13] Ernst Ahlers, Zeitnahme, Wie der PC an die richtige Zeit kommt, c't 19/02, S. 206

[14] Johannes Endres, Axel Vahldiek, Hilfe ohne Hinfahren, Windows-XP-Nutzern aus der Ferne helfen, c't 10/05, S. 102

[15] Axel Vahldiek, Selbstschutz, Das Sicherheitskonzept von Windows 2000 und XP, c't 15/04, S. 110

[16] Axel Vahldiek, Es geht auch ohne, Arbeiten ohne Admin-Rechte unter Windows, c't 15/04, S. 118

[17] Hajo Schulz, Schaltwerk, Hinter den Kulissen der Windows-Registry, c't 8/02, S. 112

[24] Andreas Marx, Axel Vahldiek, Durchleuchter, 16 Virenscanner fĂĽr Windows, c't 1/05, S. 128

"Tuning-Tipps im Test"
Weitere Artikel zum Thema "Tuning-Tipps im Test" finden Sie in der c't 17/2005:
Registry-Hacks S. 102
Boot-Beschleuniger S. 112
Speicheroptimierer S. 116

Um zu messen, ob die diversen Tipps Windows wirklich im Ganzen beschleunigen, haben wir verschiedene Benchmark-Programme bemüht. Als Ausgangspunkt diente stets eine jungfräuliche Windows-XP-Installation mit Service Pack 2. Einzige Änderungen: Um mögliche Verfälschungen der Messergebnisse zu vermeiden, haben wir den Windows Messenger ausgeschaltet, auch die nur gelegentlich aktiven automatischen Updates haben wir zwischenzeitlich unterbrochen.

Die XP-Installationen liefen auf zwei Testrechnern, die stellvertretend für einen etwas älteren (zwei bis drei Jahre) und für einen top-aktuellen PC stehen. Welche Hardware genau in den Rechnern steckte, spielt im Grunde keine Rolle, denn hier geht es ja um Tipps, die Windows selbst beschleunigen sollen, also unabhängig von der eingesetzten Hardware funktionieren. Zum Einordnen der Testrechner reichen daher einige Eckdaten: Im langsameren steckte ein 1 GHz schneller Pentium III auf einem Board mit i815EP-Chipsatz. Er arbeitete mit 256 MByte RAM und einer Radeon-9000Pro-Grafikkarte. Im schnelleren Rechner verrichtete ein Pentium 4 mit 3 GHz und aktiviertem Hyper-Threading seinen Dienst auf einem Board mit i865-Chipsatz, ergänzt durch 1 GByte RAM und eine Radeon-9800Pro-Grafikkarte. Auf den Rechnern installierten wir Windows XP mit Service Pack 2.

Wie sich ein Tipp im BĂĽro-Alltag auswirkt, maĂźen wir mit der Benchmark-Suite BAPCo-Sysmark 2004, die recht praxisnah arbeitet. Dazu bearbeitet sie unter anderem Bilder in Adobe Photoshop und Texte in Word, konstruiert 3D-Modelle in 3DS max, legt Tabellen in Excel an und packt Dateien mit Winzip. AuĂźerdem installiert die BAPCo einen Virenscanner von McAfee, der im Hintergrund alle Operationen ĂĽberwacht (vom Einsatz dieses Scanners mussten wir in unserem letzten Vergleichstest aufgrund diverser Probleme zwar abraten, bezĂĽglich der bremsenden Auswirkungen auf das System ist er aber mit anderen Scannern durchaus vergleichbar [24]).

Die Auswirkung eines Tipps auf die Spieleleistung prüften wir unter anderem mit dem Futuremark 3DMark 2001. Dieser auf Spiele spezialisierte Benchmark beurteilt die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems, konzentriert sich also nicht wie andere Benchmark-Programme oder auch neuere Versionen des 3DMark nur auf einzelne Komponenten wie die Grafikkarte. Des Weiteren ließen wir einige Spiele laufen, etwa die Demo001 aus dem schon etwas älteren Ego-Shooter Quake 3. Beim aktuellen und ressourcenhungrigen Spiel FarCry maßen wir mit Hilfe des Programmes FRAPS die Framerate am Anfang des Levels „Sumpf“ - allerdings nur auf dem stärkeren Rechner, da die Grafikkarte des älteren das Spiel derart limitiert, dass keine Unterschiede messbar gewesen wären. Um nicht nur Ballerspiele im Testfeld zu haben, ließen wir auch noch das Schachprogramm Fritz 8 einen Fritzmark-Wert berechnen.

Abschließend wollten wir wissen, ob sich ein Tipp auch beim Bearbeiten von DVDs auswirkt, genauer: wie lange es dauert, eine DVD mit Nero Recode auf 60 Prozent ihrer ursprünglichen Größe in MPEG-2 zu requantisieren. Des Weiteren transkodierten wir dasselbe DVD-Material in das Nero-Digital-Format (MPEG-4), um es auf 15 Prozent beziehungsweise CD-Rohlingsgröße zu schrumpfen. (axv)