Dschungelcamp HDTV

Dank markiger Werbekampagnen ist das Thema „HDTV“ bis zum letzten Bundesbürger durchgedrungen. Doch leider wird in Anzeigen und flotten Spots für HD-taugliche Displays und HDTV-Sendungen meist verschwiegen, dass es gar nicht so einfach ist, das Fernsehen Marke „Schärfer als die Realität“ überhaupt ins heimische Wohnzimmer oder gar auf den PC zu bekommen.

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Inhaltsverzeichnis

Eigentlich scheint hochaufgelöstes Fernsehen eine recht simple Sache zu sein, schließlich läuft die digitale Übertragung von TV-Bildern mit der gegenüber PAL bis zu fünffachen Auflösung in Ländern wie den USA, Japan, Südkorea oder Australien bereits seit Jahren. In Deutschland kommt HDTV dagegen nur langsam in Fahrt. Wo liegt also das Problem mit den ersten deutschen HDTV-Angeboten der ProSiebenSat.1 Media AG und des Pay-TV-Senders Premiere?

Zwar werden auch die neuen HDTV-Programme über den Satelliten Astra auf der Position 19,2° Ost ausgestrahlt. Und zukünftig ist auch eine parallele Verbreitung über ausgebaute Kabelnetze geplant. Als Übertragungsverfahren kommt dabei jedoch das neue DVB-S2 zum Einsatz, das alle älteren Receiver nicht verarbeiten können - man kann sie auch durch Nachrüsten nicht dazu bewegen. Beim Video-Codec beschreiten die Sender ebenfalls einen neuen Weg in die Fernsehzukunft: Anstelle des in die Jahre gekommenen Videokompressionsverfahrens MPEG-2 setzen sie auf MPEG-4 AVC alias H.264.

Die HDTV-Angebote der Sender unterscheiden sich erheblich: Nur Premiere liefert bei seinen drei HDTV-Spartenprogrammen „Premiere HD Film“, „Premiere Philips HD Sport“ und „Discovery HD“ stets hochaufgelöste Videos im Format 1080i/50 mit 1920 x1080 Bildpunkten bei 50 Halbbildern pro Sekunde. Dafür verlangt der Pay-TV-Anbieter einen monatlichen Aufschlag von 12 Euro zum regulären Abo-Preis (für Premiere-Komplett-Kunden). Die freien HD-Sender der ProSiebenSat.1 Media AG, namentlich „ProSieben HD“ und „Sat.1 HD“, zeigen hingegen nur ausgewählte Filme und Serien in HDTV. In der übrigen Zeit skalieren sie das Standard-Videomaterial einfach hoch - wobei als Ausgangsmaterial aber auch professionelle Videobänder dienen können, die qualitativ über dem gewöhnlichen PAL-Fernsehsignal liegen. Filme und Serienklassiker im Format 1080i bietet der im Mai gestartete HD-Kanal „Anixe HD“ unverschlüsselt über Astra.

In der Praxis kann sich das „neue“ Fernsehen sehen lassen. Ob Spielfilme oder Dokumentationen, alle Bilder sind gestochen scharf und man erkennt selbst feinste Details. Fußballübertragungen machen ebenfalls Spaß: Während bei PAL-Übertragungen das Stadionpublikum oft nur als Farbmatsch erkennbar ist, sieht man bei HDTV, wie den Fans die Spannung ins Gesicht geschrieben steht.

Die HDTV-Sender von ProSiebenSat.1 laufen bis Ende 2006 offiziell noch im Testbetrieb. Es besteht die durchaus realistische Möglichkeit, dass die Angebote ab 2007 grundverschlüsselt ausgestrahlt werden. Das Free-TV wäre dann gar nicht mehr so frei und der Empfang nur mit einer Smartcard möglich - so gerade bei den Free-TV-Kanälen geschehen, die digital ins Kabel eingespeist werden. Sollten sich die Betreiber bei der Sat-Übertragung ebenfalls für die von Premiere genutzte Nagravison-Verschlüsselung entscheiden, wären sie an deren Zertifizierungsverfahren gebunden: Eine Smartcard erhalten nur Besitzer Premiere-zertifizierter Receiver.

Wer bereits heute täglich hochaufgelöste Film- und Sportübertragungen genießen möchte, kommt um das kostenpflichtige Angebot von Premiere nicht herum - und muss dabei in einen sauren Apfel beißen: Die Inhaltelieferanten wollten bei HDTV kein Kopierschutz-Desaster wie einst bei DVDs erleben und setzten ihre Forderungen durch, eine vor Mitschnitten von Raubkopierern „sichere Übertragung“ einzuführen. In der Folge ist bei Pay-HDTV grundsätzlich als Standard-Videoschnittstelle das digitale HDMI-Interface mit integriertem HDCP-Kopierschutz an Bord. Am damit gesicherten Ausgang der Empfangsgeräte lassen sich nur Displays mit ebenfalls geschütztem Digitaleingang (HDMI oder DVI mit HDCP) anschließen. Natürlich haben die Geräte auch einen YUV-Komponentenausgang, über den die hochaufgelösten TV-Signale gleichzeitig analog ausgegeben werden. Der Haken: Dieser Receiver-Ausgang kann senderseitig deaktiviert oder so geschaltet werden, dass er die Fernsehbilder wie über die übrigen Videoanschlüsse (Cinchbuchse mit Composite-Signal, Hosidenbuchse mit S-Video-Signal sowie RGB via Scart) lediglich in Standardauflösung liefert.

Den HDCP-Kopierschutz schaltet der Sender über ein Signal im DVB-Datenstrom ein und aus: Ist das so genannte „Broadcast Flag“ gesetzt, wird am Receiver HDCP aktiviert und die analoge Ausgabe auf PAL-Auflösung eingeschränkt oder ganz abgeschaltet. Im Ergebnis erhält man HDTV dann nur noch über ein HDCP-fähiges Display, zu denen alle mit dem „HD ready“-Siegel versehenen Geräte gehören (sollten).

Premiere geht hier einen Mittelweg: Das Flag sendet der Pay-TV-Anbieter bei seinem Filmkanal bereits ständig mit, nicht jedoch beim Sport- und beim Themenkanal. Diese lassen sich deshalb beispielsweise mit einem Videoprojektor ohne HDCP-Unterstützung schauen, wenn dieser über ein HDMI-auf-DVI-Adapterkabel am Receiver angeschlossen ist. Laut Premiere soll das auch bei der diesjährigen Fußball-WM so bleiben. Während der Pay-TV-Sender diese Lösung als besonders flexibel feiert, sind Kritiker der Ansicht, dass das An- und Abschalten von HDCP nicht von der HDMI-Spezifikation gedeckt wird.

Zugleich schwenkt Premiere beim HDTV-Angebot auf einen Aladin genannten Nagravision-Dialekt als Verschlüsselungsverfahren um. Dieser wird ausschließlich von Premiere-HD-zertifizierter Hardware unterstützt. Für Nutzer herkömmlicher HD-Receiver mit Common Interface (CI) bleibt der Bildschirm derzeit dunkel. Theoretisch ließen sich diese Empfänger zwar mit einem Conditional Access Modul (CAM) nebst Abo-Karte bestücken, allerdings gibt es auf dem freien Markt noch kein CAM, das mit Aladin zusammenarbeitet. Folglich werden kommende Receiver ohne offizielle Zertifizierung bei den Premiere-HD-Kanälen erst einmal außen vor bleiben. Und selbst wenn es später einmal ein solches CAM zu kaufen gibt, bleibt eine Hürde: Premiere fragt bei Abschluss des HD-Abos die Seriennummer eines zertifizierten Geräts ab.

Außerdem muss man beim Kauf eines Receivers für den HDTV-Empfang darauf achten, dass dieser einen H.264-Decoder eingebaut hat. Tatsächlich ist das Angebot an H.264/DVB-S2-fähigen HDTV-Receivern mit dem Humax PR-HD1000 und dem Pace DS810 bislang sehr überschaubar. Humax bietet mit dem LDE-HD32S daneben noch einen 32-zölligen LCD-Fernseher an, der die Elektronik des PR-HD1000 integriert haben dürfte. Erwartet werden in diesen Wochen der von Philips bisher immer wieder verschobene DSR-9005 sowie der Kathrein UFS 901, bei dem es sich um einen Pace-Nachbau handeln dürfte. All diesen im Handel auch MPEG-4-Receiver genannten Geräten ist gemein, dass sie eine Premiere-HD-Zertifizierung besitzen und keine Festplatte eingebaut haben. Häufig werden diese Geräte als „MPEG-4-Receiver angeboten“. In der jüngsten Vergangenheit priesen einige Händler die für HD1/Euro1080 vorgesehenen DVB-S/MPEG-2-Receiver wie das Modell QS1080 von Quali-TV fälschlicherweise als Empfänger für die deutschen HDTV-Sender an.

c't hat die Geräte von Humax und Pace seit der Markteinführung in der Redaktion und konnte sie deshalb einem ausführlichen Praxistest unterziehen [1]. Dabei stellte sich beispielsweise heraus, dass der Humax bei ständig aktivierter Kindersperre die hochaufgelösten Bilder von Premiere HD Film zunächst auch analog bei voller Auflösung über seinen YUV-Komponentenausgang weitergab. Da die Receiver-Hersteller Firmware-Updates ohne Zutun der Anwender via Satellit in die Geräte einspielen können, wurde diese Lücke mittlerweile geschlossen.

Ohne die Möglichkeit einer analogen HDTV-Signalweitergabe ist man auf eine funktionierende Digitalverbindung angewiesen. Die Praxis ist jedoch eher ernüchternd: Teilweise erlebten wir bei HD-ready-Fernsehern am Pace-Receiver nach dem Umschalten auf Premiere HD Film fortlaufende Bildzusammenbrüche - ein klares Zeichen, dass der HDCP-Handshake zwischen Receiver und Display nicht funktioniert. Einzige Abhilfe: Stecker raus und wieder rein.

Sowohl Pace als auch Humax patzen, wenn sie kopiergeschützte Signale via HDMI über Denons Audio/Video-Receiver AVR-4306 zu einem Display leiten sollen: Auch nach wiederholten Anläufen bleibt der Bildschirm leer. Leser berichteten uns bei anderen A/V-Receivern von gleichen Schwierigkeiten. Dieses Problem wurde bislang mit keinem Firmware-Update behoben.

Mit der Abschaltung des YUV-Ausgangs ist den Anwendern auch die Möglichkeit genommen, ein HDTV-Aufnahmegerät wie die kommenden HD-Disc-Recorder anzuschließen; ein Aufnahmegerät mit HDMI-Eingang soll es nicht geben. Einen FireWire-Ausgang, über den sich ebenfalls kopiergeschützte A/V-Daten schicken ließen, besitzen die bis dato erhältlichen Receiver nicht. Und der USB-Ausgang - angeblich von Premiere für „kommende Anwendungen“ eingeplant - lässt sich bei einem Premiere-zertifizierten Gerät sicher nicht zur Weitergabe von Fernsehsignalen verwenden. Die Modelle der ersten Generation eignen sich also lediglich für das Anschauen von HDTV. Weder analoges noch digitales Aufzeichnen des hochaufgelösten Materials wird vorerst möglich sein.

Mit TechniSats Digit HD-S1 soll im Herbst ein DVB-S2/H.264-fähiger Satellitenreceiver mit eingebauter Festplatte auf den deutschen Markt kommen. Bereits auf der diesjährigen CeBIT präsentierte Sagem mit dem ITSD81 HD einen HD-Receiver, der den Empfang via Satellit und Antenne ermöglicht und mit einem CI-Schacht ausgestattet ist. Fraglich ist jedoch, ob man mit diesen Geräten auch die HDTV-Programme von Premiere empfangen oder gar aufzeichnen können wird. Ab 2007 sollen laut Premiere jedoch zertifizierte Festplatten-Receiver erhältlich sein. Diese werden sicherlich digitale Aufnahmen und zeitversetztes Fernsehen (Timeshift) erlauben. Allerdings dürfte das HD-Videomaterial nur verschlüsselt auf der Festplatte landen, sodass Anwender es nicht kopieren könnten. Theoretisch könnte Premiere sogar reglementieren, wie oft man Aufnahmen anschauen kann oder die Wiedergabe grundsätzlich nur gegen gesonderte Gebühr erlauben.

Beim HDTV-Empfang am PC lauern ebenfalls Tücken: So werden beispielsweise etliche „HDTV-taugliche“ DVB-Einsteckkarten und -Boxen (zum Anschluss an den USB- oder Firewire-Port) angeboten, die tatsächlich nur für die „alten“ DVB-S-Angebote taugen. Bislang gibt es auf dem deutschen Markt mit der KNC One TV Station DVB-S2 plus nur eine DVB-S2-taugliche PCI-Karte [2]. Modelle von Hauppauge, TechnoTrend und Twinhan sollen folgen, außerdem hat Micronas zwei Referenz-Designs entwickelt. Darauf basierende DVB-S2-Karten dürften in der zweiten Jahreshälfte von verschiedenen Herstellern unter eigenem Namen vertrieben werden.

Anders als DVB-S2-Receiver, die stets einen H.264-Chip integriert haben, sind die DVB-S2-Karten mehrheitlich passiv, besitzen also keine eigenen Decoder. Stattdessen liefern beispielsweise KNC One und TechnoTrend TV-Anwendungen mit, die via DirectShow einen H.264-Software-Decoder von CyberLink einbinden. Die Dekodierarbeit muss somit der Rechner übernehmen, was potente Hardware voraussetzt - vor allem bezüglich der Grafikkarte, die eine Hardware-Beschleunigung für H.264-Software-Decoder bieten sollte. Mit der vollen HD-Auflösung können das derzeit nur ATIs X1800 XT sowie die Modelle N6600 GT und N7. Auf einem System mit AMD X2 3000 CPU erreichten wir mit einem Vorserienmodell der TechnoTrend-Karte S2-3200 HDTV so eine ruckelfreie HDTV-Wiedergabe bei einer CPU-Last zwischen 40 und 50 Prozent [2]. Bei ausgeschalteter Hardware-Beschleunigung beziehungsweise mit Grafikkarten ohne Beschleunigung stieg die Last selbst bei dem genannten System auf 80 Prozent. Die Wiedergabe auf Single-Core-Systemen (P4 3 GHz mit HT, Athlon 64 3200+ und 3500+, mit einer ATI X1800 XT) ruckelte dagegen erheblich. KNC One empfiehlt deshalb auch gleich eine 3,2-GHz-CPU mit Dual Core.

Die Treiber und die TV-Anwendungen von KNC One und TechnoTrend lieĂźen sich in unseren Tests jeweils problemlos installieren. Auch das AufspĂĽren der Sender war dank vorbereiteter Kanallisten kein Problem. Allerdings hatte das TechnoTrend-Vorserienmodell noch einige Schwierigkeiten, den DVB-S2-Strom auch jedes Mal wirklich zu erfassen - ab und an blieb der Bildschirm beim ersten Versuch einfach schwarz, sodass man noch einmal Hin- und Herschalten musste. Dieses Problem hatte auch die KNC-One-Karte im Entwicklungsstadium; bis zur Serienproduktion bekamen es die Ingenieure aber in den Griff. Bei unseren Tests scheiterten die meisten Aufnahmeversuche mit beiden Karten - nach einiger Zeit zeigte die TV-Software nur noch ein schwarzes Bild.

Solange keine CAMs für Premiere HD verfügbar sind, lassen sich mit den DVB-S2-Karten bis auf weiteres nur die Free-TV-Programme ProSieben HD und Sat.1 HD anschauen. Dennoch sollte man auf ein integriertes Common Interface beziehungsweise auf eine Steckverbindung zum Anschluss eines CI-Moduls achten, um für eventuelle Nagra-CAMs gerüstet zu sein und bei einer künftig möglichen Grundverschlüsselung der ProSiebenSat.1-HD-Sender nicht vom Empfang ausgesperrt zu werden.

Wer künftig „Fernsehen schärfer als die Realität“ erleben möchte, sollte nicht vergessen, dass HD-taugliche Fernsehgeräte nur die halbe Miete sind. Ebenso benötigt man ein Empfangsgerät, das einwandfrei mit den Displays zusammenarbeitet. Hier haben die aktuellen Satellitenreceiver noch einige Defizite.

PC-Anwender sollten sich wiederum darauf einrichten, dass es mit der Anschaffung einer DVB-S2-Empfangskarte nicht getan ist: Das Dekodieren der MPEG-Datenströme schreit nach ordentlicher Rechenpower. Auf alter Hardware degeneriert jeder Blockbuster schnell zum Einzelbild-Stakkato.

Der Weg zum HDTV-Vergnügen ist mit einigen Hürden gespickt. Doch wer die meistert, wird mit einer beeindruckenden Bildqualität belohnt.

[1] Erlebnis High Definition TV, Die deutschen HDTV-Angebote im Praxistest

[2] Erste DVB-S2-Karte fĂĽr HDTV angetestet, c't 03/06, S. 50

"TV der Zukunft"
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Digital-TV mit Durchblick S. 138
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HD DVD abspielen S. 148
HDTV im c't-Sehtest: Sie haben geurteilt S. 154

(spo)