SpielwĂĽtige HD-Fans

Beim Kampf um die DVD-Nachfolge warben die konkurrierenden Formate Blu-ray Disc und HD DVD zunächst nur mit höchster Bild- und Tonqualität. Nachdem dort ein Gleichstand in Sicht ist, wollen die Verfechter beider Lager das Augenmerk der Kunden nun auf interaktive Funktionen lenken.

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Da nun mehrere Blu-ray-Player auf dem Markt sind und sich die Produzenten in den Bereichen Video und Audio sicher fühlen, darf man in diesem Jahr alle möglichen Arten von Special Features erwarten.“ Mit diesen Worten kündigte die Blu-ray Disc Association (BDA) jüngst die ersten Titel an, die dank des Einsatzes des auf Java basierenden Interaktivitätsformats BD-J [1] besondere Extras bieten sollen.

Den Vorstoß macht 20th Century Fox mit den Blu-ray Discs „Speed“, „Im Fadenkreuz“ und „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, die ab 19. März auf dem deutschen Markt erhältlich sein sollen. Sie enthalten unter anderem in BD-J programmierte Spiele mit Filmszenen als Hintergrund und Suchmöglichkeiten nach Charakteren, Orten und Stichwörtern des jeweiligen Streifens. Ähnliches ist bei „Chicken Little“, derbei Disney als erster BD-J-Titel im Gespräch ist. Lionsgate hat beim US-Titel „The Descent“ unter anderem Pop-up-Menüs mittels BD-J realisiert.

Laut BDA ist dies erst der Anfang, im nächsten Schritt sollen Titel mit Multiplayer-Spielen zum Film erscheinen. Zudem soll „BD Live“ Inhalte wie Trailer oder Video-Dokumentationen passend zur eingelegten Film-Disc über das Internet auf den Blu-ray-Player laden und - synchron zum Film auf der Disc - wiedergeben. 20th Century Fox hat bereits erklärt, Titel mit BD-Live-Funktion herausbringen zu wollen - allerdings frühestens in der zweiten Hälfte des Jahres. Der Grund ist klar: Von den bislang erschienenen (Hardware-)Playern ist einzig Sonys Spielkonsole Playstation 3 mit dem nötigen Ethernet-Port ausgestattet und gilt als BD-Live-tauglich. Ob LGs gerade in den USA erschienene Kombi-Player BH100 für beide HD-Disc-Formate BD-Live-tauglich sind, ist noch ungeklärt.

Im Unterschied zu den Blu-ray-Playern müssen alle HD-DVD-Geräte laut Spezifikation Inhalte aus dem Internet beziehen und verarbeiten können. Die auf dem Markt befindlichen Modelle von Toshiba holen über Ethernet-Anschlüsse bislang nur Firmware-Updates. Dies soll sich aber ändern: Auf der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) demonstrierte die HD DVD Promotion Group anhand einer Spezialversion des Titels „Miami Vice“, wie sich bei kommenden HD DVDs Lesezeichen über einen Server an Freunde weitergeben lassen. Über ein sogenanntes „Download Center“ will Universal zudem Trailer aktueller Filme zum Laden beziehungsweise Streamen auf HD-DVD-Player anbieten. Wann die ersten HD DVDs mit diesen Features erscheinen, ist bislang noch unklar.

Da fast alle bislang erschienenen Blu-ray-Titel „High Definition Movie“ (HDMV) nutzen, das als Unterbau für BD-J ähnlich der DVD lediglich mit einem größeren Satz an Navigationskommandos aufwartet, erhält der Blu-ray-Kunde derzeit nur aufgehübschte Menüs mit Button-Sounds, die sich auch während des Films aufrufen lassen.

Auch bei der HD DVD, die auf den eigens für diesen Zweck entwickelten Standard „HDi“ (anfangs „iHD“ genannt) setzt, war dies zunächst die Regel. Mittlerweile hat sich die HD DVD aber einen Vorsprung bei der Offline-Interaktivität herausgearbeitet. So bietet Warner bei Titeln wie „Batman Begins“ und „V for Vendetta“ eine echte (und daher auch so genannte) „In-Movie Experience“ (IME): Passend zur jeweiligen Szene werden hier Videokommentare und Ausschnitte von den Dreharbeiten als (Standard-)Bild im (High-Definition-)Bild eingeblendet. Der Ton des Hauptfilms wird währenddessen automatisch heruntergeregelt.

Noch einen Schritt weiter geht Universal bei „The Fast And The Furious: Tokyo Drift“, „Miami Vice“ und der US-Fassung von „King Kong“ mit „U-Control“, bei denen sich via Fernbedienung Zusatzinformationen zum laufenden Film abrufen lassen. So kann man beispielsweise die technischen Daten der gezeigten Rennboote oder Autos studieren, den Ort der aktuellen Handlung per GPS-Funktion verfolgen oder sich die durch die wilde Autoraserei bei Tokyo Drift verursachte Schadenssumme vorrechnen lassen. Welche Informationen gerade verfügbar sind, zeigt eine kleine Popup-Leiste am Bildschirmrand an. Die Bild-in-Bild-Funktion kommt auch bei U-Control zum Einsatz, allerdings wird das Hauptbild dabei herunterskaliert, damit es nicht überdeckt wird.

Möglich ist die Bild-in-Bild-Funktion bei IME und U-Control, weil jeder HD-DVD-Player laut Spezifikation in der Lage sein muss, neben dem HD-Videostrom noch einen Stream in Standardauflösung zu dekodieren und beide übereinander zu legen.

Laut Kevin Collins [2], bei Microsoft für die HD DVD zuständig, sieht die Blu-ray-Spezifikation dies lediglich bei BD-Live-fähigen Playern vor. Aus diesem Grund habe Warner seine IME-Titel bislang auch nicht in einer Blu-ray-Fassung herausgebracht. Der von Paramount in den USA veröffentlichten Blu-ray-Fassung von „Mission Impossible III“ fehlt die Bild-in-Bild-Funktion der HD DVD.

Collins’ Aussage wird auch nicht durch den den Blu-ray-Titel „The Descent“ revidiert, bei dem sich anscheinend eine Bild-in-Bild-Funktion anwählen lässt. Tatsächlich wurde der Film schlicht mehrfach auf der 50-GByte-Scheibe gespeichert - darunter auch in einer Fassung mit vorgefertigtem Bild im Bild. Der Player muss also stets nur einen Videostrom dekodieren. Als besonders praktisch ist diese Lösung aber sicher nicht zu bezeichnen.

Damit nicht genug, überfordern die BD-J-Funktionen des Titels bislang einige Stand-alone-Player. So soll Sonys Blu-ray-Player BDP-S1 selbst nach einem Firmware-Update noch Probleme mit der Wiedergabe haben, auch Pioneers BDP-HD1 mag die Disc wohl nicht. Problemlos läuft „The Descent“ offenbar auf Samsungs BD-P1000 mit neuester Firmware und auf Sonys PS3.

Nach Angaben beider HD-Disc-Lager betrachten die Hollywood-Studios Interaktivität als dritten erfolgskritischen Faktor neben HD-Video und -Audio. Darüber, ob diese Einschätzung realistisch ist, lässt sich vortrefflich streiten - nicht zuletzt, weil viele Anwender schon bei der DVD Audiokommentare und Dokumentationen links liegen lassen.

Davon abgesehen bietet die HD DVD derzeit wesentlich interessantere Interaktivitätsfunktionen, die direkt mit dem Film verbunden sind. Sollten sich Collins’ Aussagen zum Zusammenhang zwischen BD-Live und Bild-in-Bild-Features bestätigen, bleibt dies wohl auch noch eine Weile so. Schließlich dürften sich die Studios auch hier am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren.

[1] Nico Jurran, Spielwiese High-Definition-Disc, Features und Extras der DVD-Video-Nachfolgeformate, c't 23/05, S. 194

[2] Kevin Collins, HD DVD Clarification, Widescreen Review, Januar 2007, S. 16

Von den großen Hollywood-Studios veröffentlicht nur noch Universal hochaufgelöste Filme exklusiv auf HD DVD, die übrigen haben sich entweder ganz dem Konkurrenzformat Blu-ray Disc verschrieben (20th Century Fox, Disney und Sony), bedienen beide Lager (Paramount und Warner) oder haben noch gar keine HD-Discs herausgebracht (Dreamworks).

Bislang merkte man von dieser Aufteilung allerdings recht wenig - nicht zuletzt, weil Disney seine Blockbuster mangels Marktdurchdringung der Blu-ray Disc zurückhielt. Nachdem mittlerweile aber klar ist, dass sich potenzielle Käufer nicht alleine mit technischen Daten überzeugen lassen, ändert das Studio nun seine Strategie und kündigte die beiden ersten „Fluch der Karibik“-Teile in den USA pünktlich zum (vorläufigen?) Finale der Piratenfilmreihe am 22. Mai an. Der Pixar-Blockbuster „Cars“ soll am 5. Juni folgen. Sony hatte bereits zuvor bekannt gegeben, den neuen Bond-Streifen am 13. beziehungsweise 23. März auf den nordamerikanischen und den deutschen Markt zu bringen; Fox’ „Nachts im Museum“ und „Eragon“ sollen im April auf den US-Markt kommen.

Von den zehn weltweit erfolgreichsten Filmen des Kinojahrs 2006 sind mit „Fluch der Karibik 2“, „Da Vinci Code“, „Ice Age 2“, „Casino Royale“, „X-Men 3“, „Cars“ und „Der Teufel trägt Prada“ somit sieben exklusiv (in den USA) auf Blu-ray erschienen oder angekündigt. „Mission: Impossible 3“ und „Superman Return“ (Plätze 7 und 8) hat Warner in beiden HD-Disc-Formaten herausgebracht, zu einer möglichen Veröffentlichung von „Ab durch die Hecke“ auf HD-Disc äußerte sich Dreamworks bislang noch nicht.

Universal kündigte seinerseits 100 HD-DVD-Neuveröffentlichungen an, darunter „Bruce Allmächtig“, „Die Bourne Identität“, „American Pie“, „Inside Man“, „Stolz und Vorurteil“, „The Big Lebowski“, „Brazil“ und „Scarface“. Aber auch aktuelle Produktionen wie „Children of Men“, „Der gute Hirte“ und „Smokin’ Aces“ sowie die erste Staffel der neuen „Battlestar Galactica“-Serie sollen noch 2007 erscheinen; konkrete Erscheinungstermine nannte das Studio noch nicht. Laut Universal kommen über 90 Prozent der Scheiben als sogenannte „Combo Discs“ heraus, also als Flipper mit einer HD-DVD- und einer DVD-Seite.

Fans des deutschen Erfolgsfilms „Das Parfum“ müssen sich indes nicht für eines der beiden um die DVD-Nachfolge streitenden Formate entscheiden: Highlight Home Entertainment veröffentlicht den Streifen am 15. März sowohl auf Blu-ray Disc als auch auf HD DVD. Beide Versionen werden von Amazon bereits zu einem Preis von jeweils rund 32 Euro im Vorverkauf angeboten.

Die Diskussion um die Rolle der Pornofilmindustrie hat sich mittlerweile etwas beruhigt, nachdem Vivid Entertainment angekündigt hat, seinen Film „Debbie Does Dallas ... Again“ am 28. März (auch) auf Blu-ray Disc herauszubringen. Laut des Vivid-Vizevorsitzenden Steven Hirsch seien Authoring und Replikation gesichert. Digital-Playground-Gründer Joone hatte zuvor in einem Interview geäußert, dass er von Sony daran gehindert worden sei, seine Werke auf Blu-ray Disc zu veröffentlichen; sein Unternehmen habe sich daher für die HD DVD entschieden. (nij)