Pimp my Browser

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Pimp my Browser

Holgis Porsche 911 gegen Werner Brösels viermotorige Horex - mehr als 200 000 Schaulustige verfolgten am 4. September 1988 auf dem Flugplatz Hartenholm das legendäre Rennen. Glaubt man den Ankündigungen der Software-Industrie, dürften im Internet bald ähnliche Gebilde unterwegs sein. Gleich mehrere Hersteller wollen Browser zu Boliden aufmotzen, die die Anwendungs-Porsches Word, Excel und Co. locker abhängen.

Googles Tuning-Kit nennt sich passenderweise Gears, Getriebe. Das Plug-in für Firefox und den Internet Explorer ermöglicht es, Online-Anwendungen zu schreiben, die auch offline funktionieren - eine völlig neuartige Programmgattung, die die Vorteile beider Welten vereint. Egal, ob E-Mail, Kalender oder Tabelle: Da sein PC sowieso fast immer online ist, verrichtet Otto Normalsurfer die täglich anfallenden Aufgaben mit Server-Diensten. Darauf kann er von überall her zugreifen, dort muss er nur einen Datenbestand unterhalten und sich nicht um Synchronisierung kümmern. Klemmt die Leitung mal, macht das nichts: Die Anwendung fängt das auf und gleicht die Daten mit dem Server ab, sobald das Netz wieder verfügbar ist.

Reichlich Ajax sorgt bei Gears dafür, dass sich Online-/Offline-Anwendungen komfortabel bedienen lassen. Adobe freilich ist das nicht geschmeidig genug. Ihr Web-Motor namens Adobe Integrated Runtime setzt zusätzlich auf das hauseigene Flash. Und Microsoft, der dritte Zulieferer, packt mit seinem Silverlight eine .Net-Laufzeit-Umgebung in den Browser - nicht nur in den eigenen wohlgemerkt, sondern auch in Firefox und Safari. Selbst die Linux-Gemeinde will man mittels offener Lizenzen ins Boot holen.

Das massive Engagement macht klar, dass es um eine Menge geht. Ohne dass die groĂźe Ă–ffentlichkeit davon Notiz genommen hat, bringen sich die Unternehmen fĂĽr einen neuen Web-Wettstreit in Stellung. Der Browser-Krieg 2.0 spielt sich aber nicht mehr nur auf der Browser-Ebene ab, sondern setzt auch eine Schicht tiefer an, bei den Programmierschnittstellen fĂĽr aktive Erweiterungen. Wer die Formate und APIs kontrolliert, mit denen Surfer die Web-Anwendungen der Zukunft nutzen, bestimmt auch mit, welche Youtubes und Flickrs sich zukĂĽnfig durchsetzen. Daneben gibt es aber auch die alten Schlachtfelder: Java ist auf dem Browser ja auch noch nicht ganz tot und Apple hat, wenn auch etwas hastig, seinen Safari-Browser auf den Windows-Markt geworfen (siehe Seite 56 in c't 14/07).

Für die Surfer sind die neuen Web-Techniken zunächst einmal ein Vorteil. In den nächsten Wochen und Monaten dürfte mit einer Fülle interessanter Anwendungen zu rechnen sein. Ob aber die verschiedenen Anwendungs-Engines reibunglos zusammenarbeiten werden und der Surfer mit einem derart aufgemotzten Super-Browser überhaupt klarkommt? Werner Brösel jedenfalls hat sein Rennen verloren. Er hatte sich verschaltet. (jo)