Deutsche Sprache, schwere Sprache
Deutsche Sprache, schwere Sprache
Die deutsche Sprache scheint zu denen zu gehören, die besonders schwierig zu erlernen sind, auch wenn sie weder Hieroglyphen noch etwas ähnlich Komplexes wie die chinesischen oder japanischen Schriftzeichen zu bieten hat. Vielleicht ist es gerade der beschränkte 30-Zeichen-Satz, der es so schwierig macht, sich allgemeinverständlich auszudrücken, oder es sind die Dialekte, die landauf, landab gesprochen werden.
So wird das "Nein" aus Karlsruhe zur umfassenden Überwachung der Bevölkerung ohne einen überwachungsfreien Kernbereich der privaten Lebensführung im 600 Kilometer entfernten Berlin offenbar als "Vielleicht" oder "Jetzt noch nicht" verstanden. Die Berliner wollen das Volk auch weiterhin mit neuen Sicherheitsgesetzen, Bundestrojanern, audiovisueller Wohnraumüberwachung und Vorratsdatenspeicherung beschützen, ungeachtet der mahnenden Worte aus Karlsruhe. Der rechtspolitische Sprecher der CDU, Jürgen Gehb, hofft, dass es vielleicht "irgendwann einen Erkenntnisgewinn" gibt - auf Seiten der Verfassungsrichter natürlich.
Der findige Terrorist hat allerdings nach wie vor diverse Möglichkeiten, sich der Überwachung zu entziehen. So kann er einfach mit einem geklauten Handy oder an einem öffentlichen Münzfernsprecher telefonieren und bleibt auch in Zukunft anonym.
Wer sich anonym im Internet bewegen will, kann dazu auch weiterhin die verschiedenen Anonymisierungsdienste nutzen. Zwar sind inländische Anonymisierungsserver ab 2009 ebenfalls zur Vorratsdatenspeicherung verpflichtet, das beeinflusst die Anonymität des gesamten Systems nach Auskunft der Anbieter aber nur marginal (siehe Seite 82 in c't 01/08). Ausländische Server-Betreiber, die natürlich auch von Deutschland aus erreichbar sind, brauchen sich um die neue Gesetzeslage gar nicht zu kümmern.
Die Überwachung trifft also zuvorderst den Arglosen, aber der hat ja auch nichts zu verbergen. Dank der ineinandergreifenden präventiven Überwachungsmaßnahmen - wie Verbindungsdaten mit Ortsangaben, automatische Kennzeichenerfassung, flächendeckende Videoüberwachung an Bahnhöfen und Flughäfen inklusive Vorratsspeicherung, Fingerabdrücke im Pass und eindeutige Steuer-Identifikationsnummer für jedermann - wird der gläserne Bürger endlich Realität.
Nur an die flächendeckende Überwachung der guten alten Post hat niemand gedacht. Wer welche Briefe oder Pakete wohin schickt, erfassen die Behörden auch weiterhin nicht. Eine interessante Lücke im sonst so dichten Überwachungsnetz, zumal Paketbomben und Briefe mit Milzbrandsporen durchaus nicht neu sind. Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis der große Bruder auch registrieren will, wem wir unsere hochverdächtigen Weihnachts- und Neujahrsgrüße schicken.
Ich wünsche Ihnen trotzdem ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins Jahr 1984, ääh, 2008. (mid)