Goldener Oktober
Es war eine der letzten Amtshandlungen des nunmehr nur noch geschäftsführenden Bundeskanzlers Gerhard Schröder: die feierliche Eröffnung der mit reichlich Steuermitteln mitfinanzierten, über zwei Milliarden Euro teuren AMD-Fabrik in Dresden-Wilschdorf. Wenige Tage später traf sich die deutsche Halbleiterzunft ebenfalls in Dresden zu einem Strategietreff.
- Andreas Stiller
Stolz, das war das etwas überstrapazierte Wort in den Elogen aller drei deutschen Festredner: neben Schröder der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt und AMD-Werkschef Hans Deppe. Aber schließlich ist das Silicon Saxony mit ingesamt 20 000 Mitarbeitern in den Werken von AMD und Infineon, dem Maskenwerk AMTC, Fraunhofer CNT und vielen kleineren Zulieferern nun Europas Halbleiterstandort Nr. 1. AMD will in der neuen, für 300-mm-Wafer ausgelegten Fabrik „Fab 36“ Anfang nächsten Jahres zunächst mit der Produktion von 90-nm-Prozessoren beginnen und erst später im Jahr auf 65 nm umsteigen. 2007 soll die Fab dann einen Ausstoß von bis zu 100 Millionen Prozessoren pro Jahr erzielen. Fraglich ist nur, ob AMD bis dahin wirklich solch einen Marktanteil erobern und halten kann, um 100 Millionen Prozessoren abzusetzen.
Zum Grand Opening der Fab stellte sich auch erstmals der neue Technologie-Chef Phil Hester der europäischen Öffentlichkeit vor, als Nachfolger von Fred Weber. Hester, ein alter IT-Hase mit fast 30 Jahren IBM-Vergangenheit, skizzierte AMDs Zukunftsabsichten, ging dabei aber nicht wirklich über die im März dieses Jahres präsentierte Roadmap hinaus. Zunächst soll DDR2 kommen, irgendwann später dann auch DDR3 und FBDIMM. Hester sprach von 4, 8 und mehr Prozessorkernen. Die Virtualisierung „Pacifica“ ist für 2006 vorgesehen, ebenso Memory RAS, und Dual-Core für Notebooks. Neue Erweiterungen im Instruktionssatz sollen demnächst hinzukommen, irgendwann später auch FPU-Erweiterungen und spezielle On-Chip-Coprozessoren. Auch von einem neuen Prozessorkern ist in seinem Handout die Rede - nur wann der kommen und was er leisten soll, blieb noch offen.
Moore oder weniger
Deppe und Milbradt hatten es ein paar Tage später auf dem vom Handelsblatt veranstalteten 9. Forum der Halbleiterindustrie leicht - konnten sie doch zum Teil ihre zur Fab-36-Feier vorgetragenen Statements wiederholen. Deppe gab allerdings auch einen mutigen Ausblick auf die geplanten Technologieschritte bis hin zu 13 nm Gate-Länge im Jahre 2011. Das berühmte Exponenzialgesetz von Intel-Gründer Moore stand auch im Mittelpunkt des Vortrags des Infineon- Chefs Wolfgang Ziebart, der hier geschickt Zukunftsperspektiven von Infineon mit einflocht. Derzeit steht Infineon ja mit der beschlossenen Werksschließung in München und der Entlassung von 285 Zeitarbeitern in Dresden in den Schlagzeilen. Das Münchner Werk sei mit 20 Jahren hoffnungslos veraltet - so die „nachvollziebarte“ Begründung.
Andererseits zeigte Ziebart aber auf, dass ein immer kleinerer Anteil der Halbleiter in der modernsten Technologie gefertigt wird. Waren es 1998 noch annähernd 70 Prozent, so sind es jetzt lediglich 47 Prozent. Er belegte ferner, dass sich das Mooresche Gesetz zunehmend diversifiziert: Nur für einige Halbleiterbereiche wie DRAMs bleibt es noch bestehen, andere sind schon in der „Sättigung“, eine weitere Miniaturisierung mache hier keinen Sinn mehr. Das gilt etwa für die Leistungshalbleiter, bei denen Infineon mit etwa 9 Prozent Anteil den Weltmarkt anführt.
Infineon sei das letzte verbliebene Halbleiterhaus, das noch DRAMs und Standardlogik unter einem Dach vereine, betonte Ziebart. Neue „innovative Modelle“ für die Zukunft seien gefordert. Das könnten weitere Joint Ventures sein, wie die gemeinsam mit AMD und Dupont ins Leben gerufene Maskenfabrik oder gemeinsame Fabs mehrerer Hersteller. Die Analysten schlossen aus seinen Worten, dass Ziebart klare Signale für eine mögliche Abspaltung der DRAM-Sparte gesetzt habe, so wie es schon seit längerem diskutiert wird. Eine von AMD-Chef Hector Ruiz angedeutete Zusammenarbeit bei den Flash-Bausteinen sei nur ein Missverständnis, klärte er die Journalisten auf, zumal die Firmen unterschiedliche Flashtypen (hier Nor, dort Nand) fabrizieren.
(Bild:Â ITRS, Infineon )
Im anschließenden Gespräch mit c't bezeichnete er das Gerücht, die 200-mm-Fab in Dresden stünde ebenfalls vor einer möglichen Schließung, als ausgemachten Schwachsinn. Im Gegenteil, man investiere in mehrstelliger Millionenhöhe in die Dresdener Werke. 5 bis 7 Prozent Wachstum erwarte er in diesem und im nächsten Jahr für Infineon, in etwa im Rahmen des Wachstums des Gesamtmarktes. Langfristig sieht er für diesen ein solides Wachstum von 8 bis 10 Prozent. Das ist zwar nur etwa die Hälfte der Sturm-und-Drang-Periode von 1975 bis 2000 mit durchschnittlich 16 Prozent, aber immer noch deutlich mehr als beispielsweise bei der Schwerindustrie.
Den Schlussakkord der Tagung setzte Professor Dr. Ulrich Kunze von der Ruhr-Universität Bochum mit der begründeten Proklamierung des zu erwartenden physikalischen und ökonomischen Endes des Mooreschen Gesetzes spätestens in zehn Jahren. Die Miniaturisierung in der CMOS-Technologie würde dann nicht aufhören, aber deutlich langsamer voranschreiten.
Er freue sich schon auf dieses Ende, so Kunze, wäre dann doch wieder mehr die Forschung gefordert, um mögliche Wege zu neuen Ufern aufzuzeigen - C-Si-Hybride hätten ein großes Potenzial. (as)