Kartuschen-Kampf
Mit immer drastischeren Maßnahmen versuchen die Druckerhersteller, ihre Verbrauchsmaterial-Pfründe gegen Alternativanbieter zu sichern. Die Interessen der Verbraucher drohen dabei auf der Strecke zu bleiben.
- Tim Gerber
Als Epson 2001 die ersten Tintenpatronen mit Füllstandschips auf den Markt brachte, kursierten bereits wenige Wochen später sogenannte Chip-Resetter (siehe c't 12/01, S. 66). Und kurz darauf waren Nachbauten der Patronen einschließlich Chip von Pelikan und Co. zu haben. So glaubte man auch bei der Einführung solcher Chips in Canons Single-Ink-Druckern, dass es nur eine Frage weniger Monate sein würde, bis Reset-Tricks und Alternativangebote das Quasi-Monopol des Druckerherstellers beenden würden. Doch weit gefehlt. Bis heute sind außer den Canon-Originalpatronen nur Notlösungen im Angebot (siehe c't 17/06, S. 176). Der Anwender hat die Wahl, seine Patronen selbst zu befüllen oder Nachbauten ohne Chip zu kaufen, auf die er Chips seiner leeren Originalpatronen klebt. Bei beiden Varianten gibt es keine elektronische Tintenstandsanzeige mehr, der Anwender muss selbst darauf achten, dass der Drucker nicht durch Leerdrucken Schaden nimmt. Eine Einbuße im Bedienkomfort.
Ausgechipst
Die bislang erste Alternativlösung, bei der die Tintenstandskontrolle in vollem Umfang erhalten bleibt, will Geha Anfang Dezember auf den Markt bringen. Sie besteht aus einem Adapter, der in den Druckkopf eingesetzt wird und sich in die Kommunikation zwischen Drucker und Patrone klinkt. Dabei wird die Tintenstandsanfrage des Druckers von einer Geha-eigenen Elektronik gemanagt. Die Abfrage des Sicherheitscodes, mit dem die Canon-Elektronik sicherstellen will, dass sich Originalpatronen im Drucker befinden, lasse sich nicht nachbauen, heißt es bei Geha. Die eingesetzte Verschlüsselungstechnik stamme aus der Rüstungsindustrie und sei nicht zu knacken. Der Tintenanbieter verbaut daher in seine Adapter Canon-Chips, die er von leeren Original-Patronen gewinnt. Ihr einziger Zweck ist es, die druckerseitige Abfrage des stark verschlüsselten Codes zu beantworten.
Für den Verbraucher hat auch diese Lösung noch Nachteile: Er muss alle Tinten des Single-Ink-Systems gleichzeitig auf die Geha-Variante umrüsten und kann die Tanks nicht nach und nach austauschen. Der Alternativanbieter will dieses Manko durch ein Umtauschprogramm für die dann überschüssigen Canon-Patronen teilweise kompensieren. Misslich ist zudem der Umstand, dass der Spareffekt bei dieser Alternative relativ gering ausfällt: Geha beziffert ihn auf der Grundlage unverbindlicher Preisempfehlungen auf immerhin 25 Prozent. In der Realität dürfte die Ersparnis zwischen ein und zwei Euro pro Patrone liegen - für einen kompletten Systemwechsel nicht wirklich verlockend. Es könnte allerdings sein, dass sich weitere Alternativhersteller finden, die Patronen für das Geha-Adaptersystem in Canon-Druckern anbieten. Kommt auf diese Weise doch noch ein echter Wettbewerb zustande, sieht sich am Ende womöglich auch Canon selbst zu Preisnachlässen gezwungen.
Umgehungsstraßen
Alternativtintenanbieter InkTec ist derzeit wegen seiner Nachfülltinte mit einer Patentklage des Druckerherstellers Hewlett-Packard konfrontiert. Bislang sind Druckerhersteller gegen Nachbauten der Patronen vorgegangen (siehe c't 8/06, S. 26), hier handelt es sich nun um einen Inhaltsstoff der Tinte. Mit dem Zusatz von Metallsalzen verhindert HP das Verlaufen seiner schwarzen Pigment-Tinte in den farbigen Dye-Tinten. Das Patent darauf halten selbst Entwickler bei konkurrierenden Tintenherstellern für absolut gerechtfertigt und schwer zu umgehen. So äußerte der Forschungsleiter eines großen europäischen Tintenherstellers gegenüber c't, er habe Verständnis, dass HP gegen die Verletzung dieses Patents vorgehe. Der betroffene Hersteller InkTec will die Tinte künftig mit anderer chemischer Zusammensetzung anbieten, sofern sich der Vorwurf der Patentverletzung als berechtigt erweisen sollte.
Ansonsten hält sich das Verständnis der Alternativanbieter für die Patentpolitik der Druckerhersteller in recht engen Grenzen. Diese ließen sich sogar Wiederaufbereitungsverfahren für Kartuschen patentieren, die nach ihren eigenen Angaben nur für die einmalige Verwendung geeignet sind, beklagt Vincent van Dijk gegenüber c't. Der Niederländer ist Geschäftsführer von Etira, dem europäischen Dachverband der Wiederaufbereiter von leeren Druckerpatronen. Besonders verärgert ist van Dijk zurzeit über die Blockade der Druckerindustrie bei der Schaffung europaweiter Qualitätsstandards für Recycling-Kartuschen. Sein Verband sieht darin eine Reaktion auf die wachsenden Marktanteile der von ihm vertretenen Recycling-Unternehmen. Die großen Hersteller würden ihren Einfluss auf nationale Normungsinstitute nutzen, um eine EU-Norm für Kartuschenkompatibilität zu verhindern. Notgedrungen wollen die Kartuschenbefüller nun einen eigenen Standard ins Leben rufen. In der ablehnenden Haltung des Europäischen Komitees für Normung (CEN) sieht der Recycler-Verband einen Widerspruch zum CEN-Grundsatz der Umweltfreundlichkeit.
Den Umweltschutz schreiben sich einstweilen die Druckerhersteller selbst auf die Fahnen (siehe c't 16/06, S. 164): So will nun auch Samsung seine Tonerkartuschen selbst wieder einsammeln. HP weitet sein „Planet-Partner“-Programm auf die Tintenpatronen der Typen 27 und 28 aus. Ihnen soll wie vielen anderen Verbrauchsmaterialien demnächst eine Tüte für den kostenlosen Versand an den Hersteller beiliegen. Im Umweltrummel der Druckerhersteller geht leicht unter, dass der Anwender seine Tintenkartuschen genauso umweltfreundlich und kostenlos über den kommunalen Entsorger los wird. Beides ist jedoch rausgeschmissenes Geld, denn die Refiller bezahlen bis zu zwei Euro für eine leere Druckerkartusche. (tig)