Kopierschutz - zweite Runde?
Der weltweit fünftgrößte Hersteller bespielter optischer Datenträger U-Tech will CD- und DVD-Raubkopierern per RFID das Handwerk legen. Mit einer im September vorgestellten Lösung kann man allerdings auch die Wiedergabe legal erworbener DVDs gezielt einschränken.
- Thorsten Staake
Die Idee ist nicht neu: Passive RFID-Transponder werden in das Trägermedium von CDs oder DVDs integriert, mit einer eindeutigen Nummer und eventuell einer digitalen Signatur versehen und in einer Datenbank des Herstellers registriert. Fehlt der Transponder auf einem Datenträger oder enthält er eine ungültige Identifikationsnummer, ist dies ein Indiz für eine Raubkopie. Auf diese Weise könnte der Zoll Sendungen überprüfen, ohne einzelne Verpackungen zu öffnen - und ein mit einem RFID-Lesegerät ausgestattetes Abspielgerät wird die Wiedergabe entsprechender Medien verweigern. Der CD- und DVD-Hersteller CDA hatte zusammen mit Brooks Automation bereits im Juli dieses Jahres eine „Chip-on-Disc (CoD)“-Lösung vorgestellt, um dieses Konzept zu verwirklichen. Forscher an der University of California in Los Angeles arbeiten ebenfalls an dieser Technik [1]. Mit einem weiteren CoD-Vorstoß des zur Ritek-Gruppe gehörenden Unternehmens U-Tech hat das Thema nun an Bedeutung gewonnen: Die U-Tech-Presseerklärung [2] verkündet zwar nur allgemein die Beteiligung „mehrerer bedeutender Kunden aus der Filmindustrie“, doch als potenzielle Abnehmer gelten unter anderem Warner Bros., Disney und Fox.
Nach eigenen Angaben wird U-Tech die CoD-Technik zuerst in seinem taiwanischen Presswerk testen. Die zusammen mit dem Schweizer Unternehmen EM-Microelectronic entwickelten RFID-Transponder kommen vom kanadischen Anbieter IPICO. Ein umfassenderes Pilotprojekt soll die Praxistauglichkeit der funkenden CDs und DVDs im Bereich Logistik und Supply-Chain-Sicherheit unter Beweis stellen. Später will man dann zusammen mit Herstellern von DVD-Playern ein Offline-Authentifizierungsverfahren testen. Einen konkreten Zeitplan für die einzelnen Schritte hat U-Tech bisher nicht genannt.
Zwei prinzipielle Anwendungsmöglichkeiten versprechen sich die Entwickler von der CoD-Technik: einerseits, konfektionierte Ware ohne das Öffnen einzelner Kartons oder Verpackungen zu überprüfen, und andererseits, CDs oder DVDs durch ein geeignetes Abspielgerät zu authentifizieren. Erstere Anwendung zielt eindeutig auf den Kampf gegen professionelle Fälscher ab, für die etablierte Sicherheitsmechanismen wie Hologramme oder Kippfarben schon lange keine Hürde mehr darstellen. RFID ermöglicht eine weitgehend lückenlose und automatisierte Kontrolle innerhalb der Lieferkette und gestattet so die Überprüfung größerer Stichproben beim Zoll oder im Einzelhandel. Aus Verbraucherschutz-Perspektive ist dagegen wenig einzuwenden, wenn man einmal von der allgemeinen Skepsis aus Datenschutzsicht absieht. Bis eine eigene Infrastruktur für die Verfolgung von Medieninhalten aufgebaut ist, wird aber noch einige Zeit vergehen - wenn sich die Lösung überhaupt durchsetzt. Dagegen spricht die wesentlich breitere Unterstützung von Handel und Industrie für das produktübergreifende Netzwerk auf Grundlage des Electronic Product Code (EPC) [3].
Zugriffsbarriere
Wenn das Abspielgerät einen Datenträger authentifiziert, handelt es sich dabei streng genommen nicht um einen Kopierschutz, sondern um ein Verfahren, die nicht autorisierte Wiedergabe zu verhindern. Was in diesem Zusammenhang „autorisiert“ bedeutet, kann der Copyright-Inhaber in weiten Grenzen selbst definieren. Mittels beschreibbarer RFID-Transponder, wie sie bei CDA zum Einsatz kommen, ließe sich begrenzen, wie oft oder mit welchen Geräten sich ein Medium abspielen lässt. Ob der Kunde solche Einschränkungen akzeptieren wird, bleibt abzuwarten. Das Beispiel des DVD-Regioncodes hat gezeigt, dass Verbraucher derartigen Kontrolltechniken kritisch gegenüberstehen.
Aber auch von der Kundenakzeptanz abgesehen ist der Weg bis zu einer kommerziellen Verbreitung noch weit. Schließlich erfordert das System Abspielgeräte, die mit RFID-Lesern ausgestattet sind. Bisher existieren davon allenfalls Prototypen zu Demonstrationszwecken. Die Standardisierung von Lösungen für die Vielzahl der miteinander konkurrierenden Datenformate könnte sich dabei problematisch gestalten. Und was geschieht mit den konventionellen Datenträgern, die sich bereits im Markt befinden? Sollten CoD-Player deren Wiedergabe verweigern, wären die neuen Geräte sicher nur schwer zu vermarkten. Wenn aber die Wiedergabe von Datenträgern ohne Transponder weiterhin möglich bleibt, können professionelle Fälscher den Schutz umgehen, indem sie den Inhalt von CoD-Medien auf herkömmliche Datenträger portieren. Ob die für die Lösung vorgesehenen RFID-Transponder selbst mit einem Kopierschutz ausgestattet sein werden, wurde bisher nicht bekannt gegeben. Der Einsatz aufwendiger Challenge-Response-Protokolle erscheint allerdings wenig praktikabel, insbesondere Public-Key-Lösungen würden den finanziellen Rahmen heutzutage sprengen. Transponder ohne Authentifizierungsmechanismen wiederum stellen aber langfristig keine große Hürde für professionelle Fälscher dar. Effektiver als die vorgeschlagene Offline-Lösung wäre dann ein dynamischer Ansatz, bei dem das Abspielgerät die Gültigkeit der vergebenen Nummer in einer Online-Datenbank überprüft. IDs, die unverhältnismäßig häufig oder in dichter zeitlicher Abfolge von unterschiedlichen Orten abgefragt werden, könnten gesperrt werden - ähnlich wie bei Kreditkartenabrechnungen. Allerdings bräuchte dann jeder DVD- und CD-Player einen Internetzugang, was insbesondere für portable Geräte schwer zu realisieren ist.
Fazit
Was bleibt übrig? Ein interessantes Verfahren zum Schutz der Lieferkette vor professionellen Fälschern und die aus Verbrauchersicht wenig wünschenswerte Möglichkeit der Medienindustrie, die Wiedergabe von CDs und DVDs nach Belieben einzuschränken. Dass sich die Lösung in der beschriebenen Form durchsetzen wird, ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Trotzdem sollte man den zukünftigen Vertrieb von Rohlingen mit beschreibbaren RFID-Transpondern in jedem Falle genau beobachten.
Literatur
[1] CoD-Projekt an der University of California in Los Angeles
[2] Pressemitteilung von U-Tech, RiRF and IPICO
[3] Peter SchĂĽler, Ăśberall nur Zahlen, c't 12/05, S. 90 (hps)