Solaris und Windows virtuell
Von dem Wachstum prosperierender Firmen wie VMware oder der Wertsteigerung von XenSource können etablierte Unternehmen wie Sun und Microsoft nur noch träumen. Dennoch preschen sie vor, um sich von dem Virtualisierungsmarkt nun ihren Anteil zu holen – womöglich spielen dabei auch Verlustängste eine Rolle, genießen doch die Hypervisoren mehr Aufmerksamkeit als die Betriebssysteme.
Anfang September suchten Microsoft und Sun gleichzeitig mit ihren Virtualisierungsplänen die Öffentlichkeit. Die Botschaften gleichen sich: Beide verschenken, wie zuvor schon VMware, Citrix (XenSource) und Oracle, nunmehr die zur Virtualisierung gedachte Software für den Server, erweitern ihre Management-Lösungen und stecken zusätzliche Claims in Richtung Desktop und Anwendungsvirtualisierung ab.
Die Argumente, die für die Virtualisierung angeführt werden, sind dieselben: bessere Systemauslastung erreichen, IT leichter managebar gestalten, Energiekosten senken, Umweltrichtlinien einhalten, höhere Sicherheit und Stabilität erreichen, Anforderungen schneller umsetzen und schneller reagieren. Das Mantra lautet: virtuelle Maschinen (VMs).
Suns xVM
Sun klammert all die Bemühungen als „Sun xVM“: Dazu gehört die im Februar mit Innotek gekaufte Desktop-Virtualisierung für x86-Systeme VirtualBox, jetzt „xVM VirtualBox“, und Suns Virtual Desktop Infrastructure „xVM VDI“. Neu dazu gesellt sich der „xVM Server“, eine auf x86-Server ausgerichtete Virtualisierungslösung auf Basis von Xen nebst der dem xVM Server auf den Leib geschneiderten Managementlösung „xVM Ops Center“, die in der Version 2 neben realen Servern eben auch virtuelle Maschinen zu behandeln weiß. Für das Ops Center verspricht Sun unter anderem Patch-Management auch für Linux und Windows.
In seiner Desktop-Virtualisierungslösung xVM VDI kombiniert Sun diverse Produkte: Die VMs mit den virtualisierten Desktop-Betriebssystemen führt zurzeit VMware ESX aus – langfristig soll es allerdings durch ein eigenes Produkt abgelöst werden, voraussichtlich VirtualBox. Nahezu beliebige Clients können sich dank Java mit den virtuellen Desktops verbinden. Dazwischen sitzt mit dem Secure Global Desktop ein alter Bekannter, nämlich Tarantella von der gleichnamigen ehemaligen SCO-Tochter, die Sun 2005 übernommen hat.
Der xVM Server baut auf dem freien Hypervisor Xen auf. Sun nutzt freilich Solaris als Betriebssystem in der Dom0, ansonsten entspricht das Produkt aber weitgehend gängigen Xen-Lösungen: Die Dom0 stellt die Schnittstelle zur Hardware dar, sprich alle IO-Operationen erledigt diese Domain. Die virtuellen Maschinen laufen in unprivilegierten Domains (DomUs). Sun stellt in Aussicht, dass xVM mit VMWare-Disk-Containern und dem OVF-Format umgehen kann, um VMs von einer auf die andere Lösung übertragbar zu speichern.
Gegenüber den üblichen Linux-Varianten hat xVM einige Solaris-Funktionen voraus: Es kann sich die Fähigkeiten von ZFS zu Nutze machen, das sehr elegant Volume Management und Dateisystem unter einen Hut bringt; es fasst mehrere Platten zusammen, etwa um die Ausfallsicherheit zu erhöhen, und kann darauf Dateisysteme oder Volumes bereitstellen. Außerdem will Sun Xen um Funktionen für die Beobachtung mittels DTrace erweitert haben.
xVM soll Solaris, Linux und Windows als Gastsystem unterstĂĽtzen. Dabei greift es auf speziell fĂĽr die Virtualisierung aufbereitete Betriebssysteme (sogenannte Paravirtualisierung) zurĂĽck, kann aber auĂźerdem nicht modifizierte wie Windows laufen lassen. Ob Sun Windows-Treiber bereitstellt, die Platten- und Netzwerkzugriffe der Windows-Gastsysteme beschleunigen, war bis Redaktionsschluss nicht herauszufinden.
Suns xVM riecht nach einem von der eigentlichen Xen-Entwicklung abgespaltenen Ast: Sun ruft unter www.openxvm.org eine eigene xVM-Community aus und will xVM inklusive des Web-GUI zur Verwaltung eines Servers kostenfrei zum Download anbieten. Auch die Quellen sollen zugänglich sein (http://openxvm.org). Noch ist unklar, auf welcher Xen-Version Sun baut. Auch bleibt abzuwarten, was von den Entwicklungen in das freie Xen-Projekt zurückfließt.
Microsofts Hyper-V
Microsoft untermauerte zwei Tage vor Suns Ankündigung, wie sehr Redmond die Virtualisierung am Herzen liegt. Das neue Motto „getVIRTUALnow“ ist ein bewährtes Prinzip: Als Letzter kommen und sofort zum Mitmachen auffordern. Offenbar wittert man ein Geschäft. Erst 12 Prozent der Server laufen heute virtuell, obwohl sie durchschnittlich nur zu maximal 15 Prozent ausgelastet seien, sagt Microsoft.
Um eine bessere Marktdurchsetzung zu erreichen, soll es Anfang Oktober eine spezielle Version des Windows Server 2008 gratis zum Download geben: „Hyper-V Server 2008“. Dahinter steckt ein abgespeckter Server 2008, auf dem lediglich die Hyper-V-Rolle installiert ist und der ein minimales Interface zur Verwaltung auf der Kommandozeile anbietet; Microsoft nennt das „bare metal hypervisor“. Die Verwaltung der VMs auf diesem Server erledigt man von Vista oder Windows Server 2008 aus mit dem Hyper-V-Manager.
Microsoft möchte dem Kunden mächtigere Management-Werkzeuge andienen. Im selben Zeitrahmen wie der Hyper-V Server 2008 soll auch der System Center Virtual Machine Manager 2008 fertig sein, der beim serverübergreifenden Verwalten von VMs hilft; er kann außer Hyper-V-VMs auch solche des Virtual Server 2005 R2 und von VMware ESX behandeln. Das Programm fügt sich nahtlos in Microsofts System Center ein, um virtuelle gemeinsam mit physischen Systeme abhandeln zu können.
Microsoft sieht Virtualisierung als eine wichtige Basistechnik an, mit der man „Cloud Computing“ erst realisieren kann. Sie hilft, den Serverpark entsprechend schnell überhaupt zu organisieren. In das Horn stößt schon länger auch VMware, wo sich seit kurzem mit Paul Maritz ein ehemaliger Topmanager Microsofts als CEO betätigt. Die alte Chefin Diane Greene war überraschend gegangen und ihr folgten mittlerweile einige Manager, die als Hirn des Unternehmens galten. Bleibt zu hoffen, dass in der Branche nicht schon eine Konsolidierung einsetzt, die zu einer Monopolisierung führt. (ps)