Goldgrube und Hungerturm
Selbstständig machen! Unisono schwelgen Politiker in dieser Forderung, und manch ein Angestellter oder Arbeitsloser mag auch schon an diese Option gedacht haben. Ob sich unter dem Strich gesehen dieses Wagnis auch lohnt, soll unsere alljährliche Umfrage unter denjenigen, die den Schritt in die Selbstständigkeit bereits hinter sich haben, klären helfen.
- Dr. Claus Becher
- Dr. Thomas BĂĽrkle
Auf eigene Verantwortung und Rechnung zu arbeiten, kann seinen Reiz haben. Pensum und Arbeitstempo lassen sich selbst bestimmen, und dem Dauerstress mit Vorgesetzten kann ich so kaltlächelnd Lebewohl sagen.“ Einem großen Teil der 76 000 IT-Selbstständigen in Deutschland scheint dieser Gedankengang irgendwann einmal ins Bewusstsein gekommen zu sein. Er hat darum Risikobereitschaft und Eigeninitiative gegen die vermeintliche materielle Sicherheit des Angestelltendaseins gesetzt.
Doch einige mussten auch aus purer Not heraus die „Flucht nach vorn“ wagen, wie sich an den Gründungen so genannter „Ich-AGs” ablesen lässt. Sie führen meist ein eher kümmerliches Dasein und darben am Rande des Existenzminimums oder darunter. Die Aufnahme der als Unwort des Jahres 2002 ausgezeichneten „Reduzierung von Individuen auf sprachliches Börsenniveau“ - so seinerzeit die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache - in unseren Fragebogen bescherte uns auch einige böse Leserzuschriften, obwohl wir den Begriff wohlweislich in Anführungszeichen gesetzt hatten.
Die Umfrage
Insgesamt konnten wir die anonym gegebenen Angaben in Bezug auf das Jahr 2004 von 997 Selbstständigen aus der IT-Branche auswerten - offensichtliche „Spaß“-Einträge haben wir vorher gelöscht. Damit zeigt sich eine Konstanz zur Vorjahresumfrage mit 990 Teilnehmern. Wiederum sind Frauen mit 15 Teilnehmerinnen nur sehr schwach repräsentiert. Insgesamt erweist sich diese Studie im Hinblick auf Alter und Berufsausbildung aber als ausreichend aussagekräftig - ein Wermutstropfen ist jedoch auch diesmal die recht geringe Beteiligung der Österreicher und Schweizer.
Vier Formen der Selbstständigkeit haben wir unterschieden: Nebenberufler, Freiberufler, Inhaber eines Gewerbebetriebes und Betreiber einer so genannten Ich-AG. Es ergibt sich dabei unter Berücksichtigung der Altersstruktur die unten stehende Verteilung der Selbstständigen.
Als häufigste Form der Selbstständigkeit zeigt sich mit fast 60 Prozent die freiberufliche Tätigkeit, ein gutes Fünftel gab an, Inhaber eines Gewerbebetriebes zu sein. Nur nebenberuflich wurde die Selbstständigkeit von 15,8 Prozent, in Form der „Ich-AG“ von 2,8 Prozent der Befragten ausgeübt. Damit bleibt die Struktur gegenüber 2003 und 2002 nahezu unverändert. Die „Ich-AG“ - in der gegenwärtigen Studie erstmals erfasst - spielt insgesamt gesehen im IT-Bereich nur eine untergeordnete Rolle. Die neue Bundesregierung hat angekündigt, sie Mitte 2006 auslaufen zu lassen.
Nach wie vor sind ITler unter 35 Jahren relativ häufig nebenberuflich selbstständig. Von den Betreibern einer „Ich-AG“ war sogar gut die Hälfte unter 30 Jahre alt. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil an Freiberuflern und Gewerbetreibenden an, jetzt riskieren viele ITler den Schritt in die Selbstständigkeit. Betrachtet man diejenigen, die ins fünfte Lebensjahrzehnt vorgedrungen sind, fällt aber auch ins Auge, dass hier wieder mehr „Ich-AGs“ auftreten. Anscheinend stellt die „Ich-AG” eine Notlösung für diejenigen Älteren dar, die von den Personalchefs bereits ignoriert werden.
JahreseinkĂĽnfte
Das durchschnittliche Jahreseinkommen vor Steuern in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben wir aus den Umfragedaten ermittelt, indem wir den Umsatz um die Betriebskosten, die Löhne - falls Arbeitnehmer beschäftigt werden - und die Ausgaben für die eigene Weiterbildung vermindert haben. Soziale Absicherung wurde hier nicht berücksichtigt.
Alle folgenden Diagramme präsentieren die auf Deutschland bezogenen Daten. Das in der Tabelle unten ermittelte durchschnittliche Jahreseinkommen wurde dabei um die Aufwendungen für die soziale Absicherung (Altersvorsorge, Krankenversicherung) bereinigt. Dabei haben wir den Beitrag für die gesetzliche Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung in Deutschland bei dem jeweils erzielten Einkommen zugrunde gelegt. So ergibt sich für die drei Gruppen der IT-Selbstständigen eine Verteilung der Jahreseinkommen 2004 im Vergleich zum Vorjahr.
Die Jahreseinkommen aller Freiberufler lagen in zirka 81 Prozent aller Antworten unter 100 000 Euro. 2003 waren es noch 85 Prozent gewesen. Die Häufung liegt - wie auch im Vorjahr - zwischen 10 000 und 20 000 Euro. Insgesamt zeigt sich eine leichte Verschiebung der Verteilung der Einkommen in die höheren Sphären.
Im Vergleich zu Freiberuflern tauchen hier häufiger Jahreseinkommen über 100 000 Euro auf.
Bei den Inhabern eines Gewerbebetriebs liegen die meistgenannten Werte im Einkommensintervall zwischen 20 000 und 30 000 Euro. Im Vergleich zu den Freiberuflern fällt jedoch auf, dass der Bereich hoher Jahreseinkommen ab 100 000 Euro wiederum häufiger genannt wurde. Gegenüber 2003 erlebten Gewerbetreibende eine stärkere Polarisierung: Sowohl Einkommen unter 50 000 aber andererseits auch Einkommen über 150 000 Euro sind relativ stark vertreten. Insgesamt lässt sich auch hier eine leichte Verbesserung der durchschnittlichen Einkommenssituation festmachen.
Das gilt auch, wenn man die Verteilung der Jahreseinkünfte der nebenberuflich IT-Selbstständigen betrachtet - auch wenn hier die meisten Nennungen unter 10 000 Euro liegen.
Bei den erstmals erhobenen Daten der „Ich-AG“ ergab sich eine sehr starke Konzentration der Jahreseinkommen zwischen 10 000 und 20 000 Euro, und die Einkommensverteilung zeigt Parallelen zu den Nebenberuflern. Dies zeigt, dass es sich bei der „Ich-AG“ in der Regel um Notgründungen aus Arbeitslosigkeit heraus handelt.
Stundenlöhne
Wie man denn in einer solchen Umfrage nach der Arbeitszeit fragen könne, hielt uns ein Teilnehmer vor, und wollte damit wohl andeuten, dass seiner Meinung nach der „wahre“ Selbstständige nicht auf die Uhr schaut. Doch die meisten konnten ihren zeitlichen Aufwand durchaus einschätzen - und auf Basis der erhobenen durchschnittlichen Monatsarbeitsstunden haben wir dann die Jahresarbeitszeit berechnet. Für Deutschland ergab sich hinsichtlich der Verteilung des realen Stunden„lohnes“ gegenüber dem Vorjahr kein einheitliches Bild.
Blickt man auf die Entwicklung der Stundensätze, die ein Selbstständiger in Rechnung stellt, ist im Vergleich zu den Stundenlöhnen zu berücksichtigen, dass bei den Stundensätzen keine Kosten und nicht der tatsächliche Zeitaufwand im Diagramm berücksichtigt werden. Anders als bei den Stundenlöhnen fällt es daher schwerer abzuschätzen, ob Selbstständigkeit Vorteile bieten kann.
Unterscheidet man zwischen den Selbstständigengruppen, so zeigen sich im Dreijahresvergleich bei den Gewerbetreibenden deutliche Verbesserungen. Bei Frei- und Nebenberuflern hat sich die Abwärtsbewegung fortgesetzt. Da wir die „Ich-AG“ erstmals erfasst haben, lässt sich hier kein Vergleich anstellen.
Inhaber eines Gewerbebetriebs erzielten mit rund 92 Euro pro Arbeitsstunde das höchste durchschnittliche Einkommen pro Stunde. Die Freiberufler müssen sich mit der Hälfte zufrieden geben, nebenberuflich Selbstständige mit einem Drittel vorlieb nehmen, und die durchschnittliche „Ich-AG“ erwirtschaftet kaum 20 Euro. Genau aufgeschlüsselt zeigen dies die untenstehenden Diagramme.
Schwerpunkte
Die hauptberuflich IT-Selbstständigen (Freiberufler und Inhaber eines Gewerbebetriebes), die einen eindeutigen Tätigkeitsschwerpunkt angegeben haben, konnten die im Vorjahr ermittelte Einkommensverteilung nach Arbeitsbereichen im Wesentlichen bestätigen.
Wiederum lag jeder Vierte mit dem Geschäftsschwerpunkt „Beratung und Consulting“ im Bereich der höchsten Einkommensklasse, dann folgten „Softwareprogrammierung und Datenbanken“. Im Bereich „Forschung, Entwicklung, Lehre, Training“ fällt auf, dass diese Sparte eine leichte Zunahme höherer Einkommen verzeichnen konnte, was auch für „Webentwicklung und Multimediadesign“ gilt - wenngleich sich hier auch die unteren Einkommensklassen ansiedeln. „Service und Support“ sowie „Administration“ zeigen wie auch in den beiden Vorjahren ein uneinheitliches Bild. Tendenziell fand jedoch eine Verlagerung hin zu den niedrigeren Einkommen statt.
Qualifikation
Festangestellte müssen bei der Einstellung formale Qualifikationen nachweisen und können in Gehaltsverhandlungen damit pokern. Der Selbstständige stellt sich ja quasi selbst ein, und darum zeigt sich bei ihm kaum ein Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe und Ausbildung - ganz im Gegensatz zu den Festangestellten [3]. Eine gute Ausbildung setzt aber zumindest tendenziell den Grundstock für ein besseres Einkommen. Gegenüber dem letzten Jahr hat die Bedeutung formaler Bildung zur Erzielung hoher Einkommen sogar abgenommen: Lagen 2003 noch unter 20 Prozent der Selbstständigen ohne Berufsausbildung in den beiden höchsten Einkommenskategorien (mehr als 90 000 Euro), so waren es 2004 deutlich über 20 Prozent.
Es ist also weniger die formale Qualifikation als die Fähigkeit, anstehende Arbeitsaufgaben kompetent zu lösen, die sich auf den Stundensatz auswirkt.
Einen bedeutenden Einfluss auf die Stundensätze übt die Branchenzugehörigkeit aus. Der höchste mittlere Satz mit 68 Euro war auf dem Felde der Telekommunikation zu erzielen - aber es herrscht auch eine sehr große Spannbreite: 90 Prozent der Stundensätze liegen hier in einem Bereich zwischen 35 und 142 Euro. Der Bereich Banken und Versicherungen, der 2003 den Spitzenplatz mit 69 Euro einnahm, liegt nun mit 63 Euro auf dem zweiten Platz. Die vergleichsweise niedrigsten durchschnittlichen Stundensätze von 52 Euro ergaben sich 2004 in den Bereichen „Gesundheitswesen“ sowie „Aus- und Weiterbildung“. Die geringste Spannbreite weist die Automobilbranche mit einem mittleren Wert von 58 Euro auf. Hier liegen 90 Prozent der Stundensätze in einem Bereich zwischen 20 und 120 Euro (siehe Tabelle "IT-Stundensätze nach Branchen des Auftraggebers in Deutschland 2004").
Die Wahrscheinlichkeit zur Erzielung hoher Einkommen (mehr als 90 000 Euro) bleibt bei der Gruppe der IT-Selbstständigen, die mehr als zehn Jahre Berufserfahrung aufweisen, gegenüber 2003 nahezu unverändert, wohingegen Neueinsteiger mit weniger als einem Jahr Berufserfahrung bei den hohen Einkommen jetzt überhaupt nicht mehr vertreten sind. Gegenüber dem Vorjahr fällt jedoch auf, dass die Gruppe der Selbstständigen mit zwei Jahren Berufserfahrung sowohl hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit der Erzielung hoher als auch niedriger Einkommen erheblich zugelegt hat. Damit ist in dieser Gruppe eine Polarisierung zu Lasten der mittleren Einkommen eingetreten. Insgesamt verringert sich mit zunehmender Berufserfahrung die Gefahr, nur niedrige Jahreseinkommen unter 20 000 Euro zu erzielen. Erst bei einer langjährigen Tätigkeit von mehr als zehn Jahren zeigt sich aber eine klare Korrelation mit hohen Jahreseinkommen.
Wirtschaftliche Lage
Anhand der Beurteilung der eigenen wirtschaftlichen Lage lässt sich eine Einschätzung darüber gewinnen, ob das Geschäftsjahr hinsichtlich der Einkunftsmöglichkeiten in der Meinung der Befragten eher ein schlechtes oder gutes Jahr war. Die Abbildungen zeigen die Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage der befragten Freiberufler und Inhaber eines Gewerbebetriebes in Deutschland in den jeweiligen Einkommensklassen.
In den Einkommenskategorien ab 40 000 Euro wurde 2004 die Lage überwiegend als „gut“ oder „sehr gut“ eingeschätzt. Damit gelang es zahlreichen IT-Selbstständigen, aus ihrer Sicht zufriedenstellende Einkünfte zu erzielen. Bei Jahreseinkünf-ten unter 40 000 Euro empfand über die Hälfte in den jeweiligen Einkommensgruppe die eigene wirtschaftliche Situation als nicht gut („befriedigend“ und „schlechter“). Insgesamt lässt sich über fast alle Einkommenskategorien im Vergleich zum Vorjahr eine zunehmende Zufriedenheit hinsichtlich der Beurteilungskategorien „gut“ und „sehr gut“ konstatieren.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die IT-Selbstständigkeit bei den Befragten nur eine Notlösung darstellt, und ob sie lieber eine Festanstellung vorgezogen hätten.
Es zeigt sich, dass auch in den Gruppen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen (unter 90 000 Euro) der Anteil derer, die eine Festanstellung vorgezogen hätten, gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken ist. Insgesamt zieht eine große Mehrheit die berufliche Selbstständigkeit vor. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass die nichtfinanziellen Aspekte der Selbstständigkeit wie größere Autonomie bei der Entscheidung eine wichtige Rolle spielen. Auch optimistische Zukunftseinschätzungen könnten zu diesem Ergebnis geführt haben. Erwartungsgemäß zeigt sich das wenig erstaunliche Ergebnis, dass mit abnehmenden Einkommen die Selbstständigkeit an Attraktivität verliert.
Hier muss aber berücksichtigt werden, dass die Befragung keine Daten über die Zahl der Übergänge von der Selbstständigkeit in eine abhängige Erwerbstätigkeit enthält: Personen, die die Selbstständigkeit aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben haben und mittlerweile fest angestellt sind, fanden keine Berücksichtigung, sodass der Wechselwunsch an dieser Stelle unterschätzt werden könnte.
Frei versus fest
Die Frage, ob sich IT-Selbständigkeit lohnt, beantwortet auch ein Vergleich mit den Einkommen, die Festangestellte in der IT-Branche erzielen. Hier liefert die c't-Befragung der Festangestellten die Vergleichsdaten [3]. Die Gegenüberstellung auf Seite 98 unten berücksichtigt bei den Selbstständigen die Freiberufler und die Inhaber eines Gewerbebetriebes in Deutschland, bei den Festangestellten Vollzeitkräfte mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von mindestens 35 Stunden. Für die Jahreseinkommen der beiden Gruppen ergab sich für 2004 die hier angegebene Verteilung.
Der Großteil der Festangestellten erzielt mittlere Jahreseinkommen. Über 40 Prozent haben 2004 ein Jahreseinkommen zwischen 40 000 und 60 000 Euro erzielt, fast ebenso viele lagen zwischen 20 000 und 40 000 Euro. Bei den Selbstständigen ergab die Befragung einerseits einen wesentlich größeren Anteil bei den höheren Einkommen ab 90 000, andererseits jedoch auch einen deutlich höheren Anteil an niedrigen Jahreseinkünften unter 20 000 Euro.
Die Selbstständigkeit eröffnet zwar größere Chancen auf hohe Einkommen, weist aber nicht automatisch den Königsweg zur Erzielung hoher Einkünfte, da zugleich auch eine hohe Wahrscheinlichkeit - die gegenüber dem Vorjahr sogar gestiegen ist - besteht, nur niedrige Einkommen realisieren zu können. Bei den Festangestellten ergab sich im Vergleich zum Jahr 2003 eine Tendenz zur Mitte: Der Einkommensbereich zwischen 20 000 und 60 000 Euro ist hinsichtlich der Häufigkeit gewachsen, die niedrigen und die hohen Einkommen haben dagegen an Bedeutung verloren. Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die Schwankung der Einkommen der Festangestellten gegenüber dem Vorjahr abgenommen, bei den Selbstständigen jedoch eher zugenommen hat.
Hinsichtlich des Einkommensvergleichs ist noch darauf hinzuweisen, dass steuerliche Vorteile der Selbstständigen gegenüber den Festangestellten unberücksichtigt bleiben. Die ausgewiesenen Einkommen der Selbstständigen ergeben sich als Saldo aus Umsätzen und Kosten. Dabei hat der Selbstständige bessere Möglichkeiten der steuerlichen Anrechnung.
Bei den „Stundenlöhnen“ ergibt sich prinzipiell ein ähnliches Bild wie bei den Jahreseinkommen. Auch hier gelang es den Festangestellten kaum, gehobene Stundenlöhne über 45 Euro zu realisieren. In diesem Bereich sind die Freiberufler dagegen noch relativ häufig vertreten. Von den Festangestellten erzielten über 40 Prozent Stundenlöhne zwischen 15 und 25 Euro.
Bei den Freiberuflern fällt auf, dass ihr Anteil im Intervall sehr niedriger Stundenlöhne (bis fünf Euro) wie bereits 2002 und 2003 im Vergleich zu den Festangestellten stärker vertreten ist. Für die Festangestellten ergibt sich gegenüber 2003 eine leichte Verschiebung der Verteilung in Richtung der höheren Stundenlöhne.
Einschätzung
Insgesamt haben die Selbstständigen ihre Einkommenssituation im Verhältnis zum Jahr 2003 als geringfügig besser eingeschätzt. Diese zunächst subjektive Wahrnehmung deckt sich mit den erhobenen Einkommensdaten, die einen geringen Anstieg des durchschnittlichen Einkommens und eine leichte Verschiebung in der Verteilung der Jahreseinkommen der Freiberufler hin zu den höheren Einkommen feststellen. Bei den Gewerbetreibenden ist das Bild weniger eindeutig, wenngleich auch hier von einer leichten Verbesserung auszugehen ist. Auch bei den nebenberuflich Selbstständigen zeigt sich ein positiver Trend.
Daten für die „Ich-AG“ wurden erstmalig erhoben. Hier erzielten mehr als 60 Prozent ein Jahreseinkommen, das gerade ein wirtschaftliches Überleben sichert und nicht als auskömmlich bezeichnet werden kann. Hinsichtlich der Streuung der Einkommen ist bei den Selbstständigen eine Zunahme und somit ein erhöhtes Risiko zu konstatieren. Trotz dieses erhöhten Risikos war der Wunsch, die Selbstständigkeit gegen eine Festanstellung einzutauschen, auch 2004 nicht sonderlich ausgeprägt. Dies lässt wiederum eine eher optimistische Einschätzung der Befragten für die Zukunft vermuten.
Aus dem Vergleich mit den Einkommen der Festangestellten lässt sich keine eindeutige Aussage auf die Frage, ob sich IT-Selbstständigkeit lohnt, ableiten. Als Erfolgsfaktoren einer beruflichen Selbständigkeit ergaben sich einerseits die Berufserfahrung, die Wahl des Tätigkeitsschwerpunktes sowie in starkem Maße die Möglichkeit, auch die gerade geforderten spezifischen Kenntnisse anbieten zu können.
Literatur
[1] Claus Becher, Thomas Bürkle: Lohnt sich IT-Selbständigkeit?
[2] Claus Becher, Thomas BĂĽrkle: Schwieriges Terrain
[3] Daniel Apfelbaum, Claus Becher: Wer verdient wie viel?
Dr. Thomas Bürkle ist Privatdozent am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Lehrstuhl für Personalwirtschaft, der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Claus Becher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des „Project Electronic Labor Market“ am Fachbereich Soziologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt.
Selbstständig oder festangestellt?
Sicherlich spielt auch die Hoffnung, als Selbstständiger mehr verdienen zu können als ein Festangestellter, eine bedeutende Rolle bei der Entscheidung für einen Abschied vom Angestelltendasein. Nebenstehend haben wir noch einmal das Ergebnis unserer Gehaltsumfrage unter Festangestellten im Jahr 2004 [3] abgedruckt. Wer mit dem Wunsch spielt, sich selbstständig zu machen, kann hier eine genauere Einschätzung seiner spezifischen Situation vornehmen und das Ergebnis seiner Überlegungen mit den Angaben der Freiberufler vergleichen.
Auf einen Automatismus kann man jedoch nicht vertrauen, die Wahrscheinlichkeit eines finanziellen Abstiegs hat unter den Selbstständigen ebenfalls etwas zugenommen. Geld ist aber in diesem Felde auch nicht alles. Das lässt sich daran erkennen, dass sich eine große Mehrheit mit ihrem Status zufrieden gezeigt und zumindest verhalten optimistisch in die Zukunft blickt. Das mag manchem Mut machen.
| IT-Stundensätze nach Branchen des Auftraggebers in Deutschland 2004 | |||||
| 10 Prozent | 25 Prozent | 50 Prozent | 75 Prozent | 90 Prozent | |
| Automobilbranche | 25 € | 45 € | 60 € | 72 € | 85 € |
| Bank/Versicherung | 25 € | 45 € | 62 € | 80 € | 100 € |
| IT-Unternehmen | 25 € | 35 € | 55 € | 70 € | 90 € |
| TK-Unternehmen | 42 € | 53 € | 65 € | 80 € | 100 € |
| Gesundheitswesen | 22 € | 35 € | 50 € | 69 € | 80 € |
| Industrie | 31 € | 46 € | 60 € | 75 € | 90 € |
| öffentlicher Dienst | 24 € | 35 € | 60 € | 75 € | 99 € |
| Aus- und Weiterbildung | 25 € | 34 € | 50 € | 65 € | 82 € |
| Sonstige | 8 € | 25 € | 40 € | 60 € | 95 € |
| alle IT-Selbstständigen, Mehrfachnennungen möglich | |||||
Die Tabelle zeigt in Prozentwerten an, wie viele IT-Selbst-ständige Stundensätze bis zu dem angegebenen Wert verlangt haben. Aus der Differenz zu 100 Prozent ergibt sich der Anteil derjenigen, die einen noch höheren Stundensatz berechnet haben. (fm)