Tonstudio@home

Ob Hörbuch oder Podcast, Hörspiel oder Live-Mitschnitt - dem Spaß an der eigenen Kreativität und an selbst gestalteten Produktionen sind fast keine Grenzen gesetzt. Und das Schönste daran: Die nötige Technik steht größtenteils bereits unter Ihrem Tisch.

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Inhaltsverzeichnis

Kreativität braucht immer eine technische Plattform: Für einen aktuellen Aldi-Rechner mit seinen audiotechnischen Möglichkeiten hätte der Tonmeister der Beatles wahrscheinlich ohne Zögern sämtliche Mischpulte, Bandmaschinen und Effekt-Racks aus dem Studio in Zahlung gegeben.

Gut, dass pfiffige Ideen nicht von aufwendiger Digitaltechnik abhängen ... Schon mit finanziell verblüffend geringem Aufwand gelingt der Einstieg in die Gestaltung audio-technischer Kunstwerke. Dabei kommt es gar nicht auf teures Equipment an, sondern auf gute Ideen und geschicktes Vorgehen.

Auf den folgenden Seiten geht es um selbst gemachtes Audio, von der Radiosendung im Podcast-Gewand über Hörbuch und -spiel bis hin zum Konzertmitschnitt. Mit wie wenig technischer Ausstattung Sie dabei auskommen, beschreibt dieser Artikel.

Ein halbwegs zeitgemäßer PC - angeschafft in den letzten drei Jahren - sollte für die allermeisten Audio-Projekte ausreichen, selbst für aufwendige Produktionen mit mehreren Spuren und Echtzeiteffekten reicht der Standard-PC aus. Seine Schwachstelle dürfte statt in technischer Leistung eher im akustischen Störpotenzial liegen - mehr dazu im Kasten „Flüsternder PC“.

Der Windows-PC sollte eine 1,5 GHz schnelle CPU mitbringen und unter XP samt Service-Pack 2 laufen; für einfache Audio-Aufgaben taugen sogar ältere Maschinen der 800-MHz-Klasse. Falls Sie einen Mac zum Aufnehmen verwenden, brauchen Sie ein Modell, auf dem Mac OS X flüssig läuft; ein halbwegs flotter G4-Prozessor darf es schon sein. Für einfache Anwendungen reicht aber auch ein G3-System.

Um den Tonstudio-PC wie einen Stereo-Kassetten-Recorder zu nutzen, braucht man bei der Sound-Hardware keinen besonderen Aufwand zu treiben: Line-In, Line-Out und je einen digitalen Eingang und Ausgang bekommt man in höchster Qualiät für deutlich unter 100 Euro - gute Erfahrungen machten wir mit der Delta AP 2496 von M-Audio und der Terratec Aureon 7.1 Universe.

Auch wenn sie für die ersten Versuche ausreichen: Oft erweist sich die Tonqualität vom Onboard-Sound als dürftig, vor allem bei Notebooks. Völlig unbrauchbar sind die Mikrofon-Eingänge der allermeisten Soundkarten (mehr dazu im Abschnitt Mikrofone); sie erlauben lediglich den Anschluss eines Mono-Mikrofons, das auf beide Stereokanäle verteilt wird. Obendrein stellen solche Eingangsbuchsen eine kleine Gleichspannung für die Stromversorgung von Elektret-Mikros bereit; diese lenkt die Membrane eines vermeintlich qualitätsverbessernden dynamischen Mikros bis zum Anschlag aus, was zu einer sehr schlechten Aufnahmequalität führt. Sinnvollerweise koppelt man ein hochwertiges Mikrofon an einen separaten Vorverstärker oder an ein kleines Mischpult an und speist das so verstärkte Signal über den Line-Eingang in den Rechner ein.

Was für Podcasts und Hörbücher genügt, reicht für eine aufwendige Hörspiel-Aufnahme mit verschiedenen Akteuren und verteilten Rollen oder für eine Musik-Liveaufnahme mit mehreren Mikrofonen aber nicht. Ausgefeilte Nachbearbeitungsmöglichkeiten erschließen sich erst, wenn man jedes Mikrofonsignal auf einer einzelnen Spur aufzeichnet. Obendrein lassen sich so auch komplizierte Aufnahmen - mehrere Sprecher in einem Streitgespräch oder eine große Musiker-Besetzung - gleichzeitig und parallel realisieren.

Bei der Aufzeichnung von mehr als zwei Spuren gibt es verschiedene Methoden: Entweder nimmt man mit der einen vorhandenen Zweispur-Stereo-Soundkarte zeitlich versetzt nacheinander die einzelnen Tracks auf, oder alle gleichzeitig über mehrere im PC installierte Standard-Soundkarten beziehungsweise über eine spezielle Viel-Kanal-Karte. Komfortabler ist natürlich die Mehrkanal-Lösung, aber mit ein wenig Erfahrung und bei bestimmten Aufgabenstellungen kommt man auch mit der seriellen Arbeitsweise zu gleichen Ergebnissen.

Solch ein echtes Mehrspursystem haben wir preisgünstig mit mehreren Soundkarten in einem Rechner ausprobiert: In einem nicht mehr ganz neuen Pentium-III-PC mit 866 MHz und drei freien PCI-Slots arbeiteten eine Creative-Audigy 4, eine Terratec Aureon 7.1 Universe und eine schon betagte M-Audio 2496 klaglos zusammen und erlaubten eine simultane Aufnahme auf allen sechs Kanälen - wenn auch mit geringem zeitlichen Versatz (Weiteres zum Stichwort Latenz siehe Seite 148 in c't 11/06).

Mac OS X bindet die in einem Rechner verfügbare Audio-Hardware über die systemweit arbeitende Core-Audio-Architektur ein. So lässt sich jede Audio-Hardware, die einen eigenen Core-Audio-Treiber mitbringt oder über den generischen USB- oder FireWire-Support angekoppelt wird, unter Mac OS X betreiben. Das gilt auch für die Onboard-Chips, über die alle Macs verfügen.

Im Prinzip kommt man mit einem schlichten Audio-Editor fĂĽr alle Arten von Aufnahmen zurecht; fĂĽr manche Anwendungen empfiehlt sich spezielle Software, die die Arbeit erheblich erleichtern kann.

Auf der Heft-CD finden Sie mit Audacity (für Windows und Mac - Linux, siehe Soft-Link) einen universellen Freeware-Editor zum Aufnehmen, Wiedergeben und (in Grenzen) Abmischen. Das Programm enthält vorhörbare Filter, Schnittfunktionen und leistet sogar eine einfache Mehrkanal-Aufzeichnung.

Ein rundes Paket aus Audio-Editor, Geräuscharchiv und Musik-Vorrat stellt Magix mit dem music maker 2006 Silver auf der Heft-CD zur Verfügung. Das Achtkanal-Programm bindet Dateien in nahezu allen wichtigen Audioformaten ein, bietet ausgefeilte Schnitt- und Montagemöglichkeiten und erlaubt auch die Nutzung von Plug-ins.

Für knapp 30 Euro bietet Acoustica von Acon Digital GmbH die üblichen Funktionen für Aufnahme, Schnitt, Wiedergabe und darüber hinaus vorhörbare Filter. Auch DirectX-Plug-ins lassen sich einbinden - aber das Effekt-Menü enthält bereits einen satten Vorrat, einschließlich Hall und Delay, Zeit- und Tonhöhenveränderung, Klick- und Rauschfilter ebenso wie abgefahrene Funktionen wie den Synthesizer für verloren gegangene Höhen. Im Vergleich mit der Freeware Audacity zeigt Acoustica eine elegantere Oberfläche und ein besser strukturiertes Bedienkonzept.

Wer in den letzten beiden Jahren einen Mac gekauft hat, ist softwareseitig bereits bestens ausgestattet: Die Audio- und MIDI-Software GarageBand gehört seit 2004 zum Lieferumfang jedes neuen Mac. Das ursprünglich für Musik-Einsteiger entworfene Programm hat sich dank der guten Ausstattung und der einfachen Bedienung schnell eine große Fangemeinde erobert. GarageBand versammelt unter einer Oberfläche alle wesentlichen Funktionen eines ausgewachsenen Audio-MIDI-Sequencers, bindet kompatible Plug-ins ein und versteht sich mit der über das Core-Audio-System eingebundenen Audio-Hardware.

Inzwischen ist die dritte GarageBand-Ausgabe erschienen, die besonders für Podcasting- und Hörbuch-Produzenten einige interessante neuen Funktionen zu bieten hat. Auf einer besonderen Spur kann man Bilder und Kapitel-Marker anlegen, eine Anbindung an Apples Webdesign-Software iWeb sorgt für einen unkomplizierten Upload der Podcast-Episoden. Auf die aktuelle Version ’06 umzusteigen lohnt sich schon deshalb, weil mit GarageBand 3 zahlreiche Sounds und Musik-Schnipsel geliefert werden, die sich für die Untermalung von Hörspielen, Podcasts und Videos eignen.

Soft-Link

"PC als Tonstudio"
Weitere Artikel zum Thema "PC als Tonstudio" finden Sie in der c't 11/2006:
Der Heim-PC wird zum Tonstudio S. 130
Die eigene Radiostation im Internet S. 136
Hörbücher mit dem PC erstellen S. 140
Hörspiele - Theater fürs Ohr S. 144
Musik professionell aufzeichnen S. 148

(roe)