Der Biometrie ausgeliefert
- Dr. Harald Bögeholz
Der Biometrie ausgeliefert
Hannover, Bürgeramt Podbi-Park. Ich reiche der Sachbearbeiterin meinen alten Reisepass und ein hübsches Passfoto, vor kurzem von einem Fotografen gemacht. Sie winkt gleich ab: "Das ist kein biometrisches Foto." Wie, kein biometrisches Foto? "Na es ist viel zu klein, der Kopf ist nicht gerade und Sie lächeln. Das Gesicht muss mindestens 32 Millimeter hoch sein und Sie dürfen nicht lächeln. So kann ich das nicht akzeptieren, außerdem nimmt es der Computer nicht." Und jetzt? "Draußen am Ende der Passage ist ein Automat. Dort können Sie ein neues Foto machen. Der Mann an dem Kiosk daneben kann Ihnen das erklären, der kennt sich damit schon aus."
Der Kioskbetreiber lebt anscheinend ganz gut vom Bürgeramt und gibt mir ein paar Ratschläge: Ich solle zweimal die grüne Taste drücken und darauf achten, dass ich nicht zu nah am Glas sitze, aber auch nicht zu weit weg. Aha. Fünf Euro will der Automat und bietet sogar extra einen Menüpunkt für Reisepassfotos an. Ein Fadenkreuz für die Nase, zwei Punkte für die Augen und ein vorgegebener Umriss für das Gesicht, da kann ja nun wirklich nichts schiefgehen. Ich passe mein Gesicht so gut ich kann in die amtlichen Vorgaben ein, und das Lächeln ist mir sowieso vergangen. Rasiert bin ich auch nicht, aber was solls.
Zurück im Amt. "Die Fotos sehen erst mal gut aus." Erst mal? Sie legt eine transparente Schablone drauf und runzelt die Stirn. "Oh oh, das Gesicht ist etwas zu groß und die Augen sind nicht auf der richtigen Höhe. Aber vielleicht geht es ja." Sie klebt das Bild aufs amtliche Formular, das ich zweimal unterschreibe, und ab gehts in den Scanner.
"Tja, das nimmt er nicht. Wollen Sie es noch mal versuchen?" Wie, noch mal versuchen? Ich soll also jetzt noch mal für fünf Euro neue Fotos machen oder wie? Was stimmt denn damit nicht? "Ach, alles Mögliche: Das Gesicht ist zu groß, die Augen sind nicht auf einer Linie ... soll ich noch mal schauen? Dann muss ich es aber noch mal scannen." Ich bitte darum. "Ach, jetzt nimmt er es auf einmal. Das ist mir ja auch noch nie passiert." 59 Euro bekommt sie für die Amtshandlung, und in einigen Wochen darf ich mir meinen neuen Reisepass dann abholen.
Das ist also nun der Stand der Technik nach einem Jahr ePass: Eine Software, die ein gescanntes Bild nicht mal geeignet skalieren oder es bei Bedarf ein bisschen nach oben oder unten rücken kann. Beamte, die die Zicken ihres Computers hilflos den Bürger ausbaden lassen. Und ein rigides Lächelverbot, das ernste Zweifel an der Biometrie aufkommen lässt.
Wenn schon die Eingangsprüfung so pingelig ist, wie wird es mir dann bei meiner nächsten USA-Reise ergehen? Komme ich so lange in Untersuchungshaft, bis mir der auf dem Chip gespeicherte Dreitagebart wieder gewachsen ist? Darf ich noch ohne Brille reisen? Und wenn jetzt alle von Amts wegen auf dem Passfoto wie Verbrecher aussehen müssen, findet man da denn noch die wirklichen Verbrecher? (bo)