Erlebnis High Definition TV
Zwei Monate nach dem einst angekündigten Start läuft das HDTV-Angebot des Pay-TV-Senders Premiere tatsächlich im Regelbetrieb. Vor allem aber sind nun auch die zum Empfang nötigen Satelliten-Receiver verfügbar.
Passend zum offiziellen Start des aus den Sparten Film, Sport und Thema (Dokumentationen) bestehende HDTV-Angebots des Münchener Pay-TV-Senders Premiere sind mit dem Humax PR-HD 1000 und dem Pace DS810 nun auch Premiere-HD-zertifizierte Satelliten-Receiver in größeren Stückzahlen im Handel. Ab April soll das bereits mehrfach verschobene Philips-Modell DSR-9005 ebenfalls in Deutschland verfügbar sein. Mit den Geräten lassen sich auch die HD-Programme von ProSieben und Sat.1 wiedergeben sowie in Standardauflösung über DVB-S ausgestrahlte Programme.
Alle deutschen HDTV-Sender übertragen die hochaufgelösten Bilder H.264-komprimiert und nutzen als Übertragungsstandard DVB-S2. Mit gewöhnlichen DVB-S-Receivern lassen sie sich daher nicht empfangen. Einen großen Unterschied gibt es zwischen den Angeboten jedoch: Während Premiere HD für einem monatlichen Aufschlag von 12 Euro (für Premiere-Komplett-Kunden) beziehungsweise 14,90 Euro (für Abonnenten von Premiere Film, Premiere Sport oder Premiere Thema) stets hochaufgelöste Videos mit 1920 x 1080 Bildpunkten bei 50 Halbbildern pro Sekunde (1080i) liefert, zeigen die (noch?) freien HD-Sender der ProSiebenSat.1 Media AG nur ausgewählte Filme in HD. In der übrigen Zeit skalieren sie die Standardbilder einfach hoch - wobei als Ausgangsmaterial aber eben die professionellen Videobänder dienen können, die qualitativ über dem gewöhnlichen PAL-Fernsehsignal liegen.
Die Listenpreise der ersten beiden Premiere-HD-tauglichen Sat-Receiver (Kabelmodelle für modernisierte Netze sollen noch vor der WM folgen) liegen bei 399 (Humax) beziehungsweise 499 Euro (Pace). In Kombination mit einem Premiere-Abo erhält man sie im Handel aber bereits ab 150 Euro. Der Philips-Receiver soll zum Listenpreis von 349 Euro auf den deutschen Markt kommen.
Die Freischaltung der HDTV-Kanäle erfolgt über die gewöhnliche Premiere-Smartcard vom Typ S2. Der Pay-TV-Sender verwendet hier den echten Nagravision-Verschlüsselungsalgorithmus (Aladin), für den es auf dem freien Markt noch kein Common Access Modul (CAM) gibt. Kommende Receiver ohne Premiere-HD-Zertifizierung können die Pay-HDTV-Kanäle daher erst einmal nicht entschlüsseln. Aus demselben Grund kann man auch mit den DVB-S2-tauglichen PC-Lösungen von KNC One, Hauppauge und Twinhan am Rechner zwar ProSieben HD und Sat.1 HD schauen, aber nicht Premiere HD. Für den Empfang von Pay-TV-Programmen mit einer anderen Verschlüsselung als Betacrypt/Nagravision verfügen die Premiere-HD-zertifizierten Receiver über CI-Slots.
Neben dem obligatorischen kopiergeschützten HDMI-Videoausgang (siehe [1]) besitzen die Receiver noch einen YUV-Komponentenausgang in Form dreier Cinch-Buchsen. Auf beiden Wegen geben sie HDTV-Bilder wahlweise in den Auflösungen 1080i (siehe oben), 720p (Vollbilder mit 1280 x 720 Bildpunkten) oder 576p (Vollbilder mit 720 x 576 Pixel) an alle HD-Displays aus - solange der Sender beziehungsweise der Rechteeinhaber dies erlaubt: Auf ein über den DVB-Datenstrom gesendetes Kommando (Broadcast Flag) schalten die Receiver den analogen Ausgang ab und zugleich den HDCP-Kopierschutz an der HDMI-Schnittstelle ein, sodass nur noch Displays mit HDMI-Eingang bedient werden.
Mit der Deaktivierung des YUV-Ausgangs ist den Anwendern auch die Möglichkeit genommen, ein Aufnahmegerät für die HDTV-Aufzeichnung (wie die kommenden HD-Disc-Recorder) anzuschließen. Einen Recorder mit HDMI-Eingang soll es nicht geben, einen FireWire-Ausgang, über den sich ebenfalls kopiergeschützte A/V-Daten schicken ließen, besitzen die Receiver nicht. Alle drei Modelle haben zwar einen USB-Ausgang - angeblich sogar auf Wunsch von Premiere für „kommende Anwendungen“. Dieser lässt sich bei einem Premiere-zertifizierten Gerät aber sicher nicht zur Weitergabe von Fernsehsignalen verwenden. Die Modelle der ersten Generation sind also lediglich für den HDTV-Live-Betrieb konzipiert.
Dass es auch anders geht, zeigt der Pay-TV-Anbieter BSkyB mit seiner „Sky HD Box“: Der erste HDTV-Receiver der Briten ist mit einer integrierten Festplatte, einer SATA-Schnittstelle für externe Harddisks, einem USB-Anschluss und einer Ethernet-Schnittstelle ausgestattet.
Problemkind
Das Broadcast Flag sendet Premiere bei seinem HD-Filmkanal bereits mit. Tatsächlich schalteten beide Geräte erwartungsgemäß ihren YUV-Ausgang bei jedem Wechsel auf dieses Programm auch ab. Umso ärgerlicher ist es, dass beim Pace die Bildübertragung über HDMI nicht immer reibungslos funktionierte: Im Zusammenspiel mit unserem Testdisplay Technisat HD-Vision 32 erlebten wir nach dem Umschalten auf Premiere HD Film statt hochaufgelöster Fernsehbilder immer wieder Bildzusammenbrüche und buntes Schneegestöber - ein klares Zeichen, dass der Handshake zwischen dem Premiere-HD-zertifizierten Receiver und dem mit HD-ready-Siegel ausgezeichneten Fernseher nicht funktioniert.
Unsere Recherchen ergaben, dass ein Teil der in Deutschland angebotenen HDTV-Displays und -Projektoren Probleme im Zusammenspiel mit dem Pace-Receiver mit der getesteten Firmware-Version 1.0.4 haben. Während einige Nutzer berichten, dass sie jedes Mal den HDMI-Stecker aus Receiver oder Display ziehen und wieder einstecken müssen, reichte bei unserem Gespann ein Hin- und Herschalten zwischen den Kanälen beziehungsweise eine Neustart des Receivers - bei Umschaltzeiten von bis zu fünf Sekunden und einer Bootdauer von gut 30 Sekunden ist dies beim Pace allerdings kein Vergnügen.
Der Humax-Receiver ließ sich an unseren Displays problemlos über HDMI betreiben. Allerdings scheint der Hersteller den Schwarzpegel schlecht (und für den User unkorrigierbar) eingestellt zu haben. So saufen dunkle Jacken und Haare der Darsteller vor schwarzen Hintergründen hoffnungslos ab. Im Gegenzug sorgte ein Bug in der ersten Firmware-Version HDTSNA 1.00.10 bei ständig aktivierter Kindersperre dafür, dass das Gerät Premiere Film HD in voller Auflösung über den analogen YUV-Ausgang zur Verfügung stellte.
Beide Receiver-Hersteller kündigten bereits Firmware-Updates an, die bis zum Redaktionsschluss aber noch nicht zur Verfügung standen. Ein Problem des Humax-Receivers dürfte auch neue Software nicht lösen: Das Gerät wurde im Dauerbetrieb recht warm und neigte dann zu Instabilitäten, die sich in Neustarts manifestierten.
Philips will bei seinem Receiver darauf achten, dass keine HDMI-Verbindungsprobleme mit Displays auftreten - konnte auf Nachfrage aber auch nicht versprechen, dass ihr Gerät von Anfang an einwandfrei HDCP-geschützte Videosignale über AV-Verstärker mit HDMI-Ein- und Ausgängen an Displays weiterleitet. Tatsächlich klappte in unserem Test weder beim Humax- noch beim Pace-Receiver das Zusammenspiel mit Denons AVR-4306.
Sichttest
Doch wie sieht HDTV denn nun eigentlich aus? Klare Antwort: Es kommt aufs Material an - und dies ist, anders als bei den Demo-Kanälen von Astra und Canal Plus, augenscheinlich nicht immer „handverlesen“.
Bei Premiere HD Film waren wir fast immer begeistert - auch wenn das Bildrauschen beim Film „Die purpurnen Flüsse 2“ sichtbar überhand nahm. Auch die Dokumentationen des Discovery Channel auf Premiere HD Thema wussten überwiegend zu gefallen; lediglich in einigen Szenen (beispielsweise Interviews) fehlt es am letzten Tick Detailauflösung. Zudem störten bei einigen Reportagen sichtbare Farbsäume.
Premiere HD Sport sorgte für ein Wechselbad der Gefühle: Während beispielsweise Aufnahmen von der Eckfahne einen ausgezeichneten Blick auf die Tribüne mit allen Zuschauern bot, bei dem auch kleinste Details nicht verborgen blieben, schien der Rasen in Totalen oftmals fast so verwaschen wie beim PAL-Fernsehen. Manches Mal änderte sich im Verlauf eines Spiels mit den Lichtverhältnissen im Stadion auch drastisch die Qualität der Bilder. Im Vergleich zu Übertragungen in Standardauflösung konnten die HD-Übertragungen zwar stets punkten, bei den für Live-Übertragungen genutzten HD-Kameras und H.264-Encodern ist aber offenbar noch Raum für Verbesserungen.
Bei den HD-Versionen von ProSieben und Sat.1 sind Unterschiede auf den ersten Blick schwer auszumachen - nur einige Werbeclips brillierten hochskaliert. Der direkte Vergleich zwischen beiden Auflösungen offenbarte jedoch, dass sich bei den Standardbildern auf den HD-Displays wesentlich mehr Klötzchen zeigten. Auch fielen auf den zweiten Blick bei den HDTV-Bildern oftmals mehr Details auf.
Letztlich zeigte sich vor allem, wie schnell man HD-Bilder auf einem Flachbildschirm als normal ansieht - und beim Wechsel zurück auf Standardquellen PAL-Bilder als umso gruseliger empfindet.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich feststellen: HDTV macht Spaß - wenn die Hardware vernünftig mitspielt. Hier müssen die Receiver-Hersteller allerdings teilweise noch kräftig nachbessern. Die Industrie kann es sich sicherlich nicht leisten, die Früheinsteiger, die bereits viel Geld in HD-Displays und -Verstärker mit HDMI-Anschluss gesteckt haben, vor den Kopf zu stoßen. Alle betroffenen Unternehmen sollten sich daher schnellstens an einen Tisch setzen und Lösungen erarbeiten, damit „HD ready“-Siegel und Premiere-HD-Zertifikation nicht zu Hülsen verkommen. Schließlich müssen bald HD-Receiver mit Festplatte her (von Philips für Ende 2006 angekündigt) sowie auf längere Sicht Anschlussmöglichkeiten für HD-Recorder.
Literatur
[1] Nico Jurran, Start ohne Zuschauer, Warum zunächst niemand die deutschen HDTV-Programme schaut, c't 23/05, S. 150 (nij)