Frankfurt calling!

Zwischen traditionellem Instrumentarium und wattstarken PA-Systemen nimmt die Audio-Hard- und -Software einen festen Platz im Messe-Geschehen ein. Dabei hatte sich in den letzten Jahren die Musik-Software fast durchweg als spannender und fürs Musikmachen interessanter präsentiert. Doch die vom Computer unabhängige Audio- und Musikhardware erobert verlorenes Terrain zurück.

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Für eine große Überraschung bei Fachleuten und Publikum sorgte die kleine Softwareschmiede Celemony, die mit einem neuen Verfahren zur Audiobearbeitung einen echten Knüller präsentierte: Mit „Direct Note Access“ (DNA) eröffnen sich Wege, auch komplexes Audiomaterial in einer Weise zu bearbeiten und zu korrigieren, die man bislang nur von MIDI-Sequenzern kennt. Der Computer zerlegt eine Audiodatei in die enthaltenen Stimmen – eine Analyseleistung, die für den PC eigentlich als unerreichbar galt.

Nach einigen einleitenden Sätzen öffnete Entwickler Peter Neubäcker zur Demonstration von Direct Note Access eine Audiodatei mit einer mehrstimmigen Sequenz, gespielt von einer Laute. Nach kurzer Rechenzeit erschien das Ergebnis der Analyse auf dem Bildschirm: Note für Note war dort das Lautenspiel in typischer Melodyne-Darstellung zu sehen. Jeder einzelne Ton ließ sich nach Belieben in Tonhöhe und Timing verändern – in allen Stimmen! Unter Szenenapplaus des sichtlich beeindruckten Fachpublikums wiederholte Neubäcker dieses Kunststück unter anderem mit einer Streichquartettaufnahme und einem Titel des legendären Jazztrompeters Chet Baker, dessen Trompetenspiel er mit einem MIDI-Keyboard live neu interpretierte.

Was von den meisten Musik-Fachleuten bislang für völlig unmöglich gehalten wurde, soll mit der kommenden Version von Melodyne und einem neuen Plug-in Wirklichkeit werden: das unabhängige, separate Editieren einzelner Töne in mehrstimmigen (nicht mehrspurigen!) Audioaufnahmen; ein misslungener Ton in einer ansonsten überzeugenden Aufnahme ließe sich damit problemlos korrigieren.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Melodyne extrahiert keine Instrumente aus den Audiodaten, sondern „lediglich“ Tonhöhen. Wie universell DNA in der Praxis einzusetzen ist, wird sich bei Erscheinen von Melodyne mit dem Plug-in 2 im Herbst erweisen; dessen Vollversion wird voraussichtlich 349 Euro kosten, ein Update von Version 1 auf die neue Version 129 Euro. Mehr zur Theorie hinter DNA verriet Peter Neubäcker in einem Interview, das c't mit dem Entwickler auf der Musikmesse führte.

Bei Steinberg gab es die Prototypen dreier neuer Hardware-Produkte zu bewundern, die in enger Zusammenarbeit mit dem Steinberg-Eigner Yamaha entstanden. Die beiden FireWire-Audio-Interfaces MR 816 X und MR 816 CSX versprechen ein unkompliziertes Einbinden in Cubase und ein flexibles Signalrouting; darüber hinaus können sie mit integrierten DSP-Effekten (zum Beispiel Hall) die CPU des Host-Rechners entlasten. Das MR 816 CSX ist zusätzlich mit Equalizer- und Kompressor-Algorithmen pro Kanal bestückt. Ebenfalls auf Cubase abgestimmt wurde der USB-Controller CC 121; er bildet einen Kanalzug der Recording-Software – inklusive eines Motorfaders und eines Jog-Wheels zum Steuern des Cursors – in Hardware nach, was das Arbeiten mit der komplexen Workstation deutlich erleichtern soll. Diese drei Geräte will Steinberg im dritten Quartal dieses Jahres herausbringen; über Preise waren noch keine detaillierten Informationen verfügbar.

Für viel Beachtung sorgten die unter der Bezeichnung V-Machines vorgestellten Kleincomputer von SM Pro Audio aus Telgte. Diese Geräte, bestückt mit Celeron-Prozessoren und einem speziell angepassten Mini-Linux, dienen als unabhängige Hardware-Hosts für VST-Plug-ins und -Instrumente. Folglich lassen sich damit die Lieblings-Plug-ins quasi wie Hardware-Effektgeräte oder Instrumente auch ohne PC einsetzen.

Die V-Machines bringen mindestens zwei USB-Ports zur Kommunikation mit einem Remote-PC sowie zum Ankoppeln von Hardware-Dongles und MIDI-Controllern mit; außerdem steht bei allen Modellen ein MIDI-Eingang zur Verfügung. Das Top-Modell „V-Rack“ ist zudem mit einer Ethernet-Schnittstelle und einem vollständigen MIDI-Interface (In, Out, Thru) ausgestattet und bietet acht analoge Ein- und Ausgänge. Vor allem an Gitarristen wendet sich das V-Pedal, das als Bodengerät mit vier Trittschaltern und einem universell belegbaren Fußpedal konzipiert wurde.

Alle V-Machines lassen sich auch ohne steuernden PC direkt am Gerät bedienen und erlauben das Verketten und Layern (Stapeln) von Effekten und Instrumenten. Probleme bereiten momentan noch verschiedene Kopierschutzmechanismen; das soll bei der Auslieferung im vierten Quartal des Jahres ausgeräumt sein, denn fast alle namhaften Plug-in-Hersteller haben bereits ihre Unterstützung zugesagt. Der Verkaufspreis für die kleinste Ausführung, die V-Box, wird bei 400 Euro erwartet.

Für Fans des mobilen Recordings zeigte RME ein 128-kanaliges Interface (64 Ins, 64 Outs) für Notebooks mit ExpressCard-Slot, das den Namen MADIface trägt; MADI steht für Multichannel Audio Digital Interface. Zum System gehören die HDSPe ExpressCard, die mit maximal 24 Bit bei 192 kHz Sample-Rate arbeitet, sowie eine kleine Breakout-Box. Bei MADI handelt es sich um ein von Sony, Mitsubishi, Neve und SSL entwickeltes Datenformat, das über ein Glasfaserkabel bis zu 64 Audiokanäle über eine Entfernung von bis zu 2000 Metern übertragen kann. MADIface ist weltweit das erste Produkt, das diesen Standard auch für Notebooks zugänglich macht.

Presonus zeigt mit dem StudioLive ein 16-kanaliges Digitalmischpult – die Wandler arbeiten mit bis zu 24 Bit und 96 kHz Sample-Rate – mit vier Subgruppen und Motorfadern, das gleichermaßen für den Studio- wie den Live-Einsatz konzipiert wurde. Es bringt 16 rauscharme Mikrofoneingänge mit; ein „Fat Channel” mit Equalizern und Dynamikprozessoren lässt sich für alle Ein- und Ausgangskanäle zuschalten. Die doppelte DSP-Einheit sorgt für Effekte aller Art. Ebenfalls in StudioLive integriert wurde ein FireWire-Audio-Interface, das die simultane Aufnahme von 22 und die Wiedergabe von immerhin 18 Audiospuren gestattet.

Während auf dem Software-Sektor die Virtualisierung der Musikinstrumente munter voranschreitet, zeigen die altgedienten Synthesizer-Hersteller, was sich im neuen Jahrtausend so alles in Hardware gießen lässt. Das neue Flaggschiff bei Roland, der Fantom G8, beweist eindrucksvoll, wie sich höchste Leistungsfähigkeit kombiniert mit einer Vielzahl von Funktionen benutzerfreundlich in einem einzigen Synthesizer kombinieren lässt. Sein Klangvorrat umfasst 256 MByte Sample-ROM (komprimiert); der Sequenzer bietet Platz für eine Million Noten und verwaltet 128 MIDI- sowie 24 Audiotracks. Die Rechenleistung des Systems reicht darüber hinaus für 22 parallel berechnete Audioeffekte aus. Dank des farbigen TouchScreens im Breitformat und einer geschickt angelegten Bedienerführung lässt sich dieses fast unfassbar komplexe Instrument auch auf der Bühne einfach handhaben. Die zwecks Sound-Erweiterung nachrüstbaren ARX-Boards bringen nicht nur ihre eigene Klangerzeugung, sondern auch gleich ihre individuelle Bedienoberfläche mit – Minisynthesizer im Scheckkartenformat sozusagen.

Mit welcher Detailverliebtheit man schließlich im Land der aufgehenden Sonne an Klangerzeugern arbeitet, wird deutlich, wenn man sich in die Tiefen der Sound-Programmierung wagt: Sogar die Größe der Schlagzeugkessel und die Position des Mikrofons für die Simulation eines Drumsets lassen sich mittlerweile grafisch ansprechend dem eigenen Geschmack anpassen – in einer Synthesizer-Workstation, nicht bei einem Digital-Drum-System.

Die großen Software-Hersteller dagegen zeigten sich eher zurückhaltend. Apple hatte seine Messe-Teilnahme bereits im Dezember abgesagt; Propellerhead und Ableton glänzten durch Abwesenheit, Native Instruments empfing in einem messenah gelegenen Hotel nur ausgewählte Besucher. Grund für diese Enthaltsamkeit dürfte unter anderem der „heiße Sequenzer-Herbst“ im vorigen Jahr gewesen sein, in dem beinahe alle relevanten Hersteller ihre neuen Boliden (Cubase 4.1, Logic 8, Live 7) bereits vorgestellt hatten. (uh)