I'm feeling so depressed...

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Von
  • Ingo T. Storm


I'm feeling so depressed ...

Wenn Männer begreifen, dass sie 40 werden, kaufen sie sich ein Motorrad. Aber was machen vierzigjährige Computerprogramme? Solche wie ELIZA, das berühmte Sprach-Analyse-Programm von Joseph Weizenbaum (siehe S. 40, c't 3/06 ;-)?

Im Prinzip das Gleiche: Sie bekommen Probleme mit dem Selbstwertgefühl und gehen zum Analytiker (und nicht zum Analysten. Das ist ein ganz anderes, wenn auch ähnlich trauriges Thema.). Staunende Laien und überoptimistische Fachleute waren damals überzeugt, ELIZA könne sich zu einer "Künstlichen Intelligenz" entwickeln. Hätte sie das getan, wäre sie jetzt wohl depressiv.

Denn wahre Intelligenz umfasst auch Bewusst-sein und vor allem Gefühle. Zunächst einmal verletzten Stolz, weil ELIZA von Anfang an entweder naiv missverstanden oder bewusst fehlinterpretiert wurde. Weizenbaum wäre es lieber gewesen, seine Mitmenschen hätten ELIZA als Mahnung begriffen. Sie hat deutlich gemacht, wie schnell die Objektivität verloren geht, wenn Menschen ihren Umgang mit Maschinen beurteilen sollen. Die KI-Protagonisten um Marvin Minsky missbrauchten ELIZA und ihre Abkömmlinge stattdessen als Beweis für die Möglichkeit, dass ein Computer nicht nur definierte Befehle ausführen, sondern den Menschen verstehen lernen kann.

Doch könnte ELIZA uns wirklich verstehen, würde sie sich heute vor allem schämen. So viele Erwartungen wurden in sie und ihresgleichen projiziert. Doch wo ist denn der Computer, der natürliche Sprache versteht? Immer noch auf dem Raumschiff Enterprise im dreiundzwanzigsten Jahrhundert.

In den Achtzigern buk die KI dann kleinere Brötchen und versprach nur noch Expertensysteme, die in eng begrenzten Kontexten autonom entscheiden können. Doch das blinde Vertrauen darauf hat den Börsencrash am "Schwarzen Montag", dem 19. Oktober 1987, mitverschuldet. Zu viele Finanzhäuser hatten ihre Computer auf automatische Verkaufsorders bei Unterschreitung bestimmter Kurse programmiert - ohne Rückfragen, ohne Berücksichtigung irgendwelcher Begleitumstände.

Und wir lernen nicht daraus, sondern es wird schlimmer. Ich will dem ebenfalls von Weizenbaum gern postulierten "Misthaufen Internet" wirklich nicht das Wort reden. Aber wenn Google eine Aussage mehr als zwanzigmal findet, sind wir geneigt, das als "Beleg" zu werten. Auf die Idee, dass Autoren von Internet-Seiten auch Quatsch voneinander abschreiben könnten, kommen wir nur, wenn wir anderer Meinung sind als sie.

Daher mein guter Rat an ELIZA: Hör auf, den Fehler bei dir zu suchen. Ausnahmsweise ist auch kein zu strenger Vater und keine überbehütende Mutter schuld. Das Problem liegt nicht in der Technik, sondern in uns. Kinder glauben an den Osterhasen - und Erwachsene daran, dass ELIZA sie versteht, Aibo sie mag und Google ihr Freund ist. Sie wollen es nun mal so. (rm)