CeBIT 2007
Rund 6000 Aussteller aus 70 Nationen präsentieren ab 15. März in Hannover wieder neue Produkte, Ideen und Dienstleistungen aus dem gesamten Spektrum der Informations- und Kommunikationstechnik. Damit ist die CeBIT weiterhin die bedeutendste IT-Messe weltweit.
- Peter-Michael Ziegler
Für die Deutsche Messe AG als Veranstalter der CeBIT war der Spagat auf Dauer nicht zu halten: Auf der einen Seite die Notwendigkeit, 27 teils riesige Messehallen in Hannover zu füllen und für rege Besucherströme zu sorgen. Auf der anderen Seite die Bewahrung der Identität der CeBIT als Fachmesse, auf der Vertragsabschlüsse im Vordergrund stehen und nicht der private Anwender, der viel guckt und fragt, aber keine Geschäfte macht. Zwar platzte das Messegelände nach dem (Wieder-)Einzug der Unterhaltungselektronik bald aus allen Nähten, doch dem einst überschaubaren Centrum der Büro- und Informationstechnik eilte der Ruf eines schrillen Multimedia-Happenings voraus, der in einigen Vorstandsetagen nicht mehr nur Akzeptanz fand. Inzwischen lecken die Messe-Manager die Wunden: Seit 2002 gehen die Besucherzahlen im Allgemeinen und beim Fachpublikum im Besonderen zurück; erneut stehen zehn Prozent mehr Ausstellungsfläche leer; renommierte Unternehmen wie Motorola, Nokia, Lenovo, BenQ, LG Electronics, Shuttle, Symantec, Konica Minolta oder auch Epson bleiben der CeBIT 2007 fern; für die Messe AG zeichnet sich ein Verlustgeschäft ab.
Starke Konkurrenz hat die mit rund 6000 Ausstellern aus 70 Nationen aber immer noch mit Abstand bedeutendste IT-Messe der Welt vor allem durch die unmittelbar vor der CeBIT stattfindende 3GSM World in Barcelona (Mobilfunk), die CES in Las Vegas (Unterhaltungselektronik) sowie die inzwischen jährlich vor dem Weihnachtsgeschäft gut positionierte Berliner IFA (ebenfalls Unterhaltungselektronik) bekommen. Aber auch die Games Convention in Leipzig (Computerspiele, Entertainment) sorgt mit ihren Reizen für inzwischen rund 180 000 Besucher dafür, dass das Stück vom großen Messe-Kuchen für die CeBIT-Veranstalter kleiner geworden ist. Nicht zuletzt deshalb mahnt auch der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), die Deutsche Messe AG müsse den geschäftlichen Charakter der CeBIT künftig nach außen hin wieder sehr viel deutlicher machen. Die CeBIT sei keine Spiele- und Unterhaltungsmesse, sondern in erster Linie eine Business-Messe. „Entscheider erreichen“ lautet das Credo.
Blick voraus
Und so will sich die CeBIT im Übergangsjahr 2007 - die entscheidende Kurskorrektur soll erst im kommenden Jahr vollzogen werden und sich organisatorisch unter anderem in einer Verkürzung der Messe um einen Tag sowie der Verschiebung des Messebeginns manifestieren - denn auch wieder stärker auf die Rolle eines Vermittlers für Fachgespräche und Geschäftskontakte konzentrieren. Als Kerntrends in diesem Jahr macht der Geschäftsbereichsleiter der Deutschen Messe AG, Dr. Sven Michael Prüser, insbesondere Voice-over-IP (VoIP), Mobil-TV sowie Telematik und Navigation aus. Prüser, der nach dem Tod des langjährigen Direktors Jörg Schomburg im vergangenen Jahr die CeBIT-Leitung übernommen hatte, liegt insbesondere der Ausstellungsbereich „Telematics & Navigation“ in Halle 11 am Herzen, wo die komplette Prozesskette der Telematik von der Datenerfassung und -verarbeitung über die Informationserzeugung und -übertragung bis hin zur Darstellung im Endgerät gezeigt wird. Wichtiges Thema ist das künftige europäische Navigationssystem Galileo, das einmal 100 000 Arbeitsplätze in Europa schaffen und Umsätze im zweistelligen Milliardenbereich generieren soll.
Nach dem großen Besucherinteresse im vergangenen Jahr nimmt auch der „Auto ID/RFID Solutions Park“ in Halle 6 einen hohen Stellenwert auf der diesjährigen CeBIT ein. Gezeigt werden dort Lösungen der automatischen Identifikation und Datenerfassung für die Bereiche Konsumgüterindustrie, Automobilherstellung und -zulieferindustrie, Luftfahrtindustrie, Gesund-heitssektor, Pharmaindustrie und Containerlogistik. Der europäische Marktführer in Sachen RFID, Siemens, präsentiert unter anderem Anwendungsbeispiele von BMW und der Fiege Gruppe, dem Logistik-Dienstleister von Premiere. Der Pay-TV-Sender lässt Decoder seit Neuestem mit RFID-Tags versehen, um den Lieferweg von der Produktion in Ostasien bis zum Endkunden besser verfolgen zu können.
Auch der aktuelle Weltrekordhalter in Sachen Miniaturisierung von RFID-Tags ist in Hannover anwesend: Der japanische Elektronikkonzern Hitachi (Halle 1) hatte zuletzt den Prototyp eines im 90-Nanometer-Prozess gefertigten RFID-Chips gezeigt, der im Kern nur noch 50 µm x 50 µm x 5 µm misst und damit für das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmbar ist. Der Chip enthält ein 128-Bit-ROM zur Aufnahme eines 38-stelligen ID-Codes, der bereits während der Produktion mit einem Elektronenstrahl in den Speicher geschrieben wird. Die Übertragungsreichweite bei 2,45 GHz liegt bei rund 30 Zentimetern. Anwendungsgebiete für diesen „RFID-Staub“ könnten nach den Vorstellungen von Hitachi Banknoten und andere Papierprodukte sein, um sie fälschungssicherer zu machen.
Zukunftsmusiken
Ob Zukunft und Musik tatsächlich miteinander harmonieren und wie sich die eigenen vier Wände mit Digitaltechnik ausstatten lassen, können Besucher der Sonderschau lifestyle@CeBIT (Halle 2) in insgesamt 16 aufgebauten Zimmern selbst erleben: Mit der Bluetooth-Fernbedienung ins drahtlose IP-Heimnetz einklinken, die neueste Multimedia-Steuerzentrale bedienen, per Tastendruck vom Wohnzimmer aus den Backofen in der Küche auf die gewünschte Temperatur vorheizen oder die aktuellen Morgennachrichten im Badezimmerspiegel einblenden - kaum ein Wunsch bleibt offen. Hat man intelligente Steuerungstechnik im Haus, lässt sich trotz zahlreicher elektrisch betriebener Geräte zudem eine Menge Energiekosten sparen.
Eine Wohnung, „die mitdenkt“, präsentiert in kleinem Maßstab auch das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) an den Ständen B36 und B40 in Halle 9. Im Vordergrund steht dort ein intelligentes Assistenzsystem, das älteren und hilfsbedürftigen Menschen länger ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen soll. In der Wohnung werden dazu unter anderem RFID-Chips in den Bodenbelägen sowie Sensoren in verschiedene Alltagsgegenstände integriert und Bewegungssensoren in den Räumen angebracht. Kern des Systems ist eine softwaregestützte Verknüpfung und Interpretation der erfassten Sensordaten, bei der auch auf medizinische Kenngrößen zurückgegriffen wird. Konkret heißt dies: Stürzt eine Person nach einem Schwächeanfall in der Wohnung, wird dies vom haustechnischen System umgehend registriert. Erfolgt auf eine Ansprache keine Antwort, geht das System von einem dringenden Notfall aus und alarmiert selbstständig die angebundene Rettungsleitstelle.
Wem selbst ein intelligentes Haus noch zu passiv ist, sollte vielleicht über die Anschaffung und Programmierung eines persönlichen Roboters nachdenken. Das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) stellt am Stand B3 in Halle 9 eine neue Variante des sogenannten „VolksBot“ vor, den das Forschungsinstitut bereits seit einigen Jahren entwickelt und kommerziell vertreibt. Der neue „VolksBot RT“ ist mit drei, vier oder sechs Rädern erhältlich, soll 40 Kilo Nutzlast schleppen und dabei Fußgängertempo (bis zu 1,4 Meter pro Sekunde) erreichen können. Über offene Schnittstellen für zusätzliche Soft- und Hardware (etwa eine Firewire-CCD-Kamera oder einen 3D-Scanner) kann die Maschine noch „intelligenter“ gemacht werden. Die Roboter kosten pro Stück ab 5300 Euro. Soll das System für die Ausbildung eingesetzt werden, gelten etwas reduzierte Preise.
Trends und Fakten
Premiere feiert das Projekt „CeBIT Next“, ein zusammen mit IBM realisiertes interaktives Portal, mit dem die Messe Hannover Besucher anregen will, eigene Ideen zu den drei Themenbereichen „Future Fair“, „Future Work/Life“ und „Future Health“ einzubringen und untereinander zu vernetzen. Auf dem Messegelände stehen dafür besondere Terminals bereit, über die Benutzer sich dank eingebauter Kameras auch per Video-Chat unterhalten können. Das Portal ist über das Internet erreichbar und steht somit der internationalen Community offen. Die Redaktion des im Heise Zeitschriften Verlag erscheinenden Magazins Technology Review bündelt als weiterer Kooperationspartner die eingereichten Vorschläge, wertet sie aus und stellt unter anderem an jedem Messetag die Highlights zusammen. Schirmherr des Projekts ist der renommierte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. (pmz)