Lasst Blumen rendern
Zu Ostern trafen sich ĂĽber 1000 internationale Fans und Entwickler, um die neuesten Werke der Demoszene zu bestaunen. Die Trends des Jahres: 2D-Grafik und aufwendige Intros, die mit nur 4 KByte Speicher auskommen.
- Stefan Göhler
Die Veranstaltung sieht fast aus wie eine LAN-Party, nur wird hier vor allem programmiert. Es gibt zwar Wettbewerbe – wenn die aber auf der großen Leinwand gezeigt werden, ist das Spiel schon gelaufen. Es ist kein Gamer-Treffen, sondern eine Demo-Party.
Demos sind kunstvolle Computer-Animationen, die in Echtzeit berechnet werden. Die Breakpoint ist die derzeit größte Versammlung der internationalen Szene. Auch in diesem Jahr trafen sich wieder über 1000 Besucher und Teilnehmer in Bingen am Rhein, um die Ergebnisse von insgesamt 19 offiziellen Wettbewerben zu bestaunen und Sieger zu küren.
Von Wettbewerben redet hier freilich niemand, in der Demoszene heißen sie Compos (von Competition). Die Disziplinen reichen von ANSI-Grafiken bis hin zu mehreren Minuten langen aufwendigen Multimedia-Präsentationen. Als Plattformen kommen neben Windows-PCs auch Spielekonsolen und Heimcomputer-Klassiker wie Commodore 64 und Amiga zum Einsatz.
Die Breakpoint 2008 stand unter dem Motto „Digital Garden“ – eine Anspielung auf die in diesem Jahr ebenfalls in Bin-gen stattfindende Landesgartenschau. Viele Compo-Beiträge waren zum Veranstaltungsbeginn noch nicht fertig. Einige feilten bis zum Abgabetermin an letzten Details, andere hatten ihre Demo erst vor Ort angefangen. Derartiger Stress gehört zum Spiel. Ein Mitglied der Demo-Gruppe Nuance meinte zum Coding on Demand: „Das ist wie Urlaub.“
In diesem Jahr wurden alle Compos auf einer Leinwand mit zwölf Metern Diagonale in voller HD-Auflösung ausgetragen (1080p). Dieses Vergnügen wurde durch Nvidia ermöglicht – der Grafikkarten- und Chipsatz-Hersteller ersetzte den im vergangenen Jahr abgesprungenen Sponsor ATI.
Alle Wettbewerbsbeiträge stehen im Web zum Download bereit (siehe Soft-Link). Von einigen Demos sind auch Videoaufzeichnungen verfügbar, etwa wenn keine kompatible Hardware im Haus ist.
Auf der Siegertreppe
Bei den PC-Demos siegte abermals die deutsche Gruppe Farbrausch. Deren Beitrag „Masagin“ entstand in Zusammenarbeit mit Neuro und geht grafisch ganz andere Wege als die 3D-Stadt „Debris“ vom Vorjahr.
Masagin beginnt mit SchwarzweiĂźgrafik im Stil eines Scherenschnitts, die bald bunt pulsierenden Blumenmustern weicht. Die Demo hat kein vereinigendes Thema, ihr Ziel ist gute Unterhaltung: mit einer Kinder-Comic-Landschaft im Bonbon-Look, mexikanischen Mariachi-Skeletten und abschlieĂźenden Credits im Stil von Waschmittellogos, alles mit poppiger Musik untermalt.
Auch die zweitplatzierte Demo „Metamorphosis“ von ASD betonte den 2D-Look. Von dunklen Klängen untermalt, beginnt die Reise bei wuselnden Asseln und toten Libellen in braun-schwarzen Insektenhöhlen. Nach und nach wandeln sich die gewundenen Passagen zu abstrakt gemusterten Tunneln und Förderbändern. Später schreiten Menschensilhouetten durch die Maschinenwelt, die von einer rollenden Statue mit holzschnittartigen Luftballons begleitet wird.
Den dritten Platz belegte „Shad 3“ von Cocoon und WhiteComa. Die Demo präsentierte eine verwüstete 3D-Welt mit gleißenden Vulkanen, unter der in Bergwerkstunneln und riesigen Höhlen ein hässlicher Fleischkloß und ein wütender Gorilla über halbtransparente Zombie-Kreaturen und turmhohe Maschinen regieren. Optisch orientierte sich Shad 3 stark am Detailreichtum aktueller Ballerspiele, die Schnitttechnik erinnert an einen Action-Streifen.
Aber auch die folgenden Plätze boten viel Sehenswertes. „Falling Down“ von UkScene Allstars spielt mit britischen Ikonen und Londoner Wahrzeichen, untermalt von einem harten Hip-Hop-Beat (Platz 4). Zum Höhepunkt hin imitiert eine Figur mit schwarzem Hut und Anzug den „Silly Walk“ von Monty Python. Weitere Demo-Highlights waren „theBeau-ty“ von einklang.net, „Challenger Deep“ von Traction & Brainstorm und „Concentrate“ von Adapt.
Während bei Demos grundsätzlich keine Platzbeschränkungen gelten, sind PC-Intros strengen Grenzen unterworfen. Die Breakpoint kennt zwei Kategorien: 4 und 64 KByte. Mittlerweile bringen die Demo-Programmierer auf diesem Platz erstaunlich viel unter.
In der 64-KByte-Kategorie belegte Ate Bit mit „Pimp My Spectrum“ den ersten Platz – neben dem Intro enthielt die EXE einen aufgebohrten ZX80-Emulator. Statt aktuelle Grafik-Power auszukosten, präsentierte die Gruppe somit altmodische Klötzchengrafik und 8-Bit-Gepiepse. Das Ganze ist als Parodie der bekannten MTV-Sendung „Pimp My Ride“ aufgezogen, samt Xzibit-Klon als Moderator. Das Party-Publikum nahm die pfiffige Emu-Demo mit Begeisterung entgegen.
Die zweitplatzierte „Invoke“ von Still & Conspiracy spielt mit absichtlichen Aussetzern bei Bild und Ton. Gezeigt werden graue Kabelknoten, rote Stränge und Plasmaeffekte. Das Intro endet mit einer Einladung zur Evoke-Party im August und scheint dann festzusitzen – zum Glück nur ein Gag.
Die richtigen Überraschungen waren aber in der 4-KByte-Disziplin zu sehen. Im Beitrag „Atrium“ der Amiga-Altmeister Loonies errichtet sich schrittweise aus dem Nichts ein Architektentraum aus Glas und Stahl, durch den eine grellrote Schlingpflanze wächst. Derartige Effekte waren bisher eher in der Klasse der 64-KByte-Intros zu sehen und brachten den Loonies den ersten Platz ein.
Für große Augen sorgte auch der zweite Platz. „H4vok“ von Archee spielt nicht von ungefähr auf Intels Physics-Engine Havok an: In 4 KByte zeigt das Intro rechteckige Blöcke, die realistisch zu Boden purzeln, dabei mitunter auch aufplatzen und von Querschlägern getroffen werden, bis sie zerbröseln.
Amiga und Konsolen
Die Demos für den Commodore 64 fielen in diesem Jahr eher flau aus – auch wenn die Brotkästen auf etlichen Tischen standen. Bei der Gruppe „Metalvotze“ lief ein augenzwinkerndes 0,1-kByte-Intro: 10 PRINT „<– DOOF“, 20 GOTO 10 …
Das Niveau der Amiga-Beiträge stieg in diesem Jahr hingegen wieder deutlich an. In „Twenty“ verglichen Drifters per Splitscreen die Jahre 1988 und 2008, erst anhand eines Videos, dann mit verschiedenen Effekten.
„Soliloquy“ von Elude war zwar technisch überlegen, erreichte auf der Beliebtheitsskala des Publikums aber nicht dieselbe Stufe: Die Demo glänzte mit einer für Amiga-Verhältnisse aufwendigen 3D-Engine samt Beleuchtungseffekten. Die Drifters reichten ihren Preis kurzerhand an Elude weiter.
Eigentlich sollten sich aktuelle Spielekonsolen hervorragend für Demos eignen. Aus Sorge um illegale Spielkopien haben die Hersteller ihre Hardware jedoch derart verplombt, dass Hobby-Entwickler nur über Hacks zu den Innereien der Konsole vorstoßen können.
In einem Seminar am Rande der Party zeigte Felix „tmbinc“ Domke dann auch, wie man Nintendos Wii und Microsofts Xbox 360 aller Sicherheitsvorkehrungen zum Trotz fremden Code unterjubeln kann. Domke ist sich darüber im Klaren, dass derartige Aktionen an die Grenzen der Legalität gehen. Daher betonte er auch: „Es geht hier nicht um gepatchte Spiele.“
Außer Konkurrenz lief die Demo „Linger in Shadows“ für die Playstation 3 von der polnischen Gruppe Plastic. In einer verlassenen Großstadt treffen ein Hund und eine Katze auf einen Roboter mit Rohr-Tentakeln. Die pelzigen Tiere und wabernden Wolken zeigten eindrucksvoll, welche Möglichkeiten in der Konsole schlummern. Die Demo beginnt mit dem Vorspann „Sony Computer Entertainment presents“ – ob Sony die Konsole künftig auch anderen öffnet, ließ der Hersteller gegenüber c't offen.