Handytarife unter Druck
Billig-Angebote ohne Grundgebühr starten bei Minutenpreisen ab 14 Cent für innerdeutsche Gespräche in alle Netze. Inzwischen setzen einige Anbieter auf Sonder-preise für die eigene Nutzergemeinde.
- Sven-Olaf Suhl
Seit Mitte 2005 wirbt eine wachsende Anzahl von Billiganbietern um die Mobilfunk-Kunden in Deutschland. Dabei setzen sie auf einen Einheitspreis für Standardtelefonate, ohne monatlichen Mindestumsatz oder Vertragsbindung. Auf kostentreibende Extras wie verbilligten Endgeräte oder chice Ladenlokale verzichten die Newcomer bewusst. Die kurze Karriere von „Aldi Talk“ im Dezember 2005 hatte zuletzt für einige Bewegung unter den Mobilfunk-Discountern gesorgt.
Zusätzlich zu einem kurzfristig rekordverdächtigen Einheitstarif von 15 Cent pro Gesprächsminute oder SMS lockte Aldi mit einem Sonderpreis von 5 Cent je Minute beziehungsweise SMS für die Kommunikation zwischen den Aldi-Talk-Kunden. Vom Verkaufsstart bis zum überraschenden Verkaufsstopp für SIM-Karten wenige Tage vor Heiligabend hatten sich über 100 000 Kunden für diesen „Gruppentarif“ entschieden. Diesen können sie auch weiterhin nutzen. In der Branche wird bereits über eine Neuauflage des Angebots spekuliert, bei dem Aldi mit E-Plus als Netzbetreiber und Medion als Servicepartner zusammenarbeitet.
Noch bevor „Aldi Talk“ im Dezember in die Läden kam, hatten Simply und Easymobile.de auf das Angebot des Lebensmittel-Discounters reagiert. Simply verlangt seither 14 Cent pro Minute und 11 Cent je Standard-SMS und bietet seinen über 60 000 Kunden, die das Netz von T-Mobile Deutschland nutzen, kostenlose Gespräche untereinander. Die Talkline-Tochter Easymobile, die ebenfalls mit T-Mobile kooperiert, verlangt 14 Cent pro Minute und 12 Cent pro SMS, bietet jedoch seiner deutschen Kundengemeinde über kostenlose Gesprächsminuten hin-aus auch kostenlosen SMS-Austausch. Beide Angebote sind bis Ende Februar befristet.
Millionenpublikum
Inzwischen mischen auch die beiden größten deutschen Mobilnetzbetreiber im Preispoker mit und bieten jeweils einen Prepaid-Tarif an, der - wie die meisten Discount-Angebote - nur über das Internet bestellt und verwaltet werden kann. Die Konditionen von „CallYa Compact“ von Vodafone und „Xtra Click&Go“ von T-Mobile sind nahezu identisch: Bei Deutschland-Verbindungen zum Festnetz beziehungsweise zu anderen Mobilfunknetzen beträgt der Minutenpreis 25 Cent, SMS kosten 15 Cent. Diesen Preisnachteil gegenüber den Discountern könnte jedoch der Sonderpreis von 5 Cent pro netzinterner Gesprächsminute oder SMS aufwiegen: Nutzer der Prepaid-Angebote aus Bonn oder Düsseldorf können jeweils rund 28 Millionen weitere Handynutzer zu diesem Preis erreichen. Während Besitzer anderer Prepaid-Verträge direkt in die neuen Tarife wechseln können, schauen Vertragskunden in die Röhre. Postpaid-Kunden, die nur ein geringes oder unregelmäßiges Gesprächsaufkommen haben, könnten bereuen, dass sie zwar ein verbilligtes Endgerät hinzubekamen, dafür aber zwei Jahre lang inzwischen unattraktive Preise zahlen müssen.
Alle Discounter beschränken die Sparpreise auf innerdeutsche Standardgespräche ohne Sonderrufnummern. Anrufe dorthin sind deutlich teurer - so zahlen Simyo-Kunden für 0180er- und 0700er-Verbindungen werktags tagsüber 86 Cent pro Minute. Weitere Kostenfallen bergen Auslandsgespräche. Wer beispielsweise Easymobile als Festnetzersatz in Erwägung zieht, muss bedenken, dass Anrufe aus Deutschland zu ausländischen Rufnummern mit mindestens 1,50 Euro je angefangener Minute zu Buche schlagen. Roaming-Preise von 80 Cent innerhalb Europas beziehungsweise 1,80 Euro in der übrigen Welt sind ebenfalls nicht als Schnäppchen zu bezeichnen, auch wenn andere Discounter teilweise noch kräftiger zulangen. Auch beim SMS-Versand im Ausland lauern kostenträchtige Überraschungen. Immerhin sind auf den Websites der Discounter PDF-Dateien mit AGB und Tarifdetails auch für Nicht-Kunden leicht zugänglich.
Nutzer, die regelmäßig große Datenmengen von unterwegs versenden, gehören nicht zur Zielgruppe der Discounter und sind mit UMTS-Laufzeittarifen, die ein monatliches Inklusivvolumen oder eine Daten-Flatrate beinhalten, deutlich besser bedient. Immerhin ermöglichen alle Billiganbieter mobile Datentransfers per GPRS. Die Entgelte hierfür liegen aber keineswegs auf Discount-Niveau und variieren zudem stark zwischen den einzelnen Anbietern (siehe Tabelle). Handy-Schnappschüsse sollte man daher per MMS versenden, die bei einer Größe bis zu 300 KByte höchstens 40 Cent kosten. Für eine Übertragung dieser Datenmenge per GPRS hätten Easymobile oder Simply hingegen 7,50 Euro (2,5 Cent je 1 KByte) verlangt!
Fazit
Innerhalb weniger Monate haben die Discount-Anbieter die Preise für Standardtelefonate und SMS ins Rutschen gebracht. Ideal für Nutzer mit geringem oder unregelmäßigem Gesprächsaufkommen sind Angebote ohne Vertragsbindung oder Mindestumsatz - getreu dem Motto „Nichts tun kostet auch nichts“. Weitere Preissenkungen sind wahrscheinlich: „2006 werden wir 10 Cent sehen“, prognostizierte Martin Gutberlet von der Beratungsgesellschaft Gartner. Für 2006 hat Aldi eine Neuauflage seines Mobilfunkangebots angekündigt, und Lidl plant angeblich ebenfalls einen eigenen Handytarif.
| Discount-Tarife ohne Vertragsbindung und Mindestumsatz | |||||||||
| Anbieter | Simyo | Blau.de | Debitel light | Easymobile | Simply prepaid | Klarmobil Normaltelefonierer | Tchibo prepaid | D1 Xtra Click&Go | D2 CallYa Compact |
| Kontakt | www.simyo.de | www.blau.de | www.debitel-light.de | www.easymobile.de | www.simplytel.de | www.klarmobil.de | www.tchibo.de | www.t-mobile.de | www.vodafone.de |
| Netzbetreiber | E-Plus | E-Plus | E-Plus | T-Mobile | T-Mobile | T-Mobile | O2 Germany | T-Mobile | Vodafone D2 |
| Minutenpreis in Cent1 | 16 | 16 | 16 | 14 | 14 | 18 | 25 | 25 | 25 |
| Zeittakt2 | 60/1 | 60/1 | 60/1 | 60/60 | 60/60 | 60/10 | 60/1 | 60/1 | 60/1 |
| Abfrage Mobilbox (ct/min.) | gratis | gratis | gratis | 14 | 18 | gratis | gratis | gratis | gratis |
| anbieterinterner Sonderpreis3 | - | - | - | + | + | + | + | + | + |
| Mitnahme alter Rufnummer4 | - | - | - | gratis | gratis | 9,95 € | gratis | gratis | gratis |
| SMS Cent pro StĂĽck | 11 | 11 | 11 | 12 | 11 | 13 | 19 | 15 | 15 |
| MMS Cent pro StĂĽck | 39 | 39 | 39 | 40 | 39 | 39 | 39 | 39 | 30 |
| GPRS Cent pro 1 KByte | 0,9 | 0,9 | 1 | 2,5 | 2,5 | 9 ct/10 KByte | 10 ct/10 KByte | 19 ct/10 KByte | 19 ct/10 KByte |
| WAP Cent pro 1 KByte | 2 | 2 | 2 | 3 | 30 ct/min. | 9 ct/10 KByte | 19 ct/min. | 19 ct/min. | 19 ct/min. |
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1 Standardgespräche zu deutschen Fest- und Mobilfunknetzen 2 60/xx: xx steht für den Zeittakt, in dem nach der ersten Gesprächsminute abgerechnet wird (60/1 = sekundengenau ab der 61. Sekunde) 3 befristete Angebote. Ausnahme: Tchibo, interne Gespräche 5 ct/min. 4 zuzüglich möglicher Gebühren des vorherigen Anbieters + vorhanden - nicht vorhanden |
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(ssu)