Mail mobil

Die E-Mail könnte der SMS den Rang ablaufen: Kein 160-Zeichen-Limit, geringere Kosten, universeller Versand an jede Gegenstelle mit Internetanschluss. In Kanada und den USA ist Push-E-Mail bereits der Renner, Deutschland holt nur langsam auf.

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Der Zugang zur E-Mail ist inzwischen alltäglich. Zu Hause und am Arbeitsplatz steht üblicherweise ein PC, der im Abstand von wenigen Minuten neue Mails abruft. Geht es um Kontaktpflege, nutzen immer mehr Anwender E-Mail anstelle des Telefons - sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Bereich. Das funktioniert auch wunderbar, solange man sich in der Nähe eines PC befindet. Wer unterwegs ist, ob auf Dienstreise, Verwandtenbesuch oder im Urlaub, kann auf diesen Kommunikationsweg aber nicht zurückgreifen.

Privatleute behelfen sich mit SMS, weil sich diese so schön einfach nutzen lassen - und müssen sich dafür mit den Beschränkungen und Kosten des Dienstes herumärgern. Die fehlende Schnittstelle zwischen Mailbox und SMS-Dienst sorgt für Reibungsverluste: Wichtige Nachrichten gammeln während Reisen in der E-Mailbox vor sich hin. Ganz auf SMS umzusteigen wäre indes für alle Beteiligten ein teurer Spaß: Für eine Nachricht mit maximal 160 Zeichen verlangen die Mobilfunkbetreiber stolze 14 bis 20 Cent. Mit einer E-Mail hingegen lassen sich ganze Romane verschicken - zu deutlich geringeren Kosten.

Moderne Handys kommen bereits mit einem eingebauten E-Mail-Client, die Netzbetreiber bieten eigene Mail-Dienste an (siehe S. 156, c't 23/05). Dennoch lassen insbesondere private Anwender die Funktion brachliegen. Dafür werden immer die gleichen Gründe genannt: Die komplizierte Konfiguration, die Kosten und der fehlende Bedarf.

Die Konfiguration ist inzwischen ein Kinderspiel; die Netzbetreiber und Handy-Hersteller versenden auf Anfrage spezielle SMS, um das Handy einzurichten. Auskunft erhält man auf der Homepage des jeweiligen Netzbetreibers oder Herstellers, und in Zweifelsfällen hilft die Hotline weiter. Neue Geräte werden in der Regel komplett konfiguriert ausgeliefert, sodass nur noch Benutzername und Kennwort für den E-Mail-Zugang eingegeben werden müssen. Bei älteren Geräten ermöglicht der WAP-Browser den Zugriff auf die E-Mails. Der ist zwar nicht ganz so komfortabel, funktioniert aber einwandfrei.

Auch die Kosten halten sich in Grenzen: Wer E-Mail intensiver nutzen will, kann sich einen GPRS-Volumentarif holen, bei dem ein Übertragungsvolumen von 5 Megabyte oder mehr bereits pauschal abgegolten ist. Für den Durchschnittsnutzer reicht das: Üblicherweise fallen bei geschäftlicher Nutzung einer E-Mail-Adresse 2 bis 3 Megabyte pro Monat an. Ein Privatkunde dürfte noch deutlich darunter liegen.

Die mobile E-Mail-Nutzung ist, trotz aller Vorteile auch für den Privatanwender, bislang die Domäne der Geschäftsleute. Die Netzbetreiber konzentrieren sich daher auf diese und machen maßgeschneiderte Angebote. Das beeinflusst die Kostenstruktur. Wer auf die E-Mail unterwegs beruflich angewiesen ist, bezahlt dafür gerne pauschal 15 Euro im Monat und mehr, weil die Kosten-Nutzen-Rechnung aufgeht. Die finanzielle Schmerzgrenze für Privatkunden liegt deutlich niedriger.

Die Netzbetreiber haben auch Angebote ohne Fixkosten für die E-Mail. Bei diesen ist allerdings der Datentransfer, der üblicherweise in Einheiten zu je 10 oder 100 KByte abgerechnet wird, recht teuer. Vodafone beispielsweise verlangt 19 Cent pro angefangene 10 KByte - genau der Gegenwert einer SMS. Dafür lassen sich aber gleich mehrere E-Mails verschicken. Das ist nicht so teuer, dass man es nicht riskieren könnte, das E-Mail-Angebot einen Monat lang mit der gebotenen Zurückhaltung zu nutzen und mit der Rechnung dann zu entscheiden, ob ein Pauschaltarif auf Dauer und bei intensiverer Nutzung nicht günstiger wäre.

Bereits ab rund 10 Euro im Monat sind Paketangebote mit rund 30 Megabyte Inklusivvolumen üblich - das sich nebenbei noch für den mobilen Web-Zugang einsetzen lässt. Nach Volumen abgerechnete Angebote enthalten aber eine mögliche Kostenfalle: Schließt das Endgerät die GPRS- oder UMTS-Verbindung, dann verfällt der Rest des angefangenen Datenblocks. Wer mit einem falsch konfigurierten Mobilgerät turnusmäßig Mail abruft, kann sich damit eine unerwartet hohe Rechnung einhandeln. Vor der ersten Nutzung mobiler Dienste sollte man die Konditionen für die Datennutzung sorgfältig prüfen, um keine Überraschung zu erleben. Sicherheit bietet eine Flatrate, wie sie E-Plus für 40 Euro im Monat anbietet.

Mit Sonderangeboten lässt sich noch mehr sparen: Bei O2 beispielsweise kostet der Zugriff auf die E-Mail per WAP-Portal pauschal rund drei Euro im Monat - inklusive kostenloser Benachrichtigung bei E-Mail-Eingang. Bei Vodafone kostet das vergleichbare Angebot „Happy Live!“ fünf Euro monatlich. Rechnet man die gesparten SMS dagegen, bringt der Wechsel des Dienstes eventuell sogar noch eine Ersparnis neben dem Komfortgewinn.

In Kanada und den USA ist der Mail-Versand per Handy oder Smartphone inzwischen so alltäglich wie in Deutschland die Nutzung von SMS. Wesentlicher Auslöser für diesen Boom war der Blackberry. Dieses proprietäre System setzt auf das Push-Verfahren, also die aktive Zusendung der Mail an den Client sofort nach deren Eingang. Auch in Deutschland findet der Blackberry immer mehr Nutzer. Es sind inzwischen so viele, dass die Netzbetreiber das große Geschäft wittern und mit eigenen Push-Lösungen für Smartphones an den Start gehen, um den Umsatz nicht weiterhin mit dem Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM) teilen zu müssen.

Für die Mobilfunkanbieter sind die Datendienste inzwischen eine Existenzfrage; statistisch gesehen wird im kommenden Jahr jeder Deutsche ein Handy haben. Wesentliche Umsatzzuwächse im Telefoniebereich und beim SMS-Versand sind nicht mehr zu erwarten. Sinkende Preise und steigende Minutenzahlen werden sich gegenseitig aufheben. Mehr Umsatz verspricht nur die zunehmende Nutzung von Datendiensten. Nach einer Studie des Unternehmensberaters Solon wird sich der Anteil der Datennutzung am Umsatz pro Kunde bis 2010 annähernd verdreifachen. Das deckt sich mit einer Umfrage unter Entscheidern in der Telekommunikationsbranche von Mummert Consulting: Dort nannten die Befragten als wichtigsten Dienst E-Mail, deutlich vor SMS oder Sprache.

Privatkunden geben die Mobilfunkunternehmen aber lieber andere Dienste an die Hand. Für den Versand von Fotos vom Handy aus soll der Kunde gefälligst zur sündhaft teuren MMS greifen. Cleverer und günstiger ist die mobile Mail - die ganz nebenbei mehr Kommunikationspartner erreicht. Im Bekanntenkreis finden sich in aller Regel mehr E-Mail-Accounts als MMS-fähige Handys. Und statt fünf MMS tut es auch eine E-Mail mit fünf Empfängern. Mit älteren Kamera-Handys klappt das noch nicht; der Zugriff auf die im Speicher des Handys abgelegten Fotos ist dort nur für den MMS-Versand möglich. Moderne Smartphones mit Symbian lassen sich aber mit E-Mail-Clients nachrüsten, die dazu in der Lage sind (siehe S. 160, c't 23/05).

Die Mobilfunkunternehmen ahnen bereits, dass die Zukunft einfachen und standardisierten Lösungen gehört. Führende Vertreter signalisierten jüngst, dass man sich auf die Grundlagen besinnen wolle, nämlich den Netzzugang. Dienste für mobile Nutzung sollen spezialisierte Anbieter im Internet bereitstellen. Der Internet-Zugang per Handy wird dann schnell zum Standard werden, nicht nur für Geschäftskunden.

"E-Mail mobil"
Weitere Artikel zum Thema E-Mail mobil finden Sie in der c't 23/2005:
Mail Mobil S. 154
Dienste der Netzbetreiber S. 156
E-Mail-Server und -Clients S. 160
Handys und Smartphones S. 164

(uma)