Neue Wege

DSL ist zum Synonym für schnelle Internet-Zugänge geworden, aber das dürfte sich bald ändern. Nach jahrelangem Dornröschenschlaf steigen jetzt die TV-Kabel-Betreiber in den Breitbandmarkt ein. Endlich kommt der Wettbewerb zwischen den Zugangstechnologien in Gang, zusätzlich befeuert durch Pläne zur Integration von Fernsehen, Internet-Zugang und Telefon.

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Inhaltsverzeichnis

Rund 97 Prozent aller Breitbandzugänge in Deutschland laufen über DSL. Diese Monopolstellung einer Zugangstechnik ist außergewöhnlich, in den meisten anderen Industrieländern liegt der Anteil der DSL-Anschlüsse nur bei knapp der Hälfte bis zu zwei Dritteln. Lediglich in Frankreich und Italien haben sich ähnliche Strukturen wie bei uns herausgebildet. Der Mangel an Alternativen ist schuld daran, dass Deutschland bei der Breitbandversorgung der Haushalte in der zweiten Liga spielt.

Die Verantwortung dafür trägt die Telekom: Bevor sie sich 2004 von ihren Kabelnetzen trennte, hatte sie keinerlei Interesse daran, sich selbst Konkurrenz für ihr DSL-Produkt zu schaffen und investierte nicht in die Internet-Fähigkeit des TV-Kabels. Erst mit der Unabhängigkeit der Kabelgesellschaften vom Ex-Monopolisten begann die Nachrüstung der Infrastruktur in den Kabelnetzen.

Die Dominanz von DSL und damit des Quasi-Monopols der T-Com könnte nun gebrochen werden. In vielen Großstädten ist das TV-Kabel bereits Internet-tauglich. Auch auf dem Lande tut sich etwas: In Rheinland-Pfalz etwa will Kabel Deutschland in Kürze sein Kabelnetz flächendeckend nachrüsten. Die übrigen Flächenländer sollen innerhalb der kommenden Jahre folgen.

Das Angebot ist besonders für Kunden interessant, die ihren Festnetz-Telefonanschluss komplett abschaffen möchten, um die in den vergangenen Jahren stetig gestiegene Grundgebühr einzusparen. Dabei müssen sie auf günstige Telefonate ins Festnetz gar nicht verzichten; die lassen sich inzwischen zuverlässig per Voice over IP erledigen [1]. Die Internet-Zugänge per TV-Kabel sind preisgünstig: Bei Kabel Deutschland etwa gibt es die 2-MBit/s-Flatrate für knapp 20 Euro monatlich - schon der ISDN-Anschluss der T-Com ist teurer, und für den DSL-Anschluss mit 2 MBit/s kommen nochmals 20 Euro hinzu.

Alle groĂźen Kabelgesellschaften bieten mittlerweile einen Internet-Zugang an. Nordrhein-Westfalen wird von ish versorgt, Hessen von iesy, Baden-WĂĽrttemberg von Kabel BW und der Rest der Republik von Kabel Deutschland.

Allerdings versuchen auch die Kabelanbieter, den Umsatz pro Kunden in die Höhe zu treiben. Sie setzen dazu das Kabelfernsehen genau in der gleichen Weise ein wie die DSL-Anbieter den Telefonanschluss: Knapp 15 Euro werden für den Kabelanschluss fällig, ohne den es kein Internet gibt. Der Kunde hat nun aber immerhin die Wahl, ob er lieber Kabel-TV oder Telefon zu seinem Internet-Anschluss hinzunimmt. Wer ohnehin schon Kabel hat, spart beim Verzicht auf den herkömmlichen Telefonanschluss 15 bis 25 Euro im Monat. Selbst die Anschaffung eines VoIP-Routers für 100 bis 150 Euro amortisiert sich unter diesen Voraussetzungen innerhalb weniger Monate.

Auf die Spitze treibt Unity Media das Bundling mit den Marken ish und iesy: Wer mehr als einen 2-MBit/s-Anschluss haben will, muss zum Paketangebot inklusive Telefonanschluss und Digital-TV-Paket fĂĽr stolze 59,90 Euro im Monat greifen. Das nackte 2-MBit/s-Angebot ohne Flatrates gibt es jedoch bereits fĂĽr 19,95 Euro zuzĂĽglich 14,50 Euro fĂĽr den Kabelanschluss.

Bei Kabel BW gibt es einen Telefonanschluss für monatlich 9,90 Euro - und gratis dazu einen Internet-Zugang mit 64 kBit/s im Up- und Downstream. Die Angebote mit höheren Bandbreiten enthalten ebenfalls einen Telefonanschluss und sind im Vergleich zu den reinen Internet-Zugängen von Kabel Deutschland und ish/iesy um rund zehn Euro teurer. Für stolze 189,90 Euro im Monat stellt das Unternehmen sogar einen Anschluss mit 2,5 MBit/s im Up- und 20 MBit/s im Downstream bereit. Solche Bandbreiten sind sonst nur über für Privatkunden unerschwingliche Standleitungen erhältlich.

Ursprünglich waren die Kabelnetze auf die Verbreitung von Rundfunksendungen ausgelegt und arbeiteten nur in eine Richtung, nämlich zu den Haushalten. Für den so genannten Rückkanal wird jetzt ein Teil des Frequenzspektrums abgetrennt, in welchem Informationen in umgekehrter Richtung vom Kunden zum Anbieter übermittelt werden können. Um diesen Upstream zu schaffen, müssen vorhandene Komponenten in der Infrastruktur ersetzt oder ergänzt werden, denn die meisten installierten Verstärkerstufen arbeiten nur in eine Richtung und blockieren das Signal des Rückkanals. Dazu kommt noch, dass der Frequenzbereich für den Internet-Zugang bis 600 MHz reicht, ältere Verstärker aber nur bis 470 MHz ausgelegt und damit für diesen Zweck nicht einsetzbar sind.

Der Internet-Zugang belegt auf dem TV-Kabel ein recht großes Frequenzspektrum: Der Upstream liegt im Bereich zwischen 5 und 65 MHz. Dort sind die Fernsehkanäle 2, 3 und 4 untergebracht, die die Betreiber bei der Aufrüstung kurzerhand in den bislang ungenutzten unteren Teil des UHF-Bands IV (470 bis 606 MHz) schieben. Kabel Deutschland verwendet dazu die Kanäle 21 bis 23, Konkurrent ish/iesy gar bis 26, was drei weitere Analog-Kanäle ermöglicht. Ältere Anlagen sind für diesen Frequenzbereich zwar nicht spezifiziert, in der Praxis übertragen sie jedoch problemlos einige zusätzliche Kanäle knapp oberhalb des vorgesehenen Empfangsbereichs. Die Kabelgesellschaften rüsten das Netz bei der Einführung des Internet-Zugangs auf den gesamten Breitbandbereich bis 862 MHz auf, was - eine modernisierte Hausverstärkeranlage vorausgesetzt - den Empfang zahlreicher weiterer Programme ermöglicht. Der Downstream, der die Daten in Empfangsrichtung überträgt, befindet sich im oberen Teil des UHF-Bands IV (siehe Grafik S. 122, c't 3/06).

Bei der Einführung des Internet-Angebots ist eine Änderung der vorhandenen Technik für den Fernsehzuschauer nicht notwendig. Erst wenn ein Kunde einen Internet-Anschluss wünscht, sind Umbauarbeiten erforderlich, beispielsweise der Tausch der TV-Buchse, die dann die Trennung von Rundfunk und Internet-Upstream vornimmt. Der Internet-Zugang ist zumeist als F-Stecker mit Schraubbefestigung ausgeführt, was ein versehentliches Abziehen verhindert. Die Buchsen für TV und UKW entsprechen dem üblichen Standard. In die Buchse integriert ist ein Bandpass, damit das Rückkanalsignal den Fernseh- und Radioempfang nicht stört.

Der Kunde muss sich bei einer Installation mit der recht komplexen Technik nicht herumärgern: in der Regel übernehmen das Techniker des Kabelunternehmens. Möglicherweise muss aber der Anwender die dafür erforderliche Hardware bereitstellen beziehungsweise bezahlen und ein Pauschalentgelt für die Installation entrichten; das hängt vom jeweiligen Vertrag mit der Kabelgesellschaft ab. Normalerweise liegt die Anschlussgebühr zwischen 100 und 200 Euro, üblich sind aber Sonderaktionen, bei denen die Unternehmen den Neukunden dieses Einmalentgelt erlassen.

Anders als beispielsweise in Österreich (siehe Kasten) haben die deutschen Kabelgesellschaften aber oft keinen direkten Zugang zum Endkunden. Die Netzebene 4, also die lokale Verteilung, ist in vielen Fällen in den Händen von Wohnbau- und Netzbetreibergesellschaften. Die Kabelnetzbetreiber können dann nicht einfach alle erforderlichen Komponenten für den Internet-Zugang installieren, sondern müssen sich mit den Eigentümern der Netzebene 4 auseinander setzen. Das hat zur Folge, dass nicht jeder Kabelkunde mit dem Breitbandanschluss versorgt werden kann, wenn der Netzebene-4-Betreiber sich querstellt, selbst wenn die Infrastruktur bereits flächendeckend vorhanden ist.

[1] Axel Kossel, Schnäppchen-Telefonie, Wann sich VoIP wirklich lohnt, c't 2/06, S. 94

"Internet per TV-Kabel"
Weitere Artikel zum Thema "Internet per TV-Kabel" finden Sie in der c't 3/2006:
Schnelle Internet-Zugänge per TV-Kabel S. 118
TV-Kabel kontra ADSL2+ S. 124

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hatte keine Großstadt so viele Breitbandanschlüsse pro Einwohner wie die österreichische Hauptstadt. Denn bereits 1996 war der Wiener Kabel-TV-Netzbetreiber UPC Telekabel mit einem revolutionären Angebot für Privatkunden gestartet: Für umgerechnet rund 42 Euro konnten Kunden in rückkanalfähig ausgebauten Regionen ohne Zeitbegrenzung online gehen. Die im Vorfeld angedeutete Datenrate von 10 MBit/s war zwar nur zwischen PC und Kabelmodem möglich; dennoch waren die später „Chello“ getauften Internet-Anbindungen mit bis zu 300 kBit/s im Down- und 64 kBit/s im Upstream für damalige Verhältnisse rasend schnell. Plötzlich gab es eine kostengünstige Alternative zu langsamer, nach Zeit tarifierter Einwahl mit postgenehmigten Wählleitungsmodems oder sündhaft teuren Standleitungen.

Der damalige Festnetz-Monopolist Telekom Austria sollte mehr als zwei Jahre benötigen, um die ersten ADSL-Anschlüsse auf den Markt zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt konnte man über das TV-Kabel aber auch schon telefonieren.

In der Zwischenzeit rannten die Kunden UPC Telekabel die Türen ein. Die Einführung eines günstigeren Zugangs für Studenten (damals 22 Euro, heute 35 Euro), deren Traffic die Universitäten finanzieren, machte die Telefonnummern der Installationstechniker endgültig zum begehrten Schwarzmarkt-Produkt. Wer Beziehungen hatte oder sehr hartnäckig war, hoffte darauf, sich in der Warteschlange vordrängeln zu können. Die mit dem schnellen Wachstum einhergehenden technischen Probleme und der Mangel an erfahrenem Helpdesk-Personal schadeten zwar nachhaltig dem Ruf, nicht aber dem Umsatz und Wachstum. Im Laufe der Zeit wurden die Bandbreiten mehrmals erhöht, 2005 erstmals bis zu 16 MBit/s angeboten und bis zu 30 MBit/s getestet.

Heute bietet eine ganze Reihe von Kabelnetzbetreibern in verschiedenen Regionen Österreichs Breitbandzugänge an. Da die Netze in der Regel nicht in unterschiedliche Netzebenen mit verschiedenen Eigentümern zersplittert sind, ist das relativ einfach möglich. Trotz der inzwischen starken Konkurrenz durch DSL und andere Technologien hat Chello in Wien immer noch einen Breitband-Marktanteil von über 50 Prozent, in manchen Regionen sind die „Kabler“ noch stärker. Österreichweit stellen sie gut 40 Prozent aller Breitbandzugänge, obwohl die geografische Verfügbarkeit eingeschränkt ist. Dank der Kabelanschlüsse gibt es in Österreich etwa ein Viertel mehr Breitbandanschlüsse pro Einwohner als in Deutschland.

Am Businesskunden-Markt hat allerdings DSL eindeutig die Nase vorn. Dies liegt zum Teil am schlechten Ruf der Kabelnetze, was Support und Zuverlässigkeit angeht. Da es sich um ein Shared-Medium handelt, könnten ein paar Power-Sauger in der unmittelbaren Nachbarschaft das Kabel-Breitbandvergnügen trüben. Zudem scheint der Ausbau der Kabelnetze außerhalb der Ballungsräume trotz der im Vergleich zu Deutschland rund doppelt so hohen Preise nicht wirtschaftlich. UPC Telekabel hat eine aufsehenerregende Strategie gefunden, um diese Mankos auszugleichen: Mit Inode übernimmt das Unternehmen den größten Anbieter entbündelter DSL-Anschlüsse. (Daniel AJ Sokolov/uma) (uma)