Wir sind selbst schuld!
- Detlef Grell
Wir sind selbst schuld!
Homebanking könnte so sicher sein, gegen Phishing ebenso wie gegen klassisches Hacking. Wir müssten lediglich bereit sein, uns einen Card Reader zu kaufen. Oder auch zwei. Oder drei, wenn wir unbedingt Konten bei drei Banken haben müssen.
Aber wer will das schon? Die Banken in Deutschland mussten früh erkennen, dass Online-Kunden einfach zu bequem sind. Wie geradezu asozial bequem diese Kunden sind, beweisen sie ja ständig: Diese Klientel nimmt sogar den Arbeitsplatzabbau in den Filialen der Geldinstitute in Kauf, nur um ein paar 100 Meter Fußweg zu sparen. Damit sie auch an Wochenenden Überweisungen vornehmen können, verwandeln sie sich bereitwillig in ehrenamtliche Bankmitarbeiter.
Die Banken hatten anfangs die wirklich sicheren Verfahren im Angebot, aber keiner wollte sie haben. Zu kompliziert, zu unbequem, nicht vernĂĽnftig mobil "von ĂĽberallher" zu benutzen - ein klares K.-o.-Kriterium in der Welt des "Ich will es jetzt und hier".
Da kann man nichts anderes tun, als auf bequeme Verfahren wie PIN/TAN zurückzuschwenken - der Kunde ist schließlich König. Und ist PIN/TAN wirklich weniger sicher? Wenn Millionen Homebanker zufrieden sind, dann hat sich das Verfahren doch millionenfach bewährt. Wer allerdings so bequem ist, dass er auch noch das Denken abschaltet und auf Phishing-Mails reinfällt oder sich Spionage-Trojaner installiert, der darf sich nicht beklagen, wenn PIN und TANs bösen Menschen in die Hände fallen. Auch wer sein Portemonnaie irgendwo liegen lässt, ist schließlich selbst schuld, wenn er anschließend kein Geld mehr in der Tasche hat.
Unser Land gründet den größten Teil seines Wohlstands auf Vorsprung durch Innovation - folglich können wir sicher sein, dass sich das Riesenheer unserer innovationstreibenden Experten intensiv mit dem Problem auseinandergesetzt hat. Wenn diese Fachleute vor der Bequemlichkeit des Kunden kapitulieren, dann heißt das klipp und klar: Es geht nicht besser und sicherer!
Notorischen Besserwissern sei daher klar gesagt: In unserem Land funktioniert weder eine digitale Signatur, mit der man sich auf beliebigen standardisierten Card Readern sicher ausweisen kann, noch ist es ĂĽberhaupt technisch vorstellbar, dass mehrere Institutionen alle dafĂĽr notwendigen Daten sicher auf nur einer einzigen Karte ablegen.
Eine solche Karte wäre natürlich superbequem für jeden, könnte er doch beliebig von überall online shoppen oder banken und brokern. Doch Innovation scheint ein punktuelles Phänomen zu sein: Hier eine Chipcard als Wettbewerbsvorteil mit zwanghafter Kundenbindung, da eine Gesundheits-Smartcard, dort ein biometrisch verchipter Ausweis. Die Technik ist also da, nur für die Verschmelzung zu einer einheitlichen Lösung wäre noch etwas Innovationskraft vonnöten.
Aber vielleicht bin ich eh völlig auf dem Holzweg. "novus" ist schließlich das lateinische Wort für "neu". Die Vorsilbe "in" wie bei Inkompetenz entspricht der deutschen Variante "un". Heißt Innovation womöglich "bloß keine Neuerungen"? (gr)