Können diese Pixel lügen?
Digitalkamera plus Photoshop: Gilt das noch als Künstlerbedarf oder bereits als Fälscherwerkzeug? Die Grenze zwischen erlaubtem Handwerk und Manipulation ist fließend, denn selbst ein minimaler Eingriff kann die Aussage eines Bildes komplett verändern.
Kopierpinselverstärkte Rauchwolken über Beirut, ein geschönter iranischer Raketenstart, in Blutlachen verwandelte Wasserpfützen, auf Promi-Arme montierte Babies: Digitalkamera, Computer und Bildbearbeitungsprogramm scheinen aus jedem Wohnzimmer eine potenzielle Fälscherwerkstatt zu machen, aus jedem „Bild“-Leser-reporter einen begnadeten Fälscher. Deshalb entwickeln Forscher mehr und mehr technische Verfahren, um Manipulationen automatisch zu erkennen (siehe S. 154). In den Redaktionen wacht derweil das menschliche Auge über Authentizität. Dennoch mogelt sich immer wieder manipuliertes Material auf die Titelseiten.
Trotz Photoshop & Co. gehört zu einer glaubhaften Fälschung glücklicherweise eine Menge Geschick. Das menschliche Auge lässt sich nicht so leicht täuschen. Selbst Laien merken unwillkürlich, wenn etwas im Foto nicht stimmt: Fehlende oder falsche Schatten, inkonsistente Beleuchtung, ein im Eifer der Bauchverkleinerung wegretuschierter Bauchnabel, frei schwebende Hände oder abgesägte Körper – eine lange Liste lustiger Photoshop-Unfälle nebst höhnischer Kommentare kann man auf http://photoshopdisasters.blogspot.com genießen.
Geschicktere Fälschungen haben sich unbemerkt in den Alltag geschlichen, allerorts lachen sie falten- und porenfrei von Plakaten und den Titelblättern der Magazine: Hier traut sich garantiert kein unbearbeiteter Körper mehr hin. Gefährlich oder politisch bedenklich sind sie nicht, propagieren aber ein Ideal, dem nicht einmal zentimeterdick geschminkte, unter perfekter Beleuchtung fotografierte Schönheiten annähernd genügen. Auf der Website des Retuscheurs Glenn Feron (www.glennferon.com) kann man per Mouseover bestaunen, wie sich irdische Gesichter, Körper und Parfumflaschen in göttliche Glamour-Gestalten verwandeln.
Die retuschierte Wirklichkeit hat in ihrer subtilen Art einen starken Effekt: Der Betrachter gewöhnt sich so sehr an klinisch reine Gesichter, erschütternde Szenen aus Krisenregionen und dramatische Landschaftsbilder ohne Stromleitungen oder unästhetisches Gestrüpp, dass sich realistische Bilder nurmehr schlecht verkaufen. Und die Generation Photoshop unter den Fotografen findet meist nichts Anstößiges daran, den unerwünschten Wildwuchs von Bäumen und Stromleitungen digital zu bändigen.
Ist es legitim, dass die französische „Paris Match“ ihrem sportlich bootsfahrenden Präsidenten Nicolas Sarkozy den unsportlichen Hüftspeck digital absaugt oder „BR online“ unserer Kanzlerin die wenig dezenten Schweißflecken vom aprikotfarbenen Kostüm entfernt? Nein, denn leider ist es wie beim Doping: Das Publikum hasst es viel mehr, betrogen zu werden, als unspektakuläre Fotos oder schlechte Leistung sehen zu müssen. So ist zwar das Entfernen von Achselschweiß eigentlich nur eine Lappalie, genügte aber dennoch, um Grundsatzdiskussionen über die Seriosität der Presse loszutreten.
Rund 300 aktuelle und historische Beispiele von Bildmanipulationen zeigt im Übrigen die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in ihrer Wanderausstellung „Bilder, die lügen“ [1], die ab dem 31. Oktober im liechtensteinischen Landesmuseum in Vaduz gastiert.
Manipulierte Zeitgeschichte
Über Photoshop-Schnitzer in der Werbung und peinliche Mängelbeseitigung bei Politikern kann man sich noch amüsieren. Setzt indes der Fälscher seinen Photoshop-Pinsel an politisch oder zeitgeschichtlich bedeutende Dokumente, beginnt der Betrug. Als besonders fälschungsanfällig gelten Aufnahmen aus Krisen- und Katastrophengebieten, denn in der Regel gibt es hier kaum Zeugen. Zu trauriger Berühmtheit gelangte Brian Walski, ein Fotograf der Los Angeles Times, der zwei unmittelbar nacheinander aufgenommene Bilder einer Szene aus dem Irak-Krieg zu einem beeindruckenden Moment kombinierte [2]: Ein aufmerksamer Leser entdeckte, dass zwei Personen doppelt im Bild vorkamen. Walski, der es sogar einmal zum „Photographer of the year“ gebracht hatte, musste gehen. In einem Interview mit den Photo District News – einem Magazin für Profi-Fotografen – beschreibt er eindrucksvoll, wie er sich zu der Manipulation hinreißen ließ: Er habe die Bildserie wieder und wieder durchgeblättert, doch nur ein Foto habe das Gesicht des Soldaten gezeigt. Er habe ein wenig herumgespielt. „Es sah gut aus, besser als das, was ich hatte. […] Ich habe die ethische Frage nicht erörtert, als ich es tat. Ich suchte nach einem besseren Bild.“
Der Fall Walski zeigt, wie nah Realität und Fälschung beieinanderliegen: Die Szene hätte sich tatsächlich so abspielen können wie auf der Fotomontage gezeigt. Der Fotograf haderte offenbar damit, dass er die wahre Dramatik des Augenblicks nicht eingefangen, den Soldaten in einigen Bildern der Serie sogar abgeschnitten hatte. Früher habe er nur Kleinigkeiten retuschiert, Stromleitungen und Ähnliches.
Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 18/2008.
Literatur
[1] Wanderausstellung „Bilder, die lügen“
| "Bildfälschungen entlarven" | |
| Artikel zum Thema "Bildfälschungen entlarven" finden Sie in der c't 18/2008: | |
| Der schmale Grat zwischen Bildoptimierung und -fälschung | S. 148 |
| Digitale Bildforensik: Algorithmen jagen Fälscher | S. 152 |
(atr)