Späte Reue

Einer meiner ältesten Pflege-PCs sollte endlich den Weg alles Irdischen gehen. Aber als der Abschied nahte, war er denn doch so nützlich, so vertraut, und die viele Software: Könnte man nicht einen DVD-Brenner einbauen, eine größere Platte, einen 22-Zoll-Monitor – „Auf keinen Fall! Ich besorg einen neuen PC, pack XP drauf und rette alles rüber.“ Manche Dinge sollte man nicht mal im Scherz versprechen …

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Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Detlef Grell
Inhaltsverzeichnis

Dieser Pentium-II-PC mit Windows 98SE strapazierte seit Jahren meine Nerven. Kleinkram, der normalerweise Minuten dauert, uferte regelmäßig zu stundenlangem Gefrickel aus – für den strahlend präsentierten USB-Stick gabs keine 98-Treiber, mein Notebook hat kein Floppy-Laufwerk, der PC keinen Brenner … und der Besitzer dieses Schätzchens keinen Internet-Zugang.

Nun sollte die SE-Installation auf den neuen PC unter XP gerettet werden. Da war aber die randvolle 10-GByte-Harddisk, die nicht etwa mit leicht auslagerbaren Daten, sondern mit unzähligen Programmen, Telefon-CDs, Atlanten, Spielen, Lexika und vielen, über die ganze Platte verstreuten Arbeitsdateien befüllt war. Alle Programme neu installieren? Tja, die Original-CDs sind alle da, fein säuberlich in einem CD-Sammel-Album abgelegt. Leider ohne Cover, sprich: nicht ein einziger Product-Key hat überlebt …

Doch XP kann man auch als Upgrade-Installation anwenden, sodass die 98-Konfiguration erhalten bleibt. Normalerweise würde ich jedem davon abraten, eine über viele Jahre vermüllte Windows-Installation weiter zu pflegen – aber hier hatte ich keine Wahl.

Damit XP überhaupt den Upgrade-Pfad zur Wahl anbietet, muss seine Setup.exe von einem lauffähigen Windows 98SE aus gestartet werden. Alle anderen Varianten (Booten von CD, Starten via Winnt.exe unter DOS) führen zu einer XP-Neuinstallation, die die SE-Installation ignoriert respektive zerstört. Für den (schnellen!) Erfolg ist daher wesentlich, dass man die Upgrade-Installation auf dem alten Rechner vornimmt. Was Sie andernfalls erwartet, illustriert der Kasten „Windows 98SE auf neuem PC“.

Mit einer randvollen Harddisk gelingt das Upgrade allerdings nicht: XP braucht schon im Normalfall rund 1,2 GByte freien Plattenplatz zur Installation, für ein Upgrade (viele 98-Dateien sichern) eher 1 bis 2 GByte mehr. Wenn man den Platz nicht freibekommt, steht als erstes ein Transfer des gesamten Platteninhalts auf die neue Platte an.

Frust pur: Nix läuft wirklich gut, sofern man ein Windows 98 auf einem modernen PC überhaupt zum Laufen bringt.

Eine SE-Installation auf eine andere Platte so zu übertragen, dass sie hernach auch bootet, ist zwar einfacher als eine XP-Installation nach dem Upgrade zu transferieren, man wird aber einen SATA-IDE-Adapter benötigen, um die moderne Platte im alten Rechner anzuschließen. Ohnehin sollte man ein Sicherungs-Image der Originalplatte anlegen, denn eine Garantie dafür, dass das Upgrade ohne Datenverlust am Ursprungssystem abgeht, gibt es nicht.

Wer gleich das SE-Image auf die neue Platte hievt, behält das unversehrte Original auf der alten Platte in Reserve. Das 98-Image transferieren Sie am einfachsten, indem Sie die alte und die neue Platte in einen anderen lauffähigen XP-Rechner einbauen und dann den Platteninhalt mit einem Disk-Imager wie Drive Snapshot übertragen (davon gibt es eine Demoversion, die für den einmaligen Gebrauch ausreicht, siehe Soft-Link). Es geht sogar noch einfacher, wenn sich Quell- und Zielrechner vernetzen lassen und man einen netzwerkfähigen Disk-Imager hat.

Nach einem 1:1-Image müssen Sie noch die Partitionsgröße mit einem Disk-Manager soweit erhöhen, dass XP Platz für das Upgrade findet. Mir stand zum Imagen und Ändern der Partitionsgröße die Vollversion von Paragons Partition Manager 8.5 zur Verfügung; die Vergrößerung der Partition gelingt aber auch mit Bordmitteln, nämlich mit parted, wenn wie in diesem Fall der hintere Bereich der Platte nicht belegt ist.

Der Too-much-memory-Error, den Windows 98 meldet, wenn mehr als 512 MByte RAM installiert sind – mit TSRs und Treibern hat das überhaupt nichts zu tun.

Bleiben Sie besser deutlich unter 128 GByte (etwa 30 seien hier empfohlen), denn spätestens ab 128 GByte kracht es auf FAT-Partitionen, wenn ein altes XP ohne SP1 zum Upgrade-Einsatz kommt. Und möglicherweise müssen Sie in Ihren Beständen kramen, denn wir können nicht sagen, welches XP upgradefähig ist – speziell bei OEM-Versionen ist das eher unwahrscheinlich.

Sie können die neue Platte auch mit fdisk (primäre Partition; aktivieren, damit sie bootet) und format (FAT32, NTFS kennt SE nicht) vorbereiten – wobei XP sich übrigens weigert, Partitionen größer 32 GByte noch mit FAT32 zu formatieren. Wenn das für Ihren Fall nötig sein sollte, können Sie dafür unser kostenloses Programm H2Format (Soft-Link) einsetzen. Den Platteninhalt übertragen Sie dann mit

xcopy q:\*.* z:\*.* /k /r /e /i /s /c /h

q: steht für das jeweilige Quelllaufwerk, z: für das Ziellaufwerk. Der Parameterrattenschwanz stellt sicher, dass alle geschützten und versteckten Dateien und Ordner mitkommen. xcopy /? listet die Parameter mit ihrer Bedeutung auf.

Wenn Sie allerdings das Upgrade mit der alten Platte durchführen und folglich eine XP-Installation bootfähig übertragen müssen, dann sollten Sie unbedingt einen Disk-Imager benutzen, sonst kommt noch Extra-Bastelei dazu, damit die XP-Kopie tatsächlich bootet.

Da die neue Platte vermutlich einen SATA-Anschluss besitzt, in alten PCs aber nur IDE-Adapter sitzen, kommt man am einfachsten mit einem IDE-SATA-Adapter (rund 10 Euro) weiter, um die neue Platte im alten Rechner zu betreiben. Jetzt also von der neuen 98SE-Platte booten und dann Setup.exe auf der XP-CD starten.

Wenn nach dem Upgrade die Platte in den neuen Rechner eingesetzt wird, muss XP beim Start jede Menge Treiber passend zur Hardware des neuen Rechners installieren und die alten stilllegen. Sollte XP dabei mal stolpern, dürfte eine Reparaturinstallation das Problem beheben. Dann sind noch die zum Rechner mitgelieferten Treiber einzuspielen und eventuell fehlende Service-Packs.

Ein paar der alten Applikationen werden den Transfer in die XP-Welt nicht überstehen, aber einige davon möglicherweise nach einer Neuinstallation laufen; im Regelfall bleiben dabei die alten Arbeitsdateien erhalten und gebrauchsfähig. Bei Hakeleien besteht auch immer noch eine Chance, dass alte Software unter XP im Kompatibilitätsmodus läuft. Den kann man per Kontextmenü (Rechtsklick auf Verknüpfung zu einem ausführbaren Programm) einstellen (siehe Bild).

Für Uralt-Programme hält Windows XP Starthilfen in Gestalt diverser Kompatibilitätsmodi bereit.

Jetzt bleibt noch, die Partition zum Beispiel mit dem XP-Kommandozeilen-Tool convert.exe von FAT32 auf NTFS zu wandeln, da dieses Dateisystem erheblich robuster als FAT ist. Danach können Sie dann die Partitionsgröße auf die volle Plattengröße aufziehen. Falls für das Upgrade ein „Fremd-XP aus der Grabbelkiste“ benutzt werden musste, dann sollten Sie der guten Ordnung halber den Lizenz-Schlüssel mit einem offiziellen Microsoft-Tool (Soft-Link) auf die zum Zielrechner gehörende Lizenz ändern [1]. Spätestens mit der anschließend nötigen Aktivierung ist die Aktion legalisiert.

[1] Karsten Violka, Weiße Windows-Weste, XP-Installationen nachträglich legalisieren, c't 16/06, S. 179

Die Idee, ein Windows SE auf einem nagelneuen PC zum Laufen zu bringen, mag manchen reizen – müsste sie doch eigentlich zu einem wahnsinnig schnellen System führen.

Doch der Weg dorthin ist gepflastert mit Stolpersteinen und das Resultat deprimierend. Zum Beispiel quittiert Windows 98 einen RAM-Ausbau oberhalb von 512 MByte mit der Meldung, dass es zu wenig Arbeitsspeicher hat – wo kriegt man in einem Jahr noch so kleine DDR2-RAM-Riegel her?

Mein Beispielrechner bringt für interne Massenspeicher ausschließlich SATA-Anschlüsse mit. Schlimmer: Er hat auch nur SATA-Stromanschlüsse, und dafür gibt es keine Steckadapter in die IDE-Welt – also Lötkolben anheizen …

Obwohl die SATA-Controller per BIOS-Setup auf IDE-Modus gestellt waren, vermochte Windows 98 nach erfolgreichem Boot daran kein DVD-Laufwerk zu erkennen – trotz Kompatibilitätsmodus. Installations-CDs kopiert man also vorsorglich an einem anderen Rechner auf die Platte.

Dann gab es noch diverse Hakeleien mit Maus und Tastatur, denn der neue PC brachte nur USB- und keine PS/2-Anschlüsse mit – und mit USB steht Windows 98 ziemlich auf Kriegsfuß. Speziell für Massenspeicher wie USB-Platte oder -Stick gibt es – anders als unter XP – keine generischen Treiber. Wer die ohne Windows-98-Treiber kauft, hat verloren.

Um Windows 98SE die alten Treiber auszutreiben, damit es auf dem neuen PC bootete, brauchte es in meinem Testszenario zwei aufeinanderfolgende Installationsversuche (der erste brach stets bei der Hardware-Erkennung ab) von SE über das bestehende System. Was dann allerdings als Windows 98 hochhumpelte, war nur wenig mehr als ein abgesicherter Modus (640 x 480 Bildpunkte, 16 Farben) und der Gerätemanager strotzte vor gelben Frage- und Ausrufezeichen.

Schnell ist an solch einem System bestenfalls der DOS-Modus. Für moderne Chips von der Grafikkarte bis zu SATA, von HD-Audio bis Netzwerk gibt es halt nur mit viel Glück noch mal einen 98-Treiber. Selbst einfach nur höhere Auflösungen wie XGA über VESA-Treiber sind passé – im ROM einer PCIe-Grafikkarte darf man solchen Ballast nicht mehr erwarten. (gr)