Der Sound der Freiheit

Vom Web 2.0 zur Anwendungsplattform: Nichts geht mehr ohne das Internet, sei es bei Büroapplikationen, modularen Betriebssystemen oder in der Unterhaltung. Genug Leistung liefern die Netze ebenso wie die Computer, die mit neuen Architekturen stromsparend, schnell und sicher zu Werke gehen können. Da darf all die Leistung auch für gänzlich neue Bedienkonzepte genutzt werden, die eher aus der Science-Fiction zu stammen scheinen.

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Auch Revolutionäre kommen in die Jahre, und was im vergangenen Jahr noch als Web 2.0 und Triple Play die CeBIT-Besucher anlockte (oder manches Mal auch ärgerte), ist heuer Big Business. Die Großen des Internetgeschäfts wie Google oder Yahoo verleiben sich eine Social-Networking-Site nach der anderen ein, klassische Medienverlage wie Holtzbrinck wollen nicht hintan stehen und schlagen bei deutschen Web-2.0-Startups zu. Die Telekom vermarktet eifrig VDSL und T-Home und zieht eine ganze Branche mit ins Triple-Play-Boot.

Und tatsächlich: Nichts geht mehr ohne. Das Internet, von dem lange schon behauptet wurde, es lasse sich aus der modernen Welt nicht mehr wegdenken, entwickelt sich weit über die klassischen Webserver, Online-Shops, E-Mail-Anbieter und selbst Web-2.0-Klassiker wie YouTube hinaus.

Das Netz wird zur zentralen Anwendungs- und Service-Plattform: Modulare Software wird teils übers Internet lizenziert und nach Bedarf ergänzt, teils in Modulen oder vollständig als Webdienst genutzt (siehe Artikel in c't 6/07 auf S. 118); Kunden ohne Zugang sind auf teure Telefon-Hotlines angewiesen und müssen, etwa bei Bankgeschäften oder beim Fahrkartenkauf, zusätzliche Servicegebühren bezahlen.

An viele Sonderangebote kommen sie erst gar nicht heran. Der Druck, sich einen schnellen Internetzugang zuzulegen, nimmt beständig zu; die Provider wird’s freuen, sie dürfen auch künftig mit Zuwachszahlen rechnen.

Die Web-2.0-Welle, 2006 so richtig in Fahrt gekommen, ist zudem noch lange nicht ausgelaufen. Unternehmen erkennen den Mehrwert der Community und befürchten den Kontrollverlust über ihr Markenimage. Andererseits bauen Unternehmen, getrieben von online-gläubigen Marketing-Strategen, eigene Dienste auf oder kaufen bestehende auf. Einige Millionen- und Milliarden-Übernahmen stehen noch bevor und die Euphorie hat schon bis zur Börse durchgeschlagen. Doch bald wird auch die natürliche Auslese beginnen: erfolglose Hoffnungsträger, nutzlose Mashups und vor allem Plagiate werden so schnell verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Vor fünf Jahren ist schon einmal eine Internet-Blase geplatzt; die Kapitalgeber sind zwar optimistisch, aber vorsichtig.

Großes Potenzial birgt die technische Seite von Web 2.0: Wenn sich Inhalte einer Seite ändern, muss sie nicht komplett neu geladen werden. Vielmehr lassen sich einzelne Bereiche oder Elemente aktualisieren. Der Browser lädt unabhängig vom Seitenaufbau Daten nach, um sie etwa in einem Auswahlmenü abhängig von anderen Eingaben einzubauen. Mit dieser Technik gebaute Webdienste lassen sich bedienen wie lokale Software.

Vom Editor über Office-Pakete bis hin zu ganzen Desktops entsteht ein neues Softwareangebot, das beim Nutzer nur noch einen aktuellen Browser voraussetzt. Die Idee ist nicht neu, sondern in Form von ASP (Application Service Provider) eher mäßig erfolgreich. Google etwa setzt ganz darauf, dass Web-2.0-Anwendungen für private Nutzer in größerem Maße lokale Software ablösen können; mit dem Online-Paket, unter anderem mit Online-Textverarbeitung und -Tabellenkalkulation, will der Suchmaschinenprimus nun auch Geld verdienen. Aber auch Microsoft bastelt seit einiger Zeit an Angeboten für webbasierte Anwendungen.

Eines jedenfalls hat zumindest die Musikindustrie gemerkt: Die schöne neue Online-Welt funktioniert nicht, wenn man seine Kunden grundsätzlich als kriminell betrachtet und große Wackersteine in ihren Weg zu Webdiensten und Online-Inhalten legt. Nicht erst seit Steve Jobs sich „Gedanken über Musik“ machte und den Verzicht auf Digital Rights Management anregte, diskutiert die Musikindustrie über einen vollständigen Verzicht auf das Rechtekontrollmanagement.

Die Bestrebungen von Politikern und Verbraucherschützern nehmen zu, die DRM-Branche zumindest zur Interoperabilität ihrer Schutzmechanismen zu zwingen: So soll dann ein in Apples iTunes Store gekaufter Song auch auf Microsofts Zune-Player abspielbar sein - was bislang ohne Konvertierungen und damit in der Regel einhergehendem Qualitätsverlust durch den Anwender nicht möglich ist. Für Apple macht aber gerade die Verzahnung des Online-Musikshops mit den portablen Musikplayern der iPod-Serie aus eigenem Hause den Erfolg des Geschäfts aus. Sollte diese enge Koppelung von Songverkauf und Hardwareangebot verboten werden, könnte sich Apple die Mühe mit dem DRM weitgehend sparen.

Aber schon die Querelen um Kopierschutzmechanismen auf Audio-CDs zeigten, dass viele Kunden harsche Beschränkungen in den Anwendungsmöglichkeiten der von ihnen gekauften Musik keineswegs goutieren, ganz zu schweigen von technischen Problemen, die DRM-Systeme oft mit sich bringen. So mehren sich die Stimmen, dass Digital Rights Management, die genaue Kontrolle darüber, was ein Kunde zu welcher Zeit, wie oft und mit welchen Geräten darf, nicht funktioniere, weil es auf Dauer von den Kunden schlicht nicht akzeptiert werde. Die Label hätten erkannt, dass DRM wegmüsse, waren ehemalige Yahoo-Musikmanager schon zu vernehmen. Ohne DRM würden sich die Umsätze mit online vertriebener Musik explosionsartig ausweiten, schätzen einzelne Labelmanager bereits ein - und werden dabei von EMusic-Chef David Pakman, dessen Shop DRM-freie Musik im MP3-Format anbietet, sekundiert: Ohne Beschränkungen für die Nutzer und bei Zugang zu dem Gesamtrepertoire der Labels würden „die Verkaufszahlen explodieren“.

Ähnliche Überlegungen mag auf Dauer sogar die Filmbranche anstellen, obwohl die Kunden der Hollywood-Studios eher an Nutzungsbeschränkungen und Filmofferten zur Miete gewohnt sind. Dass die Musikindustrie hier wirklich einmal Vorreiter spielt und nicht auf die Verteidigung alter Pfründe hofft, wäre zu wünschen - von Vorteil wäre es, sonst gäbe es in der schönen neuen Online-Welt möglicherweise bald nichts mehr zu sehen oder zu hören.

Trends 2007
Möglicherweise erleben wir ja die letzte CeBIT in der altbekannten Form - die größte IT-Messe der Welt ist im Umbruch, im nächsten Jahr soll sich nicht nur beim Termin einiges ändern. Die Branche aber ist derweil guter Dinge, erwartet sie doch, dass sich der allseits gelobte Aufschwung in Deutschland auch bei der Informations- und Telekommunikationstechnik in noch besseren Geschäften als im vergangenen Jahr bemerkbar macht. Auch 2007 soll die CeBIT dabei kräftig mithelfen.
CeBIT aktuell ab
Seite 18
Einiges, was auf der CeBIT zu sehen ist, fand fĂĽr erste Tests bereits vorab seinen Weg in die Redaktion.
Produkttests ab
Seite 90
Die verschiedenen Netze bieten unterschiedslos schnellen Zugang zu Anwendungen und Unterhaltungen. Prozessoren liefern genug Leistung für stromsparende, schnelle und sichere Nutzung. Software kauft man bald nicht mehr, sondern mietet aus Modulbaukästen die Funktionen, die man braucht, und nutzt sie lokal oder übers Web mit ganz neuen Bedienschnittstellen. Die IT-Branche hat noch einiges in ihrer Wundertüte - manches möglicherweise zum Befremden, manches zur Freude der Anwender.
Schöne neue Online-Welt - ganz ohne DRM
Seite 112
Sparsam, schnell und sicher durch Mehrkern-CPUs Seite 114
Der Software-Baukasten aus Modulen und Webdiensten Seite 118
Der Abschied von Maus und Tastatur Seite 122

(jk)