Wohnzimmer-Bastelei

Freie Wahl bei Prozessor, Arbeitsspeicher und Festplatte hat, wer als Grundstock für seinen Wohnzimmer-PC einen Barebone benutzt. Um Gehäuse, Netzteil, Mainboard, Grafik und Accessoires wie Fernbedienung, Kartenleser, aber auch die Treiber kümmert sich hingegen der Hersteller des Barebones.

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Von
  • Benjamin Benz

Das erste Date in den eigenen vier Wänden - die Angebetete hat die Einladung zum Kaffee angenommen. Jetzt darf nichts schief gehen. Ein Druck auf die Fernbedienung und je nach Stimmung erschallt aus den Boxen Kuschelrock 47 oder die seltene Dirty-Dancing-Directors-Cut-Edition flimmert über den Schirm. Ein klobiger und lauter PC im Wohnzimmer würde den Charmeur allerdings unmittelbar als technophilen Nerd outen. Deshalb integriert der raffinierte Casanova seinen PC ins HiFi-Rack.

Der Barebone Media Live (MS-6421) von MSI ist nur 9 cm hoch sowie mit 42 cm ebenso breit wie viele HiFi-Komponenten und DVD-Player. Ein mittig in der Gehäusefront eingelassenes LC-Segment-Display informiert über das laufende Stück. Die sechs darunter angeordneten Tasten erlauben zumindest die Navigation durch eine vorher definierte Playlist. Vom Sofa aus lässt sich beispielsweise Windows Media Center Edition über die mitgelieferte Fernbedienung steuern. Der Empfänger ist - ebenso wie jene für Bluetooth und WLAN - in das Display integriert. Eine Frontblende verbirgt USB-, FireWire- und Audio-Buchsen sowie einen flotten CardReader für gängige Flash-Speicherkärtchen.

Hinter der nüchternen DVD-Player-Fassade versteckt sich ein ganz normaler PC. Wie bei Barebones üblich, muss der Kunde Arbeitsspeicher, Festplatte(n) sowie CPU extra erwerben und selbst einbauen. In das MS-6421 passen AM2-Prozessoren - laut MSI sogar der 125-Watt-Hitzkopf FX-62. Allerdings führt die Kompatibilitätsliste nur ältere AM2-CPUs. Im Test funktionierte ebenso ein nicht aufgeführter Athlon 64 X2 5200+ - allerdings unterstützt das BIOS für diesen (noch) nicht den Stromsparmodus Cool’n’Quiet. Den CPU-Kühler SilentFlux aus Aluminium liefert MSI mit. Er stammt von der dänischen Firma Noise Limit und erinnert von der Konstruktion und Verarbeitung her an einen Autokühler. Der 8-cm-Lüfter sitzt zwischen Kühlrippen und CPU.

Die Chipsatzgrafik (Geforce 6150 LE) auf dem hauseigenen Mainboard im MicroATX-Format (MS-7329) erweitert MSI mit einem HDCP-Chip von Silicon Image. Er soll (in der Theorie) eine lückenlose Kopierschutzkette für Filme im HD-Format bis hin zum Display schaffen. Für den Anschluss eines HD-Displays bietet das Media-Live-Barebone diverse Steckverbinder. Besonders bequem hat es, wer die HDMI-Buchse nutzt, denn über sie wird nicht nur das Bild, sondern auch der Ton digital zum Fernseher oder dem HiFi-Receiver geleitet. Per (nicht mitgeliefertem) Adapter wird die HDMI- zur DVI-Buchse. Den Kopierschutz soll das nicht beeinträchtigen. Für analoge Monitore oder -Beamer gibt es eine VGA-Buchse, deren Signalqualität allerdings zu wünschen übrig lässt. Schuld daran trägt wohl das kurze Kabel zwischen Buchse und Mainboard. Des Weiteren stehen ein Komponenten- (YPbPr), ein S-Video- und ein Composite-Ausgang sowie eine SCART-Buchse zur Verfügung. Zum Anschluss an einen Surround-Verstärker bietet der Barebone gleich acht Cinch-Buchsen. Die Audioqualität ist jedoch nur befriedigend, sodass man nach Möglichkeit den optischen oder elektrischen SPDIF-Ausgang nutzen sollte. Den SPDIF-Eingang lässt MSI leider auf dem Board brach liegen.

So schön sich diese Anschlussvielfalt im Datenblatt auch liest, in der Praxis sollte man vor dem Rendezvous sichergehen, dass alles funktioniert, denn sonst könnte langwieriges Gebastel die Stimmung töten: VGA- und Video-Ausgang arbeiten nicht gleichzeitig. Vor dem Umschalten gilt es, die Auflösung zu ändern, da viele TV-Geräte hohe Auflösungen nur mit Flimmern quittieren. Beim Verändern der HD-TV-Modi schaltet der Treiber auch gern mal die Auflösung am HDMI/DVI-Ausgang um und der SCART-Schnittstelle konnten wir überhaupt kein vernünftiges Bild entlocken.

Das Prahlen gegenüber der Freundin in spe mit Filmen im HD-Format führt ebenfalls direkt in die Blamage: Obwohl MSI das Media Live mit dem Schlagwort HD-Video bewirbt, brennt das integrierte Laufwerk zwar herkömmliche DVDs, kennt jedoch weder Blu-ray Discs noch HD-DVDs. Mit dem externen und vor allem preiswerten HD-Laufwerk von der Xbox 360 zeigt sich überdies, dass die Grafikkartentreiber und Software-Player derzeit noch nichts mit dem angeflanschten HDCP-Chip anfangen können. Power DVD Ultra weigert sich, HD-DVDs abzuspielen.

Wer den PC zum Fernsehempfang nutzen will, sollte zu einer TV-Karte mit PCI-Schnittstelle greifen, denn nur für diese liefert MSI eine Riser-Card mit. Sie verbaut allerdings sowohl den PEG- als auch den PCIe-x1-Steckplatz.

Der Media-Live-Barebone ist mit 0,6 Sone bei ruhendem Desktop zwar nicht unhörbar, jedoch relativ leise. Beim Abspielen eines Films von DVD bleibt der Lärmpegel mit 0,8 Sone im akzeptablen Bereich. Allerdings ist dafür das fest eingebaute Slimline-DVD-Laufwerk von der langsamen Sorte. Seine CD-Lesegeschwindigkeit liegt gerade einmal bei 7 X. Wie viel Rechenleistung der PC hat, legt man selbst durch die Auswahl der CPU fest. Für überzeugte Spieler eignet sich die Chipsatzgrafik nicht. Wer eine PEG-Karte nachrüsten will, muss selbst sehen, wo er eine Riser-Card auftreibt.

Für rund 360 Euro bekommt man einen ordentlich aufgebauten Barebone für AM2-Prozessoren, der den DVD-Brenner gleich mitbringt. Leider konnten wir selbst nach längerem Experimentieren nicht alle angebotenen Schnittstellen nutzen oder die Signalqualität gab wenig Anlass zur Freude. Wer bereit ist, auf kopiergeschützte HD-Filme in seinem Verführungsrepertoir zu verzichten oder mit der nächsten Verabredung bis zum Erscheinen passender Treiber zu warten, kann sich mit dem Media Live einen schicken Wohnzimmer-PC bauen - für Windows Vista bietet MSI noch keine Treiber an. Vielleicht schindet eine kurze „E-Mail für Dich“ ohnehin mehr Eindruck als ein Splatter-Film mit Surround-Effekt.

Die Tabelle zum Artikel finden Sie in c't 12/07 auf Seite 69. (bbe)