Nächste Station: Weltherrschaft

Das Blu-ray-Lager hat mit dem Sieg über die HD DVD eine wichtige Schlacht geschlagen, doch der Kampf um das Heimkino fängt gerade erst an. Neue alte Gegnerin ist die DVD, die im Heimvideo-Bereich das Maß aller Dinge darstellt: So kamen 2007 in den USA auf eine verkaufte Blu-ray Disc noch rund 300 DVDs.

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Gut einen Monat nach Toshibas Eingeständnis der Niederlage im Streit der HD-Disc-Formate ist die HD DVD endgültig abgewickelt worden: Die HD DVD Promotion Group gab Ende März in knappen Sätzen ihre sofortige Auflösung bekannt. Ken Graffeo als größter Verfechter des Formats räumte seinen Posten als „Executive Vice President of HD Strategic Marketing“ bei Universal Studio Home Entertainment – und erklärte, für die Vermarktung der Konkurrentin Blu-ray Disc nicht zur Verfügung zu stehen. Zwischen Mitte April und Ende Juni sollen in den USA die letzten zehn HD-DVD-Titel erscheinen.

Das plötzliche Ableben der Konkurrentin tut der Blu-ray Disc nach einer Analyse von Nielsen VideoScan gut: Machten im vierten Quartal 2007 die Blu-ray-Verkäufe bestenfalls zwischen zwei und vier Prozent der Gesamtverkäufe eines Titels aus, kam das HD-Disc-Format bei Oscar-Gewinner „No Country for Old Men“ in den ersten fünf Tagen nach US-Verkaufsstart am 11. März bereits auf 9,8 Prozent. Beim im Kino gefloppten „Hitman“ von Fox lag der Blu-ray-Anteil sogar bei 12,6 Prozent. Laut Fox’ Marketingleiter Steve Feldstein spräche der Actiontitel genau die Blu-ray-Zielgruppe an, die aus jungen männlichen Erwachsenen bestehe.

Eine Reaktion von Industrie und Handel, die während des Formatstreits nicht wirklich Kasse machen konnten, ließ in den USA und Australien allerdings auch nicht lange auf sich warten: Sie stoppten viele Sonderangebote, wodurch die Straßenpreise von Blu-ray-Playern stiegen. In Deutschland ist dies bislang glücklicherweise nicht zu beobachten.

Immerhin erleichtert die US-Elektronikkette „Best Buy“ Anwendern, die vor dem 28. Februar 2008 einen HD-DVD-Player in einer der Filialen des Unternehmens erworben haben, den Umstieg auf Blu-ray mit einem 50-Dollar-Gutschein.

Nach Angaben der Marktforscher von Strategy Analytics ist der aktuelle Trend hin zu Blu-ray nur der Anfang: Nach ihrer Ansicht wird bis zum Jahresende bereits jeder zehnte US-Haushalt mindestens einen passenden Abspieler besitzen; bis Ende 2012 soll sich diese Zahl mehr als vervierfacht haben (genau 44 Prozent). Weltweit erwarten die Analysten rund 30 Millionen „Blu-ray-Haushalte“ bis zum Jahresende und mehr als 132 Millionen bis Ende 2012.

Vor einer solchen 1:1-Übertragung der US-Verhältnisse auf alle Länder warnt jedoch das Marktforschungsunternehmen Interpret mit der Begründung, die in den meisten europäischen Ländern geringe Verbreitung von HD-fähigen Fernsehern stelle eine nicht zu unterschätzende Hürde dar. Großbritannien, das mit einer aktuellen HDTV-Verbreitung in den Haushalten in Höhe von 35 Prozent an die USA (39 Prozent) heranreiche, sei die rühmliche Ausnahme. In Deutschland und Frankreich fänden sich hingegen erst in mageren 18 beziehungsweise 21 Prozent der Haushalte HDTV-fähige Fernsehgeräte. In diesen beiden Ländern müssten die Studios nach Ansicht von Interpret-CEO Michael Downling daher eng mit den TV-Herstellern zusammenarbeiten, um erst einmal die HDTV-Basis zu verbreitern. Immerhin weiß nach repräsentativen Befragungen fast jeder zweite Deutsche zwischen 18 und 54 Jahren, was Blu-ray Discs überhaupt sind, während zwei von drei Franzosen in dieser Altersgruppe nichts mit dem Begriff anfangen können.

Vor allem muss man die veröffentlichten Zahlen zum Anteil der Blu-ray Discs an den Gesamtverkäufen einiger ausgewählter Titel in Relation zum Heimvideo-Gesamtmarkt setzen, um die Bedeutung des HD-Disc-Formats zu erkennen – oder besser dessen aktuelle Bedeutungslosigkeit: So setzte Hollywood alleine in den USA im vergangenen Jahr satte 1,7 Milliarden DVDs ab, verkaufte im selben Zeitraum in den Staaten aber nur 5,6 Millionen Blu-ray Discs. Dies zeigt, wie weit der Weg bis zur DVD-Ablösung tatsächlich noch ist.

Als Erfolgsgarant betrachtet das Blu-ray-Lager weiterhin interaktive Funktionen – und geht mittlerweile sogar davon aus, dass künftig Spiele für Blu-ray-Player auf BD-J-Basis (BD Java) einen eigenständigen Markt bilden. So zitiert die BD Group Deutschland die Prognose von „Spieleentwicklern und Branchen-Insidern“, nach der HD-Spiele im Jahr 2011 rund zehn Prozent des gesamten Blu-ray-Markts ausmachen.

Die aktuell auf Blu-ray Discs zu findenden BD-J-Anwendungen kratzen hingegen lediglich an der Oberfläche – was nicht zuletzt ein Blick auf die jüngst erschienene deutsche HD DVD „Terminator 2 Ultimate Edition“ zeigt. Bei diesem Titel hat das deutsche Authoring-Studio Imagion unzählige Online- und Offline-Funktionen realisiert, darunter Bild-in-Bild-Features und einen Zugang zur „Web 2.0 HD Community“ tuneHD.net des Unternehmens.

Die Blu-ray Disc hinkt bezüglich interaktiver Funktionen deutlich hinterher: „Leider mussten wir unseren europäischen Studio-Kunden bisher in der Regel davon abraten, BD-Java- oder BD-Live-Titel zu erstellen“, so Imagion-Vorstand Michael Becker. Die seit einem Jahr laufenden Tests mit BD-Java-Projekten und die BD-Live-Vorbereitungen hätten gezeigt, dass die Performance der meisten Stand-alone-Player unzureichend ist. „Der mögliche Zugewinn an Bedienkomfort wurde bisher durch lange Ladezeiten, einen trägen Menüaufbau und Kompatibilitätsprobleme auf den unterschiedlichen Player-Plattformen zunichte gemacht“, so Becker. Eine Erfahrung, die wir auch im Blu-ray-Schwerpunkt ab Seite 92 in c't 09/08 für die PC-Plattform machten.

Folglich realisierte Imagion nahezu alle bisherigen Projekte als HDMV-Blu-rays. Laut Imagion zeichne sich hier aber eine Besserung ab: Neuere Player-Modelle seien deutlich performanter, sodass zukünftigen BD-Java- und BD-Live-Discs nichts mehr im Wege steht. Das Performance-Problem gelte laut Becker hingegen nicht für die Playstation 3, die selbst bei interaktiven BD-Java-Applikationen keine Probleme zeigt und durch das kürzlich erschienene BD-Live-Update endlich den Weg frei mache für „dynamische“ Blu-ray Discs. Herstellern von Stand-alone-Playern dürfte diese Feststellung jedoch ebenso missfallen wie die Vorhersage, dass 68 Prozent der 2008 in den USA verkauften Blu-ray-Hardware auf Konsolen entfallen werden. (nij) (nij)