Gewieft gedacht

Die im September 2005 angekündigte „Viiv Technology“ lief am 5. Januar 2006 anlässlich der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas vom Stapel. Viiv ist etwas unscharf definiert, doch Intel verfolgt ganz konkrete Ziele.

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Inhaltsverzeichnis

Dass die Welten der Informationstechnik und der Unterhaltungselektronik zunehmend verschmelzen, ist ein alter Mythos der Computerbranche: Man kennt ihn spätestens seit Erscheinen der ersten Multimedia-PCs, die wenig mehr als ein CD-Laufwerk, eine Soundkarte und Windows 95 zu bieten hatten. Mehr als zehn Jahre später will Intel nun mit aller Macht den Brückenschlag zwischen Consumer Electronics (CE) und Heim-PC erzwingen und hat sich dazu die Marke Viiv [1] schützen lassen. Das Kunstwort spricht man vorne mit „W“ und hinten so, dass es sich auf „five“ (die Zahl 5) reimt. Der Begriff soll Anklänge an „live“-Erlebnisse und „vivid“ (lebendig, regsam) wecken, das Logo ist bereits auf den ersten PC-Systemen zu finden.

Vordergründig steht der Marketing-Claim Viiv für ein Technik-Paket: Ähnlich wie Centrino ein Bündel aus Notebook-Prozessor, Chipsatz und WLAN-Chip kennzeichnet, meint Intel mit der Marke Viiv bestimmte Prozessoren und Chipsätze. Dazu benötigt man noch eine Fernbedienung, ein paar Zusatzchips und das richtige BIOS, die zusammen einen festgelegten Funktionsumfang gewährleisten. Dieser stellt eine Ergänzung und Erweiterung der Vorgaben dar, die Microsoft für Media-Center-PCs mit dem Logo für Windows XP Media Center Edition 2005 (MCE 2005) festgelegt hat. Viiv-PCs sind ebenfalls ausschließlich für Windows XP MCE 2005 ab Rollup 2 vorgesehen.

Intel will Aussehen und Bedienung der MCE-PC-Hardware noch näher an das von der Unterhaltungselektronik Gewohnte heranbringen. Ein Wohnzimmer-PC soll aber trotzdem mehr können als herkömmliche „braune Ware“, denn schließlich will Intel weiterhin x86-Prozessoren verkaufen - das Geschäftsmodell des Chip-Weltmarktführers ist auf die Produktion von 100 bis 200 Millionen Chips ausgelegt, um Milliarden US-Dollar zu verdienen, und nicht auf Milliardenstückzahlen, die bloß Millionen einbringen. Statt also Spezialchips für Settop-Boxen zu bauen will Intel Universalprozessoren im Wohnzimmer etablieren. Diese können zukünftig zwar gerne auch ein paar spezielle Kerne für Multimedia-Aufgaben mitbringen, Herzstück soll aber die x86(-64)-Technik bleiben, die die Installation beliebiger Windows-Software und Codecs ebenso verspricht wie Erweiterbarkeit und Netzwerk-Tauglichkeit: Viiv-Geräte sollen untereinander, mit Zusatzgeräten wie Streaming-Boxen und portablen Abspielgeräten und dem Internet reibungs- und drahtlos kommunizieren.

Bequem vom Sofa aus sollen Viiv-Nutzer dann auf Medien-Shopping-Tour gehen und sich digitalen „Content“ - sprich: Video- und Audiodaten sowie Spiele - kaufen. Ausgefeilter Kopierschutz sichert dabei die Interessen der Content-Provider. Zwischen Viiv-Geräten sollen sich per Content Protection (CP) geschütze Inhalte genau so leicht wie ungesicherte Daten austauschen lassen. Viiv steht also auch für eine Digital-Rights-Management-(DRM-)Plattform, zurzeit offenbar für die Windows-Media-Formate WMV und WMA.

Viiv zielt also nicht nur auf Wohnzimmer-Computer, sondern auf eine komplette Infrastruktur für digitale Unterhaltung. Um die Attraktivität zu steigern, kümmert sich Intel auch um kompatible Inhalte und schließt möglichst exklusive Verträge mit der Medienindustrie. In erster Linie geht es dabei um die Online-Lieferung, etwa bei T-Online, AOL oder Napster. Intel bemüht sich um klangvolle Namen wie MTV oder Sony und investiert auch direkt, etwa gemeinsam mit der Produktionsfirma Revelations Entertainment in ClickStar [2].

Auf der CES sah das konkrete Angebot an Videomaterial jedoch noch recht schmal aus. Vor allem die exklusiven Inhalte wirkten teilweise altbacken oder mager - hier leidet Viiv unter einem Henne-und-Ei-Problem: Erst wenn Viiv ausreichende Verbreitung erfährt, könnten attraktive Exklusiv-Angebote entstehen, die wiederum Kunden auf den Viiv-Pfad locken.

Damit die Medienindustrie Viiv auch wirklich mit Inhalten füttert, muss das DRM so mächtig sein, dass Kopien zumindest nur umständlich gelingen. Gleichzeitig darf der Kopierschutz aber nicht stören. Intel schlägt diesbezüglich einen betont unaufgeregten und pragmatischen Ton an. Der Schauspieler Morgan Freeman beschreibt in seiner Funktion als Geschäftsführer von Revelations Entertainment die Aufgabe so: „Wir müssen dafür sorgen, dass Filme leichter zu kaufen sind, als zu kopieren“.

Intel betont, dass Viiv mit offenen Standards arbeitet, definiert diese Richtlinien aber maßgeblich selbst: HDCP (High-Bandwidth Digital Content Protection) kommt bei der Digital-Video-Schnittstelle HDMI schon zum Einsatz, mit DTCP (Digital Transmission Content Protection) und CPRM (Content Protection for Recordable Media) steht eine komplette Content Protection System Architecture (CPSA) zur Verfügung. Auch Spezifikationen zur Vernetzung digitaler Unterhaltungselektronik wie NMPR (Networked Media Product Requirements) tüftelt Intel aus und fördert deren Verbreitung über das Industriegremium DLNA (Digital Living Network Alliance). Intels Digital Media Infrastructure (DMI) fungiert als Middleware zur gemeinsamen Nutzung digitaler Inhalte im heimischen Unterhaltungsnetz. Von Seiten Microsofts kommen UPnP (Universal Plug-and-Play) und DRM sowie eine Betriebssystem- und Treiber-Infrastruktur, die kopiergeschützte Signalpfade durch das gesamte Hardware-Inventar sichern soll (PMP: Protected Media Path, PVP: Protected Video Path, PUMA: Protected User Mode Audio).

Bekanntlich will Microsoft den Hebel vor allem bei High-Defininition- (HD-)Video ansetzen: Nur, wenn alle Systemteile bestimmte Kopierschutz-Standards einhalten, sollen HD-Medien ihre vollen Auflösung und Qualität entfalten. Fehlt ein Glied in der Kette, sieht der Anwender bestenfalls herkömmliche Bildqualität. Ein Teil dieser Verfahren dürfte erst mit Intels nächster Chipsatzgeneration und Microsoft Vista ab Herbst funktionieren.

Dann erst kommen auch per LAN und WLAN angebundene Viiv-Geräte hinzu (Networked Media Devices, Digital Video Receiver/DVR, Digital Media Adapter/DMA). Diese sollen zertifizierte (!) Online-Medien direkt aus dem Web abspielen können, freilich mit dem Umweg über den zentralen Viiv-PC im Wohnzimmer. Er dient als zentraler Hub im heimischen Mediennetz und muss deshalb fast ständig laufen. Außer als Streaming-Server dient er auch als Füllstation für tragbare Abspielgeräte (Portable Media Players/PMP), in Zukunft etwa auch per Wireless USB.

Zueinander kompatible Geräte soll man an ihren Viiv-Aufklebern erkennen, sie sollen sich leicht bedienen lassen und reibungslos funktionieren. Auf der CES sah manches aber noch etwas ruckelig aus - wie auch die Erfahrungen mit vielen Media-Center-PCs zeigen, steckt hier der Teufel im Detail. Trotzdem ist die Technik aber wohl nicht billig, weshalb Intel zunächst Technik-Freaks ansprechen will.

Wie herkömmliche kopiergeschützte Medien, also (Un-)CDs oder verschlüsselte DVDs in die schöne neue Viiv-Welt passen, ist fraglich. Schließlich hat sich die Medienindustrie die Umgehung wirksamer Kopierschutzverfahren als Rechtsverstoß in Gesetze gießen lassen. Deshalb wären wohl juristische oder technische Ausnahmeregelungen nötig, um die Daten solcher Nicht-Windows-DRM-Scheiben im Medien-Heimnetz nach Viiv-Art nutzen zu können. Dasselbe gilt für Apples AAC-DRM und Sonys Blu-ray-Discs.

Für die PC-Hardware bedeutet Viiv keine großen Änderungen. Wirklich neu ist bloß Intels Quick Resume Technology, ein zusätzlicher ACPI-Stromspar-Modus. Dabei sind Tastatur, Maus und Bildschirm abgeschaltet, aber der Prozessor läuft mit niedriger Taktfrequenz weiter - schließlich soll der Viiv-Rechner als einigermaßen sparsamer und leiser Wohnzimmer-Server dienen. Da ist es besonders peinlich, dass die erste Version der 65-Nanometer-Doppelkerne aus der Pentium-D-Familie (also nicht der Mobilprozessor Core Duo) mit einem Bug geschlagen sind, der ausgerechnet die Stromsparfunktion blockiert - Intel will innerhalb weniger Wochen nachbessern.

Intel stellt nicht nur einen Quick-Resume-Treiber, sondern auch gleich noch Test-Software zur Funktionsprüfung bereit. Bei Microsoft heißt der Sparmodus Away Mode und lässt sich mit dem Rollup 2 zu Windows XP MCE 2005 nutzen. Aufwecken lassen sollen sich Viiv-Rechner per Fernbedienung, um dann wie andere HiFi-Geräte innerhalb weniger Sekunden einsatzbereit zu sein.

Neben den Pentium-D-Doppelkernen und den dazu passenden Chipsätzen i945G/P, i955X und i975X sieht Intel erstmals ausdrücklich den stationären Einsatz von Mobilprozessoren vor: Für den Core Duo (Yonah) gibt es dazu den „nicht-mobilen“ Spezialchipsatz i945GT. Er ist für „kundenspezifische Formfaktoren“ vorgesehen, etwa Computer im HiFi-Baustein-Format oder den Mac-mini-ähnlichen Mini-PC von AOpen.

Zur Hardware-Basis der Kopierschutzverfahren lässt sich bisher noch wenig sagen. Bestimmte Produkte sind bisher noch selten, beispielsweise PC-Grafikkarten mit HDMI-Port, weil HDMI auch Audio-Daten transportiert. Eine HDMI-Buchse ließe sich auf Mainboards mit Onboard-Grafik also besonders leicht integrieren; Asus und Hitachi haben auf der CES HDMI-Notebooks gezeigt. ATI und Nvidia offerieren HDMI-taugliche Grafikchips, der GeForce 6200 steckt etwa im Sony Vaio VGX-XL1 Digital Living System. Ob Intels nächste Chipsatz-Generation „Broadwater“ zusätzliche Kopierschutzfunktionen bieten wird, ist noch unklar. Recht unwahrscheinlich ist jedenfalls, dass ein Trusted Platform Module (TPM nach TCG/TCPA) dabei eine Rolle spielt: Soweit bisher absehbar, kommen alle Medien-Kopierschutz-Ideen von Intel und Microsoft ohne diese recht teuren Chips aus, die zudem vor ihrem Einsatz vom Besitzer freigeschaltet werden müssen (Taking Ownership).

Die Marke Viiv soll potenzielle Käufer mit Kompatibilität, definiertem Funktionsumfang und großem Medienangebot locken und verspricht gleichzeitig den Rechteinhabern Sicherheit. So will sich Intel aus der PC-Ecke von MediaMarkt oder Saturn in deren Audio-/Video-Abteilung vorarbeiten. Die Frage ist bloß, ob auch die Kunden mitziehen, die den ganzen Aufwand bezahlen müssen. Die typische Klientel der Geiz-ist-geil-Märkte gibt jedenfalls ungern Geld für Funktionen aus, die ihren eigenen Interessen im Weg stehen.

Apples Erfolge mit iTunes und iPod - eine offenbar attraktive Mischung aus Geräten, Inhalten und Image - beweisen andererseits, dass ein nennenswertes Kundenpotenzial existiert, welches DRM grundsätzlich akzeptiert. Anders als Apple hat Intel aber das Problem, unterschiedliche DRM-Systeme vereinheitlichen zu müssen. Und dafür, dass der neue Intel-Kumpel Apple seine eigene iPod-Welt Hals über Kopf in Richtung Microsoft öffnet, gibt es keine Anzeichen. Damit aber Viiv wirklich „die“ Marke für eine PC-basierte, vernetzte Heimunterhaltungs-Infrastruktur werden soll, muss Intel eine gewisse kritische Masse von Anbietern und Kunden überzeugen - also das Wintel-PC-Prinzip auf den Markt der Unterhaltungselektronik übertragen.

Ob bei Intels neuen Partnern wirklich die Konsumenten im Brennpunkt stehen, ist zurzeit noch nicht offensichtlich - Morgan Freeman jedenfalls stuft den Kopierschutz als ebenso wichtig ein wie die Technik- und Komfortvorteile der digitalen Medien. Das klingt eher wie ein Versprechen an die Medienindustrie als an die Käufer.

[1] Viiv-Homepage

[2] ClickStar

Einige Tage vor Viiv kündigte AMD das Konkurrenz-Label LIVE! an: Diese nach 3DNow! und PowerNow! dritte Ausrufezeichenmarke von AMD soll etwa ab Mitte 2006 auf Athlon-64-X2-Rechnern und Notebooks mit bisher noch nicht vorgestellten Mobil-Doppelkernen kleben und anzeigen, dass diese Produkte gut mit Windows XP MCE 2005 und per Netzwerk angebundenen Streaming-Boxen kooperieren. AMD betont zwar, dass hinter LIVE! eine „Digital Media Vision“ stehe, bisher ist davon aber sonst noch nichts zu sehen. (ciw)