Weißte Bescheid

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Weißte Bescheid

Mein alter Schulfreund Frank wusste schon immer gut Bescheid über die wichtigen Dinge des Lebens: bei wem man abschreibt, wie man Partys feiert, wo es hübsche Mädchen gibt und wie man sich diesen fachgerecht nähert. Später kannte er sich besonders gut mit Computern aus und heute ist er leitender IT-Bescheidwisser in einer Bank.

Was Frank aber nicht leiden kann, sind Leute, die einfach nicht Bescheid wissen wollen. Denkfaule Weicheier nennt er sie, die naiv jedem auf den Leim gehen und hinterher nach Verbraucherschutz und strengeren Gesetzen rufen. Frank findet, jeder kann sehr wohl selbst entscheiden, ob er ein Wolf oder ein Schaf ist. Und wer ein Schaf sein will, soll nicht immerzu eine Maulkorbpflicht fordern.

Alles begann damit, dass der rege Umgang mit hübschen Frauen seiner Ehe gar nicht gut bekam. Als Workaholic vermisst Frank seine Familie nicht allzu oft, doch als Freund von Gaumengenüssen sehnt er sich danach, gelegentlich bekocht zu werden. Dosenravioli und Bringdienst-Pizzen hasst er so sehr, dass er sich schließlich seines Wissens als Hobbykoch besann.

Leider sind die Kochbücher mit den Kindern und dem Haus bei seiner Frau geblieben, sodass ihm die Inspiration durch Rezepte fehlte. Im Internet fand er schnell, was er suchte, und nach einigen mäßig appetitlichen Anläufen gelang ihm die Sache recht gut. Doch wer will sich schon dauernd etwas Neues ausdenken müssen? Schließlich fand er eine Koch-Website, bei der er einen täglichen Newsletter mit Rezepten bestellen konnte. Dass er dazu außer Name und E-Mail-Adresse auch noch seine Anschrift angeben musste, störte ihn nicht. Für ein kostenloses E-Mail-Postfach hatte er schließlich sogar sein Jahreseinkommen genannt.

Nach einigen Wochen kam dann die Rechnung: Einmal das Rezepte-Premium-Abo mit täglichem Newsletter, der Herr. Macht 7,90 Euro im Monat, zahlbar für ein Jahr, bitte. Frank fiel aus allen Wolken. Da hatte doch überall "gratis" gestanden. Wutschnaubend stürmte er zur Rechtsabteilung und bat den Justiziar der Bank um Hilfe. Den kostete es einige Mühe, den Tobenden davon zu überzeugen, dass ein Mandat für einen bewaffneten NATO-Einsatz in diesem Fall unmöglich zu bekommen sei. Er riet Frank, in Unkenntnis dessen neuer Familienverhältnisse, die Schuld einfach auf eines der Kinder zu schieben.

Kurz darauf erhielt Frank eine Mahnung, in der die IP-Adresse stand, von der aus die Anmeldung erfolgt war. Die kannte er recht gut. Sie ist einem Zugang zum Internet fest zugeordnet, den nur wenige Mitarbeiter seiner Abteilung nutzen dürfen. Er hatte sich während der Arbeitszeit angemeldet, eine Tatsache, die er nicht an die große Glocke hängen wollte. Zähneknirschend zahlte er die Rechnung.

Jemand, der so gut Bescheid weiß wie Frank, jammert natürlich nicht rum. Er erzählte die Geschichte nur seinem Kollegen, dem Justiziar. Der ist übrigens mein Schwager und ich habe ihm geschworen, niemandem von Franks Missgeschick zu erzählen. Doch ich freue mich, dass zumindest ein Bescheidwisser es nun besser weiß: Es kann jeden treffen. (ad)