Der weiĂźe Riese

Der weltweit nahezu simultane Verkaufsstart der Xbox 360 verärgerte so manchen Kunden, denn die Nachfrage überstieg das Angebot bei weitem. In Deutschland konnten viele Geschäfte am 2. Dezember nicht einmal die Vorbestellungen befriedigen.

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Mit der Xbox 360 bringt Microsoft die erste Konsole der nächsten Generation auf den Markt, die Videospiele in hohen Auflösungen darstellt und umfangreiche Online-Funktionen mitbringt. Spieledemos, Filme und Musik lassen sich auf einer Festplatte speichern, die jedoch nur in der teureren Premium-Version für 399 Euro mitgeliefert wird.

Bill Gates nannte die Xbox 360 „die heißeste Konsole“, und er hat wortwörtlich Recht: Der PowerPC-Prozessor mit seinen drei, angeblich mit 3,2 GHz getakteten Kernen und der neue Grafikchip von ATI haben einen großen Leistungshunger. Schließlich sollen alle Spiele in einer Auflösung von 1280 x 720 Bildpunkten (720p) flüssig über den Bildschirm laufen.

Wir haben die Stromaufnahme einmal nachgemessen: Das Gerät genehmigt sich bereits im Ruhezustand, wenn nur die Dash-Board-Oberfläche zu sehen ist, 136 Watt. Legt man ein Spiel ein, so steigt dieser Wert auf 160 Watt an. Damit liegt die Xbox 360 auf Augenhöhe mit aktuellen PCs, die je nach Grafikkartenbestückung zwischen 140 und 220 Watt saugen. Ungewöhnlich hoch bleibt die Stromaufnahme beim Abspielen von DVD-Filmen. Während andere DVD-Player sich mit 10 bis 15 Watt begnügen, nimmt die Xbox 360 dabei satte 118 Watt auf.

Entsprechend laut lärmen die drei Lüfter: An der Rückseite blasen sie warme Luft aus dem Gehäuse. Bei 22 °C Raumtemperatur maßen wir 53 °C am Auslass. Im Langzeittest in der Klimakammer bei 35 °C lief unser Testgerät, das aus dem normalen Verkauf stammt, allerdings durchweg stabil. In jedem Fall sollte man aber sicherstellen, dass die Lüftungsschlitze immer frei und sauber sind. Der Einbau in eine Schrankwand - womöglich noch neben einem warmen Plasma- und LCD-Bildschirm - verbietet sich von selbst.

Der Lärm von 1,8 Sone im Ruhezustand stieg beim Abspielen einer DVD auf 2,0 Sone an, beim Spielen maßen wir gar 3,8 Sone aus 0,5 Metern Entfernung. Die Lüfter sind offenbar nicht temperaturgeregelt. Nach einer Stunde Laufzeit blieben die Geräusche unverändert.

Damit ist die neue Xbox deutlich lauter als die alte, deren spätere Modelle mit 1,6 Sone tönen. Leise Media-Center-PCs bleiben hingegen unter 0,5 Sone und sind damit praktisch kaum zu hören. So ist die Xbox 360 - auch wegen ihrer beschränkten Multimediafähigkeiten [1] - nur bedingt als Medienzentrale zu empfehlen. Geschütztes HD-Filmmaterial kann sie nicht abspielen, weil ihr ein HD-DVD-Laufwerk und digitale Monitor-Anschlüsse wie DVI oder HDMI fehlen.

Das externe Netzteil produziert relativ hohe Oberschwingungsströme und erreicht nur einen Power Factor von 0,58. Würde man die Xbox 360 als PC-System (Class D) deklarieren, so würde es die Grenzwerte nicht einhalten. Als Unterhaltungselektronikgerät (Class A) bleibt es aber innerhalb der Norm. In den USA läuft inzwischen eine Klage gegen Microsoft, weil die dort verwendeten 110-Volt-Netzteile zum Teil überhitzen sollen. Die 220-Volt-Version wird jedoch von einem Lüfter gekühlt und wurde während des Tests nur handwarm.

Microsoft will die Xbox 360 nicht als Konkurrenten zu Media Center PCs positionieren. Sie soll vielmehr als Media Center Extender deren Verkäufe stimulieren. Filme, Musik und Fernsehprogramme lassen sich vom PC zur Konsole streamen. Dazu braucht man die Media Center Edition von Windows XP und ein spezielles Server-Tool von Microsoft (Soft-Link). Die Anbindung klappte auf Anhieb problemlos. Die Media-Center-Oberfläche wird 1:1 übernommen. Wären nicht die etwas lauten Lüfter, so würde sich die Xbox 360 allein schon als Extender auch für Nichtspieler lohnen.

Microsoft hat seinen Online-Dienst Xbox Live um ein digitales Teleshopping-System erweitert. Hier kann sich der Spieler, wenn er die Konsole mit dem Internet verbunden hat, bequem vom Sofa aus kostenlose Demos herunterladen. Geboten werden auch Film-Trailer (in 480p oder 720p) und Entwickler-Interviews vom amerikanischen Online-Portal IGN. Microsoft verkauft über den Marktplatz einfache Arcade-Spiele, die man zuvor probespielen kann. Die Demos fragen immer wieder, ob man die Vollversion kaufen möchte - diese ist dann lediglich einen Knopfdruck entfernt.

Bezahlt wird in einer digitalen Währung namens Microsoft Points: Ein einfaches Puzzle- oder Arcade-Spiel kostet 400, 800 oder 1200 Punkte. Für 20 Points gibts ein buntes Bildchen, mit dem sich der Spieler Online präsentieren kann, für 150 gar einen kompletten Desktop-Hintergrund. Per Kredit- oder Prepaid-Karte lassen sich harte Euros in digitale Points tauschen. Später soll noch ein Lastschriftverfahren hinzukommen. 500 Points kosten sechs Euro. Immerhin erlauben die Jugendschutzfunktionen, die Kaufwut der Kinder zu bändigen. So wird für jeden Spieler ein eigenes Konto angelegt, für das man den Zugang zu Online-Inhalten und ungeeigneten Spielen und Filmen sperren kann.

Die Bedienung geht zwar flüssig von der Hand, an der Präsentation der käuflichen Inhalte muss Microsoft aber noch arbeiten. Das Dash Board führt die Angebote nur in unübersichtlichen Listen auf. Angesichts der Download-Größen dürfte die nur 20 GByte große Festplatte bei vielen Kunden bald überschwappen: Ein Film-Trailer von „Aeon Flux“ in 720p nimmt 120 MByte in Anspruch, die Need-For-Speed-Demo gar 963 MByte.

Lediglich vier der 14 zum Start vorgestellten Titel sind exklusiv für die Xbox 360 programmiert. Im Ego-Shooter „Perfect Dark Zero“ schlüpft der Spieler in die Rolle einer futuristischen Geheimagentin Joanna Dark, die 14 lose zusammenhängende Missionen erledigen muss. Spielerisch erinnert vieles an „No one Lives Forever“, allerdings reicht „Perfect Dark Zero“ nicht an dessen Spielwitz heran. Auch grafisch weiß der Shooter kaum zu überzeugen: Die Texturen wirken detailarm, und die Gegner sehen aus wie Plastikfiguren. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Entwickler unter hohem Zeitdruck standen.

„Project Gotham Racing 3“ (PGR3) ist ein solider Innenstadt-Raser mit netten Spiegelungs- und Tempoeffekten. Die Straßentexturen sind allerdings wenig detailliert, und starkes Flimmern an den Leitplanken stört den Bildeindruck. Die Menüs verwirren den Spieler mit Hinweisen wie „Spielen sie allein auf diesem Xbox 360 Konsole“. Da ging es bei der Übersetzung wohl etwas hektisch zu.

Am ehesten zeigt noch das Action-Adventure „Kameo - Elements of Power“, was in der neuen Konsole steckt. Nicht nur, dass die Entwickler die Fantasy-Welt der Trolle, Elfen und Drachen mit liebevollen Animationen und hunderten von Figuren zum Leben erwecken, sie fordern auch mit intelligenten Puzzles den Grips des Spielers. Dieser transformiert seine Elfe in eine von zehn verschiedenen Figuren, die jeweils andere Fähigkeiten und Waffen haben. So überrollt man als stachelige Kastanie heranstürmende Trolle, die an der Außenhaut kleben bleiben, oder nimmt sie als Yeti-Zottelmonster mit Eispfeilen unter Beschuss. Besonders lustig ist der kooperative Modus, indem zwei Spieler am geteilten Bildschirm sich mit ihren Verwandlungskünsten unterstützen. Kameo ist mit seinen rund zwölf Stunden Spielzeit zwar kein episches Abenteuer, hätte es aber in unsere Liste der besten Videospiele des Jahres geschafft (siehe S. 172, c't 26/05).

2K Sports hat das Snowboard-Spiel „Amped 3“ in eine ausgeflippte Story gebettet. Die Grafik im bunten MTV-Stil hätte jedoch auch auf jeder anderen Konsole erscheinen können.

Activision liefert vier Konvertierungen von Action-Spielen, darunter „Tony Hawks American Wasteland“ und „Call of Duty 2“, die sich grafisch kaum von den PC-Versionen unterscheiden. „Quake 4“ nutzt als einer der wenigen Titel Anti-Aliasing zu Kantenglättung, allerdings wirken die Texturen vergleichsweise detailarm, und die Bildrate bricht an einigen Stellen ein. Der Western-Shooter „Gun“ sieht nicht besser aus als auf anderen Plattformen. Die ruhige Orchesteruntermalung wird allerdings vom lauten Lüfterrauschen der Xbox 360 gestört.

Electronic Arts hat den Renner „Need for Speed Most Wanted“ mit netten Bloom- und knalligen Lichteffekten aufgewertet, die offenbar HDR-Rendering nutzen. Läuft das Spiel allerdings in hohen Auflösungen ab 720p, bricht die Bildwiederholungsrate auf gefühlte 20 Frames pro Sekunde ein. So verfällt man keinem Temporausch wie bei PGR3. Flüssiger läuft das Spiel in der PAL-Auflösung, bei denen es die Kanten per Anti-Aliasing glättet. In „FIFA 06“ und „Madden NFL 06“ fiel der Grafikpracht hingegen die Spieltiefe zum Opfer. FIFA 06 bietet nur den Qualifikationswettbewerb zur Fußballweltmeisterschaft und bei Madden wurden etliche Spielemodi gegenüber den anderen Konsolenfassungen wegrationalisiert.

Die Konvertierung von „Peter Jackson’s King Kong“ sieht hingegen deutlich besser aus als auf anderen Plattformen. Ubisoft hat die Saurier-Hatz mit detaillierten Texturen und Oberflächen-Effekten aufgewertet.

Für alte Xbox-Spiele muss man Updates aus dem Internet auf die Festplatte laden, damit sie auf der neuen Konsole laufen. Microsoft hat bisher für 213 Titel angepasste Emulatoren programmiert. So kann man die Titel auch in hohen Auflösungen spielen, wobei die Kanten per Anti-Aliasing geglättet werden. Im Vergleich zu so manchem der neuen Titel sah beispielsweise das Rollenspiel „Jade Empire“ nicht viel schlechter aus.

Die Stärken der Xbox 360 liegen in der HD-Ausgabe der Spiele und in ihrem umfangreichen Online-Angebot. Wer keinen Internet-Anschluss im Wohnzimmer hat (zur Not über den separat erhältlichen WLAN-Adapter) oder sich für das günstigere Core-System für 299 Euro ohne Festplatte entscheidet, verpasst die Hälfte. Für Microsoft könnte sich der Xbox-Live-Marktplatz zur echten Goldgrube entwickeln. Nebenbei sammeln sie für Werbeaktionen und zukünftige Entwicklungen umfangreiche Daten über die Spieler und wissen stets, wer was wann wie lange spielt, was so manchen Datenschützer stören dürfte. Nicht zuletzt können sie Hacker von den Online-Angeboten leicht ausschließen.

Von den neu vorgestellten Titeln kann einzig „Kameo“ die hohen Erwartungen erfüllen. Beim Restprogramm verpassen PC-Spieler und Besitzer der alten Xbox nicht viel. Zur Geltung kommt die Grafikpracht aber nur auf Fernsehern, die „HD ready“ sind, oder auf Computermonitoren, die per VGA-Kabel analog angeschlossen werden. Am Komponenten-Kabel gibt die Xbox die Auflösungen PAL, 720p und 1080i aus, über VGA sind es bis zu 1280 x 1024 Bildpunkte. Die Signalqualität ist dabei allenfalls durchschnittlich. An Schriften fallen zum Teil deutliche Schattenränder auf.

Die Spiele nutzen nach Angaben der Entwickler bisher nur einen der drei Prozessorkerne. Im Vergleich zu den PowerPCs ist die Xbox-360-CPU deutlich langsamer, da sie pro Takt und Core lediglich zwei Befehle „in order“ und nicht „out of order“ bearbeiten kann [2]. Performance-Probleme gibt es anscheinend auch mit dem Grafikchip, der eigentlich Kantenglättung in allen Spielen ohne Performance-Einbußen ermöglichen soll. Allerdings macht kaum ein Titel bisher davon Gebrauch, Kameo nicht einmal in der PAL-Auflösung. So wird man erst im nächsten Jahr sehen, zu welchen Leistungen die Xbox 360 wirklich fähig ist. Bis dahin haben die Entwickler Zeit, den Code zu optimieren.

Die hohe Leistungsaufnahme und lauten Lüfter zeigen ein generelles Problem der neuen Konsolengeneration, das auch die Playstation 3 von Sony betreffen wird, deren Cell-CPU nicht gerade als Schonkost-CPU gilt. Wenn die Hersteller ihre Geräte als Multimedia-Zentralen im Wohnzimmer etablieren wollen, so müssen sie zunächst das Rauschen abstellen, sonst wird sie kaum jemand als Film- oder Musikabspieler ernsthaft nutzen.

[1] Hartmut Gieselmann, Xbox Evolution, c't 22/05, S. 18

[2] Andreas Stiller, Launches und Lunches, Fall Processor Forum 2005 in San José

http://ct.de/0526018 (hag)