Budenzauber
Im Dunkel einer skurrilen Techno-Landschaft irrt jemand mit einer Lampe am Kopf herum, um nach und nach Licht hineinzubringen ... Das könnte der Anfang zu einem Stopp-Trick-Film sein, wie man ihn mit geringem Materialaufwand fabrizieren kann - den Zeichen der Zeit entsprechend in High Definition. Vom Kulissenbau bis zur Post Production: ein Erfahrungsbericht.
Selten fand Computerschrott so viel Aufmerksamkeit: Mit suchenden Blicken inspizierten zwei Filmschaffende das Lager defekter Bauteile in der c't-Elektronikwerkstatt. Weder die Hoffnung auf eventuelle Funktionstüchtigkeit noch der ehemals hohe Kaufpreis spielten bei der Auswahl eine Rolle - es ging ausschließlich um optische Aspekte. „Guck mal, wie das glitzert ...“ In einem alten Pappkarton landeten schließlich fünf Motherboards, etliche Steckkarten im ISA- und PCI-Format sowie defekte CD-Laufwerke, ausgemusterte Prozessorkühler und verstaubte Ventilatoren.
In einem verdunkelten Raum im Kellergeschoss des Verlagsgebäudes kam es kurz darauf zu erschütternden Szenen. Die Slot-Kontaktleisten von einst teurer PCI-Hardware wurden brachial geschlitzt und teilweise abgebrochen. Vor Jahren leistungsstarke Motherboards landeten, mit groben Nägeln fixiert, auf einem dicken, schwarz angestrichenen Styropor-Block, der als Fundament eines eigenwilligen Aufbaus diente. Mit einiger Gewalt stöpselten skrupellos agierende Hände die vorher malträtierten Steckkarten in die Slots und bauten eine seltsame Landschaft aus Technikschrott zusammen. „Da fehlt noch was ...“, murmelte einer und eilte, um Lötkolben, Werkzeug, einige Widerstände und etliche LEDs heranzuschaffen. Später wurden alle unbewegten Details der Kulisse mit Heißkleber fixiert.
Das Casting - die Wahl des Hauptdarstellers - machte allerhand Mühe. Der Star sollte mit beachtlicher Beweglichkeit aufwarten, trotzdem einiges an Rückgrat beweisen und eine ausdrucksstarke Mimik bieten. Nebenbei musste seine Konfektionsgröße der Schrottlandschaft entsprechen und seine Kleidung farblich interessante Kontraste zum übrigen Studio-Aufbau zeigen. Regisseur und Kameramann suchten schließlich in einem nahen Spielzeugfachgeschäft ihren Helden aus.
Erste Wahl
Das 43 Millimeter große, gelbgesichtige Kerlchen, angetan mit Blaumann und Signalweste, geschützt durch einen roten Kunststoffhelm, zeigte zwar eine eingeschränkte Beweglichkeit (Ellbogen- und Kniegelenke fehlen ihm) und die durchgehend stoisch freundliche Mimik fällt eher statisch aus. Dennoch waren sich die Produzenten sicher: „Der isses, der packts!“
Dem Kerlchen standen aufregende Zeiten bevor. Der Lego-Muskelmann sollte schwere Hebel bewegen, zwischen PC-Platinen herumturnen und schlieĂźlich einen Film-Projektor in Aktion setzen. Das Drehbuch sah einen kinoreifen Stunt vor, der in einer fast schwebenden Bewegung ĂĽber die Schaufel eines Radladers hinweg gipfelte. Um den Hauptdarsteller zu schonen, wurden sieben Stuntmen engagiert, die ihm gleichen wie ein Ei dem anderen.
Doch zuvor mussten alle Darsteller eine schmerzliche Prozedur über sich ergehen lassen. Da die Story zu einem Teil im Dunkeln spielen sollte, brauchte der Hauptdarsteller eine eigene Lichtquelle: eine Stirnlampe, wie sie die Bergleute unter Tage einsetzen. Die Film-Crew baute helle LEDs samt Vorwiderstand in die Kunststoffkörper der Stuntmen ein. In jeden Helm wurde eine Öffnung gefräst, um die LEDs einzukleben. Deren Stromversorgung erforderte es, ein dünnes, schwarz gefärbtes Kabel auf der Körperrückseite anzubringen. Das Kabel sollte später Bild für Bild aus den Filmaufnahmen herausretuschiert werden; um den Aufwand zu verringern, wurden nur zwei der Kerlchen vollständig elektrifiziert; die übrigen bekamen zwar einen Helm mit LED, aber ohne Stromversorgung - für die Szenen mit abgeschalteter Stirnlampe.
Damit stand das „Set“. Es konnte losgehen.
Studiotechnik
Zur Schrottlandschaft gesellte sich ein eigentümlicher Techno-Park. Denn für so ein High-Definition-Projekt lassen sich verschiedene Kameramodelle und Arbeitsweisen nutzen. Im c't-Filmstudio kamen neben der Hauptkamera, einem nicht mehr ganz nagelneuen Videocamcorder (Canon MVX 3i) mit Fotofunktion für Bilder bis 1632 x 1224 Pixeln gleich zwei Fotokameras (Canon EOS 350D sowie Powershot G7) zum Einsatz. Deren Bildauflösung - 3456 x 2304 beziehungsweise 3648 x 2736 Pixel - ist weit höher als für High-Definition-Videos nötig. Die Verwendung von Kameras nur eines Herstellers sollte eine gleichbleibende Farbcharakteristik gewährleisten - was zumindest für die verwendeten Canon-Kameras auch zutraf. Zudem reduzierte sich so der Installationsaufwand der Steuerungs- und Bearbeitungssoftware.
Der Camcorder liefert eine für HD-Zwecke nicht ganz ausreichende Fotoauflösung. Doch ergibt sich aus seinem Einsatz ein wesentlicher Vorteil: Im Videomodus stellt er per FireWire ein hochwertiges Live-Bild des aktuellen Kamerablickwinkels bereit. Dieses Live-Bild lässt sich in den PC übertragen, um dort von spezieller Software (siehe unten) zur Kontrolle der Animationsschritte zu dienen. Die Standbilder für den Stopp-Trick-Film wurden dann per Fotofunktion geschossen, die Fotos in der Nachbearbeitung - im Kino-Jargon „Post Production“ genannt - auf die Zielauflösung von 1920 x 1080 Pixel hochgerechnet (Blow up).
Der Haupt-Camcorder lief während der Produktionszeit im manuellen Modus, seine Blendensteuerung war also auf die vom Kameramann vorgegebene Öffnung festgelegt. So blieb die Helligkeit der Frames einer Szene auf identischem Niveau - vorausgesetzt, die Beleuchtung veränderte sich nicht.
Die beiden Fotokameras lieferten hochauflösende, für die deteillierte Nachbearbeitung geeignete Bilder, die man vom Camcorder nicht erwarten konnte. Um etwa das Gesicht des Hauptdarstellers formatfüllend auf die Leinwand zu bekommen, musste die Spiegelreflexkamera, ergänzt um ein 100-mm-Makro-Objektiv, in den Aufbau hineinpraktiziert werden. Mit der G7 entstanden Bilder des Gesamtaufbaus, die später zu einer Bildfolge umgearbeitet wurden. Vor jedem neuen Szenenaufbau erfolgte ein manueller Weißabgleich, um Farbverfälschungen zu verhindern.
Grundlegend im wahrsten Sinne waren mehrere Stative, die den Kameras stabilen Halt und gleichbleibende Position sicherten. Neben einem Videostativ mit Rollen und einem normalen Fotostativ erlaubte ein Scheinwerfer-Hochstativ (ausziehbar bis auf über 3 m), ergänzt um einen 3-Ebenen-Schwenk-Neiger, beeindruckende Aufnahmen aus Hubschrauber-Perspektive.
Licht an!
Die Stimmung der zu fabrizierenden Szenen hängt natürlich maßgeblich von der Beleuchtung ab. Zugeklebte Fensterscheiben sperrten jedes Tageslicht aus, eine computersteuerbare Lichtanlage ließ es zu, verschiedene Einstellungen exakt reproduzierbar anzulegen und auf Mausklick wieder aufzurufen. So konnte man im Handumdrehen zwischen Tag- und Nachteinstellung wechseln, ohne befürchten zu müssen, dass im Abstand von mehreren Tagen geschossene Szenen sich lichtmäßig unterscheiden würden.
Aber auch ohne aufwendige Lichtsteueranlage erreicht man mit mehreren, in einer genau definierten Position fixierten Schreibtischlampen eine ausreichend flexible Beleuchtung. Halogenlampen verdienen dabei den Vorzug vor anderen Glühlampen, Energiesparleuchten sollten vor der ersten Aufnahme mindestens fünf Minuten warmlaufen, um ihre normale Helligkeit zu erreichen. Leuchtstoffröhren eignen sich wegen ihrer niedrigen Flimmerfrequenz nicht so gut.
Continuity
Um eventuell misslungene Bilder nachträglich noch einmal schießen zu können, bedarf es einer sorgfältigen „Buchführung“ - welche Szene mit welchen Lampen aus welcher Kameraposition. Doch selbst damit wird es kaum gelingen, eine einzelne Aufnahme aus einer sekundenlangen Folge nachträglich zu wiederholen. Daher ist es sinnvoll, den Film in kurze Sequenzen (unter 5 Sekunden Länge) zu unterteilen, damit man im Katastrophenfall nur eine Sequenz dieser Länge, aber nicht größere Blöcke neu schießen muss.
Als Hauptlichtquellen kamen drei Halogen-Scheinwerfer zum Einsatz, die abgedimmt direkt auf den Aufbau und indirekt gegen die Decke für eine gezielt einstellbare Helligkeit sorgen. Als Aufheller für problematische Szenen diente eine Energiesparlampe von Megaman (im PAR-38-Gehäuse, Lichtleistung vergleichbar einer 120-W-Glühlampe, Farbtemperatur 3600° Kelvin, erhältlich bei Conrad), die dank ihrer vergleichsweise geringen Eigenwärme eine direkte Platzierung im Aufbau gestattet - nur dimmen kann man sie nicht.
Klappe, die Nullte
Bevor es an die tatsächlich erste „Klappe“ geht, empfiehlt es sich, einige kurze Testsequenzen zu fotografieren, um einerseits ein Gespür für die Bewegungen der Akteure zu bekommen und andererseits den gesamten technischen Apparat zu kontrollieren. Denn der PC kann die Arbeit im Stopp-Trick-Verfahren deutlich erleichtern (siehe auch [1]). Im c't-„Studio“ ließen wir den Hauptdarsteller mit seinem Radlader eine kleine Probefahrt durch den Aufbau machen.
Im Grunde verläuft eine Stopp-Trick-Aufnahme recht einfach. In einem im Wesentlichen unbeweglichen Aufbau wird eine bewegliche Figur fotografiert. Nach jedem Foto ändert man Körperhaltung - Arme, Beine - und Standort der Figur, um anschließend ein neues Foto zu schießen. Aus der fortlaufenden Projektion dieser Fotos ergibt sich der Effekt einer „Bewegung“. Wie glaubwürdig diese Bewegungen wirken, hängt von der feinfühligen, exakten und über die Bewegungsfolge gleichmäßigen Dosierung der Veränderungen zwischen zwei Fotos ab.
Eine überzeugende Bewegung erfordert eine exakte Kontrolle, am besten derart, dass man das zuletzt geschossene Foto und den gerade sichtbaren Aufbau übereinander geblendet sieht, um - wie die Schichten einer Zwiebel - die aktuelle Sicht auf das Ministudio mit der vorangegangenen Aufnahme vergleichen zu können. Nur so kann man sicherstellen, dass der Arm nicht zu weit ausholt, dass die Füße keine übereilten Schritte machen. Also muss die verwendete Kamera eine Live-Vorschau bieten, die sich per USB oder FireWire in den PC übermitteln lässt. Webcams und DV-Camcorder stellen eine solche Live-Vorschau problemlos bereit; schwierig wird es dagegen mit vielen Kompakt- oder Spiegelreflex-Kameras, die dem PC und der darauf laufenden Software einen digitalen Einblick in ihr Sucherbild verwehren.
Ein DV-Camcorder mit Fotofunktion ermöglichst eine hybride Arbeitsweise: Aus den per FireWire übermittelten Videodaten erzeugt die PC-Software eine Live-Vorschau, aus den gespeicherten DV-Bildern eine Preview-Ansicht des Trickfilms. Die hochaufgelösten Standfotos dagegen speichert man mit der Fotofunktion auf einem im Camcorder eingesteckten Speicherchip. Die per PC-Software entstandene Version dient dabei lediglich der Kontrolle von Aufbau und Bewegungen, der tatsächliche Film wird später aus den auf dem Speicherchip abgelegten Fotos zusammengebaut.
Die höchste Auflösung liefern digitale Fotokameras. Dank des meist relativ großen Brennweitenbereiches erlauben sie obendrein, recht genaue Zoomfahrten in eine Animationssequenz einzubauen, was mit DV-Camcordern mangels brauchbarer Skala am Objektiv selten gelingt. Da aber viele Digicams keine oder eine nur umständlich realisierbare Live-Vorschau bieten, lassen sie sich nicht zusammen mit den praktischen, softwarerealisierten Hilfen nutzen. Vielmehr ist man auf das eigene Erinnerungsvermögen angewiesen - eine optische Konzentrationsübung.
Aus dieser Klemme helfen Spezialprogramme für Stopp-Trick-Fans, wie sie in [1] vorgestellt wurden. Allerdings sind die Fähigkeiten der preiswerten Versionen, High-Definition-Material zu verarbeiten, sehr begrenzt; meist muss man ziemlich tief in die Tasche greifen, um ein HD-kompatibles Programm zu erwerben. Damit allerdings läuft selbst die sehr fummelige Arbeit im Stopp-Trick-Verfahren vergleichsweise elegant ab.
Ein Probelauf mit der Canon Powershot G7, angekoppelt an einen PC mit der High-Definition-Version von Stopmotion Pro (www.stopmotionpro.com, Preis: rund 600 Euro mit deutschem Handbuch), bewies, dass man sehr vieles bei der Trickserei automatisieren kann. Das Programm steuert die Kamera von der Belichtungszeit bis zur Blende, vom Weißabgleich bis zum Zoom über eine USB-Verbindung. Auch die Aufnahme löst man per Mausklick aus. Die Kopplung der Canon Powershot G7 an den Rechner und die Kommunikation zwischen Kamera und Programm verläuft ohne weitere Anwender-Aktivitäten; es genügt, unter „Capture Settings“ die Auswahl „Canon compact digital camera“ zu treffen. Mit der G7 funktioniert die Stopp-Trick-„Filmerei“ übrigens deutlich besser als mit einer Spiegelreflex-Kamera, die kein Live-Bild an den Computer übermittelt.
Die Bilddaten werden softwaregesteuert in den PC importiert und auf die vorher vom Anwender festgelegte Auflösung skaliert. Die fertigen Standfotos legt das Programm in einem Projektordner ab, aus dem sich schließlich auch der unkomprimierte AVI-Film oder eine MPEG-1-Version erzeugen lässt. Auf der Speicherkarte der Kamera findet man keine Bilder aus der StopMotion-Session; ein Backup muss man daher separat anlegen.
Dank der komfortablen Fernsteuerung sorgt StopMotion Pro für eine völlig problemlose Handhabung. Damit es aber keine durch akuten Energiemangel verursachten Kamera-Ausfälle gibt, sollte man sie besser am Netzgerät betreiben.
Nachbesserung
Der kleine Blaumannträger hat seinen Job soweit getan, die Bilder sind im Kasten - aber wie entsteht daraus ein überzeugendes Video? Zwei Wege tun sich auf. Entweder man nutzt kostenlose Programme wie AviSynth [2], um aus einer Ansammlung von Einzelbildern per Skript (siehe Kasten) eine AVI-Datei zu erzeugen, die anschließend mit einem Videoschnittprogramm in die endgültige Form gebracht wird. Oder man greift auf Spezialsoftware zurück, die in High-Definition-Version allerdings nicht ganz billig ist.
Die preiswerte Lösung setzt voraus, dass die Einzelbilder fehlerfrei sind (also keine verrückte Kamera ...), und keine Retusche benötigen. Dann werden die Bilder einer Szene in einen Ordner kopiert, der beispielsweise AviSynth_In heißt. Damit der AVI-Generator die Bilddateien korrekt einliest, werden sie einheitlich benannt und mit fortlaufenden Zahlen als Dateinamen versehen. Anschließend sorgt ein Lauf des Scripts für eine AVI-Datei, die sich wie üblich abspielen und bearbeiten lässt.
Mit einem der vielen Spezialprogramme wie etwa StopMotionPro lässt sich schnell eine Anzahl von Bildern zu einem Video zusammenbauen. Diese Spezialprogramme lesen einen Ordner mit den Standbildern automatisch ein; je nach Programm bieten sich viele Möglichkeiten, an Qualität, Tempo und Reihenfolge der Szenen zu feilen.
Bild fĂĽr Bild
Die Stirnlampe unseres Titelhelden brachte zwar Licht in manche Szene, erforderte aber wegen des sichtbaren Kabels einige Retusche-Arbeiten. Andere Szenen zeigten beim Sichten der Einzelbilder, dass trotz aller Sorgfalt irgend ein Depp gegen das Kamerastativ getreten hatte, was die Perspektive um einen kleinen, aber sichtbaren Winkel veränderte. Ein defekter Speicherchip schließlich bescherte aus einer Folge von gut 35 Einzelbildern drei zum Teil übel verfälschte Aufnahmen, was eine aufwendige Korrektur unumgänglich machte - oder eine Neuaufnahme. Die Korrektur bekam den Zuschlag ...
Dazu wurden mit Photoshop zunächst die Einzelaufnahmen zu einem einzigen Gesamtbild mit entsprechend vielen Ebenen zusammengefasst. Mit einer aufgezeichneten Aktion (in Photoshop Version 7 im Fenster Aktionen anzulegen) lässt sich der Umkopiervorgang automatisieren, dann baut das Programm selbst zahlreiche Bilder recht schnell zu einem Gesamtbild zusammen. Per Mausklick lassen sich die Ebenen (=Standbilder) ein- und ausblenden, was Sprünge und Wackler schnell sichtbar machte. Da sich jede Ebene einzeln bewegen lässt, waren leichte Ruckser schnell ausgebügelt.
Das Stirnlampen-Kabel brachte ein als Decker verwendeter Ausschnitt zum Verschwinden. Dieser Ausschnitt wurde für eine Bildfolge mit gleichbleibender Perspektive nur einmal retuschiert und anschließend passgenau über alle folgenden Bilder der Sequenz gelegt. An den Übergängen muss man etwas weichzeichnen.
Die durch den defekten Speicher-Chip stark beeinträchtigten Bilder erforderten dagegen schon manchen Griff in die Trickkiste. Aus intakten Bildern wurden die Bereiche übernommen, die in allen Bildern gleich waren; der Rest musste per Korrektur von Helligkeit und Farbbalance so weit repariert und angepasst werden, dass es zumindest für die kurze Zeit, in welcher das Foto zu sehen ist, nicht sonderlich auffällt.
Die Grenzen solcher Trickserei zeigte der Versuch, ein leicht unscharfes Bild nachträglich per Schärfen-Algorithmus zu verbessern. Dieses einzelne Bild wirkte nach der Korrektur per „unscharf maskieren“ zwar deutlich knackiger, fiel aber so weit aus dem Rahmen der anderen Fotos einer Sequenz, dass man die gesamte Sequenz hätte schärfen müssen. Das wäre per „Aktion aufzeichnen“ und für jedes Bild/jede Ebene wiederholen zwar recht schnell erledigt gewesen - aber dann hätte die ganze Szene nicht mehr zum Rest des Films gepasst. So haben wir es bei einem leichten Nachschärfen belassen.
Anders sieht es mit ungewollten Belichtungsunterschieden aus. In Grenzen kann man per Gamma-Verschiebung (nicht mit Helligkeit/Kontrast) die Helligkeitsverteilung in den Bilder soweit verändern, dass Unterbelichtungen von bis zu einer Blendenstufe zumindest deutlich abgeschwächt werden können. Begrenzender Faktor hierbei ist aber das im Bild enthaltene Rauschen, welches nach einer Gammakorrektur deutlicher sichtbar ist.
Schnitt
Das weitere Vorgehen - Schnitt, Tonmischung, Mastering - entspricht dem bei einem normalen Video: Szenen sortieren, der Reihe nach in die Timeline bugsieren, eventuell Ăśbergangseffekte einfĂĽgen, Audio-Material hinzufĂĽgen. Wir verwendeten Videostudio 11 von Ulead, das problemlos mit den von AviSynth zusammengesetzten groĂźformatigen AVI-Dateien zurechtkam.
Die Umsetzung der Bildformate - 4:3 vom DV-Camcorder, 3:2 aus der Digital-Fotokamera - ins Zielformat 16:9 und die Zielauflösung 1920 x 1080 Pixel erledigten wir mit Photoshop. Bei manchen Szenen, wo eine dynamische Formatanpassung notwendig war, weil sich der Schwerpunkt des Bildinhalts während der Szene verlagerte, ließ sich das besser mit den Beschnittfunktionen im Video-Studio hinkriegen.
In die Tonspur bauten wir Originalgeräusche der verwende-ten Bauteile (Ventilatoren, DVD-Laufwerk, Projektor) ein. Dabei herrscht weitgehende Freiheit, denn Originaltöne gibt es beim Stopp-Trick prinzipbedingt nicht. Dafür lässt sich das Tempo einer einzelnen Sequenz auch nachträglich noch verändern, was normales Videomaterial nicht gestattet. Hintergrund: Im Stopp-Trick werden durchweg Vollbilder verwendet; außerdem nutzen die meisten Amateure eine Bildwechselfrequenz, die den Charakter des Trickfilms deutlich werden lässt, auch wenn man damit nicht so glatte und perfekte Bewegungen wie die relativ niedrige in den computergerenderten Kino-Streifen nach Art von Shrek hinbekommt. Auch bei lediglich neun bis zehn Bildwechseln pro Sekunde „sieht“ das menschliche Auge Bewegungen.
Diese vergleichsweise grobe Struktur eröffnet aber viele Möglichkeiten, den Rhythmus und das Timing einer Szene zu variieren, in dem man die Frame-Anzahl pro Bewegungsschritt erhöht oder reduziert, aus einer Bewegungssequenz mit drei Frames pro Standbild also pro Bewegungsschritt ein Frame herausschneidet. Das klingt fummeliger als es ist, allerdings verführt die große Variabilität eines Trickfilms leicht dazu, sich an Kleinigkeiten festzubeißen.
Der HD-Trickfilm beanspruchte schließlich erhebliche Festplatten- und Rechnerkapazitäten. Je weiter das Projekt fortschritt, desto häufiger wurden Sicherheitskopien der fertig gestellten Bilder, Sequenzen und Szenen gezogen. Gottlob haben wir keines der Backups gebraucht.
Der fertige Film ist auf der c't-Website unter www.ctmagazin.de/creativ07 zu finden.
Literatur
[1] Martin Biebel, Götz Grammerstorff: Stop and Go, Mit Softwarehilfe zum eigenen Trickfilm, c't 13/07, S. 182
[2] Dr. Volker Zota: Videosynthese, AviSynth verarbeitet Videomaterial per Skript, c't 8/06, S. 190
Wettbewerb
Für Video-Freunde hat c't einen Wettbewerb ausgelobt, in dem sich alles um den ultimativen Technik-Kurzfilm dreht. Dabei sollte das Werk der Computertechnik nahestehen. Mit welchen Mitteln der Streifen produziert wird, ob als Real- oder Animationsfilm, ob Menschen, Knetmonster oder Lego-Figürchen als Protagonisten auftreten, bleibt Ihnen überlassen - wichtig ist nur, dass Sie den Film selbst erstellt haben und er bei uns seine Premiere feiert. So ist es beispielsweise nicht möglich, einen „eigenen“ Beitrag mit Schnipseln aus erfolgreichen Kinofilmen oder Computerspielen zusammenzubasteln. Bitte verwenden Sie ausschließlich selbst erstelltes Material. Für die Tonspur dürfen Sie auch GEMA-freies Material nutzen.
Der Film muss folgenden Eckpunkten entsprechen:
- Dauer: ca. 30 Sekunden
- Format: vorzugsweise MPEG-2 oder MPEG-4 AVC (H.264) auf CD/DVD
- Bildauflösung: zwischen PAL und 1920 x 1080 Pixeln
- Einsendeschluss: 13. August 2007
Die drei bestplatzierten Arbeiten werden mit Preisen im Gesamtwert von 4000 Euro prämiert: ein High-Definition-fähiger Camcorder, ein hochauflösendes Display und eine NAS-Lösung mit Terabyte-Speichermedium.
Das Mindestalter fĂĽr Einsender ist 18 Jahre; weitere Fragen zum Wettbewerb beantworten wir Ihnen gern unter der Mailadresse creativ@ctmagazin.de.
AviSynth als Bildersammler
Der kostenlos verfügbare Video-„Synthesizer“ AviSynth arbeitet zusammen mit einer Host-Application wie beispielsweise VirtualDub als Frame-Server im Hintergrund. In VirtualDub reicht es, im Datei-Öffnen-Dialog das Skript zu laden, und der darin definierte Umwandlungsprozess läuft an.
Die folgende Skript-Zeile sammelt alle Bilddateien aus dem Quellordner in alphanumerischer Reihenfolge ein und baut daraus eine AVI-Datei, die man in VirtualDub per „Save as AVI“ speichert. Die Reihenfolge lässt sich durch Umbenennen der Dateien ändern. Einen ersten Eindruck der Sequenz im Eingangsordner liefert das Tool FlipViewFree - von www.stopmotion-software.com-, das die Bilder der Reihe nach auf dem Monitor anzeigt. Ein Umtaufen ganzer Ordnerinhalte erledigt das Freeware-Tool „A.F.5 Rename Your Files“ (www.fauland.com) problemlos.
ImageReader(„[Verzeichnispfad mit Suchmaske]“, [erste einzulesende Datei], [letzte einzulesende Datei], [Framerate])
Ein konkreter Aufruf als Beispiel:
ImageReader(„D:\AVI_In\%d.JPG“, 1, 35, 12.0)
Dieses kurze Skript sorgt dafür, dass aus dem Ordner „D:\AVI_In“ die 35 Dateien, deren Namen aus Ziffern und der Endung „.JPG“ bestehen (also „1.jpg“ bis „35.jpg“) eingelesen werden; die Framerate beträgt 12.0, also 12 Bilder pro Sekunde.
Mit „File/Save as AVI ...“ schreibt man die so erzeugte Sequenz auf die Festplatte. (uh)