Doppelherz

Mit der Radeon HD 4870 X2 präsentiert AMD eine Grafikkarte, die vor Rechenleistung nur so strotzt und damit Nvidias Topmodell GeForce GTX 280 das Fürchten lehren soll.

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Auf der Radeon HD 4870 X2 verbindet AMD zwei RV770-Grafikprozessoren und verdoppelt mit 2,4 Billionen Gleitkommaoperationen pro Sekunde (TFlops) die theoretische Rechenleistung der Radeon HD 4870, sodass AMDs neues Spitzenmodell in der Theorie mehr als 2,5-mal so schnell ist wie Nvidias GeForce GTX 280 (0,933 TFlops). Diese theoretischen Werte sind jedoch nicht unbedingt maĂźgebend fĂĽr die Grafikleistung im praktischen Spielebetrieb.

Die einzelnen RV770-Grafikchips kommunizieren über eine PCIe-2.0-Brücke und laufen, wie bei der Radeon HD 4870, mit 750 MHz. Die Brücke ermöglicht im Sideport-Zusammenspiel mit insgesamt 21,8 GByte/s eine deutlich höhere Datentransferrate bei der GPU-zu-GPU-Kommunikation als noch die PCIe-1.0-Brücke der Radeon HD 3870 X2 (6,8 GByte/s). Der 2 x 1 Gigabyte große GDDR5-Grafikspeicher arbeitet mit einer Taktfrequenz von 1800 MHz, bindet jeden Grafikchip mit einem 256-Bit-Bus an und liefert rund 230 GByte an Daten pro Sekunde. Jedoch addiert sich die Speichermenge nicht auf 2 GByte, da die Bilddaten immer in den Speichern beider Grafikchips vorhanden sein müssen. Effektiv ist daher nur 1 GByte Speicher verfügbar. Insgesamt besitzt die Radeon HD 4870 X2 1600 skalare Shader-ALUs (2 x 800), die pro GPU jeweils in 10 SIMD-Einheiten zu 16 Fünfergruppen angeordnet sind. Auch die Textureinheiten und Rasterendstufen verdoppeln sich im Vergleich zur Radeon HD 4870 auf 80 beziehungsweise 32.

AMDs neue Doppel-GPU-Grafikkarte erfüllt die Anforderungen von Microsofts Programmierschnittstelle DirectX 10.1 und unterstützt damit die Shader-Spezifikation 4.1. Die Videoengine namens Unified Video Decoder 2 (UVD2) kommt bei der gesamten 4800er Serie zum Einsatz und ist in der Lage, sowohl Standard- als auch HD-Videoströme zu beschleunigen. Für eine Bild-in-Bild-Funktion können auch zwei (HD-)Videoströme zeitgleich dekodiert werden, wofür jedoch spezielle Wiedergabesoftware erforderlich ist. Die fast 27 Zentimeter lange Dual-Slot-Karte besitzt 2 Dual-Link-fähige DVI-Ausgänge und kann damit Displays mit einer Auflösung von bis zu 2560 x 1600 Pixeln ansteuern. Über einen Adapter ist auch die HDMI-Ausgabe bis 1920 x 1080 Pixel möglich.

Architektonische Neuerungen gibt es im Vergleich zur normalen Radeon HD 4870 erwartungsgemäß nicht. Die Architektur der 4800er-Serie glänzt besonders bei hohen Auflösungen und beim Zuschalten qualitätssteigernder Funktionen wie der Kantenglättung (Antialiasing, kurz: AA) und dem anisotropen Filter (AF), was sich auch in unseren Benchmarks zeigte. So verliert die neue Radeon HD 4870 X2 beim Zuschalten von AA und AF kaum Leistung und lässt den Nvidia GeForce GTX 280 hinter sich. Besonders in Crysis überholt AMDs neue Pixelschleuder die Konkurrenz deutlich und kann selbst in der Auflösung 2560 x 1600 mit zweifacher Kantenglättung noch 21 Bilder pro Sekunde darstellen, während die GeForce GTX 280 nur die halbe Bildrate erreicht und damit im komplett unspielbaren Bereich landet. In Call of Duty 4 liegen jedoch selbst in sehr hohen Auflösungen alle Karten eng beieinander. Hier zeigte die Radeon HD 4870 X2 im Test mit dem von AMD speziell angepassten Review-Treiber Catalyst 8.6 (v8.52) allerdings Fehler bei der Wasserdarstellung. Im synthetischen Benchmark 3DMark Vantage 1.01 deklassiert die Radeon HD 4870 X2 im Extreme-Preset den Konkurrenten von Nvidia deutlich.

Hinsichtlich der Leistungsaufnahme überbietet die Radeon HD 4870 X2 alles bisher Dagewesene und schluckt nach unseren Messungen bis zu 278 Watt – 22 Watt mehr als die GeForce GTX 280. Im Leerlauf genehmigt sich die Karte, wie bereits die Radeon HD 4870, noch 70 Watt. Während AMD die Leistungseffizienz in den Mittelpunkt stellt, die bei der Radeon 4870 X2 mit 8,39 GFlops pro Watt mehr als doppelt so hoch ist als bei der Nvidia GeForce GTX 280 (3,95 GFlops pro Watt), ist der neue Leistungskönig dennoch ein Stromfresser allererster Güte.

Für die Radeon HD 4850 kündigte AMD ebenfalls eine X2-Edition an, deren Veröffentlichungstermin für Ende August/Anfang September angepeilt ist. Die Rechenleistung der Radeon HD 4850 X2, die wie die HD 4870 X2 2 x 800 skalare Rechenwerke besitzt, liegt bei 2 TFlops. Die Speicherbandbreite der Karte, die über 2 x 1 GByte GDDR3-Speicher verfügt, ist im Vergleich zum großen Bruder mit 128 GByte/s ungefähr halbiert. Als maximale Leistungsaufnahme gibt AMD 230 Watt an. Der Preis der Radeon HD 4850 X2 soll sich unter 400 US-Dollar (entspricht circa 265 Euro) bewegen.

Mit der Radeon HD 4870 X2 gelingt es AMD, die rund 330 Euro teure GeForce GTX 280 teilweise deutlich zu überholen und sich somit die Leistungskrone im Grafikkartensektor zu sichern. Dies geschieht jedoch auf Kosten der Leistungsaufnahme, die sich in exorbitanten Regionen bewegt. Wer an brachialer Grafikleistung interessiert ist, auch in extrem hohen Auflösungen noch Kantenglättung hinzuschalten möchte und bereit ist, rund 400 Euro auszugeben, der sollte die Radeon HD 4870 X2 im Auge behalten – und sich gegebenenfalls schon nach einem neuen Netzteil umschauen.

Eine Ăśbersicht der technischen Daten und der Grafikleistung finden Sie in c't 18/2008 auf Seite 46. (mfi)